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der Großherzoglichen

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Wr. 98

Telephon: Nr. 3G2.

Donnerstag den 27. April 1911

Teleph on: Nr. 362.

23. Jahrg

in besonderer Beamteneid?

Zur Verteidigung des päpstlichen Antimodernisten- eides hat das Zentrumsblatt den Vergleich gebraucht, man würde es ja auch dem Staate nicht verübeln kön­nen, wenn er von seinen Beamten einen besonderen Eid forderte, daß die Beamten nicht sozialdemokratischen Ge­sinnungen huldigen und die Sozialdemokratie in keiner Weise fördern wollen. DiePost" griff den Gedanken aus, und er ging nun auch noch durch andere Blätter.

Wir fürchten nicht, daß der Gedanke zum Ziele trägt, aber es kann doch nicht unnütz sein, ihn kurz zu er­örtern. Zunächst: der Vergleich mit dem Antimoderni­steneid stimmt bis zu einem gewissen Grade; aber die­jenigen Kreise, die den Antimodernisteneid aufs schärfste verurteilen, würden wohl ohne Zweifel auch gegen einen solchen Beamteneid Stellung nehmen, und damit fällt für die Leute, an die sich der Vergleich richtet, die Be­weiskraft fort.

Vor allem aber darf man durchaus nicht glauben, daß der Antirnodernisteneid des Papstes feinen Zweck erfüllt. Er preßt höchstens die vom römischen Dogma abtreibenden Denkenergien zusammen, wie man im Zy­linder oder im Kessel der Maschine den Dampf zusam- meupreßt, und die unausbleibliche Entladung wird spä­terhin desto gewaltsamer. Auch ein im katholischen Sinne strenggläubiger Mann braucht in dem geforderten Anti­modernisteneid einen Kraftbeweis seines Kirchentums durchaus nicht zu erblicken; denn das ist der Eid nicht. Er bindet Geistiges mit Stricken. Das war noch aller­wegen in der Weltgeschichte ein verlorenes Tun, das sich an seinen Urhebern rächte; es war immer die Verzweif­lungstat einer sinkenden Weltanschauung. Auch wer ohne diese Eidesgebundenheit innerlich mit dem Dogma in Widerspruch gerät und doch in der Kirche bleibt, ist ein Feigling, und Feiglinge wirken nicht.

Der Antimodernisteneid aber bewirkt, daß die Feig­linge sich schon im Anfang sorglich im Hintergründe halten, weil sie aus ihre äußeren Lebensmöglichkeiten bedacht sind. Die anderen aber werden Märtyrer und wenn sich die in ihnen aufgespeicherte Energie Geltung verschafft, so wird sie wirksam sein, weil die Bewegung nicht durch Halbheit geschädigt wird. Der Antimoderni­steneid bewirkt also ziemlich sicher das Gegenteil dessen, was er sollte.

Gar nicht anders wäre es unseres Erachtens mit einem antisozialistischen Eid für Beamte. Ja, da würde die Verfehltheit der ganzen Maßnahme noch deutlicher in die Augen springen. Die katholische Kirche kann ihre Geistlichen wenigstens kontrollieren; der Staat aber kann nicht die Wahlzettel der Beamten einsehen, nachdem er das geheime Wahlrecht gewährt hat.

Was würde nun aber praktisch ein Beamteneid im Sinne des Antimodernisteneides erreichen? Die Miet­linge würden sich ducken, geradeso wie es in der katho­lischen Kirche mit vielen der Fall ist. Im Innern aber frißt dann die Selbstverachtung, die alle Verufsfreudig- keit vernichtet und den Menschen zum Quälgeist seiner ganzen Umgebung macht. Wenige würden deshalb ihr sicheres Brot schwimmen lassen. Und für die Zukunft wäre auch keine Vorsorge getroffen, denn der Vater,der seinen Sohn dem Veamtenstande zuführt, kann unmög­lich voraussehen, wie sich der Sohn späterhin innerlich entwickelt.

