Gießener Heilung
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Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
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Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 100. (L Blatt.)
Samstag, den 29. April 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Dreissig jabre deuikber Sozialpoli ik
Ein großes Werk deutscher Politik will die Reichs- tagsmehrheit nach den Osterferien unter Dach und Fach bringen: die Reichsversicherungsordnung. Das Schicksal dieses sozialen Riesengesetzes, das nach jahrelangen Vorbereitungen und Vorberatungen, nach einem gewaltigen Aufwand von Arbeit und Kampf jetzt endlich spruchreif geworden ist, soll in den nächsten Wochen, zwischen Ostern und Pfingsten, entschieden werden. Es handelt sich dabei um den Ausbau der Gesetzgebung, zu der vor nunmehr 30 Jahren, am 17. November 1881, in der denkwürdigen Botschaft des damals 84jährigen ersten Deutschen Kaisers der Grundstein gelegt worden ist. Die Vollendung der staatlichen Arbeiterversicherung steht bevor. Der große Bau der deutschen Sozialreform soll gekrönt werden, der schon heute ohne gleichen dasteht, vorbildlich, bahnbrechend, mit dem nichts verglichen werden kann, weil es seither nicht ein einziger anderer Cultur- staat auch nur annähernd zu einer gleich großartigen Leistung in der Sorge für die breiten Volksschichten gebracht hat. ä
In jener kaiserlichen Botschaft vor 30 Jahren, die in der Geschichte des deutschen Geistes und der deutschen Arbeit einen Markstein darstellt, ist die Ausgabe der „positiven Förderung des Wohls der Arbeiter" gekennzeichnet als „eine der höchsten Aufgaben jedes Gemeinwesens, das auf den sittlichen Fundamenten des christlichen Volkslebens steht". Wenn es dem gegenwärtigen Reichstage noch gelingt, diese Ausgabe in den nächsten Wochen abzuschließen, so darf er sich das Zeugnis ausstellen, zwei Großtaten von nationalpolitischer Tragweite vollbracht zu haben: Die Reform der Reichsfinanzen und der Reichs-Arbeiterversicherung.
Der Segen der Arbetterversicherung erhellt genugsam aus der Tatsache, daß nach Einführung der Reichsversicherungsordnung die Versicherungsbeiträge der Unternehmer, der Arbeiter und des Reiches sich zusammen jährlich aus nicht weniger als eine Milliarde Mark belaufen werden. Die Zahl der Versicherten wird dann, da das neue Gesetz die Versicherung auch aus die Landarbeiter, Hausindustriellen und Dienstboten ausdehnt, etwa 20 Millionen betragen. Anderwärts, z. B. in England, beginnt man erst jetzt, Anstalten zu treffen, um zu Einrichtungen zu gelangen, die sich aus unserem wirtschaftlichen und sozialen Leben gar nicht mehr wegdenken lassen, die gleichsam Gemeingut deutschen Volkstums geworden sind. Die letzte der Errungenschaften auf dem Wege, den vor drei Jahrzehnten die weitschauende christliche Arbeit und Fürsorge von Kaiser und Kanzler angebahnt haben, bilden die Witwen- und Waisenversicherung, die schon der Zolltarif von 1902 versprochen hat. Nach einem weiteren Jahrzehnt wird diese bei uns so Fleisch und Blut geworden sein, daß dann die staatlich geregelte Versorgung der Hinterbliebenen der Arbeiter für so selbstverständlich gilt, wie heute der gesetzlich sestgelegte Anspruch aus Unterstützung im Falle der Erwerbsunfähigkeit, die durch Krankheit, Alter oder Invalidität eintritt.
Bus Stadt und £and.
Gießen, den 29. April 1911.
* Gemeinnützige Baugenossenschast. Am Donnerstag traten zum ersten Mal Vorstand und Aussichtsrat der neugegründeten gemeinnützigen Baugenossenschaft zusammen, um über die zunächst nach gerichtlicher Eintragung erforderlichen Schritte zu beraten. Die im Vordergrund stehenden Fragen Geldbeschaffung und Geländeerwerb wurden eingehend erörtert und beschlossen, einer Kommission die dazu erforderlichen Vorarbeiten zu übertragen, deren Vorschläge demnächst einer Mitgliederversammlung unterbreitet werden. Man hofft zahlreich geäußerten Wünschen nach) Erbauung von E i n= samilienhäuseen mit entsprechendem Garten Rechnung tragen zu können, wenn die Geländeerwerbs- frage sich in einigermaßen befriedigender Weise lösen läßt. Weitere Anmeldungen von Mitgliedern bittet man an den Vorstand der Baugenossenschaft zu richten, der auch gerne bereit ist, jede gewünschteAuskunst zu erteilen.
