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Nr 190
Telephon: Nr. 3A2.
Dienstag, den 29. August 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
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Marokko.
Geschäfte sollte man mit Verstand und mit Gefühl abschließen, weil jeweils der hineingelegt wird, dem dec andere an Ruhe und Kaltblütigkeit überlegen ist. Uns scheint, als ob der Deutsche sich diesmal in der Rolle dieses Ueberlegenen befinde, und daß man deshalb auch daS NervöSwerden getrost den Nachbarn jenseits der Vogesen überlassen sollte. Was kümmert's uns, wenn brübtn die Generalräte mit glorreichen Vergangenheiten und ähnlichen wertlosen Erbschaftsgegen- ständen hausieren gehen, um Patriotismus zu erzeugen, und waS kann uns daran liegen, wenn Herr Monis von dem Ernst der Situation und dem Stolz der Nation redet: Für uns besteht lediglich die Frage, in welchem Umfange wir uns dafür entschädigen wollen, daß? sich Frankreich — entgegen der Abmachungen in der Algecirasakte — anschickt (seit Jahren anschickt), das blühende marokkanische Reich unter sein Protektorat zu bringen, d. h sich so festzusetzen, daß eS, von keiner Seite gestört, darin nach Belieben schalten und walten kann. Da wir aber anerkanntermaßen ein bedeutendes Interesse daran haben, daß Frankreich nicht zur unumschränkten Herrschaft in Marokko gelangt, wird es sich für uns darum handeln, in aller Ruhe die Garantien festzulegen, die wir im Interesse unseres Handels und unserer sonstigen Interessen in Südwestmarokko von Frankreich fordern müssen. Ferner werden wir auch als Entschädigung für den Verzicht auf territoriale Ansprüche in Marokko die Grenzen der Gebiete zu umschreiben haben, die aus dem französischen Kolonialbesitz in unsere Hände übergehen sollen.
Herr von Kiderlen-Wächtec hat diese Forderungen dem französischen Unterhändler schon in der vergangenen Woche klar formuliert übergeben, und Herr Cambon hat sich bereits mit dem Ministerpräsidenten, den verschiedenen Ministern, Botschaftern und anderen maßgebenden Persönlichkeiten über die Möglichkeit der Fortsetzung der Verhandlungen ins Benehmen gesetzt, um die Vorschläge zu formulieren, die man bis zur Grenze der möglichen Zugeständnisse Deutschland unterbreiten will. — Nach allem, was man von halbwegs zuverlässiger Seite zu hören bekommt, scheint man sich im M nisterrat auch bereits über die an Deutschland zu leistenden Kompensationen geeinigt zu haben und beschäftigt sich in der Hauptsache nur noch mit den Garantien, die man von Deutschland dafür verlangt, daß Frankreich in Marokko für die Zukunft freie Hand behält. Am nächsten Dienstag oder Mittwoch wird dann Herr Cambon mit einer großen Aktenmappe, gefüllt mit Vorschlägen, nach Berl'n zurückkehren, um Herrn von Kiderlen-Wächter die Wünsche und Zugeständnisse seiner Regierung zu unterbreiten. Dann wird eS an uns sein, zu bestimmen, ob der Handel endlos weiter gehen oder ein Ende nehmen soll, und zwar in Form eines Ultimatums, das der französischen Regierung die deutschen Ansprüche endgültig vor Augen hält. Oder sollen die Verhandlungen dann von neuem beginnen? Wir meinen, eS wäre dann an der Zeit, zu sagen: „Der Worte sind genug gewechselt . ."
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Hus Stadt und Land.
Gießen, den 29. August 1911.
’ In den Ruhestand versetzt wurde aus sein Nachsuchen der Lehrer an der Eemeindeschule zu Von- hauscn, Kreis Büdingen, Christian Schwalm. Aus diesem Anlaß ist ihm das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen wor- den. , ...,
♦ * Landesuniversität. Der ordentliche Prosessor an der philosophischen Fakultät der Landes - Universität Dr. Karl E r o o s wird aus sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. Oktober 1911 ab aus dem Staatsdienst entlassen.
