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Verlag derGießener Zeitung" G. m. b. H.

der Großherzoglichen

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Verlag der(tlkfocncr Zeitung" W. n». b. H.

Mittwoch, Den 31. Mai 1911.

T etcph on: 9t r. 362.

23. Jahrg.

Ein Weg zur Selbsthilfe für das Handwerk.

Wenn auch aus Grund der letzten Berufszählung als feststehend anzusehen ist, daß der Stand der Handwer- ker und Kleingewerbetreibenden im Deutschen Reiche an Mitgliederzahl nicht verloren, sondern eher noch gewon­nen hat, so ist doch auch über die schwierige Erwerbs­lage dieser Bevölkerungsgruppe, über die Schwere des Daseinskampfes, den die Handwerker und Gewerbetrei­benden seit Jahren zu bestehen haben, kein Zweifel möglich. Das unaufhörliche Wachstum der Großbe- triebe, die fortschreitende Konzentration im Geschäfts- und Kreditwesen, die Teuerungsverhältnisse in den großen Städten, die den mittelständischen Geschäftsmann immer mehr an die Peripherie, in die ärmeren Stadtteile, oder gänzlich aus der Stadt herausdrängen, überhaupt der Zug der Zeit mit seinem im Vergleich zu früher wesent­lich veränderten Angebot- und Kaussystem alles das hat den deutschen Handwerker schwer geschädigt und die zu ihm gehörigen oder ihm nahestehenden Mittelstands­kreise an dem allgemeinen Aufschwung der Lebenshal­tung und Verdienstmöglichkeit, der sonst überall in un­serem Vaterlande zu beobachten ist, mindestens nicht in dem Maße wie alle übrigen Berufsstände und Volks­schichten teilnehmen lassen. Die Hilse, die hier not tut, kann nicht allein von außen kommen. Viel vermag die Selbsthilfe, wenn sie am rechten Ort und in der rechten Weise angewendet wird. Daß dies möglich ist, bewei­sen die Abmachungen zwischen dem Stadtrat in Heidel­berg und der Handwerkskammer in Mannheim über die Mitwirkung von Handwerkssachverständigen bei der Ver­gebung städtischer Arbeiten und Lieferungen. Ihr In­halt ist im wesentlichen der folgende:1. Die Hand­werkskammer ernennt zur Mitwirkung bei der Vergebung städtischer Arbeiten und Lieferungen für die einzelnen Gewerbe auf die Dauer eines Jahres je einen Sachver­ständigen. Letztere sind für die Dauer dieser ihrer Tä­tigkeit von der Beteiligung an städtischen Submissionen ausgeschlossen und erhalten keine Vergütung. 2. Vor der Ausschreibung von Arbeiten aus solchen Gewerbsarien, für die von der Handwerkskammer Sachverständige er­nannt finb, ist von dem ausführenden Amt dem betref­fenden Sachverständigen Gelegenheit zu geben, von dem Entwurf des Anschreibens und den Verdingungsunter­lagen nicht jedoch auch von dem Kostenvoranschlage Einsicht zu nehmen, damit er etwaige Wünsche inbe- zug auf das Ausschreiben oder die Verdingungsunter­lagen äußern kann. Von dem Termin zur Oeffnung der Angebote ist der betreffende Sachverständige zu benach­richtigen. Auf Erscheinen kann er an einem besonderen Tische der Verhandlung anwohnen und sich nach Be­lieben Notizen machen. 3. Von dem Submissionsergeb­nis, wie es sich nach erfolgter Prüfung der Angebote ergibt, ist ohne Gegenüberstellung der berichtigten Zahlen dem Sachverständigen und dem Gewerbe- und Hand - werkerverein von dem die Arbeit aussührenden Amt Kenntnis zu geben. 4. Aufgabe des Sachverständigen ist es, die Angebote auf ihren Preis, sowie besonders auch daraufhin zu prüfen, ob die Selbstkosten des An­bieters gedeckt werden. Wird von einem städtischen Amt der Zuschlag an ein Angebot beantragt, das nach An­sicht des Sachverständigen die Selbstkosten des Anbie­ters nicht deckt, so hat das Amt in seiner Vorlage an die Kommission für städtische Beamten ausdrücklich da­rauf hinzuweisen. 5. Die Sachverständigen fmb befugt im Benehmen mit dem betreffenden Amt die Arbeiten während und nach der Fertigstellung zu besichtigen. waiqc Anstände sind zur Kenntnis des Amies oder des Stadirats zu bringen. 6. Di- bestellten Sachverständi­gen sind auch zu den engeren Submlffwnen über Arbei­ten und Lieserungen, deren Anschlag mehr als 200 Mark betrag,, zuzuziehen. Der Beizug hat m solchen Fällen in sinngemäßer Anwendung der sur die öffent­lichen Submissionen geltenden Bestimmungen zu ersol- gen." Von solchen Abmachungen wirb man sich segens­reiche Wirkungen versprechen dürfen.. Es ist besannt wie von Handwerkern, die nur erst einmal in bas ®e- schäst hincinkommen" wollen, der ^^1^ bot- gemacht werden, deren geringe S°h° auf den - sten Blick erkennen läßt daß d-N-mg > der d,e Lre - rinia w solchen Preisbedingungen übernimmt, mit 45er- M arbeiten muh Indem solche Vorkommnisse durch Sachverständigen-Gutachlen verhindert werdenist em Mea rnr Selbsthilfe gewiesen, au dem das Handwerk, wennauch zLst nur auf einem Sebute, zu innerer ®« U&$Ä Handwerker klagt man seit langer Z-it über das Submffstonswès-n als

