Gießener Weitung
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Enthält alle amtt. Bekanntmachungen der Großherzoglichen WM des Großherzoglichen BürgermeiftereiWsDPolizei- Amtes sowie vieler anderer ^^d Behörden Gberhefsens Expedition: Seltersweg 83.
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die 44 mm breite I n s era lenze i l e. — Stellengesuche und Familie nanzeigen 10 Pfg. — Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pfg. — Extrabeilagen werden nach Gewicht und Grütze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deS ZahlungS- zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in WegfaLl. Playvorschriften ohneBcrbindlichteit.
Verlag der „Gicstencr Zeitung" G. m. b. H.
lHaus Brüder Schmidt.)
Verlag der „(üickencr Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 122. Telephon: Nr. 362.
Freitag, Den 26. Mai 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg
Bernseber Landtag.
Die Zweite Kammer erledigte in der letzten Sitzung die Nückäußerungen der Ersten Kammer zu dem G e m e i n d e u m l a g e g e s e tz. Bei Artikel 2 wurde aus Antrag des Abg. Lutz und Genossen, statt das 25fache, das 20fache des Grundsteuerbetrages eingesetzt. Der Schlußsatz zu Artikel 6 soll lauten: Der Steuerpflichtige ist nicht verpflichtet, Erklärungen über den. Wert seiner Grundstücke abzugeben. Ein Antrag des Abg. Köhler, betr. die Herabsetzung der Umsatzsteuer bei den Warenhäusern, wurde abgelehnt. Bei den meisten Artikeln beharrte die Kammer aus ihren früheren Beschlüssen.
Nach lebhafter Debatte wurde ein Antrag Wolf, der die Gültigkeit des Gesetzes aus sieben Jahre festsetzen wollte, bei Stimmengleichheit, wobei der Pizepräsident den Ausschlag gab, a b g e l e h n t, sodatz das Gesetz auf unbestimmte Dauer geht. Ein Antrag des Abg. Osann, 1919 eine Denkschrift über die Wirkungen des Gssetzes zu veröffentlichen, findet Annahme.
Hierauf erfolgt noch die Beratung des Antrages des Abg. Ulrich und Genossen aus Einführung der nationalen Einheitsschule. Abg. Raab betont, daß durch eine Einheitsschule die Interessen der Volksschule und ihr Ausbau wesentlich gefördert werden. Die Negierung lehnt es ab, von ihrem früheren! Standpunkt in dieser Frage abzugehen. Auf Antrag des Abgeordneten Bach wird die Weiterberatung des Antrages vertagt. Damit ist die Tagesordnung erledigt und die Kammer vertagt sich auf unbestimmte Zeit.
Jins Stadt und Land.
Giehen, den 26. Mai.
* Freiwilliger Eintritt in den Mi - l i 1 ä r d i e n st. Beim Telegraphen-Bataillon Nr. 3 in Koblenz werden im Herbste noch Zweijährig-Freiwillige eingestellt (Telegraphisten und Fahrer). Auch werden Zweijährig-Freiwillige für das neugebildete Luftschiffer-Vataillon Nr. 3 in Köln und Metz gesucht. Meldungen, denen ein selbstgeschriebener Lebenslaus und ein Meldeschein beizusügen sind, nimmt für beide Bataillone das Telegraphen-Bataillon Nr. 3 in Koblenz entgegen.
• Der Parteitag der Zentrumspar- t e i für den Negierungsbezirk Wiesbaden findet am
Nach dem Dünsberg.
(Ein Maiausflüg am Himmelfahrtsfeste.)
Gießen, den 26. Mai 1911.
