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Kasseler Abendzeitung

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KWS-Nmeste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Nummer 6»

Freitag, den S. Januar 1932

22. Jahrgang

Oie Debatte über die Reichspräsidentenwahl

Brünings Aussprache mit Hitler / Die Bedingungen der Nationalsozialisten / Auch die Sozialdemokraten beim Kanzler

Bleibt Hindenburg im Ami?

(Von unserer Berliner Schriftleitung).

Bismarck in französischer Beleuchtung

Aus Geheimberichten französischer Diplomaten

th. Berlin, 8. Januar.

Die aufsehenerregende Zusammenkunft, die der Reichskanzler und der Reichsaußenminifier gestern mit Adolf Hitler gehabt haben, diente offensichtlich nicht nur dem Zweck, die Frage zu prü­fen, ob eine Amtsverlängerung des Reichspräsidenten von Hindenburg auf Parlamentarischem Wege mög­lich ist, sondern darüber hinaus der allgemeinen Son­dierung der Voraussatznngen für eine Neuwahl des Reichspräsidenten überhaupt.

Bereits am Mittwoch abend hatte auf Einladung des Reichsinnenministers Groener eine Sonderbe­sprechung zwischen Groener und Hitler stattgefun­den, und auf Grund dieser Unterredung wurde dann die Zusammenkunft mit dem Reichskanzler herbeige- führt. Diese dauerte nicht weniger als W. Stunde, unb es sind dabei selbstverständlich nicht nur die Prä- stdenlschaftsfrage, sondern auch die sonstigen politi­schen Probleme durchgesprochen worden. Von der Re­gierung ist überhaupt keine Mitteilung über das Er­gebnis dieser Unterredung veröffentlicht worden, wohl aber haben die Nationalsozialisten eine ganz kurze Notiz herausgegeben, in der lediglich gesagt wtrd, Adolf Hitler habe sich v o r b e h a l t e n, mit de» Parteien der nationalen Opposition übet diese AugeleMenhett z,t sprechen

Hitlers Bedingungen

Da nun Hngenberg gegenwärtig von Berlin abwe­send ist und erst am Sonnabend mittag aus Anlast »er pur Lonnabendnachmittag anberaumten Frak- ttonssitzung wieder in Berlin eintrifft, wir» auch die Unterrevung zwischen ihm und Hitler erst am morgi­gen Sonnabenv startsinden können.

Inwieweit Hitler die Zustintmung der National­sozialisten zu einer Wiederwahl des Reichspräsiden­ten von Hindenburg, sei es auf parlamentarifchent Wege, sei es durch Volkswahl, an bestimmte Bedin­gungen geknüpft hat, ist noch nicht vollständig ge­klärt, aber es scheint einigermaßen festzustehen, daß die Nationalsozialisten für den Plan der Aintsver- längerung Hindenburgs nur zu haben sind, wenn ihnen vor allem inder preußischen Frage bestimmte Konzessionen gemacht werden.

Sie verlangen auf diesem Gebiet vor allem die Umbildung der preußischen Regie­rung nach rechts noch vor der Neuwahl »es Preu­ßischen Landtages und absolute Garantien dafür, daß die Land tagsNeuwahlen keinesfalls verschoben werden. Ebenso haben sie Wünsche in der Richtung einer baldigen Reichstagsneuwahl ausgesprochen.

Der parlamentarische Weg Mr Verlänge­rung der Amtsdaucr des jetzigen Reichspräsidenten ist nur dann gangbar, wenn eine Zweidrittelmehrheit des Reichstages zustandckommt, also mindestens 385 Abgeordnete, die dem verfaffungsändernden Gesetz über die Verlängerung der Amtsdauer Mstimmen. Eine solche Mehrheit ist im Reichstag nur zu ge­winnen, wenn sowohl die Sozialdemokraten wie die Nationalsozialisten sich daran beteiligen, während an­dernfalls, wenn eine dieser beiden Gruppen die Mit­wirkung verweigert, die Opposition mehr als ein Drittel der Stimmen besitzt. Wenn jedoch beide Par­teien und alles, was zwischen ihnen liegt, sich an einer solchen Frontbildung für Hindenburg beteili­gen, dann würde das eine riesige Mehrheit von un­gefähr 500 Abgeordneten gegen die 77 kommunisti­schen Stimmen ergeben. Der Reichspräsident per­sönlich wird, wie man hört, einer Verlängerung sei­ner Amtsdauer auf diesem Wege zustimmen, falls die erwähnte größte Front zustmiDe kommt. Ob dies möglich ist, wird jedoch auf Grund der bisherigen Besprechungen in politischen Kreisen noch lebhaft be­zweifelt.