den Krebsschaden des ganzen Standes. In der Stadt­verordnetenversammlung hat man bisher praktische Bor schlüge freilich noch kaum gehört, vielleicht ist der Weg, der in Mannheim unb Heidelberg beschritten wurde, auch hier gangbar. Wer unternimmt an maßgebender Stelle die ersten Schritte?

Reicbsfagswablvorbereitungen.

* Neue Neichstagskandidatur. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, wurde am Sonn- tag in Altenkirchen anstelle des zurüdgetretenen Oekonomierats Kreuz aus Bonn der Legationsrat v o m Rath, Landtagsabgeordneter für den Kreis Wetzlar, als nationalliberaler Reichstagskandidat für die kom­mende Wahl ausgestellt.

Hur Stadt und Land.

Gießen, den 31. Mai.

Berkaufstag der Großderzogin.

Der am 13. Juni hier in Steins Garten stattfin- benbe Berkaufstag der Großherzogin ist die 4. Veran­staltung dieser Art in Hessen, deren Ertrag unterstütz- ungsbebürftigeu Lungenleidenden gilt, für die von Kran­kenkassen, Versicherungsanstalten 2c. zurzeit noch nicht ge­sorgt ist. Wer die unendliche Not kennt und das Elend, das meist unverschuldet bei vielen dieser Kranken ein­gekehrt ist, kann es nur mit freudigem Dank begrüßen, daß unsere Großherzogin sich wiederholt in den Dienst der Sache stellt und dadurch den weitesten Kreisen ein leuchtendes Vorbild gibt im Dienste edelster Menschlich­keit zur Linderung der Not jener armen Kranken tätig zu sein. Die großen Mühen, die sich die Herrschafteii durch diese Veranstaltung auserlegen, werden am besten durch eine rege Beteiligung am Verkaufstage anerkannt. Der Eintrittspreis zum Berkaufstag ist, um allen Krei­sen der Bevölkerung den Besuch zu ermöglichen, auf 1 Mark festgesetzt; und der Verkauf der Gegenstände so billig als möglich angeordnet worden. Es wird Ge­legenheit geboten sein, für geringes Geld eine wertvolle Kunstsache oder einen praktischen Gegenstand zu erwer­ben, die gleichzeitig dauernd ein Andenken an die Feier bilden werden. Mit der Ausgabe der Eintrittskarten wurde bereits begonnen. Es wird gebeten, von dem Vorverkauf recht zahlreich Gebrauch zu machen, damit am Verkaufstag selbst der Andrang zu den beiden Kas­sen möglichst erleichtert wird. Die Vorverkaufsstellen werden auf den Plakaten bekannt gegeben.