. Don der Eisenbahn. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat folgenden Erlaß an die preußisch- hessischen Eisenbahndirektionen gerichtet: In der Preße wird darüber Klage geführt, daß es in den Zügen oft an den erforderlichen Plätzen für Raucher fehle während die Nichtraucher und Frauenabteile nur mäßig besetzt )mo. Insbesodere wird hervorgehoben, daß viele Frauen in den Raucherabteilungen zum Nachteil der Raucher Platz nehmen. Wenn auch nicht in Frage kommen kann, die Vorschriften für die Bezeichnung der Abteile in den Fugen abzuändern, so sind die gugbeamten doch anzuweisen, in höflicher Form darauf hinzuwirken daß emzelreisende Frauen und Kinder möglichst in den Fraueu- und Nich - raucher-Abteilen Platz nehmen.
) * ( Der neugegründete AutomobilkkubGie- | B c n, der sich dem „Allgemeinen Deutschen Automobilklub" (früher D. M. V.) angeschlossen hat, unternahm am Sonntag seine erste gemeinschaftliche Fahrt nach der Saalburg, wo im Saalburg-Restaurant der außerordentliche Gautag des Gaues 3 b. A. D. A.-El. tagte. Die Fahrt ging von dem Startplatz Hotel Schütz morgens 8% Uhr über Wetzlar, Braunfels Weilburg, Ufingen und Wehrheim nach der Saalburg. Die Rückfahrt wurde nachmittags 4 Uhr über Homburg, Friedberg, Bad-Nauheim, Butzbach angetreten; in Homburg und Bad-Nauheim wurde längere Zeit gerastet. Gegen 7 Uhr trafen die mit Fähnchen geschmückten Fahrzeuge — im ganzen 5 an der Zahl — wohlbehalten wieder ein. Sämtliche an der Fahrt beteiligten Wagen errangen den silbernen „Saalburgbecher", der vom Gau 3 b. A. D. A.-Cl. gestiftet ist.
-)(- Gießen, 28. Aug. Im „Felsenkeller" fand am Freitag eine Versammlung von Landwirten aus Gießen und Umgegend statt, die sich mit der Milchpreis - frage und einem Zusammenschluß genannter Landwirte beschäftigte. Direktor Hirschel-Friedberg und Landwirt Adolf Hensel-Dortelweil referierten über die diesjährige Lage des Milchmarktes, den Milchpreis in der Pro- vinzialhauplstadt und über einen Zusammenschluß der milchproduzierenden Landwirte in Gießen und dessen Umgebung. Eine anregende Aussprache knüpfte sich an die Referate. Die Redner waren der Ansicht, daß ein Zusammenschluß der Milchproduzenten, in dem nordwestlichen Teil der Provinz Oberhessen geboten sei. Zehn Landwirte aus verschiedenen Orten wurden gewählt, die die vorbereitenden Arbeiten in die Wege leiten sollen für eine am 3. September in Gießen stattfindende konstituierende Versammlung.