Oie Sozialdemokraten beim Kanzler

Fu den späten Abendstunden hat der Kanzler die Führer dex Sozialdemokraten empfangen, da ja die Entscheidung über eine solche Aktion genau so von den Sozialdemokraten wie von den National­sozialisten abhängia ist. Aber auch die Sozialdemo traten haben sich selbstverständlich vorbehalten, zu­nächst ihre,, Parteivorstand und ihre Fraktion, die Anfang der nächsten Woche zusammentritt, zu be­fragen.

Schon jetzt erklären die Sozialdemokraten jedoch mit allem Nachdruck, daß für sie vie Beteiligung an einer derartigen Verlängerung der Amtsdauer Hin­denburgs nur dann in Betracht kommt, wenn sie von allen Parteien bedingungslos durchaefühn wird.

Falls die Reichsregierung mit den Parteien der Rechten über irgendwelche Bedingungen verhan- handeln würde, so käme für die Sozialdemokraten eine Mitwirkung an einer solchen Abmachung über­haupt nicht mehr in Frage.

Da nun aber die Nationalsozialisten, wie oben erwäh t wurde ganz bestimmte Wünsche besonders in Bezug auf Preußen haben, die man wohl als eine Art Beoingung ansprechen kann, so ergibt sich dar­aus, daß die Aussichten zur Verwirklichung des gan­zen parlamentarischen Projektes zur Zeit nicht be­sonders hoch bewertet werden können. Ilutzerdem verlautet aus den Kreisen der Deutschnationa­len, daß man dort der parlamentarischen Lösung überhaupt abgeneigt sei und aus grundsätzlichen Er­wägungen den Weg der Volkswahl vorziehe.

Parlamentarische Lösung oder Bolkswahl?

Die Sondierungen, die der Kanzler und der In­nenminister mit den Vertretern der großen Parteien der Rechten und Linken eingeleitet haben, sind jedoch nicht auf die parlamentarischen Möglichkeiten be­schränkt geblieben, sondern haben sich auch aus den Weg der V o l k s w a h l erstreckt.

In dieser Hinsicht läßt sich jedoch vorläufig nur sagen, daß für den ersten Wahlgang eine Kan­didatur Hindenburgs wohl kaum in Frage kommt, da für diesen Wahlgang alle Parteien ihre eigenen Kandidaten aufstellen werden. Wenn sich je­doch dann gezeigt habe, daß dieser Weg nicht zum Er­folge führt, so wäre mit der Möglichkeit zu rechnen, daß in dem zweite» Wahlgang die Kandidatur Hin- venburgs doch noch aufgeftellt würbe, und daß Hin denburg trenn wiedergewählt würde. Jedenfalls ift mit dieser Besprechung zwischen dem Reichskanzler und Adolf Hitler der Wahlkampf um die Reichspräsidenten schäft eingeleitet.

In diesen Tagen sinv aus den Archiven des Quai d'Orsay neue Dokumente der Ocfscntlichkeit zugäng­lich geworden; das Zeitbild, das sie beleuchten, mutet fast wie der polare Gegensatz der Gegenwart an. Es war nach dem siegreichen Krieg gegen Frankreich; Deutschland stand vor der Aufgabe, zu verarbeiten, sich innerlich zu eigen zu machen, was es äußerlich gewonnen hatte. Es war der schwierigere Teil. Kraftbewutztsein, Urteilsvermögen und Verantwor- tungsfroude eines Bismarck waren notwendig, um dem Siegesgefühl die Schranken zu setzen, ohne die jeder Sieg zum Verhängnis wird. Bismarck war stark genug, Erfolg in Gefaßtheit zu tragen.

