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Gießener Bettunit

I (Neueste Nachrichten) (Wiestener Tageblatt)

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Verlag derGicstcncr Zeitung" G. m. b. H.

(Haus Brüder Schmidt.)

Verlag der(vicstcncr Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 125.

Telephon: Nr. 362.

Dienstag, den 30. Mai 1911.

Telephon: Str. 362.

23. Jahrg.

Der neue Bundrsltaat.

Mit 211 gegen 93 Stimmen bei 7 Stimmenenthal- lunyen ist am Freitag das große Merk der elsaß-loth- ringischen Versassungsresorm vom Reichstag endgültig in dritter Lesung angenommen worden. Man mag über den vielen Einzelhindernissen und Parteiwirrnissen wäh­rend der langwierigen Kommissions- und der Plenar- beratungen hie und da den Blick für die Größe und die Bedeutung des nun abgeschlossenen Abkommens über= sehen haben. Tatsächlich ist das Deutsche Reich um einen Bundesstaat vermehrt worden, gewiß ein außer- ordentliches Begebnis! Elsatz-Lothringen ist in die Reihe der sitz- und stimmberechtigten deutschen Bundesstaaten emgetreten. Es kann fortan seine eigenen Angelegenhei- ten selbständig ordnen, es kann an allen Ausgaben der deutschen Volksgesamtheit aktiv mitarbeiten. Es ist der etzte Schritt vor der vollen Autonomie. Diese steht im sofern noch aus, als die Verfassung, die dem Lande jetzt vom Reich verliehen wurde, auch nur vom Reiche wie­der geändert werden kann. Aber jedenfalls sind die jetzt schon gewonnenen Errungenschaften so große, daß gewiß Jahrzehnte vergehen werden, bis sich das Reichs- and in den neuen Verhältnissen heimisch gemacht und |id) der großen deutschen Mutter so innig und endaül- tlg auch innerlich verbunden hat, daß jenem letzten Schritte der absoluten Selbständigkeit, nichts mehr im Wege steht. Elsaß-Lothringen hat Großes als Geschenk erhalten, Größeres, als es im Hinblick auf bestimmte unliebsame Erscheinungen am Volkskörper zurzeit vicb leicht noch verdient hat. Aber bennod) war die Reform eine nationale Notwendigkeit. Und diesen Umstand klar ersaßt zu haben, ist das nicht hoch genug einzuschätzende Verdienst des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg.

Möge das Reichsland sich der großen Gabe nun- inehr würdig erweisen. Und möge es nie vergessen, daß es diese Gabe in erster Linie der Großmut eines Sta?- tes verdankt, für den es oft genug noch hämische Blicke und Worte hatte, der Großmut Preußens. Jetzt, da das Werk abgeschlossen ist,'muß diese Tatsache einmal nach­drücklich ins rechte Licht gerückt werden. Preußen hat ein enormes Opfer gebracht. Und man mag parteipo­litisch denken wie man will,, so kann man doch den Kon­servativen nachfühlen, wenn sie die Größe dieses Opfers als zu bitter empfanden, um bedingungslos darin ein­stimmen zu sollen. In durchaus würdiger, von wahr­haft politisch-sittlichem Ernste getragener Weise hat diese Stellung der so oft alsSpaßmacher" verschriene Abg. v. Oldenburg-Zanuschau vertreten, und während seiner Rede hat sich niemand im Saale einer tiefgehenden Wir­kung entziehen können. Es bleibt die Tatsache bestehen, daß die süddeutschen Staaten, die doch geographisch wie auch gemäß ihrem Volkscharakter und ihrer Konfession dem Reichsland um vieles näher stehen wie Preußen, das Geschenk eines sMnmberechtigten Bundesstaates an Elsaß-Lothringen von sich aus nicht gegeben hätten. Sie hätten lieber Elsaß-Lothringen in der alten abhängigen Stellung belassen, als daß sie Preußen drei Bundesrats­stimmen mehr bewilligt hätten ! Und da ward das ge­wiß nicht Alltägliche Ereignis: Preußen willigte darein, daß die drei reichsländischen Bundesratstimmen nicht gezählt werden sollen, wenn sie zugunsten Preußens ab­gegeben werden! Nur ethische Werte können für die­sen Verzicht von Preußen und vom Kanzler in die Wagschale gelegt werden, nicht politische, nicht schlecht­weg staatskluge, das darf man nicht vergessen, wenn man nicht ungerecht gegen die Haltung der preußischen Konservativen als politischer Partei werden will!

