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Verlag derGießener Zeitung" G. m. b. H.

Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen

Bürgermeisterei

des Großherzoglichen

Polizei-Amtes

sowie vieler anderer ^^W Behörden Gberhessens Expedition: Selters weg 83

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Nr. 75,

Telephon: Nr. 362.

Mittwoch den 29. März 1911

Telephon: Nr. 362. 23. Jahrg.

Naffeezoll, Kaffeepreis unö Börsenspekulation.

Bekanntlich hat uns die letzte Reichssinanzresorm auch eine Erhöhung des Kaffeezolles um 10 Pfennig für das Pfund ungebrannten Kaffee gebracht. Kaffee ist ohne Frage ein Volksgetränk im wahrsten Sinne des Wortes. Die Steuer trifft daher auch mehr oder weni­ger alle Schichten der Bevölkerung und es kann nicht Wunder nehmen, daß die Parteien, welche die Unzufrie­denheit des Volkes zu parteipolitischen Zwecken aus­zunutzen versuchen, gerade im Kaffeezoll ein wirksames Agitationsmittel zu haben glauben. Die rötlich-i roten Blockbrüder von Bassermann bis Bebel treiben daher auch eine geradezu verwüstende Agitation mit dem Kas­feezoll.

Den meisten Grund, über diese Steuer zu schweigen, hätten eigentlich die Freisinnigen. Sie haben freilich ge­gen die Erhöhung des Kaffeezolles gestimmt, aber nicht deshalb, weil diese Steuer auch den kleinen Mann trifft, sondern weil der Kaffee ein beliebtes Spekulations-Ob­jekt der Börse ist. Daher verstand es sich von selbst, daß der Freisinn, der sich zu allen Zeiten als Hüter und Schü­tzer des Großkapitals erwiesen hat, gegen den Kaffee- zoll sich erklärte. Wie wenig Rücksicht der Freisinn auf die Konsumenten zu nehmen pflegt, haben die Ab­geordneten Hormann und Pachnicke dadurch bewiesen, daß sie sich für eine Besteuerung der Kaffee-Ersatzmittel (Zichorien, Malzkaffee 2c.) aussprachen. Hormann hat sogar den Vorschlag gemacht, aus diesen Kaffee-Ersatz­mitteln, die doch fast ausschließlich den ärmsten Volks­klassen den Bohnenkaffee ersetzen müssen, jährlich 80 Millionen Mark Steuern herauszuholcn! Zu diesen 80- Millionen hätten die oberen Volksschichten, die sich reinen Bohnenkaffee erlauben können, nicht einen Pfennig bei- gesteuert ! So sieht freisinnige Volksfreundlichkert aus'!

Weit nachteiliger für unser Volk als die durch die Reichssinanzresorm geschaffene Erhöhung des Kaffeezol­les sind die mit Hülse der Börse durchgesührten künst­lichen Preistreibereien, die 1906 von dem südamerika­nischen Staate Sao Paolo eingeleitet wurden. Dieser Staat kaufte damals von der 15 bis 16 Millionen Sack betragenden brasilianischen Kaffeeernte 7 Millionen Sack auf, um dadurch eine künstliche Preiserhöhung zu bewir­ken. Diese Großspekulation war nicht leicht durchzufüh­ren, weil ein Kapital von 300 Millionen Mark dazu nötig war. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es Sao Paolo, diese gewaltige Anleihe von 300 Millionen, die sogenannteSao Paolo-Kaffee-Anleihe", von Bra­silien garantiert zu erhalten. Der kleine Staat war nun in der Lage, jene 7 Millionen Sack Kaffee festzuhalten und dem Handel zu entziehen. Naturgemäß setzte nun eine gewaltige Steigerung des Kaffeepreises ein. Wäh­rend in den letzten 13 Jahren der Durchschnittspreis für 1 Pfund Kaffee im Welthandel 34 Pfennig, zeitweise sogar nur 26 bis 28 Mennig betrug, stieg er jetzt in­folge der künstlichen Preissteigerung auf 55 bis 58 Pfg.