* Das Dünsberg-Turnfest der Turnvereine des Gaues Hessen am Sonntag erfreute sich wiederum eines sehr starken Zuspruchs seitens der Turner. Es traten 232 Wetturner an. Als Festplatz hatte diesmal nicht den Gipfel des BergeS, sondern eine schöne gelegene Waldwiese am Forsthaus bet Bieber gewählt. Nach kurzen Begrüßungsworten des 1. Gauvertreters, Stadt- rat Helm-Gießen, begannen um 11 Uhr die Freiübungen, an die sich dann das Einzelwetturnen schloß. Von den 232 Wltturnern wurden 152 als Sieger ge krönt. Die Zahl der verteilten Preise betrug 50. Preise erhielten: 1. H. Thöt - Gießen 847, P., 2. W. Loos- Gießen 83 P., 3. H. Blank-Wetzlar 76 P., 4. I. Ihlefeld-Friedberg 74^2 P., 5. H. Oberheim-Gedern 727, P., 6. W. Koch-Friedberg 72 P., 7. E. Element-Butzbach 7PA, P., 8. G. Schaab-Butzbach 71 P., 9. H. Schimpf- Marburg 69 P, 10. H. Schirmer-Gießen 68 P., 11. I. Mathäus - Niederweisel und H. Röhrsheim - Krofdorf 667o P, M. Textor-Macburg und T. Hauptvogel-Marburg 65y2 P., 18. PH. Schwab Gießen und F. Schmidt- Marburg 65 P., 14. W. Schulte Großenlinden, G. Albold Gießen und H. Leidorf-Naunheim 64^ P,. 15. A. Schmidt Heuchelheim, H. Schneider-Wetzlar, H. Kämpfer- Wetzlar und H. Dechert-Gießen. Im Eilboten lauf erhielten Preise: 1. Männerturnverein Gießen 66 Sek., 2. Turnverein Gießen 67 Sek., 3. Krofdorf 6872 Sek., Der 1. Gauturnwart Will - Gießen schloß das Turnen mit einem Gut Heil auf die Sieger.
-X- Gleiberg, 29. Aug. Nachdem der Gleibergverein in den letzten Jahren mit Unterstützung des Preußischen Staates, der Rheinprovinz, dcs Hessischen Staates, dec Kreise Wetzlar und Gießen, sowie der Stadt Gießen die gesamte noch vorhandene Ruine dec Gleiburg gründlich gegen weiteren Verfall gesichert hat, soll nun eine genaue Aufnahme und Kartierung der Burg vorgenommen werden; dabei sollen umfängliche Aufdeckungen noch vorhandener Grundmauernrester vorgenommen und besonders das Fundament des vor» Handen gewesenen zweiten und ältesten Bergfrieds einer wissenschaftlichen Durchforschung unterzogen werden. Man glaubt, das dieser ehemalge Wehrtucm überhaupt den ersten baulichen Anfang dec Gleiburg gebildet hat und daß dies dec Bau ist, dem vor nunmehr tausend Jahren Otto der Salier, der Bruder des ersten Konra- dinec', errichtet hat.
♦ Lollar. Hier hat sich Sonnlag nachmittag die bei ihrem Vater zu Besuch weilende Frau E u 1 e r aus Gießen auf dem Boden erhängt. Sie hinterläßt 4 unmündige Kinder.
* Bad-Nauheim, 29. Aug. Wie man uns mitteilt, hat den Kartenverkauf für das unterm Protektorate des Großherzogs von Hessen am 4. Sept, in Bad-Nauheim stattfindende Konzert für Gießen die Musikalienhandlung von E. Ehallier übernommen.
* Bad-Nau h-e i m. Bis zum 17. August 1911 sind 30 146 Kurgäste angekommen. Bäder wurden 381 253 abgegeben.
* Obbornhofen, 28. Aug. Gegenwärtig schweben Verhandlungen zwischen der Rentkainnier zu Lailbach und unserer Gemeindeverwaltung mögen Verkauf des hiesigen Gutes. Später gedenkt man das Gelände zu parzellieren und an einzelne Ortsbürger zu verkaufen, die Gebäude aber zu einer Zuckerfabrik anzulegen.
Schotten, 28. Aug. Der Vertrag mit der Provinz Oberhessen wegen Anschluß an die Elektrische Ueber« landzentrale in Wölfersheim wurde genehmigt.
°r- Alsfeld, 28. Aug. Für jeden früheren Schüler dec hiesigen Realschule, dec an dec Jubiläumsfeier hat nicht teilnehmen können, dürfte cs von Jntresse fein, zu erfahren, (Preis 20 Pfg.)
daß eine ausführliche Festzeitung von Adolf Rühl Alsfeld versendet
wird.
