Seite 4 — 1. Beilage
Kasseler Neueste Nachrichten
Montag, 4. Januar 1932
Hans im Glück
Von Benjamin Klicka
Hans Perbock war nicht der Aermste auf dieser Welt. Er war Herr über eine alte Hütte, einer vielleicht noch alteren Frau und Vater von ungefähr elf Kindern. Ungefähr. Er mußte oft nicht genau wie- viele ihrer waren wenn er unverhofft darnach gefragt wurde. Aber auf die Zahl kommt es ja auch gar nicht an. londern auf die Qualität. Oh, und die Qualität dieser Sproßlinge!
Der älteste Sohn war Ziegelarbeiter wie der Va- ter; der zweitalteste war Ziegelarbeiter und der x ®.ar. auch Ziegelarbeiter. Den
drei Burschen folgten fünf Töchter. Die erste war die t^rau eines Ziegelarbeiters; die zweite war die Frau ^."^ .Zwgelarbeiters und die dritte, die vierte und 2*? faafte waren auch Eattinnen von Ziegelarbeitern Die^ubrigen Kinder gingen noch zur Schule
>5?t «einen jungen Jahren war Vater Perbock noch zuweilen ins Wirtshaus gegangen. Als sich die Familie aber so gottgefällig vermehrte, lebte er fortan — mehr notgedrungen als aus Bedürfnis — ganz der «yamthe. Abend für Abend sag er zu Hause, schob die Pselfe von einem Mundwinkel in den andern, langweilte sich über die Magen und gähnte dreimal in der Minute.
Das ging so an die zehn Jahre etwa. Da geschah es eines Tages, daß der älteste Sohn, ein geschäftiger und unternehmungslustiger Bursche, eine illustrierte Zeitung ins Haus brachte und diese Gabe — nein, die *ß'^un9 dieser Gabe ist nicht in Worten zu schildern.
Vater Pcrbock kramte aus dem Kleiderschrank seine Brille hervor, die er seit zehn Jahren nicht mehr benutzt hatte und lernte wieder Lesen. Stockend, dafür aber umso lauter, damit die Frau auch was davon habe, las er von den Wundern der weiten Welt, über welche die Zeitschrift berichtete.
Die Perbock lauschte aufmerksam und war stolz auf den Mann, der so prächtig lesen konnte. Es wurde beschlossen, auch die nächste Nummer dieser fabelhaften Zeitschrift zu kaufen und schließlich — nach reiflichen Ueberlegungen — abonnierte der älteste Sohn für den Vater die Zeitschrift. Von da an gab's im Hause immer viel zu tun, auf einmal sogar zuviel.
Da war nämlich in einer Nummer der Zeitschrift eine Preisfrage ausgeschrieben: Kinderlosigkeit oder Kindersegen? Man führe die Vorteile und Nachteile au und äußere sich für das eine oder das andere. Die besten Antworten werden veröffentlicht und mit ansehnlichen Preisen belohnt.
Vater Perbock ging wie geistesabwesend umher. Er schichtete die Ziegel schief aufeinander, die Arbeit freute ihn nicht, kurz: seine Ruhe war dahin. Er sann über die Vorteile des Kindersegens nach und konnte absolut keine finden. Aber er war klug genug, einzusehen, daß er für einen Hymnus auf 'die Kinderlosigkeit keinen Preis bekommen könne.
O und die Preise! Du lieber Gott! Dinge die sich ein Ziegelarbeiter nie hätte träumen lassen — nach denen er übrigens nie verlangt hätte. Man bedenke: ern Schlafzimmer aus Ahornholz! Eine Schreibmaschine! Ein Paradiesbett lockt dich gar nicht? Und wie wär's mit einem Seidenpyjama? Ein Staubsaugeapparat Marke „Tivoli" läßt dich kalt?