Was bedeutet diese Preissteigerung für unsere Volks­wirtschaft ? Das deutsche Volk verbraucht jährlich 400 Millionen Pfund Kaffee. Erhöht sich also der Preis um 1 Pfg. pro Pfund, so bedeutet das also einen Ver­lust am Volksvermögen von 4 Millionen Mark. Dem­nach erleidet das deutsche Volk durch die künstliche Er­höhung des Kaffeepreises von 34 Pfg. auf 58Mg. einen Verlust von jährlich fast 100 Millionen Mark, ohne jeden Nutzen für das deutsche Reich, zum alleinigen Vorteil

Brasiliens. c ~

An und für sich ist Deutschland gegen biefe von Bra­silien unterstützte Großspekulation machtlos. Aber be­schämend und bezeichnend für das nationale Empfinden unsererdeutschen" Börse ist folgende Tatsache:

Von der 300 Millionen-Anleihe des Staates Sao Paolo zur Verteuerung des Kaffees und zur Schädig­ung des deutschen Volkes ist ein Betrag von 40 Milli­onen Mark an den Börsen von Berlin, Franksur und Hamburg zugelassen worden. Unsere Bor e bwtet also die Hand dazu, daß ein fremder Staat unser Volk um jährlich 100 Millionen schädigt!

° Für dies Verhalten gibt es keme Rechtfertigung. Es widersvricht sogar dem Börsengesetz, wonachdie Zu­lassungsstelle die Aufgabe und die Pflicht hat Empsio- neu nW zuzulassen, durch welche erhebliche allgemeine Interessen geschädigt werden, oder welche offenbar zu einer UeberDorteilung der Publikums führen?

Wenn freisinnige Abgeordnete sich für Besteuerung der Kaffee-Ersatzmittel in Höhe von 80 Millionen be- ^-m-rn kann wird das mit dem Mantel der Liebe zu- gedeckt Wenn aber der Deutsche Reichstag 35 Millio­nen Mark Kaffeezoll um der Notlage des Reiches wil­len bewilligt, dann ist das für den Freisinn Grund ge- auhureaen. Wenn aber bie Börse aus reiner Spekulationswut die Hand dazu bietet, das;

das Volk jährlich um 100 Millionen erleichtert wird, bann geht das keinem Menschen etwas an; denn Geschäft ist eben Geschäft!

Hus Stadt und Cand.

Gießen, den 29. März 1911.

*) Gießen. Der Großherzog hat den orbcntL Professor an der Universität Budapest Dr. Ludw. Schle­singer mit Wirkung vom 16. Auril 1911 an zum or­dentlichen Professor für Mathematik in der philosophi­schen Fakultät der Landesuniversität ernannt.

Gießen, 27. März. Der Provinzialtag für Oberhessen beschloß einstimmig, den mit dem hessische,! Staate abgeschlossenen Vertrag über die Lieferung elek­trischer Energie aus der vom Staate zu errichtenden elek­trischen Zentrale bei Wölfersheim, die für etwa die halbe Provinz ausreichen wird, zuzustimmen. Ebenso wur­den die Verträge mit Vuderus-Hirzenhain und mit der Stadt Friedberg wegen Abnahme von Elektrizität gut= geheißen. Nach dem mit dem hessischen Staat abge­schlossenen Vertrag baut und bestreitet dieser das Werk bei Wöllersheim, während die Provinz Oberhessen nur die Rolle des Großabnehmers von Energie dem Staate gegenüber übernimmt und zu diesem Zwecke das Ver­teilungsnetz 2c. herzustellen hat, für dessen Anlage eine Provinzialanleihe von 2 800 000 Mk. auszunehmen ist. Die Zustimmung zu der Versorgung der Provinz mit elektrischer Energie für Licht- und Krastzwecke wurde vom Provinziallandtag erteilt unter der Bedingung, daß das staatliche Werk bei Wölfersheim zustande kommt.

