Gießener Jettnna
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Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
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Nr. 77
Telephon: 9èr. 362.
Freitag den 31. März 1911
Telephon: Nr. 362.
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Jevseik des Grabens.
Es gibt noch zu viel Optimisten, auch unter den Politikern. Leute die alles im rosigsten Lichte sehen, von jeder Neuerscheinung begeistert, fasziniert sind, sich Wunderdinge von ihr versprechen. Politische Neuorientierungen, Schwenkungen, Wandlungen altbewährter Gruppierungen, das sind ihnen Dinge, mit denen das deutsche Volk im Handumdrehen, gewissermaßen zwischen der Suppe und dem Rindfleisch fertig wird. Wir haben's in den letzten Monaten erlebt.
Als nach der Erledigung der Reichsfinanzreform der vermeintliche breite Strom eines neugestärkten Liberalis- mus über das Reich dahinzufluten schien, da war man auch in den Kreisen des gemäßigten Liberalismus gar schnell bei der Hand, die Bewegung für sich nutzen zu wollen, gar ängstlich bemüht, den Anschluß nicht zu versäumen, zur rechten Zeit hineinzusteuern in die schnelle Strömung, die mit solch erfreulicher Eile dem großen Ziele zuzuführen schien, dem Ziele einer liberalen Aera in Deutschland. Und wenn die Strömung auch etwas reißend schien, man würde das Ruder des Parteischiffes schon fest in der Hand zu halten wissen.
So meinte man.
Doch es kam anders. Die Strömung erwies sich stärker als die Kraft des Steuermannes, und immer schneller ging die Fahrt von statten. Aber noch verlor 'man ja nicht das Ziel aus dem Auge; auch fuhr ja noch ein ander Schiff wegweisend, zur Nachfolge lockend, vor einem her. Was tat's, wenn hinter einem das sichere Land immer weiter zurückwich, vor einem lag das Neuland, lag schlimmsten Falls die Möglichkeit, mit den Insassen des ersten Schiffes zu gegenseitiger Hilfe sich zu verbinden.
Aber was geschah? Die Strömung, der man sich vertraut, und die so munter fördernd unter dem Schiff dahin gebraust war, sie erwies sich als ein Wildwasser, das, rasch entstanden, auch rasch sich verläuft und nichts zurückläßt als ein seichtes Rinnsal, dem großen Schiff unrühmliches Stranden bereitend.
Und so ist denn das Schiff der Partei gestrandet, jenseits des Ufers, von dem die Abfahrt erfolgte, auf neuem Land, unbekanntem Boden, ohne das winkende Ziel erreicht zu haben. Und den Weg zu diesem Ziel kann man nicht finden, vielleicht weil es gar keinen gibt. Aber als man ans Land stieg, da fand man die Genossen vor aus dem anderen Schiffe, „Fortschritt" genannt, die sich gar heimisch zu fühlen schienen auf dem neuen Grund, an dessen Horizont die rötliche Sonne des Sozialismus aufstieg. Doch die Fahrtgenofsen erwiesen sich als wenig entgegenkommend gegen die Leute des gestrandeten Bootes. Und zu spät erkannten diese, daß das voraussahrende, wegweisende Schiff ein Korsar gewesen, der jetzt ihre bedrängte Lage zur Ausübung seines erpresserischen Gewerbes zu mißbrauchen sich nicht scheute.
Vergebens sahen sie sich nach Hilfe um, auf dem neuen Boden aber war keinem zu erspähen,, denn die am Horizont stammende Lohe schreckte, blendete und drohte zu versengen. Der Blick wandte sich rückwärts. Nach dem Ufer zurück, das man verlassen, auf dessen Boden man lange sich heimisch gefühlt, manche Bande geknüpft hatte. Da war doch früher eine Brücke gewesen, die hinüberführte über das ausgewaschene Bett des Wild - stroms. Aber sie war ja nicht mehr da. Als man sich leichtgemut der reißenden Strömung anvertraut, den Zurückbleibenden am alten User ein halb spöttisches Lebewohl zugewinkt hatte, da hatte sie noch bestanden. Bei der rasenden Fahrt freilich, die begann und die Nerven der Fahrer so angenehm erregte, da war wohl einmal ein Schwanken eingetreten bei dem Mann am Ruder, der allzu fasziniert dem fernen Ziele entgegengeschaut. Und ein Krach, ein Splittern, man hatte das Joch der Brücke umgerannt. Und hinter dem weiter eilenden Schiff trieben Balken und Bretter in lustigem Wirbel einher.