Am Himmelsahrtstage, dem Auftakte zum fröhlichen Psingstfeste, nimmt die Frühjahrswanderlyrik eine mit Händen greifbare Gestalt an. Wer es irgend ermöglichen kann, eilt hinaus in Gottes schöne Natur. Und daß ich als „Naturschwärmer" an einem solchen Tage nicht in den vier Pfählen bleibe, ist selbstverständlich. Schon einige Tage vorher hatte ich wie weiland Kuro- patkin vor der Schlacht bei Mukden über der Generalstabskarte gebrütet, um den Kriegsplan zu entwerfen. „Vormittags und nachmittags Nauheim — abends Frankfurt", so waren die Würfel gefallen. Leider war die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn die Kontrolle der Kriegskasse hatte ein verteufelt schlechtes Ergebnis: der vorhandene Mammon reichte zu einer derartig luxuriösen Tour nicht mehr aus! Der Grundsatz des weisen Philosophen: Teile und herrsche (nämlich: Monatsgehalt) hatte hier wieder einmal seine glänzende Bestätigung — nicht gesunden. Einen kleinen Pump in Szene zu setzen, dagegen sträubte sich mein jungfräuliches Gemüt. Ich war in einer ganz scheußlichen Verfassung. Ein sehnsüchtiger Blick nach dem Abreißkalender, der mit großen schwarzen Zahlen den 23. er. ankündigte — also bald Matthäi am letzten — stellte aber einigermaßen das ins Wanken geratene europäische Gleichgewicht wieder her.
Nach langem Hin- und Herüberlegen entschied ich mich schließlich für eine Fahrt nach dem D ü n s b e r g, dem riesigen Maulwurfshügel, der mir schon seit längerer Zeit freundlich zugewinkt hatte.
So war es am Dienstage vor dem Himmelfahrts- fest geplant. Am Mittwoch regnete es fast ununterbrochen den ganzen Tag, sodaß ich aus reiner Verzweiflung eine Generalmusterung meiner „Musspritzen,, zu „deutsch" Regenschirme, vornahm. Wie der treffliche „Robinson" der Meggendorfer Blätter habe ich nämlich deren drei: Der 'ä l t e st e davon ist der sogenannte Familienschirm, dessen Bezug im Laufe der Zeit einen
nächsten Sonntag nachmittag um 3 Uhr in drei größeren Sälen in Höchst a. M. statt. Am Vormittag, um 9% Uhr, ist die Delegiertenversammlung im katholischen Gesellenhause. In den Hauptversammlungen am Nach- mittag werden Mitglieder des Reichstages und des Abgeordnetenhauses, u. a. Dr. Marr, Dr. Pieper, Linz und Landgerichtsrat Itschert sprechen.
* Der Bund der Versicherungsvertreter Deutschlands E. V. in Berlin hält in den Tagendes 28.—30. Mai in Dresden seine diesjährige 9. Bundesversammlung ab. Außer internen Angelegen- heiten werden soziale Fragen der Gegenwart sowie solche des Versicherungswesens zur Besprechung gelangen.
:: Gegen die verrückte Mode der langen Hutnadeln geht jetzt erfreulicherweise die Eisenbahnverwaltung mit der nötigen Schärfe vor. Die Direktion Saarbrücken teilt mit, daß alle Vahnbeamten angewiesen wurden, Damen mit zu langen Hutnadeln zum Entfernen der Nadeln auszusordern. Kommen sie dem Verlangen nicht sofort nach, sind sie von derMit- sahrt auszuschließen und aus dem Bahnhof zu weisen.
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* Lollar, 25. Mai. Die vier großen Schlote der Vuderusschen Mainweserhütte, deren Betrieb nach Wetzlar verlegt ist, wurden Mittwoch durch Spreng u n g von Pionieren niedergelegt. Damit stnd die letzten Spuren des einzigen Hochofens m O'oer- Hesfen vernichtet.
* Friedberg, 24. Mai. Hier tagte gestern im „Hotel Trapp" eine aus Mitgliedern des Bundes der Landwirte unb der Nationalliberalen Partei im Wahlkreise Friedberg-Büdingen bestehende Kommission, die zu dem Zwecke von den offiziellen Parteivertretungen eingesetzt war, um eine Einigung zwischen den Nationalliberalen und dem Bunde der Landwirte auf einen Kandidaten herbeizuführen. In dieser Kommission aber herrschte volle Einmütigkeit. Man beschloß, weiter Umschau nach einem geeigneten bürgerlichen Kandidaten 311 halten. Die Fortschrittliche Volkspartei war an der Beratung nicht beteiligt.