Die Sozialdemokratie kann nicht durch solche Maß­nahmen überwunden werden. Sie wird besiegt durch die großen Gedanken, die jetzt zum Teil noch un - klar in unserem Volke gären und die sich eines Ta­ges durchsetzen gegen alle Widerstände derer, die für solche Gedanken zu kurzsichtig sind oder dabei persönliche Vorteile einzubützen fürchten. Da wollen wir heute nicht die Kraft der Widerstände stärken; es wäre ver­fehltes Tun. Wir find nicht in der Lage des, der nach einem Strohhalm greifen muß. . . .

Die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen und Hessev-Nassan.

Gemäß der im Frühjahr einsetzenden Vermehrung der Arbeilstätigkeit hat sich die Lage aus dem Arbeits­markl im Monat März erheblich verbessert.

In der M e t a l l i n d u st r i e geht die Hebung des Arbeitsmarktes über die übliche Frühjahrsverbesserung weit hinaus. Besonders meldet Frankfurt a. M. starke Nachfrage nach Arbeitskräften in den Branchen der Bau­schlosser, Spengler, Installateure und Elektromonteurs. Insbesondere gebraucht die aufstrebende Fahrradbran­che viele Arbeitskräfte und führte teilweise sogar Nacht­

arbeit ein. Ein ungünstiger Moment weist dagegen für Frankfurt a. M. die Elektrizitätsindustrie aus. Die Zu- sammenlegungspolilik hat zur Stillegung einzelner Fa- brikatiouszweige geführt. Trotzdem konnten sie das Ge­samtbild der Arbeitslage des Industriezweiges nicht trü­ben. Gut waren auch die Former, Gießer, Gelbmacher und Eisendreher beschäftigt. Aehnlich günstig wie aus Frankfurt a. M. lauten die Berichte aus anderen Orten, insbesondere aus Mainz, wo größere Neubestellungen belebend wirkten. So bestellte dort bei einer Waggon­fabrik die Heeresverwaltung 360 Stück Feldbahnwagen, wie sie zur ^förberung der Munition von den Festun­gen nach den Forts gebraucht werden. Von den Wa­gen werden in jeder Woche 5060 Stück fertiggestellt. Auch sind größere Aufträge an Neubauten und Umbau­ten an Eisenbahn-Motorwagen und Straßenbahnwagen zu verzeichnen.

Aus der Lederindustrie dagegen kommen un­günstige Nachrichten, insbesondere aus der in Offenbach a. M. ausschlaggebenden Lederwaren- und Reiseartikel- fabrikation. Günstig schneidet dagegen die Schuhs a- b r i k a 1 i o n Offenbachs ab. In der Industrie der Holz- und S ch n i tz st o s s e ist ein lebhafter Auf­schwung zu bemerken. Im Baugewerbe setzte der übliche Frühjahrsausschwung ein. In der T a b a k- i n d u st r i e klagen die kleineren und mittleren Unter­nehmer. sDas Gast- und Schankwirtschasts- g e w e r b e erlebte seinen deutlichen Saisonbeginn. Doch wurden, wie üblich, durchweg junge Leute verlangt, wodurch es schwer wurde, die ansässigen älteren und verheirateten Leute unterzubringen, die vielfach nur mit Aushilssstellen vorlieb nehmen müssen, oder arbeitslos bleiben, wenn sie nicht bei zunehmendem Alter in andere Beruse übertreten wollen.