Perbock hielt sich allabendlich seinen Kopf, in dem Gedanken und Einfälle hin und her flitzten. Nächtelang konnte er kein Auge schließen. Seine Hände zitterten, er atz nicht, er trank nicht, sah elend aus und der Sohn machte flch Vorwürfe, dem Vater die Zeitschrift abonniert zu haben, die nun seinen Tod herbei- zuführen drohte.
Am vorletzten Tag der ausgeschriebenen Frist verlangte der Vater Perbock Papier und Bleistift, setzte sich hin und schrieb, wie er glaubte, in schöner Schrift:
Die Vorteile einer zahlreichen Familie sind un- zählig. Erstens: Wenn man aus der Arbeit kommt, ist es zu Hause wie in einem Bienenkorb und die warme Ansprache „Vati" entschädigt einen für alle Plage des Tages. Auch die Frau ist glücklich. Sie hat ordentlich zu tun und keine Zeit zum Schimpfen. Die Kinder wachsen wie die Pilze und essen, datz man antauchen muß. um genug zu verdienen. Auch Stiefel und Kleider zerreißen sie die Menge. Das alles erwärmt das väterliche Herz, und bestärkt den Vater in der Ueberzeugung, daß es wunderschön ist, mindestens elf solche Kinder zu besitzen, wie ich sie habe.
Kinderlose Ehen dagegen find nicht glücklich, weil man nicht weiß, was man mit dem Geld anfangen soll. Man kauft bann Kleider, um zur Tanzmusik gehe» zu können. Und Tanz ist die Ursache allen Uebels. Es entstehen dabei unerlaubte Verhältnisse, die Frau läuft anderen Männern nach und zu Hause ist der Herd kalt. Der Mann ist gezwungen, ins Wirtshaus zu gehen, wo er Karten spielen und laufen lernt. Daraus werden schließlich die ärgsten Geschichten und alles nur darum, weil keine Kinder da sind.
Das Urteil der weisen Jury ließ lange auf sich warten. Endlich aber tarn es und Vater Perbock erhielt zwar nicht den ersten Preis, wohl aber den vierten. Seine Antwort wurde mit folgender Heber« schrift veröffentlicht: „Was ein schlichter Ziegelarbeiter von der Bedeutung des Kindersegens hält."
Vater Perbock interessierte die Ueberschrift wenig, er wollte bloß wissen, was er gewonnen habe und das erfuhr er auf der nächsten Seite der Zeitschrift. Er hatte einen Teppich drei zu vier Meter im Quadrat gewonnen.
Als er den Teppich mit eigenen Augen sah, war er zu Tränen gerührt. Seltsam hochrote Blüten, Rosen ähnlich, und Tulpen schwammen auf dem blauen Gewebe. Grüne Blätterranken verbanden die losen Blüten.
„Alte," rief er beglückt, rollte im Hofe den Teppich auf und verlor angesichts so vieler Schönheit sein Gleichgewicht. „Alte, komm und schau!"
Die Perbock trat oors Haus, wischte die Hände an der Schürze ab und versuchte, eine Kritik zu formulieren. Das war aber schwierig in Anbetracht der Tatsache, daß es der erste Teppich war, den sie im Lauf ihres Lebens zu Gesicht bekam. Der Eindruck war demgemäß außerordentlich, doch es ziemt sich nicht, den Gefühlen freien Lauf zu lafien, ehe man
nicht alles gründlich überlegt hat. Darum brummte die Frau: „Na ja, sehr schön, aber wohin damit?"
Es wurde lange hin und her überlegt, erwogen, gemessen, beraten und doch kein Ausweg gefunden. In der Stube spazierten die Hennen umher, das Kaninchen holte sich dort seine Brotrationen, von Hund und Katzen gar nicht zu reden. Abgesehen davon aber war die Stube nur 2% mal 3 Meter groß. Man könnte ja schließlich ein Stück Wand mit dem Teppich bedecken, so wie man’s in den feinsten Kinos sieht. Aber was hat denn das alles für einen Sinn, wenn man zu dem Teppich kein Stückchen Möbel hat, wenn kein Spiegel, wenn sonst gar nichts da ist, was den Nachbarn in die Augen sticht, gar nichts, das sämtlichen alten Weibern die Galle platzen macht.