-n- Gießen, 29. März. Morgen Donnerstag fin­det eine Sitzung der Stadtverordneten statt, in der über die Umgestaltung der Westanlage und über den Bebauungsplan für den Nahrungsberg beraten wird.

; Wetzlar, 29. März. Dem Staatsarchivar Ge­heimen Archivrat Dr. V e l t m a n n wurde aus Anlaß seines bevorstehenden Uebertritts in den Ruhestand der Kronenorden dritter Klasse verliehen.

-m- H u n g e n, 25. März. Der Schmiedemeister und Landwirt Kohlheyer wurde von seinem Pferde an die Stirne geschlagen. Der Verletzte kam unter das Pferd zu liegen, wobei ihm dieses noch andere Verletzungen beibrachte.

* D a r m st a d t, 28k März. In der gestrigen Sitz­ung beschäftigte sich der Vorstand der Landwirtschafts - kammer mit der Erweiterung und der neuzeitlichen Ein­richtung der Haushaltungsschule in L i n d h e i m. Der Vorstand genehmigte prinzipiell den Umbau des der­zeitigen Gebäudes; die Umbaukosten sollen von der Ge­meinde Lindheim getragen und der Betrag selbst von der Landwirtschaftskammer verzinst und amortisiert wer­den. Weiter wurden noch die Bestimmungen über das Obstbau-Verbesserungsverfahren angenommen. Das Obst­sortiment für die Provinz Oberhessen wird demnächst im Druck erscheinen. Auch die Frage der Revision der der­zeitigen Bestimmungen des Körgesetzes, das erlassen wurde, bevor die Landwirtschaftskammer errichtet war, wurde eingehend besprochen. In einer späteren Sitzung wird der Vorstand über die Stellung von Abänderungs- anträgen Beschluß fassen.

* Marburg. Der König von Preußen hat den Hauptmann und persönlichen Adjutanten des Landgra­fen von Hessen Freiherrn Gunthram Schenk zu Schweins­berg zu Fronhausen a. b. Lahn zum Ehrenritter des Iohanniterordens ernannt.

Koblenz. In einem Seitental der Mosel, im sogenannten Goldbachtal, sind zahlreiche Goldfunde ge­macht worden. Stücke im Werte von 50100 Mark wurden gefunden.

Friedewald. In dèm benachbarten Leim­bach geriet der Sohn eines Handelsmannes an der Fut­terschneidemaschine mit der linken Hand so unglücklich unter die Messer, daß ihm die Hand buchstäblich abge­schnitten wurde.

Soziales.

Mißbrauch des Tarifvertrages.

Bei einer Damenschneidersirma in Wiesbaden be­schlossen die in der Mehrzahl befindlichen Milgliedei des sozialdemokratischen Schneiderverbandes, daff die chnst- lich-orqanisierten Eehilsen überzutreten oder die Arbeits­stelle zu verlassen hätten. Ihren Beschluh begründeten sie damit, der christliche Verband habe zur Zeit des Ta- risabschlusses im Damenschneidergewerbe in Wiesbaden keine Mitglieder gehabt, mithin seien sie auch letzt mchi berechtigt, in tariftreuen Firmen zu arbeiten. Das ter­roristische Vorgehen der Sozialdemokraten qt um so ver­werflicher, da es sich gegen Mitglieder einer Organtza-

tion richtet, die von Anfang ihrer Gründung an aus dem Boden des Tarifvertrages gestanden und zur Ver­wirklichung dieses Gedankens schon schwere Kümpfe be­standen hat, die bei der im Schneidergewerbe bestehen­den Tarifgemeinschaft als Milkontrahent in Betracht kommt. Letztere ist nicht von einzelnen Ortsgruppen, sondern von den Hauptvorständen abgeschlossen, hat somit Gültigkeit für alle Mitglieder der in Betracht kom­menden Organisationen. Sozialdemokratischerseits setzt man sich aber über derartige Bestimmungen hinweg, um die christlich gesinnten Schneider durch Gewaltanwendung zu zwingen, dem sozialdemokratischen Verbände beizu­treten.