Damals hatte man sich den Teufel darum geschert, man war seiner Sache doch so sicher gewesen.
Jetzt hatte man sich festgerannt, vor sich den Korsaren, der seine Bedingungen diktierte, hinter sich das tiefe Bett des versiegenden Wildwassers, genannt „liberaler Gedanke", und am anderen User, aber nun kaum wieder erreichbar, alte Genossen.
Was wird nun werden? Wird man die Bedingungen des Kosaren „Fortschritt" annehmen, wird man den Versuch machen, wenn auch verzweifelt, das verlassene User zu erreichen? Heute noch steht es dahin, vorläufig noch hämmert in den Köpfen der dumpfe Schmerz der Erkenntnis, statt ins gelobte Land an räuberischen Strand geraten zu sein.
Wer sich in Gefahr begibt. . . . !
Zur Stadl und Land.
Gietzen, den 31. März 1911.
* * Gießen. Der Groß Herzog hat am 29^ März d. Js. den Direktor der Landesirrenanstalt bei Alzey Medizinalrat Dr. Karl Oßwald zum Direktor der Landesirrenanstalt bei Gießen, den Oberarzt bei der Landesirrenanstalt in Heppenheim Dr. L. N ö m - Held zum Direktor der Landesirrenanstalt bei Alzey, den Oberarzt an der Landesirrenanstalt „Philipps-Ho- Ipilal" bei Goddelau Dr. Iohannes Dietz zum Oberarzt an der Landesirrenanstalt bei Gießen, den Bürovorsteher der Abteilung des Ministeriums des Innern lür Landwirtschaft, Handel und Gewerbe Karl Lotz zum Hausverwalter und Rechner an der Landesirrenanstalt bei Gießen, sämtlich mit Wirkung vom 16. April 1911 an, ernannt. — Ferner wurden vom Großherzog ernannt: Prof. Dr. Mar Zimmermann zu Gießen zum Oberlehrer an dem Gymnasium Fridericianum zu 'Laubach, Oberlehrer Professor Joseph Geyer zu Alzey zum Oberlehrer an dem Realgymnasium und der Oberrealschule zu Gießen.
G i e ß e n, 29. März. Der Großherzog empfing gestern mittag 12 Uhr im Reuen Palais den Prälat D. Dr. Flöring. Abends 8 Uhr 20 Min. wohnte der Großherzog einem Herrenabend bei dem Geh. Kommerzienrat Freiherrn v. Heyl zu Herrnsheim bei.
-o- Gießen. Der allgemeine Hess. Blumen- tag wird in den Städten Mainz, Darmstadt, Offenbach, Worms und G i e ß e n am S a m s t a g, den 6. Mai, ftattfinden. Hinsichtlich der kleineren Städte ünd Landgemeinden haben die Kreiskomitees zu beschließen^ ob sie den Blumentag am Samstag, den 6., oder Sonntag, den 7. Mai, abhalten wollen. Aus dem Lande wird er wohl meist aus den Sonntag gelegt werden.
-l- Gießen, 31. März. Mit dem heutigen Tage hört die bisherige Formation des hessischen Gendarmeriekorps aus zu bestehen. Die Gendarmeriekorps Gießen und Mainz gehen ein und führen nunmehr den Ramen Gendarmerie-Sektion, der ein Oberwachtmeister (hier in Gießen Oberwachtmeister Schwarz) vorsteht. Die innerhalb eines Kreises bestehenden Gendarmerie - stationen sind nur in manchen Dienstverhältnissen der Sektion ungegliedert, in vielen Angelegenheiten müssen sie aber dierekt mit dem Kommando in Darmstadt verkehren. Herr Oberstleutnant Schmidt, der bisherige Kommandeur in Gießen, ist nach Darmstadt als Adjutant und 2. Offizier des dortigen Kommandos versetzt; ihm untersteht im wesentlichen die Ausbildung der jungen Gendarme. Kommandeur der gesamten hessischen Gendarmerie ist Herr Oberst v. Norrmann in Darmstadt. Mit dieser Neubildung der hessischen Gendarmerie werden auf Nachsuchen u. a. pensioniert Oberstleutnant v. Zahn in Mainz und Oberwachtmeister Ploch in Gießen.