Bei den ungelernten Arbeitern kommt natürlich die allgemeine Hebung des Arbeitsmarkts am klarsten zum Ausdruck, besonders jüngere Leute konnten auf den verschiedensten Arbeitsgebieten untergebracht werden. Nicht zum wenigsten beginnen jetzt die L a n d- wirte ihren Bedarf an Arbeitern für den Sommer zu decken, wobei die Nachfrage nach jungen Leuten beson­ders groß ist, während ältere erst in zweiter Linie ge­sucht werden. Den Arbeitsnachweisen war es nicht möglich, diese Nachfrage annähernd zu decken, da ein großer Teil der sich Meldenden nicht einstellungsfähig ist, weil er den Anforderungen der Landwirte inbezug auf Kleider 2C. nicht entsprechen konnte oder weil die Ar­beiter bessere Lohn- und Logisbedingungen stellten, als die Landwirte gewähren wollten. Auch auf dem weib­lichen D i e n st b o 1 e n m a r k t ist in fast allen Städ­ten eine stetige Steigerung der Frequenzziffern zu ver­zeichnen, wenn auch wohl noch einige Zeit vergehen wird, bis auch dieser Teil des Arbeitsmarktes von den öffentlichen Arbeitsnachweisen genügend beherrscht wird.

Von den Organen des Mitteldeutschen Arbeitsnach­weisverbandes wurden, soweit Meldungen von den kom­munalen bezw. Kreisarbeitsnachweisen und Herbergen zur Heimat vorlagen, 11 827 Stellen vermittelt (gegen 9931 im gleichen Monat des Vorjahres), darunter: Marburg a. L. 4, Weilburg a. L. 27, Wetzlar 44, Lim­burg a. L. 104, Gießen 131, Friedberg i. H. 147.

Bus Stadt und Land.

Gießen, den 27. April 1911

Eine neue Stempelmafchine für Postkarten. Das Reichspostamt stellt gegenwärtig Versuche mit einer neuen Postkarten-Stempelmaschine an, die in einer Stunde 100 000 Postkarten stempelt. Die Maschine hat den Vorzug, daß der Stempel nur auf der rechten Seite der Postkarte abgedruckt wird, wäh­rend der für schriftliche Mitteilungen bestimmte Raum frei bleibt. Die bisherigen Stempelmaschinen haben den Nachteil, daß sie einen breiten, bänderartigen Stempel- abdruck liefern und damit vielfach Teile der Aufschrift, sowie die auf der Vorderseite der Postkarte befindlichen Mitteilungen verdecken, oft sogar völlig unleserlich machen.

Die Obstbaumblüte steht zur Zeit im vollsten Flor. Schon in den Gärten unserer Stadt kann man hier und da die mit weißen und rosaroten Blüten übersäten Bäume sehen, welche wie ein riesengroßer wundervoller Frühlingsstrauß in den jungen grünen Frühling Hineinschauen. Aber noch viel schöner und prächtiger ist der Anblick und Eindruck dieser Baumblüte in den Ortschaften der Umgebung. Fürwahr ein wirk­lich herrlicher Anblick, den sich die Freunde der Natur

besonders auch angesichts des schönen Frühlingswetters nicht entgehen lassen sollten.

* Gießen, 27. April. Nach einem Rundschrei­ben des Hassia-Präsidenten an die hessischen Militärver- cine sind infolge einer Vereinbarung zwischen der hessi­schen Regierung und der Preußischen Gesandschaft in Darmstadt Gesuche von Hassia-Vereinen um Verleihung eines Kaiserlichen Fahnenschmucks nicht mehr unmittel­bar nach Berlin, sondern an das Hassiapräsidium zu richten.

* ) Gießen, 27. April. Für die freisinnigeGie­ßener Morgen-Zeitung" ist der Abend schnell her­eingebrochen. Wie uns soeben mitgeteilt wird, hat das Blatt heute sein Erscheinen eingestellt.

* Gießen, 27. April. Wie uns mitgeteilt wird, hielt nicht der hiesige, sondern der Rösener S. E. am Samstag seinen diesjährigen Kommers in Darmstadt ab.

* * Gießen. Am 21. April wurde zwischen J l- beshausen und H e rb st e i n aus dem Bahngleis der Strecke StockheimLauterbach der kurz nach 2 Uhr nachmittags in Herbstein ankommende Zug dadurch ge­fährdet, daß vorsätzlich ein Balken über die Schienen gelegt wurde. Die Kgl. Eisenbahndirektion in Frankfurt hat aus die Ermittelung des Täters eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt.

