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Hietzener Jettung

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Nr. 97.

Telephon: Nr. 362.

Mittwoch den 26. April 1911

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Die politische tage in Hellen.

Die Aenderung des Landtagswahlrechts für das Großherzogtum Hessen ist infolge des Zusam­menwirkens der Nationalliberalen, der Fraktion des Bau­ernbundes und des Zentrums gegen die Fortschrittliche Volkspartei, die Sozialdemokratie und drei Stimmen zweier rechtsstehender Wilder und eines linksgerichteten Nationalliberalen vor einigen Tagen erfolgt. Dadurch ist die bisherige Parteigruppierung aus der einen Seite Nationalliberale, Bauernbund und Zentrum, aus der an­deren Fortschritt und Sozialdemokratie zunächst für die hessische Landespolitik wieder befestigt worden. Be­reits im Jahre 1908, wo der Kampf um das direkte Wahlrecht im Mittelpunkt der Landtagswahlbewegung stand, gab es diese Koalitionen. Den rechtsstehenden Parteien gelang es dank ihres Zusammenwirkens, die beiden Landtagsmandate in Mainz den Sozialdemo­kraten abzunehmen und mit einer Ausnahme den bis­herigen Besitz zu behaupten. Die Fortschrittlichen hiel­ten durch ihr Bündnis mit den Sozialdemokraten das stark bedrohte Friedberg und eroberten das Mandat von Mombach-Ober-Jngelheim. Den Sozialdemokraten end­lich gelang es, lediglich durch freisinnige Hilfe, die Land­tagsmandate von Offenbach-Stadt (Ulrich) und von Of- fenbach-Land vor dem gemeinsamen Ansturm der Na- tionalliberalen und des Zentrums zu retten. Die Land- tagswahlen im Herbst 1911, durch die die Hälfte der Mandate erneuert werden, werden ein Nachspiel zu den Kämpfen um das direkte Wahlrecht für den hessischen Landtag bilden. Diese Tatsache wird dafür bestimmend sein, daß die Parteien sich in der bisher üblichen Weise auch bei den kommenden Landtagswahlen gruppieren werden.

Damit sind auch die Bahnen vorgezeichnet, in denen sich in Hessen der

Aufmarsch der Parteien zur Reichstagswahl vollziehen wird.Hie rechts, hie links!" wird auch bei den Reichstagswahlen die Lo­sung sein. Daran, daß für ganz Hessen eine Einigung der Nationalliberalen und Freisinnigen erfolgen wird, ist nicht zu denken. Es mag vielleicht sein, daß in ein­zelnen Wahlkreisen, wo es gegen einen Antisemiten geht, der Freisinn mit dem Nationalliberalismus gemeinsame Sache macht, zu einer liberalen Einigung, die das ganze Land umfaßt, wird es jedenfalls nicht kommen. Der Führer der Nationalliberalen in Hessen, Reichslagsab­geordneter Dr. Osann, legt Wert darauf, die Brücken nach rechts hin nicht abzubrechen. Auch hierfür ist der Grund auf dem Gebiete der Landespolitik zu suchen, denn die Landtagsfraktion der Nationalliberalen ist mit dem Bunde der Landwirte eng verwachsen, ein sehr großer Bruchteil der nationalliberalen Abgeordneten ist Mitglied des Bundes der Landwirte. Würde die Ge- samtpolitik der hessischen Nationalliberalen nach links hin gravitieren, dann würden die ländlichen Abgeord­neten fast ohne Ausnahme der nationalliberalen Frak­tion den Rücken kehren und sich der Fraktion des Bau­ernbundes, in der reinagrarische Abgeordnete sitzen, an­schließen. Eine solche Spaltung der Partei will Dr. Osann vermeiden, deshalb seine Zurückhaltung in der Frage des Zusammenwirkens aller Liberalen, das die Spitze gegen den in Hessen stark organisierten Bund der Landwirte richten werde. Ferner wäre es auch nickst denkbar, daß die Parleikonstellaüon, die im Herbst 1911 für die Landtagswahlen vorhanden sein wird, bereits bei den Reichstagswahlen im Januar 1912 sich ver­schieben wird. Auch aus diesem Grunde darf man nicht aus ein gesamtliberales Bündnis rechnen. Im wesent - lichen werden die Parteien der Rechten (zu denen in Hes­sen auch die Nationalliberalen gehören) aus der einen Seite und die Parteien der Linken aus der anderen Seite zusammenwirken.