-l- Der Bürger verein hielt gestern abend im Saale des Hotel Einhorn eine sehr gut besuchte Hauptversammlung ab. Aus dem Jahresbericht des 1. Vorsitzenden Lehrer Valentin Müller ist zu entnehmen, daß innerhalb des Vereins emsig gearbeitet worden ist. Die Finanzen des Vereins stehen günstig; dem Rechner wurde Entlastung erteilt. Die Vorstandswahl ergab keine Aenderung. Unter dem Titel „Verschiedenes" kam der 2. Vorsitzende Kaufmann H o r st Hürf) einmal auf die letzten Stadtverordnetenwahlen zu sprechen, für deren Vorbereitungen der Bürgerverein eine Einigung aller politischen und wirtschaftlichen Kor
porationen erstrebt hatte. Er betonte besonders, daß die dem nationalliberalen Verein von gewisser Seite gemachten Vorwürfe wahrhaftig zu unrecht gemacht worden seien. In der sich daran anschließenden Debatte wünschte Lehrer H a g e n m ü l l.e r, daß der Bürgerverein stets auf vaterländischem Boden stehen sollte; demgegenüber betonte Professor U r st a d 1, daß auch wir (er meint da- mit die Fortschrittliche Volkspariei) genau so vaterländisch sind, wie die Nationalliberalen. Trotzdem plädierte Professor Urstand, dem Vorstand anheimzustellen, in geeignet erscheinenden Fällen in der soz.-dem. „Oberhessischen Volkszeitung" Veröffentlichungen bekannt zu geben. — An die Hauptversammlung schloß sich eine allgemeine Bürgerversammlung. Zuerst wurde über die Verlegung der städtischen Aemter in die alte Klinik gesprochen. Der Bürgerverein will dazu eine bestimmte Stellung nicht einnehmen, weil seine Mitglieder in allen Teilen der Stadt zerstreut wohnen und für viele eigene Interessen mit der Verlegung der Bürgermeisterei gefährdet sind. — Zur Errichtung einer Universität in Frankfurt a. M. äußern sich Stadtverordneter Justizrat Grünewald, Professor Sommer, Apotheker Schwieder. Ès wurde die von Professor Sommer eingebrachte Resolution angenommen:
Die von dem Bürgerverein in Gießen am 28. April 1911 einberufene allgemeine Bürgerversammlung erklärt Folgendes:
„Die wahrscheinlich bevorstehende Gründung der Universität Frankfurt a. M. bringt die Gefahr mit sich, daß die Universität und dadurch die Stadt Gießen Einbuße erleiden wird. Da es den beteiligten Erohh. hessischen Faktoren nicht zusteht, gegen die Gründung der Universität Frankfurt als eine innere preußische Angelegenheit Einspruch zu ergeben, so kann ein Protest gegen diese 'Errichtung von Gießen aus nicht erfolgen. Die Abwehr gegen die eventuell begründete Universität Frankfurt kann nur in einer Zusammenfassung aller beteiligten Kräfte zum Gedeihen der Universität Gießen bestehen.
Es ist daher besonders ein zweckmäßiges Zusammenwirken zwischen Staat, Stadt, Universität und Bürgerschaft bei der weiteren Entwickelung der Bildungseinrichtungen in Gießen zu wünschen, die einerseits den Studenten, andererseits der weiteren Oeffentlich - keit zur Belehrung dienen sollen. Das Vorgehen der Stadt Frankfurt und ihr Zusammenwirken mit dem Staat erscheint dabei vorbildlich.
Jedenfalls hat die Stadt Gießen an der weiteren Entwickelung der Universität lebhaftes, nicht nur materielles sondern auch geistiges Interesse und es ist zu hoffen, daß ihre altberühmte Universität auch nach Errichtung einer weiteren Universität in ihrer nächsten Nähe durch tüchtige Lehrkräfte und gute Unter- richtseinrichtungen, sowie durch eine gute Weilerentwickelung der Stadt und durch ihre schöne Umgebung ihre Anziehungskraft bewahren wird."