* Gießen. Der Ertrag des Blumen- 1 a g e s wird dort verwandt, wo er eingeht. Den ein­zelnen Kreisen wird also nichts entzogen. Was sie aus­bringen, kommt ihnen wieder zu Gute. Möglich ist dies, weil die Großh. Zentrale in fast allen Kreisen Zweig­stellen hat (keine Zweigvereine; Beiträge werden in diesen Zweigstellen nicht erhoben). Wo die überall von der Zentrale beantragten Zweigstellen noch nicht er­richtet sind, werden die Beträge ausgehoben, bis die Ein­richtungen (Beratungsstellen, ärztliche Beratungen 2C.) bestehen. Der Ertrag des Blumentages kommt selbst - verständlich auch allen den Einrichtungen zu Gute, die auf dem Gebiet der Mutter- und Säuglingsfürsorge be­reits früher bestanden, und die sich im Laufe der letzten Jahre fast vollzählig der Zentrale angeschlossen haben. Daß schon vor dem Bestehen der Großherzoglichen Zen­trale auf diesem Gebiete gerade von gemeinnützigen Ver­einen viel getan worden ist, ist bekannt und von der Zentrale selbst immer wieder betont worden. Es sei nur an die seit langem bestehenden Hauspslegevereine, Ver­eine zur Beihilfe für Wöchnerinnen, Beratungsstellen 2C. erinnert.

* Gießen, 27. April. Im Hotel Schütz fand auf Einladung des Hauptausschusses für den Blumen­tag unter dem Vorsitz des Herrn Regierungs-Assessor Wolf eine sehr zahlreich besuchte Versammlung hiesiger Kaufleute statt, um zu beraten, in welcher Weise die Ladenbesitzer am Blumentag zur Belebung des Stra- ßenbildes und damit zur Anziehung des Publikums bei­tragen könnten. Sämtliche Anwesende erklärten sich be­reit, ihre Schaufenster dem Charakter des Tages ent­sprechend ausschmücken zu wollen; die Art und das Maß der Dekoration müsse jedoch dem Einzelnen über­lassen bleiben. Aus der Mitte der Versammlung wurde daraus eine Kommission, bestehend aus den Herren Stadtverordneter Helm, Karl Röhr und Obermeister Sack gewählt, die es übernahm, den Gedanken der Schaufenster-Dekoration in weitere Kreise der Geschäfts­welt zu tragen.

- l- Marburg, 26. April. Die Altertums-Samm­lung des hessischen Geschichtsvereins im hiesigen Land­grafenschlosse ist eine der reichhaltigsten. Die Altertümer, die aus allen Teilen Hessens stammen, sind seit einiger Zeit geordnet und in den großen Parterreräumen des Ostbaues des Schlosses untergebracht. Sie können täg­lich besichtigt werden. Auch das Szepter der ehemaligen Universität Fulda ist vorhanden.

* Friedberg, 26. April. Der Brandstifter, der im Jlbenstädter Schloß einen Brand legte, wurde in der Person eines Dieners ermittelt und hierher in Haft ge­bracht. Er hatte sichjdadurch verdächtig gemacht, daher sich bei der Löschung des Brandes in hervorragender Weise betätigte. Wie sich bei seiner Vernehmung her- ausstellte, wollte er sich bei der Gräfin, bei der er in Ungnade gefallen war, durch seine Kettungsarbeit wie­der in Gunst bringen. Er hat bereits ein Geständnis abgelegt.

- e- Heppenheim a. d. B., 25. April. Die hie­sige Filiale der Zigarrenfabrik Knamtz-Hamburg sieht sich infolge schlechten Geschäftsganges veranlaßt, nur noch fünf Tage in der Woche arbeiten zu lassen.