Aber die Verhandlungen im Reichstag haben noch über die eigentliche Materie hinaus eine nicht zu über­sehende Bedeutung erlangt, wobei wir uns besonders an die Adresse der Linken zu richten haben. Es geht nicht gut mehr an, im Wahlkampf von einemschwarz­blauen Block" um jeden Preis zu sprechen.Block"- Manier ist es wahrlich nicht, wenn die beiden Kontra­henten auf völlig entgegengesetztem Boden stehen und darauf bis zur Entscheidung verharren! Und ebenso sicher ist, daß man der Reichsregierung nicht mehr nach- sagen kann, sie stehe absolut im Schlepptau jenes Blocks" wie man den Konservativen nicht mehr in die Schuhe 'schieben kann, sie seien bedingungslose Regie- runas-Jasaaer ! Anderseits muß aber auch H^^orge- hoben werden, daß die Linke nicht mehr als absolute Opponentin her Regierung angesprochen und >- So­zialdemokratie nicht mehr als prinzipielle Nernsagerm um jeden Preis hingestellt werden kann. Es hat in gewissem Sinn eine völlige Umwertung aller bisherigen parteipolitischen Werte stattgefunden, °-- bat mejr als eine große Überraschung gegeben! Unter diesem Ee-

I sichtswinkel kann man mit doppelter Spannung dem ] immer näher rückenden Entscheidungskampf um die wei­tere Entwickelung der innerdeutschen Verhältnisse in den nächsten Jahren gelegentlich der bevorstehenden Reichs- tagswahlen entgegensetzen! Und so hat das elsatz-lottz- ringische Verfassungswerk national-politische Bedeutung im weitesten Sinne des Wortes erlangt!

Belsircber fonkbriblicber Parteitag.

Dem Parteitag am Sonntag ging eine Besprechung des Engeren Ausschusses voraus, in der eine Reitze von taktischen Fragen besprochen wurde. Kurz vor 10 Uhr eröffnete Justizrat Gallus-Darmstadt den Parteitag, zu dem zatzlreiche Delegierte und Parteigenossen aus dem ganzen Lande erschienen waren. Der Vorsitzende be- grützte die Gäste und^ gab eine Reihe telegraphischer Grütze zur Kenntnis. Solche waren u. a. eingelaufen: Vom VereinJung-Frankfurt", von den Vereinen der Fortschrittlichen Volkspartei Griesheim a. M., Wiesba­den, Diez a. L., Heidelberg, Baden-Baden, Stuttgart. Auch der neugewählte G i e tz e n e r Landtagsabgeord- nete Justizrat Grünewald, der beruslich am Er­scheinen verhindert war, hatte ein Begrüßungsielegramm abgesandt. Gleichfalls wegen seiner VerusspKchten mußte Pfarrer Korell den Beratungen am Sonntag vor­mittag fernbleiben. Justizrat Dr. Gutfleisch-Gießen war aus Gesundheitsrücksichten am Erscheinen verhindert.

Den Geschäftsbericht erstattete Parteisekretär Kuhl­mann. Redner streifte die Reichstagsersatzwahlen von Alzey-Bingen, Friedberg-Büdingen und Gießen- Nidda. Sie waren so führte er aus ein Be­weis für das A u f w ä r t s st r e b e n der freisinnigen Bewegung in Hessen. Die Erfolge der Partei hier­bei sind erzielt worden durch die zielbewußte Agitation der Freunde und vornehmlich durch die aufopfernde Tä­tigkeit Korells. Die rege Betätigung bei den Ersatzwah­len ermöglichte zugleich den Ausbau der Organisa­tion. Heute zählt die Organisation 113 Vereine mit rund 9500 Mitgliedern, davon sind im letzten Winter­halbjahr 15 Vereine mit 658 Mitgliedern neu ent­standen.