Der Bund der Landwirte tritt in keinem Wahlkreise mit einer eigenen Kandidatur hervor. In Offenbach-Dieburg, Erbach-Bensheim, Gießen-Nidda und Alsseld-Lauterbach-Schotten wird er die Kandidatur der Wirtschaftlichen Vereinigung, in Worms - Heppenheim, Alzey-Bingen, Friedberg-Büdingen, Darmstadt-Groß - Gerau unterstützen. Was der Bund in Mainz-Lppen- heim machen wird, ist schwer zu sagen. Die Ratio- u a l l i b e r a l e n dürften vielleicht zu einer Einigung in Gießen-Nidda, Ossenbach-Dieburg und Mainz-Op­penheim mit den Freisinnigen kommen, in den anderen Wahlkreisen gehen sie allein vor, in verschiedenen (Os­senbach-Dieburg, Darmstadt-Eroh-Gerau und Bingen - Alzey Pfarrer Korell) haben sie bereits eigene Kandidaturen ausgestellt. Das Zentrum kann von den Reichslagswahlbezirken höchstens in Mainz das

Mandat erobern. In den anderen Wahlkreisen kommt es nur als Minoritätspartei in Betracht, die Zahl seiner Anhänger ist in einigen Wahlkreisen z. B. in Darm- stadt-Groh-Gerau, in Eietzen-Nidda, Alsseld-Lauterbach- Schotten nicht von großer Bedeutung, dagegen bil­det es in anderen Wahlkreisen das Zünglein an der Wage. In Alzey-Bingen hat das Zentrum bereits be- chlossen, für die Nationalliberalen (Dr. Becker-Sprend- ingen) einzutreten, in Friedberg-Büdingen scheint es hierzu ebenfalls Neigung zu besitzen. In Offenbach - Dieburg hat es die Entscheidung darüber in der Hand, ob der Kandidat der Wirtschaftlichen Vereinigung oder der der Liberalen mit den Sozialdemokraten in die Stich­wahl kommt. Aehnlich ist es in Erbach-Bensheim. Für )ie Stärke der Fortschrittlichen Volkspar.

e i besteht zur Zeit kein Maßstab. Denn die Wahlen von 1907 lassen keine Schätzung der jetzigen Anhänger­zahl der Linksliberalen zu. Sie haben zweifellos Fort- chritte gemacht, denn sie haben fleißig in den letzten 6 Jahren agitiert und ihre Organisation, die vorher arg in Verfall geraten war, ausgebaut und vergrößert. Die Sozialdemokraten besitzen zurzeit die Mandate von Friedberg-Büdingen, Mainz-Oppenheim und Offen­bach-Dieburg. Sicherer Besitz sind alle drei Wahlkreise nicht. Dagegen ist es nicht ausgeschlossen, daß sie noch Darmstadt-Groß-Gerau erobern. Aus jeden Fall gehen im ersten Wahlgange die Sozialdemokraten allein vor und stellen in allen Wahlkreisen eigene Kandidaten aus. Bei den Landtagswahlen und bei den Stichwahlen ist mit einem Zusammenwirken mit den Freisinnigen zu rechnen.

Hur Stâdi und Land.

Gretzen, den 26. April 1911

* Preußische Klassenlotterie. Die Er- neuerungs- und Freilose 5. Klasse können gegen Vor­zeigung der Vorklassen- und Gewinnlose in Empsang genommen werden.

-r- Gießen, 26. April. Gestern vormittag sand die Besichtigung unseres Regiments durch den komman­dierenden General v. Eichhorn statt. Um 1 Uhr kehrte die Truppe in die Kaserne) zurück. Die Besichtigung ist die erste unter dem neuen Obersten.