Die 3. Angelegenheit: Einjährig-Freiwilligen-Einstel- lung beim Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116 soll dahin verfolgt werden, daß auch, wie früher, am 1. April solche eingestellt werden, wie es z. V. in Butzbach und Offenbach geschieht. Gießen ist durch die vor etwa 2 Jahren vom früheren Oberst von Müller ungeordnete Verfügung — die für die Bürgerschaft nicht gerade zum Vorteil war — ins Hintertreffen gekommen. — Es wurde weiter sehr rege debattiert über die projektierten Bahnen durch's Biebertal nach Gladenbach, deren Ausführung von Wetzlarer Seite zu verhindern versucht wird, und über die Linie durch's Klee - bachtal. Stadtverordneter Gabriel legte in sehr ausführlicher Weise dar, daß die Bahn durch's Biebertal ohne Zweifel sehr rentabel und für Gießen sehr wertvoll sei. Stadtv. Justizrat Grünewald sprach zur Kleebachtalbahn. Er ermahnte, daß man sich hüben wie drüben entgegen kommen solle und wünschte, daß man eine vernünftige Verkehrspolitik auch in der Gießener Stadtverordneten-Versammlung treiben möchte. Will der Staat, daß die Kleebachtalbahn jetzt in Dutenhofen einmünden soll, so könne man vorläufig damit zufrieden sein.
* Vogelschutz. Die Brutzeit einer ganzen Anzahl der lieblichsten und nützlichsten Singvögel hat begonnen. Unter ihnen sind viele, die ihr Nest unmittelbar auf dem Erdboden oder nur wenig über der Erde, in Büschen, unter altem Laub, in dem Wurzelwerk älterer Bäume re. errichten. Nachtigallen, Rot- und Blaukehlchen, die drei Laubsänger, Lerchen und Pieper, die verschiedenen Grasmückenarten 2C. Alle diese Tiere sind zur Brutzeit durch die Hauskatze außerordentlich gefährdet. Jedes Nest, das die Katze weiß, ist dem Untergang geweiht. Nicht bloß die Rücksicht auf das liebliche Familienleben des Vogels, fonbern auch auf den ureigensten Nutzen des Landwirts und Obstzüchters gibt Veranlassung zur Bitte an alle Katzenbesitzer, wenig
stens während der Brutzeit, d. i. — 15. April bis 15. Juli — die Katzen namentlich des Nachts einzusperren.
- d- Bieber b. Rodheim, 27. April. Ein großer Trauerzug bewegte sich vor wenigen Tagen durch un seren Ort, voran der Turnverein mit umflorter Fahne. Galt es doch, einem seiner besten Turner, Heim. Rinn 2., das letzte Geleit zu geben. Der noch nicht 20jährige junge Mann war aus der hiesigen Grube Eleonore am Montag nachmittag beim Reparieren einer Wasserpumpe von dem Förderkorbe erfaßt und sofort erdrückt worden. Sämtliche Beamten und die etwa 150 Mann zählende Belegschaft gaben dem so jäh aus dem Leben Geschiedenen die letzte Ehre.
- e- Biedenkopf, 27. April. Alls der Eisen - bahnbrücke bei Ferndorf wurde gestern nachmittag ein Fabrikarbeiter aus Weidenau vom Zuge überfahren und getötet.
- sch- Biedenkopf, 29. April. Gestern wurde die 26 Kilometer lange Verbindungsbahn zwischen der oberen Lahn und dem Dilltal über Oberscheld, Wallau und Biedenkopf feierlichst eröffnet. Der Ertrazug fuhr nach Dillenburg, wo im Kurhaus das Festmahl stattsand.
* Wiesbaden, 29. April. Dem voll Geisen - heim abends 7.30 Uhr nach hier abgelassenen Personenzug warf der Sturm bei der Maschinensabrik Johan- nisberg einen Holzschuppen aus das Geleise. Der Zug fuhr über die Trümmer hinweg, ohne Schaden zu erleiden.
- r- Wiesbaden, 28. April. Die Handelskammer hat sich in einer Resolution gegen das Zustandekommen des Privatbeamten-Versicherungsgesetzes ausgesprochen. Sollte das Gesetz doch zustande kommen, will sie sich für die fakultative Zulassung des Handwerks, sowie für den Anschluß der Versicherung an die Jnvalidttätsversicherung erklären.
* Hanau, 28. April. Mit Rücksicht auf die Ge fahr der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wurde die Abhaltung des auf den 3. Mai angesetzten Hanauer Zucht- und Fettviehmarkles von der Polizei - direktion untersagt.
Nervosität.
Nervös ist heutzutage die Mehrzahl der Menschen, sei es durch Neber- arbeitung, Kerger, Zchicksalsschläge oder ernste Nrankheiten.
Um die Nerven zu beruhigen und zu kräftigen wird im allgemeinen Le- ciserrin verordnet und angewandt. Le- ciserrin, ist von sehr angenehmen Geschmack, gut bekömmlich und wird von )ung und Klt gerne genommen. In ganz kurzer Zeit bessert sich das Kll- gemeinbefinden, der Kppetit und die Verdauung werden gefördert.
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