Gießener Jeilnng
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Nr. 76. Telephon: Nr. 362.
Donnerstag den 30. März 1911
Telephon: Nr. 3L2. 23. Aührg.
Abrüstung.
In den Parlamenten der europäischen Großstaaten ist es seit langem iiblich, sich alljährlich mindestens einmal über die Abrüstungsfrage und die Einführung des ewigen Friedens zu unterhalten. Auch in diesem Jahre ist das bereits mehrmals geschehen. Die unverdrossenen Vertreter des Abrüstungsgedankens und des Weltfriedens verfahren nach dem sonst bewährten Satze, daß Beharrlichkeit zum Ziele führt. Aber damit werden sie in diesem Falle nichts erreichen. Denn sie wollen, was der unabänderlichen Natur der Menschen und aller geschichtlichen Erfahrung widerspricht. Im Leben der einzelnen wie der Böller ist der Kamps ums Dasein die bewegende Kraft, und der Widerstreit und der Wettstreit der Interessen wird unter Staaten im äußersten Falle niemals anders als durch Krieg, als nach dem Worte Theodor Körners geschlichtet werden können: „Das höchste Heil, das letzte liegt im Schwerte !“
Nichts veranschaulicht besser den Widersinn der sogenannten Weltfriedensbewegung, als daß England, das, wenigstens mit Worten und auf dem Papier, an deren Spitze marschiert, seine Rüstungen am allereisrig- sten betreibt und in der neuesten Zeit mehr als einen Krieg geführt hat. Nicht minder liebt man es in Nordamerika, die Schalmei des ewigen Friedens zu blasen und die Abschaffung der Kriege zu fordern, aber das hat die Union nicht einen Augenblick abgehalten, sich mit Spanien auf kriegerischem Wege auseinanderzusetzen. Bald nach der ersten Haager Friedenskonferenz begann zwischen Ruhland und Japan, obwohl beide die Frie- densbeschlüsse unterzeichnet hatten, einer der blutigsten Kriege der Neuzeit, und nie ist ein Abrüstungsantrag schlagender widerlegt worden, als der Virchows wenige Monate vor Ausbruch des Krieges von 1870=71. Der berühmte Gelehrte begründete im preußischen Landtage am 21. Oktober 1869 seinen Antrag auf „allgemeine Abrüstung" mit der Versicherung, das französische Volk sei viel zu gebildet und friedfertig, um in absehbarer Zeit an einen Krieg gegen Deutschland auch nur zu denken. Wäre man vor 42 Jahren auf diese Torheit der Abrüstung in Deutschland eingegangen, so hätten wir heute wahrscheinlich kein Deutsches Reich und an seiner Spitze keinen Kaiser.
Krieg, nach Moltke ein Element der natürlichen und göttlichen Ordnung der Dinge, wird cs immer geben, es sei denn, daß es alle Völker und Staaten dahin bringen, in ihren Interessen völlig übereinzustimmen, oder daß ein einziger einheitlicher Weltstaat mit gemeinsamer Rechtsordnung von ewiger Dauer hergestelit wird. Weder das eine noch das andere wird jemals gelingen, und darum bleibt es ein naturwidriges,! unvernünftiges Streben, den "Krieg abschaffen zu wollen und zu diesem Zwecke abzurüsten. Wenn es überhaupt eine Friedensbürgschaft gibt, so kann sie nur in einem starken, kriegsbereiten Heere bestehen. Wollte das Deutsche Reich mit dem Beispiele der Abrüstung vorangehen, so würden dies unsere Feinde, weit entfernt, diesem Vorbilde zu folgen, als die Eröffnung der längst ersehnten Aussicht begrüßen, mit uns abzurechnen und uns von der Höhe unserer Machtstellung durch Krieg jäh hinabzu - stürzen. Daß das deutsche Heer dem französischen überlegen ist, darauf beruht hauptsächlich die Sicherheit des europäischen Friedens. Rüsten wir ab, so hörten diese Ueberlegenheit und diese Friedenssicherheit auf; jenseits der Vogesen würde dann der Gedanke der „Vergeltung" unheimlich wachsen. Die Friedenszünftler begehen den Fehler, daß sie die großen Armeen der europäischen Festlandsmächte als eine Gefahr für den Frieden behandeln während sie in ihrer furchtgebietenden Schlagfertigkeit das Gegenteil, Friedensbollwerke sind. Abrüstungen würden kriegerische Auseinandersetzungen nicht verhüten, eher dazu anreizen, und den Vorsprung und Vorteil müßten dann die haben, die dem Leichtsinn der Entwaffnung nicht oder am wenigsten gefrönt haben; die jedoch, die zu unvollkommener Kiiegsrüstung übergegan- gen sind, mühten das tausendfach büßen.