-e- Gießen. Der 6. Mai soll im ganzen Hessen­lande ein Tag der Freude aller Bevölkerungskreise für unsere kleinsten Erdenbürger sein. Wer das Helle Kin­derlachen recht versteht, wer da mitsühlen kann, wie selbst in der armen Hütte um das gute Gedeihen des Säug­lings über die Kräfte hinaus gesorgt wird und wer da weiß, daß oft unverschuldet das Notwendigste für das Neugeborene nicht vorhanden ist, der möge am 6. Mai sein Scherslein mit beisteuern zur Milderung der Not und des Elends unserer Säuglinge und deren Mütter.

* Familienunterstützung für Reser- v i st e n. Die zu einer Landwehr- und Reserveübung einberufenen Mannschaften, welche für ihre Familie eine Unterstützung zu beanspruchen gedenken, können auf eine solche nur dann rechnen, wenn der Antrag nach § 1 Absatz 3 des Gesetzes, betreffend die Unterstützung von Familien der zu Friedensübungen einberufenen Mann­schaften vom 10. Mai 1892 innerhalb vier Wochen nach Beendigung der Uebung gestellt ist. Spä­tere Anträge werden fortan stets abgelehnt werden. Es ist auch gestattet, schon vor Antritt derUebung um Bewilligung der Unterstützung zu bitten, damit diese während der Uebungszeit zur Auszahlung an die Fa­milie des Uebungspslichtigen gelangen kann.

* Karl Schönherr, der Dichter vonGlaube und Heimat", will gegen die Romanschriftstellerin Ba­ronin Handel-Mazetti und gegen den Pater Schmidt Beleidigungsklage erheben, falls sie nicht durch umfassende Ehrenerklärungen ihre Plagiat-Beschul­digungen zurücknehmen.

* Der Stand der Saaten. Nach der so­eben veröffentlichten Zusammenstellung des kaiserlichen statistischen Amts betrug der Saatenstand im Deutschen Reiche Mitte April, wenn 1 sehr gut, 2 gut und 3 mit­tel bedeutet, für Winterweizen 2,7, Winterspelz 2,9, Win­terroggen 2,8, Klee 3,0, Luzerne 2,9, Bewässerungs - wiesen 2,6 und andere Wiesen 2,9. In den Bemerk­ungen zum Saalenstand heißt es: Die Witterung des Winters 1910-11 war im allgemeinen recht mild. Der Frühling setzte zeitig ein. Umso ungünstiger wirkte der in den ersten Tagen des April plötzlich eintretende Wet­tersturz. Eine unangenehme Folge des milden Winter- wetters bildeten die ungemein zahlreich auftretenden Feld­mäuse. Umpflügungen dürften infolge des Mäusefraßes und der scharfen Aprilfröste in ziemlich erheblichem Um­

fange nötig werden. Die Nachrichten über den Stand der Wintersaaten lauten im großen und ganzen nicht besonders günstig. Mud) Futterkräuter Klee und Luzerne finden bis jetzt im allgemeinen nur mittelmäßige Be­urteilung. Sie sind infolge der Aprilkälte in der Ent­wickelung weit zurückgeblieben oder auch abgefroren oder auch stark von Mäusen zerfressen. Es müssen daher, be= anders beim Klee, viele Felder umgepflügt werden. Auf den Wiesen ist der Graswuchs noch ganz gering; ie stehen teilweise noch unter Wasser.