Er, den die französische Geschichtsschreibung so oft als den unersättlichen Gewaltherrn Europas, als den unversöhnlichen Gegner Frankreichs hinstellt, zeigt sich in den Berichten der französischen Diplomaten als der von Sorgen und Besorgnissen Beladene, u n- ablässig bemüht, den geschlagenen Geg­ner zu versöhnen. Sein Entgegenkommen sand Begrenzung nur in dem Verlangen, sein Verhalten nicht als Schwäche gedeutet M sehen, weil es damit jeden Wert verloren hätte.

Bismarck gegen Annexion französischer Gebiete.

Die Febrnartage 1871 verbrachten Deutschlands führende Persönlichkeilen im Hauptquartier von Ver­sailles. Schwer waren die Gegensätze zwischen B i s- marck und den deutschen Generälen. Durch

LavalsLleberraschung"

Eigener Drahtbericht.

Paris, 8. Januar.

Trotz amtlicher Zurückhaltung und halbamtlicher Dementis ist man in parlamentarischen Kreise» fest davon überzeugt, daß Ministerpräsident Laval die durch den Tod Maginots eingetretene Lage zu einer Umbildung seines Kabinetts auf dem Wege des G e- samtrücktritts benutzen will. Diese Anffaflung wird dadurch verstärkt, daß Laval selbst in einer Privatunterredung von einer in der nächste» Woche bevorstehende»Ueberraschung" gesprochen habe» soll.

Auch die gesamte Morgenpresse ist der Auffassung, Ministerpräsident Laval werde dem Präsidenten der Republik die Gesamtdemission des Kabinetts anbieten. Diesem Schritt dürste die Annahme zu­grunde liegen, daß Brian» daun aus Gesundheits­rücksichten zurücktreten werde. Der Präsident der Republik würde jedenfalls sicher wieder Laval mit der Neubildung des Kabinetts betrauen, um ihm so Gelegenheit zu geben, eine Konzentrations- regierung auf breiterer Grundlage zu bilden.

Die Blätter verkleinern aber nicht die Schwie­rigkeiten einer Neubildnng des Kabinetts für Laval. Die radikalen Blätter bringen zum Teil offen, zum Teil versteckt den Gedanken zum Ausdruck, daß Sri an 6, dessen Gesundheitszustand durchaus nicht sein Ausscheiden aus dem Kabinett erforderlich mache, ausgebootet werden solle, und betonen, daß die Radikalen kurz vor den Wah­len ihre Position durch Eintritt in ein großes Ka­binett Laval nur verschlechtern könnten.

Oeuvre" rät dem Ministerpräsidenten, sich keine Illusionen zu machen. Das Land brauche eine Mehr­heit, die eine dem französischen Interesse und gleich­zeitig der Aufrechterhaltung des Friedens Rechnung tragende Politik ermögliche. Diese Politik sei die Politik B r i a n d s. Eine Neuorientierung der französischen Politik könne erst durch die allgemeinen Wahlen herbeigeführt werden.

Laval selbst dürfte sich über die Schwierigkeiten klar sein. In manche» Blätter» kommt zum Aus druck. daß er deshalb vielleicht auf den Ausweg ver­fallen werde, linksstehende Einzelperfönlichkeiten für sich zu gewinnen und dadurch die hinter die-en stehen­den parlamentarischen Steife an sich zu fessel». So etwaMatin'. der Paul B o n e o u r für das Außen­ministerium und Paiitlevö für das Kriegsministerium nennt

pariser Randbemerkungen

Paris, 8. Januar.

Die Untcrrcbung zwischen dem Reichskanzler und Hitler findet in der Pariser Presse umso stärkere Be­achtung, als man in einem Verbleiben des Reichsprä­sidenten an der Spitze des Deutschen Reiches eine Ga­

rantie für die Fortsetzung der bisherigen Politik er­blickt, während man die Wahl eines Kandidaten der Rechten als einen Sprung ins Ungewisse bezeichnet.