* Der Verein für das Deutschtum im Ausland hätt seine diesjährige Hauptversammlung vom 6.-8. Juni' in Koblenz ab, womit eine kurze Feier seines 30jährigen Bestehens verbunden ist.

* Die Tagung des Bundes deutscher Verkehrsvereine findet in Worms in der Woche nach Pfingsten vom 6.-9. Juni statt. Neben zeitgemäßen Vorträgen wird den Gästen auch eine man­nigfache und genußreiche Unterhaltung geboten werden. Am 8 Juni wird nachmittags eine Rheinfahrt nach Op­penheim mit Ehrentrunk, Besichtigung der Katharinen­kirche und Beisammensein auf der Landskrone veran­staltet. Abends geht es per Dampfer zurück nach Worms, bort zwangloser Abend am Rheine mit Brückenbeleuch­tung. Der letzte Tag bringt einen Ausflug ins male­rische Neckartal.

* Der hiesige S ch a ch k l u b wird am 18. Juni mit den Mitgliedern des Nauheimer Schachvereins ein Tournier im Tennis-Eafe in Bad-Nauheim ab­hatten.

Feldbergfest. Am Sonntag, 18. Juni, fin­det das 58. Feldbergfest statt. Der diesmalige Fünf­kampf sieht Hochspringen, Weitspringen, Kugelstoßen mit Anlauf (20 Pfund), Lausen über 100 Meter und eine Freiübung vor. Zum erstenmale werden auch Mann­schaftskämpfe im Tauziehen (6 Turner) und im Eil­botenlaus (5 Turner) aus dem Vergesgipsel abgehalten.

Ein Hypothekenschwindler trieb in letzter Zeit sein Unwesen in Elberseld. Durch Inserate in einer Tageszeitung gab er bekannt,daß er als Selbst­darleher Mk. 80 000 auf 1. und 2. Stelle auszugeben habe, und daß auch Agenten nicht ausgeschlossen seien. Mit 3 Geldsuchenden trat er dann in Verbindung und stellte sich als Amtsrichter E. Lorent von Dortmund vor. In einem Falle gelang es ihm eine angebliche Gebühr von Mk. 40 zu erschwindeln. Der Betrüger hat ein sicheres Austreten und wird wie folgt beschrieben:

I Familienname E. Lorent, zirka 40 Jahre alt und an

geblich in Eortmunb, Wilhelinstraße 3, wohnhaft. Größe 1.70 bis 1.72; schlank, etwas hochgezogene Schultern, schwarzes Haar und engl. gestutzten schwarzen Schnurr bart. Aussehen blaß, schmales Gesicht. Spricht teilweise kölnischen Dialekt und trägt einen Kneifer mit schwarzer Einfassung. Es sei nachdrücklich vor dem Schwindler

gewarnt.

* P s i n g st w e t t e r a u s s i ch t e n. Nach der allgemeinen Wetterlage nehmen die Meteorologen an, daß für die Pfingsttage warme u n d vorwie­gend heitere Hochdruckwitterung zu erwarten ist.

* Der Roggen blüht. Der Roggen hat sich in den letzten Tagen durch die warme Temperatur und die anhaltende Feuchtigkeit bort, wo er vom Unwetter verschont blieb, sehr gut erholt. Die Halme sind schon über mannshoch und versprechen einen guten Strohei trag. Auch die Aehren haben sich gut entwickelt; sie hängen jetzt dicht voll Blüten. Wenn nicht noch schäd liche Naturereignisse eintreten, so ist eine gute Roggen­ernte zu erwarten.