* Einen großen Fortschritt in der C h o l e r a b e h a n d l u n g hat der englische Arzt Leonard Rogers erzielt. Bisher starben in dem Eho- ^eraherd Kalkutta, trotz sorgfältigster Behandlung, etwa U Prozent der erkrankten Patienten; von Europäern ogar 80 Prozent. Der Krankheitserreger ist seit Jahren lekannt; seine Lebensweise, die in ihm produzierten Gifte und die Erzeugung von Gegengiften im Tier - Organismus sind zum Gegenstand sorgfältiger Unter­suchungen gemacht worden und trotzdem das enttäusch­ende Resultat in der praktischen Bekämpfung der Krank- )ett! Erst die eminent fleißigen systematischen Versuche Rogers haben eine Wendung zum Besseren Herbeige - ührt; die Sterblichkeit ist unter den nach seiner Vor­schrift behandelten Fälle auf 23,3 Prozent, also auf bei­nahe nur ein Drittel der früheren, heruntergegangen. Und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die weitere Forschungsarbeit Rogers noch weitere Verbesserungen bringen wird. Diese in Europa noch unbekannte Be­handlung der Cholera beschreibt Dr. H. Jinck, Arzt des K. Generalkonsulats in Kalkutta, in der neuesten Num­mer der U m s ch a u, F r a n k s u r t a. M. (Wochen - schrift über die Fortschritte in Wissenschaft und Techilik). Die Arbeit des Herrn Dr. Jinck wurde mit Rücksicht auf die große Wichtigkeit, welche alle therapeutischen Be­strebungen bei Cholera besitzen, und aus die bedeutungs­vollen Ergebnisse der Rogerschen Maßnahmen mit dem halben Umschaupreis für Medizin prämiiert.

* Weilburg, 25. April. Der 29jährige Holz­hauermeister Müller aus Cubach stürzte mit dem Rade und starb an dem erhaltenen Schädelbruch.

* Berghausen, 24. April. Ein Brauer hatte aus dem Acker Reisig und Absälle zum Verbrennen aus- geschichtet. Ein 8jähriges Mädchen wurde von den Flammen erfaßt und starb nach kurzer Zeit an den er­littenen Brandwunden.

* Klein-Linden, 25. April. Im nahe ge­legenen Hörnsheim zündete ein dreijähriges Kind eine Scheune des Landwirts Bopp an.

* Friedberg, 25. April. In der letzten Stadt­verordnetensitzung verursachte eine Mitteilung des Vor­sitzenden Bürgermeister Stahl unter den Stadtverordne­ten eine große Sensation. Als der Stadtverordnete Langsdorf eine Anfrage wegen eines Beschlusses der Ver­sammlung wegen Bereitstellung von Baugelände erin­nerte und eine diesbezügliche Frage an den Bürgermei­ster richtete, erklärte der Bürgermeister folgendes: Der von mir ausgearbeitete Ortsbauplan für die Gegend vom neuen Bahnhof, der über das Kreisamt dem Ministe­rium zur Genehmigung übersandt wurde, zeigte deut­liche Spuren, daß an ihm unterwegs von dritter Seite herum hantiert worden ist. Sogar Veränderungen wur­den in frivolster Weise daran vorgenommen. Die Art der Veränderungen, sowie die gesamten Vorgänge in dieser Art, lasse aus die Urheber, bezw. deren Auftrag­geber schließen. Sie sind nur in den Kreisen der Grund­stücksspekulanten, welche in der fraglichen Gegend be­gütert sind, zu suchen. Er habe deshalb ein Schreiben an das Ministeriutn gerichtet, des Inhalts, daß er nur dann noch weiter der gesetzlichen Vorschrift genügen könne, wenn er die Garantie habe, daß seine Pläne nicht in die Hände Unberufener gelangen. Diese Aus­führungen riefen natürlich in der Versammlung die größte Aufregung hervor. Die Beschwerde des Bürgermeisters wurde von den Stadtverordneten einstimmig gebilligt. Die Angaben des Bürgermeisters, welche nach Vekannt- werden auch unter der Bürgerschaft große Erregung her- oorriesen, sind so schwerwiegender Natur, daß die Bür­ger Friedbergs hoffen, volle Aufklärung in der Oeffenl- lichkeit über diese Affäre zu erlangen.

()'Den Breslauer Bahnrekord hat R. Scheuermann, welcher bekanntlich erst neulich auf seinem schnellen Brennaborrade einen neuen Weltrekord über 50 Kilometer aufstellte, am letzten Sonntag geschlagen und vor H. Przyrembel und Mauß beide Läufe des 30 und 50 Kilometer-Rennens um den großen Frühjahrs­preis als Erster beendet. Vr. Wegener, der gleichfalls Brennabor fährt, gewann das Hauptfahren, das Prä­mienfahren und das Handicap.