Da war guter Rat teuer. Auch der älteste Sohn wußte keinen. Er meinte nur, man könne den Teppich verkaufen. Aber das wollte Vater Perbock nicht. Er behauptete, es gäbe keinen Menschen, der solchen Schatz bezahlen könne. Der Gutsherr habe ihm wohl fünfhundert geboten, aber — Perbock plusterte sich auf — solche Käufer könne man natürlich an jeder Wegkreuzung finden.
Die ansehnliche Versammlung, die sich auf Perbocks kleinem Hof zur Besichtigung des Teppichs eingefunden hatte, verlief sich allmählich und zurück blieben nur einige gute Freunde. Sie rieten dem Perbock, den Teppich doch zu verkaufen. Der aber fluchte und spuckte und fluchte, so datz schliehlich einige Freunde als Feinde den Hof verließen. Er zerstritt sich auch mit der Frau, die die Partei der Gegner ergriff. Sie war der Ansicht, datz der Verkauf des Teppichs die Familie von allen Schulden befreien könne, in die sie seit einiger Zeit immer tiefer versank. Der Mann aber schrie seiner Frau ins Gesicht, daß sie käuflich sei und jagte sie ins Haus.
Und bann kam es so, datz niemand aus dem Dorf, ja niemand aus der Familie von dem Teppich sprechen wollte und Perbock stand ganz vereinsamt da. Frau, Kinder, Freunde hatte er sich zu Feinden gemacht. Er war ganz aus dem Gleichgewicht gebracht, ging wie im Traum umher, die Arbeit war ihm lästig und was das Schlimmste war, er hatte niemanden, zu dem er von seinem Kummer reden konnte.
Als dieser Zustand schon eine Woche währte, begegnete Hans Perbock dem Ortsvorstand, seinem alten Kameraden.
„Du, Hans," sagte dieser, „was bist du für ein Esel, haft einen Teppich von so großem Wert und gehst herum, als wärst du ein Bettler. Soll ich dir einen guten Rat geben?“
„Jawohl," erwiderte Perbock, „aber er muß wirklich gut sein."
„Das ist er, Hans, du wirst keinen befferen finden. Du weißt ja, ohne Grund stehe ich nicht an der Spitze der Gemeinde. Du möchtest also wissen, was du mit deinem Teppich anfangen sollst?"
„Ja, das möchte ich wahrhaftig. Ich habe etwas, was mir gefällt, was mir Freude macht, habe aber keinen Platz dafür. Verkaufen aber will ich ihn nicht, das sag ich dir gleich, Kamerad."
„Verlaufen, Hans, wer rät dir das? Verschenken mein ich! Schenk ihn doch der Gemeinde. Stell dir vor: Du, der Ziegelarbeiter Hans Perbock, schenkst der Stadt einen Teppich zum eigenen Ruhm und zum Ruhm der Stadt. Dafür bekommst du ein Diplom mit dem Stadtwappen, Alter, das allem Volk deinen
Ruhm verkündet. Dazu bekommst du einen goldene« Rahmen und ein Glas darüber, damit die Fliegen dir dein Diplom nicht beschmutzen. Und das Diplom, je, das Diplom, hat gewiß gut Platz in deiner Stube. Die Base, die zu deinem Weib kommt, wird fragen: „Ja, was ist denn das?" Und dein Weib wird sagen: „Ach, das ist ja das Diplom für das Geschenk. Das war damals, als mein Alter der Gemeinde den Perserteppich schenkte. Der Eemeindevorstand und der Ortsvorstand haben es unterschrieben. Und die Ba.se wird dann vor Neid aschgrau werden."
Perbock lauschte aufmerksam und starrte vor sich hin. Er bearbeitete die Knöpfe an seinem Rock und schwieg in Gedanken versunken. Plötzlich fuhr er hoH, wie wenn flch ein Hund von der Kette reißt: „Wird s im Rathaus auf dem Brett stehen?"