-n- Friedberg, 26. Mai. Die Firma Friedrich Roßbach, Lackfabrik, hat anläßlich ihres 60jährigen Bestehens zum Andenken an ihre Gründer, die Summe von 1 0 0 0 0 Mark an die evangelische Kirchen-Gemeinde als Grundstock für die Erbauung eines Schwesternhauses überwiesen. — Bei der Obduktion der
„fuchsigen" Anstrich bekommen hat. Er wird nur in der Dunkelheit benutzt. Nr. 2 ist für gewöhnliches Regen- wetter am Tage bestimmt. Nr. 3 ist das Prachtstück, der Nenommierschirm, der nur Sonntags in Gebrauch genommen wird, und auch dann nur, wenn die völlige Gewißheit besteht, daß es nicht regnet.
Inzwischen „strippelte" es lustig weiter. Ich nahm Regenschirm Nr. 1 und lief noch gegen 8 Uhr abends zur Post, um die amtliche Wettervoraussage zu studieren: 1. Zeitweise auf heiternd — also wenigstens ein Trost — 2. S 1 r i ch r e g e n — der tot- sicher Gießen und Umgegend trifft, während Seckbach und Umgegend Sonnenschein hat — 3. Gewitter — das ist schon seit alters her der Fall — 4. Westliche Winde . . . aus der Regenecke.
Also eine nette Prognose für das Himmelsahrtsfest!
Bei meiner Rückkehr vom Postamle kollidierte Nr. 1 auf dem Selterswege mehrere Male mit verschiedenen Spezies seiner Gattung, aber der alte Veteran behauptete siegreich das Feld.
Der Himmelfahrtstag brach an. Die amtliche Wettervoraussage hatte sich geirrt, ich hatte mich geirrt, und der vierbeinige Hausgenosse meines Freundes hatte sich geirrt. Der Firköter wollte der Wetterprognose nicht einmal das aufheiternde Moment zugestehen. Am Mittwoch fraß er permanent Gras in den städtischen Anlagen, was bekanntlich „Hundewetter" für die nächsten Tage anbeutet.
% 7 Uhr huschte der erste Sonnenstrahl durchs Zimmer, und gegen 8 Uhr schien die Sonne sogar 10 Minuten lang ununterbrochen.
Bei der Auswahl der Schirme befolgte ich die Politik der mittleren Linie und wählte Nr. 2.
10.20 fuhr ich in Begleitung eines jugendlichen Wandergenossen mit dem „Bieberlieschen", das mit lustigem „Vim-Vim" die Chaussee entlang krabbelte, dem Düns- berg entgegen. Majestätisch schauten die alten Burgruinen Gleiberg und Vetzberg auf das Zügle herab. In Rodheim stiegen wir aus und wanderten nach F e l-
Leiche der plötzlich verstorbenen Frau Wagner würben innere Verletzungen nicht konstatiert, jedoch steht fest, daß die Verstorbene infolge eines Nervenchoks, hervorgerufen durch die brutalen Mißhandlungen der Frau Bornträger, verschieden ist. Ob infolge dieses Resultates der Obduktion vom juristischen Standpunkte aus vorgegangen werden kann, ist fraglich.