DasEcho de Paris" unterstreicht besonders, daß Hitler diesmal nicht um die Unterredung gebeten habe, sondern daß er diesmal von der Reichsregierung selbst zu der Untcrrcbung eingeladen worden fei' Das Blatt glaubt auch nicht, daß Hitler sich jemals zu einem Zugeständnis in der Frage der Prästbentenwahl be­reit erklären wirb, ohne bafür weitgehende Zugeständ­nisse auf außenpolitischem Gebiet zu verlangen. Ans der Lausauer und Genfer Konferenz würde der Schat­ten H i 11 e iS mehr denn je hinter der schmalen Sil­houette des Reichskanzlers erscheinen.

Verwässerter Nationalsozialismus"

Die englische Presse zu Brünings Besprechungen mit Hitler.

London, 8. Januar.

Die Unterredung Hitlers mit Dr. Brüning hat in der Londoner Presse erhebliche Aufmerksamkeit erregt, die sich in eingehenden Berichten über die Lage in Deutschland ausdrückt. Ein Reutcrtclegramm besagt zwar, daß eine Einigung Hitlers mit der Regierung über eine An Waffenstillstand und über einen Ver­zicht der Nationalsozialisten auf einen eigenen Prä­sidentschaftskandidaten als sicher angenommen werden könne. Die A u s s i ch t e n der Verhandlungen werden jedoch wegen der negativen Haltung der Sozialdemo­kraten und der Weigerung der Regierung, Neuwahlen auch im Reich vornehmen zu lassen, pessimistisch beurteilt.

Die Politik der Brüning-Regierung, so he'tßt es in derTimes", sei schon feit einiger Zeit ein ver­wässerter Nationalsozialismus. Man werde kaum übertreiben, wenn man Dr. Brüning und feine Kollegen als die ersten praktischen National­sozialisten ansvrechc und viele Personen in hohen Stellungen würden kaum ableugnen, daß sie im Grunde ihrer Herzen Nationalsozialisten seien. Beide Gruppen, die Politiker und die Theoretiker, seien sich einander wesentlich näher gefomnten.

Die dramatische Unterredung, so sagtNews Ehr» nicle", bedeute die letzte Pbasc eines langen Kampfes um die Rettung Deutschlands. Friede und Wohlfahrt Europas wurden von seinem Erfolge abhängen. Dr. Brüning verdiene Uiucrstützung. Aus diesem und ans einer Reihe von anderen Gründen fordert die Zeitung eine energische Initiative Englands in den Fragen der Tribute der Kriegsschulden, der Währung, der Zolltarife und des internationalen Handels.

ihre überspannten Forderungen machten die Mili­tärs den Abschluß »cs Friedens unmöglich, behaup­tete der Staatsmann. Bismarck wolle Deutschland um »ie Frucht der militärischen Siege bringen, erwi­derten die Generäle; der Streit ging itm die franzö­sisch sprechenden Gebiete, Metz vor allem. Bismarck wehrte sich gegen die Einverleibung. Deutschland, im Besitz von Metz, könne feine Heeresstärke um 100 000 Mann geringer ansetzen, versicherte Moltke. Unheil­ahnend und grollend gab Bismarck nach. Thiers ge­genüber vertrat er Vic Forderung mit einer Festig­keit, die seinen inneren Widerwillen nicht vermuten ließ. Metz wurde abgetreten. Auszeichnungeu über Bismarcks Widerstand sind spärlich. Nur seiner Gat­tin schrieb er in diesen Tagen:Wir haben möhr er­reicht, als ich für die persönliche politische Berechnung nützlich halte. Aber ich muß nach oben und nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen." Später jedoch dies kommt in »en neuen Dokumenten zum Ausdruck war Bismarck eifrig bedacht, den Franzosen rückhaltslos zu zeigen, daß er in dieser Wegnahme ein Unrecht erblicke, daß er die Notwendigkeit empfinde, das Unrecht wieder gut" zumachen. Darüber geben die Berichte des französi­schen Botschafters in Berlin wiederholt interessante Aufklärungen. So versicherte der Reichskanzler dem Botschafter Saint-Vallier im November 1880:Wir haben Ihnen leider zu viel weggenommen. Wir be­zahlen es heute mit großen Schwierigkeiten. Sie ken­nen meine Auffassung, Sie wissen, daß es gegen tneis neu Willen geschehen ist. . . Leider kann ich Ihnen in der Frage von Elsaß-Lothringen nicht entgegen­kommen; deshalb will ich es überall dort^wo deut­sches Interesse dem französischen nicht zuwiderläuft."