Vor allem verharren die Abrüstungsapostel unbelehrbar bei dem Erundirrtum, daß die Heere, besonders die auf der allgemeinen Wehrpflicht beruhenden Volksheere eine gänzlich unproduktive Belastung darstellen. Jahraus, jahrein kehrt in den parlamentarischen Abrüst- unqsplaudereien die Behauptung wieder, die Armee vergeude geradezu das Nationalvermögen, und der ungeheuere Druck der Heereslasten müsse den finanziellen Zusammenbruch der Staaten zur Folge haben. Schon im Jahre 1899 sagte aus der Haager Friedenskonferenz der damalige militärische Vertreter Deutschlands Oberst von Schwartzhoff: „Das deutsche Volk ist nicht unter den Militärlasten zusammengebrochen, und es geht nM der Erschöpfung und dem Ruin entgegen. Ganz im Gegenteil: die ganze Lebensstellung hebt sich von Zahr zu
Jahr". Seitdem sind diese Worte vielfach bewiesen worden. Unser deutsches Heer ist nicht nur nicht unproduktiv, sondern bedeutet als die weitaus wichtigste und wirksamste Einrichtung der allgemeinen Volkserziehung die Grundlage unserer körperlichen, sittlichen und wirtschaftlichen Kräfte und bildet den Grundpfeiler unserer nationalen Zukunft. Schon daraus erklärt sich, daß unter den Abrllstlern die Sozialdemokraten an erster Stelle stehen: kommt das Heer, dieser Grundpfeiler unserer gesamten Zukunft, ins Wanken, dann kann es sie nicht mehr allzu viel Mühe kosten, die bestehende Ordnung über den Haufen zu werfen.
Aus dem Reichstag.
Die Resolution Behrens, Kölle: Der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, die Verwaltung der Reichseisenbahnen anzuweisen, daß
1. möglichst für alle Arbeiter in den Werkstätten, Betrieb und Bahnunterhaltung Arbeileraus- s ch ü s s e errichtet werden;
2. den Arbeiterausschüssen bei Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen eine geeignete Mitwirkung ermöglicht wird;
3. in dem Bericht über die Verwaltung der Reichs - eisenbahnen auch über die Tätigkeit der Arbeiter - ausschüsse berichtet wird;
4. alle Arbeiter und Handwerker der Reichseisenbahnen nach lOjähriger einwandsfreier Dienstzeit aus dem Arbeitsverhältnis mit 14« tägiger Kündigung in ein gesicherteresAr- beitsverhältnis (Diplomverhältnis) überführt werden,
wurde einstimmig angenommen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 30. März 1911.
* Preußische Klassen-Lolterie. Die Erneuerung der Lose zur 4. Klasse muß mit Vorlegung der Lose 3. Klasse spätestens bis zum 3. April, abends 6 Uhr, geschehen sein. Auch müssen die Freilose zur 4. Klasse gegen Rückgabe der Gewinnlose 3. Klasse bis zum vorerwähnten Termin eingeforbert sein.
* Gießen, 30. März. Der Eroßherzog hat dem Bürgermeister, Ortsgerichtsvorsteher und Standesbeamten Konr. Schmidt zu Strebendors«das AllgemeineEhren- zeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" am Bande des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* Gießen, 30. März. Am Samstag abend hielt der Vogelsberger Höhenklub, Zweigverein Gießen, auf der Liebigshöhè fein Stiftungsfest ab. Musikvorträge, Gesänge der Gesangsabteilung und Einzelvorträge wechselten miteinander ab. An den Unterhaltungsteil schloß sich ein Tanz. Am Sonntag wurde ein Ausslug nach Dutenhofen unternommen.