-p- Gießen, 31. März. Der Plan über die Errichtung einer oberirdischen Telegraphenlinie in Lang- Göns liegt bei dem Kaiserlichen Telegraphenamt von heute ab 4 Wochen aus.
-r- Gießen, 30. März. Bei dem am Dienstag stattgefundenen Markte waren aufgetrieben: 228 Pferde, 22 Fohlen und 141 Schweine. Der nächste Schweine- und Krämermarkt findet am 26. April statt. Händlerschweine sind ausgeschlossen.
— Gießen, 31. März. Wider Erwarten schnell ist neuerdings ein Witterungswechsel eingetreten. Mittwoch nachmittag stieg die Temperatur auf über 20 Gr. Celsius im Schatten. Eine gleich hohe Temperatur im März wurde seit 100 Jahren nicht beobachtet.
— Wetzlar, 31. März. Gestern Nacht gegen % 1 Uhr wurden die Einwohner durch Alarmsignale der Feuerwehr aufgeschreckt. Es brannte in der alten Schreinerei der Leitz'schen Fabrik. Rach kurzer Zeit war jedoch jede Gefahr beseitigt.
* Wölfersheim, 30. März. In zahlreichen interessierten Gemeinden Oberhessens haben in den letzten Wochen Verhandlungen wegen des Anschlusses an die von Staat und Provinz geplante elektrische Zentrale bei Wölfersheim stattgefunden, und nach Blätter- meldungen haben die meisten Ortsvorstände den Anschluß beschlossen. Im Gegensatz zu dem von der Provinz früher geplanten Elektrizitätswerk Lißberg erwachsen den Gemeinden durch den Anschluß an Wölfersheim keinerlei Kosten. Sie müssen lediglich die Verpflichtung übernehmen, daß die Straßenbeleuchtung elektrisch eingerichtet wird. Vorgesehen zum Anschluß sind etwa 85 Orte. Von der Zentrale führt eine Fernleitung nach Hungen, verzweigt sich dort nach Lich und Laubach- Grünberg. Die zweite Hochspannungsfernleitung geht nach Stockheim, verzweigt sich von dort nach Hirzen-
Hain und Düdelsheim; die dritte Hochspannungs-Fernleitung führt quer durch die Wetterau nach Rieder-Flor stadt, verzweigt sich dort in der Richtung nach Altenstadt und Groß-Karben.
-m- Rockenberg (Kr. Friedberg), 31. März. Die Maul- und Klauenseuche wurde in dem Gehöft des Pächters Weber amtlich sestgestellt.
* Darm st ab t. Landtagsabgeordneter Adam Seelinger in Lampertheim, der seit November 1899 ben Wahlbezirk 9 Starkenburg (Lorfch-Gernsheim-Zwin- genberg) in der Zweiten Kammer der Stände vertrat, hat sein Mandat niedergelegt.
* Darmstadt. (St. Bürokratius.) „Ihre Geldsendung vom 4. Oktober war nicht bestellgeldsrei und können aus Ihre Schuld nur 3.06 Mk. verbucht werden. Wir ersuchen bei Vermeidung der Zwangsvoll - streckung um baldigsten portofreien Ersatz der fehlenden 5 Pfennig. Großh. Bezirkskasse Darmstadt 1."
* Koblenz. Mittwoch früh wurde der Doppelmörder Grub aus Mayen, der seine beiden Ehefrauen er mordete, hingerichtet.
* Berlin, 31. März. Der internationale europäische Rundslug, der vom „Journal" in Paris, der „V. Z. am Mittag", dem „Petit Bleu" in Brüssel und dem „Standard" in London geplant wird, ist durch die chauvinistischen Umtriebe und Hetzereien ernstlich in Frage gestellt. Vorläusig hat man sich in Paris dazu entschlossen, dort den Flug durch Deutschland aufzugeben und will den Versuch machen, den Flug von Paris aus durch Belgien und Holland nach England zustande zu bringen. Es ist aber fraglich, ob die übrigen beteiligten Zeitungen damit einverstanden sind. Von einem europäischen Rundslug kann jedensalls nach Ausschließung Deutschlands nicht mehr gut die Rede sein.
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