* Friedberg, 31. Mai. Montag nachmittag ging in der Umgebung von Büdingen ein'Wolkenbruch nieder. Die anschwellenden Fluten des Seemenbaches rissen den Bahndamm der Strecke Gießen-Geln­hausen nieder. Der Zug, der gestern abend um 10 Uhr die Strecke passieren wollte, mußte aus offener Strecke zurückdirigiert werden, sodaß die Passagiere, wel­che nach Frankfurt wollten, über Friedberg fahren mußten.

* Offenbach, 30. Mai. Ein wolkenbrucharti­ger Gewitterregen ging Montag nachmittag über unsere Stabt hernieder. Die Straßen wurden von den hefti­gen Regengüssen momentan völlig überflutet, bis ein starkes Hagelwetter einsetzte, das in den Fluren viel Schaden anrichtete.

- r- Offenbach, 30. Mai. Die hiesigen Nahmen­macher und Glasergehilsen haben gestern die Arbeit nicht ausgenommen, weil die Unternehmer die Unterzeichnung des vereinbarten Vertrages hinausgezogen haben. Falls die sofort eingeleiteten Verhandlungen zu einer Eini­gung nicht führen werden, soll unverzüglich der Streik proklamiert werden.

* Wetzlar. Das preußische Abgeordnetenhaus vertagte sich gestern auf unbestimmte Zeit, wahrschein­lich bis zur zweiten Hälfte des Juni. Das Eisenbahn­anleihegesetz war vorher in dritter Lesung angenommen worden. Der Regierung wurden Petitionen um Erbau­ung einer Bahn von Nauheim nach einer Station der Aar-Bahn, wie um Wetterführung der Wester- Waldbahn als Material überwiesen.

* Weil-burg, 31. Mai. Die Eisenbahnsrage nach dem Kattenbachtale ist dadurch in ein anderes Sta­dium getreten, daß sich auch die Hannoversche Bahnbau- Aktien-Gesellschaft für die Strecke Niedershausen-Obers- Hausen-Arborn-Rennerod ausgesprochen hat.

- sch- Limburg, 31. Mai. Mit dem zweige­leisigen Ausbau der Eisenbahnstrecke Franksurt- Niedernhausen-Limburg wird jetzt energisch begonnen. Dem Vorstand der in Höchst errichteten Bauabteilung ist ein besonderer Ingenieur mit dem Wohnsitz in Nie­dernhausen von der Eisenbahnverwaltung beigegeben worden. Die Arbeiten sollen nach Möglichkeit beschleu­nigt werden.

* Marburg, 31. Mai. Im Burgwalde bei Marburg findet man eine Warnungstafel mit folgender eigenartigen Inschrift:Dieser Weg ist gein Weg. Wer es doch bub, wird bestrasd."

* Frankfurt, 31. Mai. Montag nachmittag zog ein schweres Gewitter über Frankfurt. Es richtete hauptsächlich in den nördlichen Stadtteilen und in den Ortschaften nach dem Taunus zu schweren Schaden an. Im freien Feld nahm der Hagel die Obstbäume schwer mit. Zersetzte Blätter, abgeschlagene Blüten und Zweige liegen am Boden. Die Kirschen, die schon Früchte an- gesetzt hatten, sind entsetzlich zugerichtet. Auch in der weiteren Umgebung hat das furchtbare Unwetter großen Schaden angerichtet.

* Aus Rhein Hessen, 31. Mai. Wenn man durch die Fluren der Felder schreitet, so kann man bte Wahrnehmung machen, daß alles schön und üppig ge­deiht. Die Aehren der Kornselder stehen bereits schon in Mannshöhe, die Weinberge entwickeln sich prächtig, so daß blühende Stöcke keine Seltenheit mehr sind. Auch die Kirschenbäume hängen voll von Früchten, so daß man stützen muß, um das Brechen zu verhindern. Ueberhaupt scheint es dieses Jahr ein reiches Obstjahr zu geben.