Den politischen Jahresbericht erstattete Stadtverord­neter Henrich-Darmstadt. Dieser griff aus den Vülow- block zurück, an dem die Fortschrittlichen im Reiche nie besondere Freude gehabt hätten. Später hätte sich nach der Reichssinanzresorm herausgestellt, daß die Scheide­linie nicht mehr mitten burch den Liberalismus durch­gegangen sei. Die Liberalen hätten sich zusammenge­funden. Die Sache stehe heute so, daß der größte Teil der nationalliberalen Partei im nächsten, Reichstagswahl- kampfe Schulter an Schulter mit dem Fortschritt in den Kampf ziehe. Allerdings, in Hessen lägen die Verhält­nisse anders. Eine Partei, die es über sich gebracht hätte, in der Stichwahl für den Zentrumskandidaten die Parole auszugeben, statt für Korell, bedürfe keines be­sonderen Leumundszeugnisses. Sie hätten eine Verstän­digung mit den Nationalliberalen tunlichst für alle hessi­schen Wahlkreise gewollt, auf der Grundlage, daß der aufzustellende Kandidat nicht der Reichsfinanzmehrheit angehöre, ferner mit dem Bund der Landwirte, den Konservativen und den Antisemiten nichts zu tun haben dürfe. Die Antwort der Nationalliberalen sei gewesen: Wir sind bereit uns zu einigen gegen die Sozialdemo­kratie. Die Mandatssrage sei untergeordneter Natur ge­wesen. Es wäre ihnen schon recht gewesen, wenn sie ein Drittel, die Nationalliberalen zwei Drittel der Man­date bekommen hätten. Redner sprach noch über den Landtag und kam dann zu dem Schlüsse, daß die Par­tei in den Wahlen zum Reichs- und Landtag voraus­sichtlich allein stehen werde. Sie würde in allen Wahl­kreisen Kandidaten ausstellen, und zw^.r 20 zum Land­tag, 9 zum Reichstag. Uever die Tätigkeit im hessischen Landtag sprach Landtagsabg. Retz-Alsfeld. Die­ser erklärte, daß die Partei beim Watzlgesetz zu irgend­welcher Arbeit nicht herangezogen worden sei. Er schloß: Nieder mit dem hessischen Reccktionsblock. W^nn wir das erreichen, haben wir eine liberale Tat getan. Dann sprach Kops ch-Berlin, der besonders be­tonte, daß die Meinung Korells inbezug auf die Zölle die gleiche wie die, der Gesamtpartei ist. Er verbreitete sich über die verschiedenen Parteien und die Art ihres Aufmarsches und warnte besonders vor der Unterschätz­ung der Gegner. Zwei Erklärungen, eine, in der beson­ders hervorgehoben wurde, daß jede persönliche oder konfessionelle Bekämpfung der Gegner ausgeschaltet sein soll und eine, in der die Stellungnahme des Landes- Ausschusses in der Einigungsfrage gebilligt wurde, wur-

I den angenommen. Ferner erfolgte die Wahl des Vor standes, des engeren Ausschusses und eines Kontroll I ausfehuffes. Nach einer kurzen Aussprache wurde der Parteitag geschlossen. Am Nachmittage erfolgte ein ge meinsamer Ausflug nach dem Nationaldenkmal, wo eine patriotische Kundgebung stattsand.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 30. Mai.

