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^__^ I ^ (Neueste Nachrichten) ^^ (Kicftcncr Tageblatt) M_M

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Nr. 151

Telephon: 9k. 362.

Freitag, Den 30. Juni 1911.

Telephon: 9k. 362.

23. Jahrg

Der preussische Eandtagslcbluss und die Preise.

Der schrille Mißklang bei dem Schluß der preußi- ütyen Landlagsvcrhandlung hat eine leidenschaftliche Stimmung in die Lager aller Parteien getragen. Am schärfsten äußern sich die Organe der Linken, aber auch mittelparteiliche Blätter, wie dieTägl. Rundschau", wen­den sich mit nachdrucksvoller Kritik gegen die Politik des Uebermutes und der Mißachtung von Rechten, die von den Mehrheitsparteien in der letzten Zeit getrieben wor­den ist. Besonders scharf ist auch das Urteil über den seitherigen Präsidenten Jordan von Kröcher, der all- mählich immer mehr, statt ein Hüter der Minderheit zu sein ein Vollstrecker bet Mehrheitswillens geworden sei. Nachdem er gestern aus eigener Muchtvollkmnmenheit die Tagesordnung geändert und dadurch den Landtag förm­lich gesprengt habe, werde man ihm kaum ein Unrecht tun, wenn man ihm auch den urheberischen Anteil an der eigenartigen Abstimmungsordnung bei der Beratung des freisinnigen Wahlrechtsantrages beimißt. Nach der bisher geltenden Uebung müsse bei der Vorlage von mehreren Anträgen immer über den weitestgehenden ab­gestimmt werden, weil die Entscheidung darüber vielfach die weitere Abstimmnngstätigkeit überflüssig macht. Wäre nach diesem Brauch verfahren worden, dann hätten die Konservativen nicht bei der Abstimmung über den na­tionalliberalen Antrag auf Einführung' des abgestuften Wahlrechts und das Zentrum nicht bei der Abstimmung über die Wahlkreiseinteilung die mutwilligen und necki­schen Scherze einer Isolierung der Antragsteller treiben können. Durch die Ablehnung des freisinnigen Antrages überhaupt fei der nationalliberale Antrag ebenfalls er­ledigt gewesen. Das Urteil gegen die Haltung des Herrn v. Kröcher in der letzten Schlußsitzung des Abge­ordnetenhauses verschärfe sich noch dadurch, daß ihm das Bewußtsein des Verstoßes gegen die Geschäftsordnung einwandfrei nachgewiesen werden könne, und zwar trete gegen den Präsidenten kein anderer als Se. Erzellenz Iordan von Kröcher selber aus. Vor etwa 6 Wochen habe der zweite Vizepräsident des Abgeordnetenhauses angeregt, zur Abstimmung über das Feuerbestattungsge- setz eine zweite Sitzung auf den Nachmittag anzuberau­men, wogegen Präsident v. Kröcher Widerspruch erhoben habe, der dadurchden Herren präjudiziert werde, wel­che aus irgendwelchen Gründen heute nicht an der Sit­zung teilnehmen können und vielleicht morgen da sein würden." Als der Vizepräsident trotzdem seinen Wunsch Wunsch wiederholte, habe Präsident v. Kröcher geltend gemacht, daß sein Standpunkt hiermit als ausdrücklicher Widerspruch angemeldet sei, und es könne bekanntlich eine zweite Sitzung nicht angesetzt werden, wenn ein Wider­spruch aus dem Hause erfolgt. Auf Grund dieser Auf­astung , womit er sich selbst für alle Zeiten präjudiziert habe,, konnte und durfte er den gestrigen Fehler über- haupt nicht machen. Aber die Geschäftsführung des Herrn v. Kröcher habe, seitdem die Sozialdemokraten ihren Ein­zug in das Abgeordnetenhaus gehalten haben, allmäh­lich immer mehr den Eindruck der Unparteilichkeit ver­loren In einem Punkte allerdings müßten die Mehr- Heitsparteien in Schutz genommen werden. Der frühe Schluß sei von der Regierung nicht mit den Parteien, geschweige denn einseitig mit den Mehrheitsparteien ver­einbart worden. Da keine Aussicht bestanden hatte, daß das Fortbildungsschulgesetz in dem Plenum eine anbere Fassung erhalten würde, und da andererseits auch bie Regierung jede Auseinandersetzung über diese Frage oermeiben wollte, sei anzunehmen, daß die Entscheidung über den Schluß des Landtages von dem Ausgang der Kommissionsverhandlungen abhängig gemacht wurde, unb daß die Regierung eine zwecklose politische Aus- cinanberfetiung ohne ein tatsächliches gesetzgeberisches Er­gebnis zu vermeiden suchte. Eigentümlich ist bei Be­sprechung der gestrigen Vorgänge der Ton der Zen- trumspresse. Hier verschwindet vollständig aus den Erörterungen die Tatsache, daß mit emem offenkundi­gen Bruch der Geschäftsordnung die rheinische Land­gemeindeordnung von dem Tisch gefegt werden sollte daß aber die Mehrheit bestrebt war in Verschärfung der Geschäftsordnung den bekannten Antrag 'Brandenstein dilichzusetzen. Die liberalen Parteien und die ^oZialde- motraten nehmen für ihre Haltung in Anspruch, daß sie ein geltendes Recht verteidigt und sich, wie nunmehr nachgewiesen sein dürfte, gegen^eine bewußte Gewalttat .ur Mehr gesetzt haben. Die Sozialdemokraten halten am nächsten Dienstag in Berlin unb m den Vororten Versammlungen gegen die Mehrheitsparteien des Pr"ch- Abgeordnetenhauses wegen ihrer Haltung zum Waal-

