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Verlag der ,,Oicfteuer Zeitung" 6h m. b. H.

Enthält alle amtt. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer Expedition

des Großherzoglichen

Polizei-Amtes

Behörden Gberhessens

: Zeltersweg 83.

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Verlag der(vicfteuer Zeitung" 63. m. b. H.

Nr 176.

Telephon: Nr. 362.

Samstag, den 29. Juli 1911.

Telephon: Nr. 362.

23 Jahrg.

nach einer gefährlichen Stunde

Wenn nicht alle Zeichen trügen, gab es am Mitt­wochs 26. Juli, eine Stunde, die leicht hätte ein Histo- li^ches -Latum iDcrbeii können. Zn biefer Stunde wur- bc in London in erregten Beratungen der verantwort­lichen Männer darüber entschieden, ob England sich in die deutsch-französischeUnterhaltung" über Marokko mb scheu solle, mit dem Anspruch, daß die englischen In­teressen den Inhalt des geplanten Abkommens besttm- men sollen und nicht die Deutschlands und Frankreichs. Dieser Anspruch wäre nur nach einem siegreichen Rrieg gegen Deutschland, der Frankreich zum Basallen Eng- lailds gemacht hätte, durchzuführen gewesen.

Die englische Regierung hat sich entschlossen, diesen Allspruch nicht zu erheben, vorläufig allerdings noch unter der Einschränkung, die gestern Premiermini­ster Asquith im Unterhaus gemacht hat, daß Deu'tsch - land auf Marokko verzichtet und sich anderweit von Frankreich abspeisen läßt. Bei Abmachungen über Ma­rokko will England nach der Erklärung Asquiths dabei sein. Sie überläßt es den zwei souveränen Mächten, die seit Wochen mit beiderseitigem guten Willen nach einem friedlichen und gerechten Ausgleich suchen, ihre Unter­haltung unter vier Augen fortzusetzen, auf die Gefahr hin, daß es wie im Lustspiel gehe, wo sich das Paar, das für einander bestimmt ist, solange zankt, bis es sich im letzten Aktals Berlobte" empfiehlt. Ganz so glatt wird unsere Marokkodiskussion wohl nicht verlaufen, aber man kann doch jetzt mit viel besserem Vertrauen die weitere Entwickelung abwarten, seit England, der Vater aller deutschen Hindernisse, nicht mehr hinter dem Vorhang steht und durch Zeichen und Gesten zu ver­stehen gibt, daß es auch noch da sei.

Was den plötzlichen Umschlag in England herbeige- führt hat, ist schwer zu sagen. Wenn ein Mann von so wenig chauvinistischer Art, wie Lloyd George, der wäh­rend des Burenkrieges fast gelyncht wurde, weil er der brutalen Machtpolitik seines Volkes entgegentrat, eine Rede halten konnte, die als eine Fanfare aufgefahl wer­den mußte und auch so gedacht war, so muß der feste Entschluß bestanden haben, die Sache nötigenfalls zu einem Bruch zu treiben. Und auch was sonst vorging in der Hitze durchglühten, lärmdurchbrausten, ruhelosen Hauptstadt Englands sah so aus, daß jeder politische Wetterkundige einen schweren Gewittersturm prophezeite. Ueber Nacht ist das Barometer auf einmal gestiegen. Statt Kriegsdrommeten hört man Friedensschalmeien und die dritte Division der Heimatslotte wird auf Frie- densfuß gebracht. Statt die Schutzkappen von den Ge­schützen zu nehmen, geht die Mannschaft auf 14 Tage in Urlaub, um sichbei Muttern" für den weiteren Dienst inSeiner Majestät Flotte" zu stärken. Europa atmet auf. Nur traut man dem Wetter noch nicht ganz. Was so schnell gut wird, hält oft nicht lange.

Die Entscheidung Englands wird jeder Friedens - freund freudig begrüßen. Natürlich ist sie in erster Li­nie oder ausschließlich aus egoistischen Gründen erfolgt, sei es, weil man bei sorgfältiger Ueberlegung fand, daß die deutsche Flotte stark genug sei, um einen Waffen - gang auch für England zu einer Sache aus Leben und Tod zu machen, sei es, weil die französischen Staats - männer Miene machten, zur Abwechslung nicht englische, sondern französische Politik zu machen. Aber wie dem auch sein mag: die wiederholte Hinausschiebung einer Entscheidung mit den Waffen macht es immer wahr­scheinlicher, daß früher oder später auch eine volle Ver­ständigung zwischen Deutschland und England erfolgen wird. Englischer Grundsatz war es immer, Politik mit dem Ropf und nicht mit dem Herzen zu machen. So-

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I bald es unumstößlich feststeht, daß dieses unbequeme Deutschland, das überall als Konkurrent austritt, weder durch Einkreisung, noch durch Druck und Drohung nie­dergehalten werden kann, wird man sich dazu bequemen, sich in Frieden und Freundschaft zu einigen. Raum für alle hat die Erde. England muß nur daraus verzieh ten, alles allein haben zu wollen. Dann wird es aus gezeichnet mit uns auskommen.