Kulturdokumente.

Der Gauleiter des sozialdemokratischen Tabakarbeiter­verbandes schrieb an einen Unteragitator wörtlich wie folgt:

Werter Kollege! Die Versammlung in Philipps­burg findet am Sonntag, den 19. März statt, ich habe dies nach dort mitgeteilt. Die Christlichen werden es noch mehr versuchen, diese Schlappschwänze. Wenn am Sonntag die Christen Versammlung haben, dann geht nur hin und räumt einmal gründlich aus. Ihr habt ja genügend Leute ober holt Euch in Hockenheim noch welche. Ich. spreche am Sonntag in Rohrbach und Kirchheim. Vor allem seht in der Versammlung, daß auch unsere Leute vertreten sind und Euch bei Eintritt in die Versammlung die Rede­zeit sreigestellt wird. Wenn Ihr am Sonntag die Attacke gut besteht, dann werden die Christen zusammenschmelzen. Die Hauptsache ist die, daß diese, die reden, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, denn die Sorte will nur, daß man Sw persönlich beleidigt, Um dann Klage zu erheben, um dann zu sagen, seht wir hatten recht. Macht Eure Sache gut, dann pfei­fen Sie bald auf dem letzten Loch.

Freundlichen Gruß Christ. Stock.

Der Brief läßt einen tiefen Blick in die moralische Qualifikation dergroßartigen Bewegung zur Hebung des vierten Standes" tun. Wie schrieb doch seinerzeit der sozialdemokratische Gauleiter Ahrens:Wir müssen schlecht sein wie die Nacht." Die Erfüllung des am Schluß ausgesprochenen Wunsches, die christlichen Ge­werkschaften möchten bald auf dem letzten Loch pfeifen, werden die Sozialdemokraten nicht erleben, und wenn sie noch so skrupellos gegen sie ankämpsen.

Unter den Lebens-Versicherungsgesellschaften des In- und Auslandes nimmt bie Stettiner Ger­mania wegen ihrer Größe, Sicherheit, Leistungskraft und günstigen Bedingungen eine bevorzugte Stelle ein. Der Bestand in der Lebens- und Rentenversicherung umfaßt Ende 1910: 857 Millionen Mark Kapital und 11 Millionen Mark jährliche Leib- und Invalidenrente. Die Sicherheitsfonds betragen Ende 1910: 382 Millio­nen Mark und sind in sichern Werten angelegt, allein mit 322,33 Millionen Mark in Hypotheken-Darlehen. Weit über eine halbe Milliarde Mark sind bisher für Versicherungsbeträge und Dividenden an die Versicher­ten ausgezahlt worden. Die Bedingungen der Germa­nia sind in jeder Hinsicht günstig für die Versicherten, sie gewähren Unverfallbarkeit und Unanfechtbarkeit, die Policen sind Weltpolicen. Die Todesfall-Versicherung mit Einschluß der Invaliditätsgefahr, wonach bei der Germania schon 24 143 Versicherungen über 126,80 Mil­lionen Mark Kapital und 8,33 Millionen Mark jährliche Invalidenrente laufen, bietet eine für alle Berufskreise sehr zweckmäßige Pensionsversicherung, die in weit vor­teilhafterem Maße den praktischen Bedürfnissen Rech­nung trägt als der vor kurzem veröffentlichte Entwurf eines Gesetzes über die Pensionsversicherung der Privat- angestellten. Auch schließt die Germania Unfall- und Haftpflicht-Versicherungen zu vorteilhaften Bedingungen, die den Versicherungsschutz im weitesten Maße bieten.