rechtsantrag ab. Die ganze erste Seite des sozialdemo- | maliger Schüler zur Beteiligung an der Feier ist eine kratischen Parteiorgans war gestern mit einem Ausruf an die Wähler unb mit Betrachtungen über das Wahl recht ausgesüllt.

Das Wolfssche Telegraphenbureau verbreitet folgende, allem Anschein nach offiziöse Mitteilung: Der Schluß des Landtages war, wie bekannt, für Ende dieses Monats in Aussicht genommen. Die nähere Bestimmung dieses Zeitpunktes hing für die Staatsregierung von dem Fort­gange der parlamentarischen Arbeiten ab. Das Fort­bildungsschulgesetz erhielt in der Kommission für die Ne­gierung eine unannehmbare Fassung, und es bestand keine Hoffnung, daß hierin im Plenum noch eine Aen­derung eintreten sönne. Auch die Aussicht, noch mehrere anbere Gesetze zu verabschieden, wurde durch den Ver­lauf der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses zer­stört. Infolgedessen sah die Staatsregierung trotz des glatten Fortgangs der Geschäfte im Herrenhause sich ver- aulaßt, von der erteilten Allerhöchsten Ermächtigung, den Landtag zu schließen, unverzüglich Gebrauch zu machen.

Hus Stadt und Land.

Gießen, den 30. Juni.

* Unsere Regimentskapelle erzielte ge­stern abend mit dem 3. A b o n n e m e n t s k o n z e r t einen durchschlagenden Erfolg. Eine respektable Leistung war die Ouvertüre z. OperDer Nordstern" von Meyer- beer und das launenhafte, aber sehr gefühlvolle italie­nische Tonstück von Tschaikowsky. Auch die große Fan­tasie a. d. OperTiefland" von d'Albert fand ungeteilte Anerkennung. Unter den Kompositionen des zweiten Teils war von besonderem Interesse ein Walzer aus ver neuesten Neuzeit, b<r aus Dativen bcn Nirhurd Strauß'schenR o s e n k a v a l i e r" zusammengestellt war. Man war erstaunt, von diesem allermodernsten Komponisten, der seine Noten gewöhnlich auf einen Hau­fen schüttet, einen Walzer zwar von unverkennbarer Eigenheit in altfränkischer entzückender Nippsachen - seinheit der Rokokozeit 311 vernehmen. Der Vortrag des gerade nicht sehr leichten Musikstückes stellte der Leistungs­fähigkeit unserer Negimentskapelle ein gutes Zeugnis aus. Der dritte Teil enthielt das umfangreiche Schlach­tenpotpourri von Saro: Deutschlands Erinnerungen an die denkwürdigen Kriegsjahre von 1870-71, dessen treff­liche Wiedergabe starken Beifall auslöste. Mit einem flotten Marsch schloß der genußreiche Abend.