Darmstadt, 23. Mai. Der gemeinsame Aus- ffug der Mitglieder der beiden hessischen Kammern in Gemeinschaft mit den Regierungsvertretern und der Presse nach Jugenheim an der Bergstraße brachte die zahlreichen Teilnehmer im Sonderzug zum gemeinsam men Mittagsmahl dorthin. Zur allgemeinen Freude er- schren der seit über einem Jahr erkrankte erste Präsident der Zweiten Kammer, Geheimrat Haas, im Automobil rn verhältnismäßig vorzüglichem Gesundheitszustände. Er brachte einen Toast auf den Großherzog aus und begrüßte insbesondere auch die Mitglieder der Ersten Kammer. Vizepräsident Korell begrüßte u. a. auch die Vertreter der Presse und endete mit einem Hoch auf das Hessenland. Fürst Isenburg-Birstein, Sekretär der Ersten Kammer, wünschte, daß diese Ausflüge sich alljährlich wiederholen, er toastete auf Geheimrat Haas. Geheimrat Wildbrand dankte im Namen der Regierung und lehrte sein Glas auf die Kammer. Redakteur An- häuser dankte im Namen derPresse. Inzwischen waren auch die Minister Ewald, Braun und Rombergs mit mehreren Mitgliedern der Regierung und der ' Ersten Kammer erschienen. Es erfolgte eine photographische Aufnahme unb ein gemeinsamer Spaziergang nach See- Heim zu gemütlicher Rast. Gegen 8 Uhr abends erfolgte bic Rückfahrt im Sonderzug.
*) Marburg, 26. Mai. Am 1. Juni wird die normalspurige Bahnstrecke Zimmersrode-Dens- b e r g, Teilstrecke der Nebenbahn Zimmersrode-Gemün- den (Nohra), als Nebenbahn eröffnet. Die neue Bahnstrecke wird dem hiesigen Betriebsamt zugeteilt. — Die Ersatzwahl zum preußischen Abgeordnetenhause für den verstorbenen Landrat von Wegelein wurde auf den 19. und 28. Juni angesetzt.
* Heidelberg, 24. Mai. Das Gesamtergebnis der immatrikulierten Studenten für das Sommersemester ! 1911 beläuft sich aus 2450 (im Vorjahre 2413). Die Zahl der Hörer beträgt 160 (i. V. 139), insgesamt also 2610 Studierende (i. V. 2552). Diese Zahl stellt die höchste bisher erreichte Frequenzziffer dar.
lingshausen, wo in dem netten Wirtshause des Herrn Weber 5. fröhliche Einkehr gehalten wurde. Nachdem wir uns hier zu dem bevorstehenden Aufstiege gestärkt hatten, ging es unter der kundigen Führung eines lieben Bekannten bergan. Nach kurzer Wanderung über schwellendes Wiesengelände erreichten wir den Wald.
Sonnenstrahlen durchzitterten das zarte Laub und malten mit schlichter Palette den kostbarsten Teppich unter den schreitenden Fuß. Leuchtendes Grün sproßte aus allen Zweigen; der Kuckuck grüßte uns, und munter plaudernd stiegen wir aufwärts. Doch bald begann die scharfe Steigung; verschiedene Male mußten wir uns verschnaufen, bis wir endlich nach halbstündiger angestrengter Wanderung oben landeten. Frisch strich der Wind über die Kuppe. Nachdem wir uns ein wenig abgekühlt hatten, bestiegen wir den Aussichtsturm. Ein zarter Dunstschleier, der die Fernsicht behinderte, lag über der Landschaft ausgebreitet. Gießen, Wetzlar, der Kalsmunt, der Stoppelberg und die Hügelketten bei Gladenbach und Marburg waren sichtbar. In verschwommenen Umrissen tauchten auch der Vogelsberg und der Taunus aus der Ferne auf. Wir waren entzückt von dem geschauten Bilde und priesen den Dünsberg mit hohen Worten.
Da aber schwärmerische Gemütserhebung allein den Körper nicht auftecht erhalten kann, so wurde an einer Holztafel der gute Stoff des Gastwirts Schlierbach aus Bieber, der oben den Restaurationsbetrieb hat, probiert. Nachdem wir noch unsere Namen ins Fremdenbuch eingeschrieben hatten, schickten wir uns zum Abstiege an. Wir wählten den etwas beschwerlichen Weg über Bieber, wo sich unser freundlicher Führer verabschiedete.
Ohne einen Tropfen Regen wurde diese herrliche Tour beendet. Alles war nach Wunsch abgelaufen; nur ein einziger Mißton mischte sich in den Freudenbecher, nämlich der, daß ich meinen Renommierschirm nicht mit auf den Dünsberg genommen hatte. -ck-