„Auf dem Brett, Hans? Die Frage ist deiner würdig: Begreiflt du denn nicht, daß wir eine öffentliche Danksagung drucken lafien werden, datz du dich an jeder Straßenecke lesen wirst? Die Decke aber wird im Festsaal an die Wand gehängt, daneben ein Zettel. auf dem wird stehen: „Gespendet im Jahre des Herrn 1930 von dem verdienstvollen Bürger Hans Perbock, dem ehrlichen Meister des Ziegelbrenuev- geroerbes."
„Ist recht," rief der Hans und besiegelte sein Vev- sprechen mit einem Handschlag.
„Jetzt wollen wir gleich aufs Rathaus gehen und die Schenkung niederschreiben!" sagte der Biirgeo- meifter hocherfreut, weil er seinen guten Freund von der großen Sorge befreit hatte.
Aus Zeitschriften
Lmvtebas letzter Roman. „Tic ickönc Gräfin @okr ist der letzte Roman des tünflit verstorbenen Dichters «»cor» von Omvteda. Der Roman beginnt im zwnuarbcft von Bclhagen u. Klafings Monatsheften, denen Omvtcda durch Jahrzehnte als Mitarbeiter verbunden geweien.nt, zu ev- fchcinen. Das Werk beleuchtet auf Grund umtanarelcher. aber poetisch geläuterter Studien die tessclnde^Gcitalt »er geistig bedeutendsten Geliebten Augusts des Starken uns schildert das Leben am Dresdner Hof.
„Ruser und Hörer." Aus dem ansevnliehcn Dc;cmber-.veft verdient besonders die grundsätzliche Untersuchung ub« Rundfunk und Jugend gelesen zu werden, die Hermairn Maaß, der Geschäftsführer des Reichsausschusses der Deutschen Jliqendverbändc, anstellt. Weiter sei auf Walter Bertens «iesfwürfendc Arbeit über die soziologische Sinngebung der Musiksendung hingewiesen. Oberrcgierunas- uird Gcwcrbcschulrat Wilhelm Franzisket nennt die Dai- stellung der Heimat in ihren verschiedenen landschaftlichen und stanimesmätzigen Ausstrahlungen die Hcrzfragc des RnndsunkS. Helmut Jaro Jaretzki kommt es auf d« Stellung des Rundfunks zur bildenden Stunft an. Auch
Darlegungen des Sportsunkers Erich Ehcmnitz Arc» den Sport im Rundfunk, die natürlich durchaus bciaheutz gehalten sind, haben ihren großen Wert.
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„Das Goethe Jahr besinnt." Alfons Paquct hat fW über die Bedeutung des Goethe-Jahres geäußert, eine Meinung mehr zu den vielen widerspruchsvollen? —■ Nein! Denn Paquets Wort bat ausschlaggebende Bedeutung. Soweit heute etwas in der geistigen Welt solche Wirkung noch haben kann . . . Diese Einsicht klingt durch da? ganze Gespräch, das Paguct statt eines Vortrags geschrieben hat. Und da hier Meinung gegen Meinung gesetzt ist, bekommt dies Gespräch doch tiefetc Bedeutung: und zum Schluß meint man doch, daß — trotz aller gegenteild- aen Zeichen, trotz aller JubUäumsmache — em zutiefst bendiaes des Goetheschen Geistes dem Menschen mn^ wohnt. Goethe als Befruchter des 20. Jahrhunderts ...? — Der Ostmarkenrundfunk bringt icden Morgen erneu Denk- und Tagesspruch von Goethe. B.
Nr. 2 4. San. 1932
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Die Rückgabe kann, falls nätig, auch neutral erfolgen. sie darf aber nicht unterlassen werden!
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Jeder Inserent ist verpflichtet, die ihm auf seine Anzeige zugegangenen Unterlagen an den Einsender zurückzuschicken x denn sie sind ihm nur zu getreuen Händen überlassen und
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