* Morgen nachmittag wird der bekannte Gesundheilsprediger Schneider aus Weimar zwei Vorträge auf dem Iurplatz abhallen. In Nauheim und Friedberg sowie in den Taunusbädern hielt Herr Schnei­der vor zahlreichen Zuhörern bereits Vorträge. Jeden­falls dürfte es sich lohnen, den Vorträgen beizuwohnen. Näheres s. Inserat.

-p- Schutzhüllen im Vogelsberg. Als ein besonder Uebelstand für Touristen und sonstige Ge­sellschaften, welche ben Taufstein und Hoherodskopf be­suchen wollen wird sehnlichst das Bestreben von Schutz­hütten mit Ruhebänken vermißt, wenn solche von einem Gewitter, oder plötzlich eintretendem Regenwetter über­rascht werden, und überhaupt keinen Schutz vor dem Unwetter finden können wenn kein Baum und kein Strauch mehr davor schützt, und durchnäßt unverrichte­ter Sache wieder umkehren müssen. Möchte doch bei Vorstand des Vogelsberger Höhenklubs bald für An­legung solcher Schutzhüllen wie diese in anderen Gebirgs­gegenden schon längst bestehen, bald besorgt sein.

* Friedberg. Die Beeren- u. F r ü h 0 b st - Verwertung hat jetzt eingesetzt. Die Hausfrauen haben die Hände voll zu tun, um die^ reichen Ernten der genannten Obstarlen zu verwerten. Ist aber doch ge­rade das Veerenobst dasjenige, welches am schwierigsten zu behandeln ist. An unserer Gr. Obstbauschule ist des­halb ein besonderer Kursus eingerichtet worden, in wel­chem alle Verwertungsarten des Beerenobstes und zwar sämtlicher zur Zeit reisenden Arten praktisch und theore­tisch durchgearbeitet wird. Säfte, Gelees, Marmeladen, Dunstobst, Liköre und Weine werden hier behandelt. Es ist dieser Kursus ein Ergänzungskursus zu den rm .Herbst stattfindenden Hauptkursen. Jede Hausfrau und die, die es werden wollen, sollten nicht versäumen, ^da­ran teilzunehmen. Der Kursus findet am 4. >- i also kommende Woche statt. Anmeldungen pnd an die Direktion der Großh. Obstbauschule umgehend zu richten.

* Alsfeld, 30. Juni. Die Alsfelder Realschule, jetzt Oberreallchule, feiert vom 30. Ium bis 3. su n . Is. ihr 50jähriges Jubiläum. Tie Anmeldung eh -

außerordentlich große.

* Offenbach, 30. Juni. Zur Verschönerung des Schulgebäudes der technischen Lehranstalten soll ein B r u n n e n errichtet werden, für den der Geheime Kommerzienrat Mayer einen Betrag bis zn 100 000 M. zur freien Verfügung gestellt hat.

* Offenbach, 27. Juni. Ein schwerer Unfall eignete sich im nahen Froschhausen. Ein Landwirt fuhr mit seinem mit Klee beladenen Wagen in den Hof. Als die auf dem Wagen sitzende Frau und Tochter von bem Wagen absteigen wollten, zogen die Kühe an und Frau und Tochter stürzten ab. Während das Mädchen mit dem Schrecken davonkam, blieb die grau tot am Platze.