Hus Siads und Land.

Gießen, den 29. Juli.

* Die Ritterspiele im Zirkus Blu­menfeld. Es ist eine feststehende und durch die Erfahrungen der letzten Jahre erhärtete Tatsache, daß nur diejenigen Zirkusunternehmungen dauernd die Gunst des Publikums sich erhalten können, die bemüht sind, ihr Programm durch neue und fesselnde Attraktionen zu erweitern. Dieses schwierige Problem hat der Zirkus Blumenfeld, der gegenwärtig in unseren Mauern Vor­stellungen gibt, auf lange Zeit hinaus in glücklichster Weise dadurch gelöst, daß er die H i st o r i s ch e n Rit­te r s p i e l e, die glänzenden Turniere einer längst ver­gangenen Zeit, wieder ins Leben ries und mit der ganzen Pracht, mit der diese Spiele damals auf den weiten Höfen stolzer Ritterburgen aus gefottylen wurden, in die Arena stellte. Die geschickten und crfUbungsjci chen Regisseure des Zirkus Blumenfeld haben damit in gewissem Sinne eine erzieherische Tat vollbracht, denn sie bringen durch die ungemein lebensvolle und farben­prächtige Darstellung dieser Ritterspiele, in welchen schmetternde Heroldssanfaren zu frisch-fröhlichem Kampfe rufen, die Lanzen und Schwerter der gepanzerten Rit­ter aufeinanderklingen und holde Pagen und Edelfräu­leins zur Kurzweil gar liebliche Tänze aussühren, diese glanzvollen, romantischen Turniere dem Zuschauer viel näher, als dies die beste Schilderung eines Buches ver­möchte. Nicht einen Augenblick läßt das Interesse des Zuschauers nach, besonders, wenn die Ritter mit ge­schlossenem Bester, wallenden Büschen und kampfbereit vorgestreckten Lanzen auf feurigen Rossen gegeneinam der reiten, bis einer der Gegner in den Sand gestreckt ist. In' historischer Treue, in kostbaren, stilech- ien Kostümen und im wechselnden Glanze effektvollster Beleuchtung ziehen die bunten Bilder der Ritterspiele, der Zweikämpfe hoch zu Roß, der graziösen Tänze und der Huldigung vor dem Herrscherpaare, das unter pur­purnem Baldachin den Spielen beiwohnt, vor den Augen der Zuschauer vorüber. Namentlich die Jugend sollte nicht versäumen, sich diese Spiele anzusehen.

* Ein Gewitter mit starkem Hagelschlag entlud sich gestern abend gegen 7 Uhr über unsere Stadt. Prasselnd fuhren die weißen Kugeln, die Haselnuhgrötze hatten, auf das Pflaster und gegen die Fensterscheiben. Tn den Gärten hat derweiße Ritter" vielfach Scha­den angerickstet. Die großen Blätter mancher Zierpflan­zen und der Kohlarten sind wie ein Sieb durchlöchert, viele Blüten hat er abgeschlagen und manches Pflänz­chen geknickt. % 11 Uhr abends ging ein zweites Ge­witter nieder, das den langersehnten Regen brachte.

-e- Klein-Linden, 29. Juli. Nahe der Schö­nen Aussicht brannten 2 Kornäcker ab. Eine Schnitterin hatte Kaffee kochen wollen, dabei flog ein Funke in die

Wollen Sie etwas seines tauchen

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I dürren Halme und im Nu brannte die ganze Korn stäche ab. Die Brunnen beginnen zu versagen und die Landwirte müssen das Wasser fürs Vieh in Fäs­sern aus bem Weiher auf der Bleiche entnehmen. Viele Brunnen sind leer gepumpt.

o- Großen Linden, 29. Juli. In dem Ein­schnitt der Mainweserbahn in der Lindener Mark ent standen in den hohen Böschungen durch ^unlenaus - wurf Grasb stände; viele Akazien, mit denen die Böschung bepflanzt ist, sind mitverbrannt. Die Bahnbe­hörde hat Patrouillengänge hier und auf den oberhess. Bahnstrecken eingerichtet, um etwaigen Waldbränden vor zubeugen.

* Wad-Nauheim, 29. Juli. Die Mitteilun­gen über einen diesjährigen Zarenbesuch sollen nur Kombinationen sein. In maßgebenden Kreisen ist von einem solchen Besuch in Deutschland nichts bekannt. Der beabsichtigte Kuraufenthalt in Nauheim ist für dieses Jahr ausgeschlossen.

* D a r m st a d 1, 29. Juli. Ein geflügeltes Wort wird es wohl werden, das der Großherzog am Sonn­

tag während der Löscharbeiten beim Waldbrand von Wolfsgarten zu einem Landwirt gesprochen hat, der ihn auf die Verbreitung des Feuers aufmerksam machte

Steins Garten /. Giessen

Bes. C. Klein

Hotel Restaurant und 1. Berg«ügn«gs-

Etabliste«ent mit große« Garten

Mittagstisch Fremdenpension

n anb außer Abonnement. Bad im Hause.

Elektr. Licht. Telephon Nr. 5