Der hinausgeworfene Versucher.

Sehr häufig wurde zu jener Zeit und später nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt, Bismarck die Absicht zugeschrieben, den besiegten Gegner noch tiefer zu demütigen, ihn völlig nieder­zuzwingen, um ihn ein für allemal unschädlich zu machen. E ri s pi, damals Präsident »er italieni­schen Kammer, der die allgemeine Auffassung teilte, suchte 1877 Birsmarck auf, nm ihm die italiettisthc Hilfe zur Vernichtung Frankreichs anzubieten. Weit über das bisher Bekannte hinaus gehen die Mittei­lungen, die Bismarck dem französischen Botschafter darüber machte:Mit verbrecherischem Zynismus schlug Erispi mir den schändlichen Handel vor. Mit billiger Großzügigkeit bot er mir die Champagne, Burgund und Franche-Eomtc an. Für sich wollte er nur Savoyen und Nizza, die Dauphine, die Provence mit Marseille und Toulon. Ich frug ihn bloß, ob er auf meine Grenadiere rechne, ttml sich diese Gebiete zu nehmen... Drei Tage hat mich dieser schamlose Wüh­ler mit feinen Zudringlichkeiten belästigt, bis ich schließlich dort endigte, wo ich hätte beginnen sollen: ihn hinauszuwerfen."

Der Kanzler für Frankreichs koloniale Ansä^-uuig.

Im Gegensatz zu vielfachen Erwartungen bot Bis­marck alles auf, dem geschlagenen Gegner bei seiner Wiederaufrichtung behilflich zu fein. Daß der Kanzler dabei gleichzeitig den Vorteil Deutfchlands suchte, kann den Wert seines Handelns nicht verringern. Bis­marck war entschlosseir, Frankreich bei Gewinnung eines Kolonialreiches bcizustehen, um ihm Ersatz für die verlorenen Provinzen zu bieten. Damit sollte der sranzösische Betätigungsdrang ausgefüllt und zugleich von Deutschland abgelenkt werden. Nicht Zer­trümmerung der französischen Stoß- krast, nur Aenderung ihrer Zielrich­tung war Bismarcks Absicht. Gleichzeitig wollte der Kanzler durch Erfolge in der Kolonialpoli­tik die geringe Autorität der französischen Regierung stärken, sie gegen Umsturzversuche der Kommtmarbs von links, bei Monarchisten von rechts schützen: denn er brauchte eine verbandlungs- unb vertragsfähige Regierung in Frankreich. Diese Politik Bismarcks ist bekannt. Doch darüber hinaus zeigen die nun vorlie­genden Dokumente, daß der Reichskanzler die kolo­niale Ausdehnung Frankreichs nicht nur begünstigt bat, daß er vielmehr geradezu initiativ die französische Regierung auf den Weg der äußere uropäi scheu Machterweite­rung gewiesen hat.

Wiederholt gab Bismarck dem französischen Bot­schafter Erklärungen wie die folgende:Ich bin der Uebcrzeugung, daß ein großes Volk, wie das fran­zösische, in feiner Außenpolitik Erfolge braucht Ich glaube, wenn Tie im Mittelmeerbecken Gebiete fin­den, die Ihrem natürlichen und berechtigten Ausdch- nungsbestreben entsprechen, wird sich da« Interesse bei Ihnen mit weniger Bitterkeit an die verlorenen Provinzen klammern. Der Frieden und die guten Be- zicbuiigcu zwischen uns ivcrdeii sicherer und leichter werden, ^as ist der geheime Grund des guten Wil- '\«neu überall gezeigt habe, in Tunis, tu Marokko, in Aegvpten, in Svrien und in Griechen- "r.0 nach verborgenen Motiven. ^>ch lpt-che ausrichtig zu Ihnen. Ich wünsche unb hone, oaß es mir möglich fein wirb, Ihre Blicke von