* Gießen, 30. März. Hessischer Stu« mentag. Wie wir hören, Hal der Inhaber der Firma Georg Volk, Fabrik für Blechemballagen und Metall- waren in Rüfsèlsheim a. M., den gesamten Bedarf an Sammelbüchsen für den allgemeinen hessischen Blumentag, etwa 5000 Stück, gestiftet.
* Gießen, 30. März. Der Hessische Landesver- ein für Innere Mission hat den Pfarrassistenten Zentgraf, seither in Eustavsburg, als Vereinsgeistlichen berufen, während der seitherige Vereinsgeistliche, Pfarrer Glock in Nieder-Ramstadt, seine Tätigkeit nunmehr ganz den dortigen Anstalten widmen wird. Die Geschäfts - stelle der Landesvereins befindet sich von jetzt ab wieder in Darmstadt, Karls straße 21.
* L i ch, 30. März. Nächsten Sonntag hält der Verein der Orts- und Polizeidiener für die Provinz Oberhessen in Steins Saalbau seine diesjährige Generalversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht u. a. die Frage des Beitritts zum Verbände der hessischen Kommunalbeamten.
— Wetzlar, 30. März. Vom 13.—15. Mai findet in Frankfurt a. M. die 25. Hauptversammlung des Mittelwestdeutschen Stenographenbundes „Stolze-Schrey" statt. Bei der Akademischen Feier hält Ferdinand Schrey aus Berlin den Festvortrag über das Thema „Die Zukunft der Stenographie".
• Groß-Auheim, 30. März. Sein eigenes Grab geschaufelt hat sich hier der Totengräber. Der 45 Jahre alte Mann hieß Schmidt, war Schuhmacher und nebenbei Totengräber. Gestern fand man ihn nun auf dem Friedhöfe in der Leichenhalle, wo er sich an der Totenbahre erhängt hatte. Als man näher nachsah, fand man, daß Schmidt vorher sein säuberlich sein eigenes
I Grab ausgehoben hatte. Diese Arbeit hat er am Samstag bereits besorgt, seitdem wurde er vermißt.
* Butzbach, 30. März. Der hiesige Gemeinde i rat beschloß die Einsührung des sakultativcn Unterrichts i der französischen Sprache an der hiesigen Volksschule.
• Wiesbaden, 29. März. Wegen Unterschlag ung im Amte stand der 62jährige Eemcinderechner G. aus Riedelbach bei Usingen vor dem Schwurgericht. G. hat während des vorigen Jahres 2500 Mk. verein nahmte Holz-, Obst- und sonstige Gelder unterschlagen. Das Gericht erkannte gegen ihn aus 7 Monate Eesäng- nis.
• Dalherda, 30. März. Im nahen Walde sand man dieser Tage srischgeschlachtcles Fleisch und Würste in Schüsseln. Die „Fabrikanten" waren vor hinzukom- menden Förstern geflüchtet. Das Fleisch stammt von einem gepfändeten Schwein, das dem Besitzer angeblich aus dem Stall gestohlen und im Wald „verwurstelt" wurde.
* Frankfurt, 30. März. Zur Milchpreiserhöh- ung nahm am Montag eine Versammlung der Milch Händler Stellung. Man beschloß, die von den Land - wirten geforderte Milchpreiserhöhung abzulehnen. Die Großhändler und Molkereien haben sich mit den Händlern solidarisch erklärt. Es sind auf beiden Seiten die umfassendsten Vorbereitungen für den am 1. April bc ginnenden M i l ch k r i e g getroffen worden.
• Niederroßbach-Neustadt, 30. März. Vom Zuge überfahren wurde gestern morgen aus dem Bahnübergang an der hiesigen Station das Gefährt des Gemeinderechners. Vor den mit Sand beladenen Wa gen waren zwei Kühe bespannt, von denen eine aus der Stelle getötet wurde. Der Lenker des Fuhrwerkes kam mit dem Schrecken davon.
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