* Aus dem
N h e i n g a il Am Freitag gingen
mehrere Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen nieder. Mit einem der letzten war ein schwerer Hagelschlag ver bunden. Der Schaden wird auf viele Tausend Mark geschätzt.
* Rüsselsheim. Die Nachsorschungen nach der Ursache des Feuers lassen den Verdacht auf Brand stistung zu. In dem Gebäude, in dem das Feuer seilten Herd hatte, fehlte unerklärlicherweise das Strahlrohr am Hydranten, wie die Löschmannschaften gleich seststelltelt. Vom Brandherd mutzte sich das Feuer notwendigerweise allen umliegenden Bauten mitteilen.
* Mainz, 28. Aug. Der Obermonteur der Zellulosefabrik in Kostheim geriet in die Starkstromleitung der elektrischen Anlage und wurde sofort getötet.
* Worms, 27. Aug. Ein Wolkeubruch mit Gewitter richtete vorgestern in den rheinhessischen Gemeinden Gundersheim, Mölsheim und Hangenweis - heim großen Schaden an. Das Wasser stand teilweise meterhoch in den Ortsstrahen. In den Feldern unb Weinbergen sind die Verheerungen groß. Der Blitz richtete verschiedentlich Schaden an.
* Bingerbrück, 29. Aug. Sein 92. Lebensjahr vollendet heute am 29. Aug. Herr I. F. Herter, der Ehrenbürger von Bingerbrück. Wer den 92jährigen sieht, wird ihn höchstens für einen Siebziger schätzen. — Die Maul- und Klauenseuche hat trotz verschärfter und ausgedehnler Vorsichtsmatzregeln auf dem Lande eine Ausdehnung genommen, wie sie. kaum für möglich gehalten wurde. Die sämtlichen Viehmärkte des Hunsrücks wurden gänzlich gesperrt.
* Worms, 28. Aug. In einer Versammlung des Alldeutschen Verbandes erklärte der Vorsitzende Dr. Göbel, Deutschland habe 1866 eine starke Regierung, aber ein schwaches Volk gehabt, jetzt sei es umgekehrt, wir hätten ein starkes Volk, aber eine schwache Regierung. Bei diesen Worten erhoben sich sämtliche anwesenden Offiziere, der Oberst des 118. Infanterie-Regiment an der Spitze, und verließen demonstrativ den Saal,
• Wetzlar. Die 7 0 j ä h r. Fubiläumsfeier des Männergèsangvercins findet am 2. und 3. September unter sreundlicher Mitwirkung sämtlicher Männerchöre aus Wetzlar und Wetzlar-Niedergirmes des Turnvereins und der städt. Kapelle statt. Ter Lahntalsängerbund unternimmt an diesem Tage eine Zanger - fahrt nach hier, um durch seine Anwesenheit das Fest zu verschönen. ' _
Infolge der anhaltenden Dürre dieses Jahres könnte die Meinung entstehen, daß es richtigec wäre, für die Herbstsaaten, da wo man gewohnt ist, Thomasmehl anzuwenden, die wasserlösliche Phosphorsäure an seine Stelle zu setzen.
Demgegenüber sei darauf hingewiesen, daß auch bei den ausgetrockneten Böden in diesem Jahre die Wirkung des Thomasmehls für Wintergetrelde keines- falls in Frage gestellt ist. Es liegt^ daher keine Veran- lasfung vor, von der Anwendung des auch im Preise billigeren Thomasmehls abzugehen.
Bet zahlreichen vergleichenden Veisuchsdüngungen hat sich die Thomasmehlphoèphorsaure bet langanhaltender Dürre als die mildere, zugleich aber auch andauernder wirkende und infolgedeisen geeignet re Phos- phorsäureform erwiesen gegenüber anderen, welch letztere bei trockener Witterung nicht selten mehr oder weniger versagten.