* Hessischer Rich 1 or 1 ag. Der Hessische Richtervereiil hielt am Samstag seine Hauptvcrsamm lung in Mainz ab. Landgerichtsrat Schudt referierte referierte über das Thema:Die Vorbildung der Ju­risten". Der Redner trat ein für eine Erweiterung des Kreises der obligatorischen Vorlesungen auf der Univer­sität, größere Rücksichtilahme auf den praktischen Zweck des Rechts. Weder die Unterbrechung des Studiums durch einen praktischen Vorbereitungsdienst, noch die Einleitung des Studiums durch einen solchen ist zu empfehlen, wohl aber die Einführung einer Zwischen - Prüfung, die den Studenten mehr wie bisher schon in den ersten Semestern zur Arbeit erzieht, ungeeignete (Ele mente zu ihrem eigenen Vorteil möglichst frühzeitig aus scheidet und die späteren Prüfungen entlastet. Der Vor bereitungsbienft wäre auf 3 oder 3^ Jahre zu bemes sen. Die Versammlung schloß sich den Leitsätzen des Referenten grundsätzlich an. Wad) Schluß der Versamm lung vereinigten sich die Teilnehmer zum gemeinsamen Rtittagsmahl im Gutenberg-Kasino. Eine Rheinfahrt, die vom herrlichsten Wetter begünstigt war und an der auch Damen teilnahmen, bildete den Abschluß. Die nächste Hauptversammlung wird in Gießen statt- finden.

** Staatsschuld. Nach der soeben erschie­nenen Landesstaüstik beläuft sich die gesamte verzins­bare Staatsschuld Hessens auf 4*3 8,8 3 3,3 0 8 Mark, wofür insgesamt 13 131 135 Mark als Zinsen jährlich auszubringen sind.

* Viehseuche und Jungviehweide. Der Landwirtschaftskammer-Ausschuß für Oberhessen er­läßt an alle Landwirte, welche die Jungviehweiden zu Lauterbach, Zell, Hungen und Wenings mit Vieh be­schickt haben, ein Ausschreiben, daß das Besuchen der Viehweiden seitens der Weidebeschicker wegen der bc= stehenden Maul- und Klauenseuchegefahr verboten sei. Zum Schutze der Weiden sei diese Maßregel unbedingt nötig. Die Landwirte sollen dem Weidepersonal Ver­trauen schenken; dasselbe werde schon für das Wohler­gehen der Tiere So^ge tragen. Sollte ein Tier viel­leicht bedenklich erkranken, so wird der Besitzer rechtzei­tig benachrichtigt. Selbstverständlich ist der Besuch der Weiden auch anderen Personen strengstens untersagt.

* Friedberg, 29. Mai. Im Walde zwischen Vilbel und Bergen wurde am Freitag vormittag ein Radfahrer aus Kassel erschossen ausgefunden. Der Tote trug größere Barmittel bei sich. Anscheinend liegt Selbst­mord vor.

-k- G e d e rn, 27. Mai. Aus der Jungvieh­weide HofE n 1 e n f a n g" bei Virstein ist die Maul- und Klauenseuche unter dem Rindvieh ausge­brochen. Ein Tier ist bereits der Seuche erlegen. In Mittel-Seemen wurde bei der heutigen Bür­germeisterwahl das seitherige Oberhaupt H. P e p p e l mit 29 Stimmen wiedergewählt. Sein Gedenkandidat erhielt 28 Stimmen. In Volkartshain wur­de der seitherige Bürgermeister H. Winnecker ein­stimmig wiedergewählt.

* Marburg, 30. Mai. Das Landgericht ver­urteilte nach zweitägiger bis in die Abendstunde dauern­der Verhandlung die Inhaber der Getreidesirma M. A. Strauß in Marburg, und zwar den Kaufmann A. Strauß wegen betrügerischen Bankerotts, Wechselsäl- schung und Betrugs zu drei Jahren und drei Monaten, und dessen Bruder German Strauß zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis. Die Schädigungen be­laufen sich auf insgesamt 450 000 Mark.

* ) Mainz, 29. Mai. Auf einem Bleichplatze ver­mißte man fast täglich Wäsche, bis sich herausstellle, daß der Dieb ein Hund war. Er wurde auf frischer Tat ertappt, doch wagte niemand, dem knurrenden Bur­schen seinen Raub abzunehmen, den er nach Hause zu seinem Herrn trug. Im übrigen lenkte der diebische Kö­ter auch schon vor einigen Tagen die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich, als er mit einer weißen Damen- h o [ e im Maule durch die Neustadt jagte. Die Wasch­frauen der Neustadt haben jetzt dem frechen Wäschedieb einmütig den schärfsten Krieg erklärt.