* Offenbach a. M., 28. Juni. Mit dem Ab­bruch der alten katholischen Notkirche in der Biebererstr. wurde am Montag begonnen.

* Marburg, 29. Juni. Die Landtagsersatzwahl für den verunglückten Abgeordneten, Landrat v. Wege lein, ergab den Sieg des freikonservativen Pros. Bredt Marburg, der 148 Stimmen erhielt, während auf Lauer (B. b. L.) 18 und Prof. Schücking (Fortschr. Volksp.) 16 Stimmen fielen.

*) T arm [tabt, 29. Juni. Aus Veranlassung des Jungliberalen Vereins hielt gestern Abend der Gießener Staatsrechtslehrer Pros. Dr. B i e r m e r einen Vortrag über die hessisch-preuhischeEi- s e n b a h n g e m e i n s ch a f 1. Die Versammlung war namentlich auch von höheren Beamten aller Kategorien zahlreich befud)t. Unter anderem war Finanzminister Braun erschienen. Die Ausführungen Bienners beweg ten sich in der Hauptsache im Rahmen seiner kürzlich veröffentlichten Broschüre über den gleichen ©egenftanb. Das mehr oDer weniger sachwissenschaftliche The»na, so legte der Redner dar, eigne sich nicht zu einer parteipo­litischen Behandlung. Man habe darauf hingewiesen, daß er als großherzoglich-hessischer Ordinarius der Staats­wissenschasten den hessischen und nicht den preußischen Standpunkt zu vertreten habe. Einen einheitlichen Hess. Standpunkt gebe es nicht. Nur das eine sei zu konsta­tieren, daß eine gewisse Unzusriedenheit mit dem Be­stehenden vorhanden sei. Trotz des freundlichen Bei­falls, so schreibt dieKl. Pr.", den der Redner für seine geschickt vorgetragenen Darlegungen fand, war der Vor­trag Viermers alles in allem eine Enttäuschung, und diese wurde noch dadurch vergrößert, daß eine ange­kündigte Diskussion abgeschnitten wurde, weil der Vor­tragende alsbald nach seinem Vortrag abreisen mußte. Der als Gegenredner gemeldete Stadtverordnete Henrich sah sich infolgedessen genötigt, aus das Wort zu ver­zichten. Es soll nun in einer von derFortschrittlichen Volkspartei" aus Dienstag, den 4. Juli, einberufenen Versammlung das nachgeholt werden, was gestern lei­der nicht möglich war, nämlich die notwendige Ergän­zung und Berichtigungen der Viermer'schen Aussührun- gen.

Frankfurt, 30. Juni. Ein Unbekannter, be­trat am Dienstag abend gegen 10 Uhr die Mansarde eines an der Wittelsbacher Allee bediensteten Mädchens, stellte sich als Kriminalkommissar vor und gab an, das Mädchen verhaften zu müssen. Der angebliche Kommis­sar raunte ihr aber zu, daß er von der Verhaftung ab­stehen wolle, wenn sie ihm zu Willen wäre. Sie wider­stand dem Ansinnen. DerKommissar" zog nun ein Messer, drohte ihr, den Bauch auszuschlitzen und ver­gewaltigte sie, worauf er sich entfernte. Ein gleicher Vor­fall trug sich am Abend vorher in einem Hause am Sandweg zu.

») Frankfurt, 30. Juni. Die Stadtverordne­tenversammlung stimmte in ihrer Sitzung der ^rri^ung einer Stiftungsuniversität nach Maßgabe der Magistratsvorlage und der diese ergänzenden An­träge der bürgerlichen Fraktionen mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokratie zu. Oberbürgermeister Adickes gab im Laufe seiner bemerkenswerten Rede be­kannt, daß die seit Drucklegung der Denkschrift neu hin­zugekommenen Stiftungen den Betrag von 1 Million 200 000 Mark erreicht haben.

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