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Hietzener Peitung

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vierteljährlich 1^0 Mk., vorau-zahlbar, frei ins HauS. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig- auSgabestellen vierteljährlich 1,2V Mk. Erscheint

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der Großherzoglichen

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des Grohherzogttchen

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Nr 172

Telephon: Nr. 362.

Dienstag, den 25. Juli 1911.

Telephon: Str. 362.

23. Jahrg.

Das milizwesen.

Der französische sozialistische Abgeordnete Jean Jau- res hat soeben eine Schrift veröffentlicht, in der er seine Ansichteti über dieHeeresresvrm" ausspricht. Jean Jau- res will ohne weiteres das Milizwesen der Schweiz aus Frankreich übertragen. Die heranreifende Jugend soll in einer Rekrutenschule ausgebildet werden, die von al­len 21 Jahre alten Jünglingen besucht werden soll. Wad) dem Besuch der Rekrutenschule beginnt der eigent­liche Dienst in dem sogenannten Bürgerheere, in dem der Soldat 14 Jahre bleibt. In dem' Bürgerheere soll er im ganzen 8 Uebungen machen. Von diesen Uebun­gen haben 4 eine Dauer von 21 Tagen mit Schluß - Manöver, 4 eine elstägige Dauer zur besonderen Aus­bildung. In der übrigen Zeit ist der Bürgersoldat von jedem Dienst befreit. Dann kommt er vom 34. bis 40. Jahre in die Reserve, in der kein Dienstzwang besteht; vom 40. bis 45. Lebensjahre gehört er dem Land sturm an, natürlich gleichfalls ohne Dienstzwang. Die Rekrutenschule soll von Berufsunterofsizieren und Be­rufsoffizieren geleitet, der Borbereitungsunterricht von Bürgeroffizieren erteilt werden. In dem Bürgerheere sind die Unteroffiziere durchweg Bürgerunteroffiziere, während die Offiziere nur zu einem Drittel Berufsoffi­ziere finb.

Die höheren Offiziere sollen fast ausschließlich den Abiturienten der höheren Schulen entnommen, und den Universitäten sollen besondere Abteilungen angegliedert werden, die für die militärische Ausbildung der höheren Offiziere zu sorgen haben. Diese Auserwählten sollen indessen vor jeder Beförderung einen mindestens drei­wöchigen Lehrgang durchmachen. Weiter befürwortet er freiwillige Schieß- und Marschübungen außerhalb der eigentlichen Wiederholungskurse. Sie sollen durch ver­schiedene Mittel besondere Förderung erhalten.

DieseResormvorschläge" haben bei unseren Sozial­demokraten begeisterte Ausnahme gefunden. Da ist es nicht mehr als billig, an einen nicht allzu weit zurück­liegenden Vorgang zu erinnern: an die begeisterten Ver­suche der Berliner Studentenschaft, nach dem Tode- nig Friedrichs 7. von Dänemark im Herbst 1863 ein Freikorps zur Befreiung der Elbherzogtümer vom dä­nischen Joche zu begründen.

Feierlich war er ins Leben gerufen worden unter der Führung von Berliner Studenten, und mit jugendlicher Begeisterung wurde sofort für die nötige Kriegstüchtig- keit desselben durch fleißige Uebung des langsamen Schrittes und eines freiwilligenKriegsmarsches" ge­sorgt. Zum Glück für diese Helden machte aber der Himmel an dem für den Marsch festgesetzten Tage ein furchtbar griesgrämiges Gesicht. Es regnete in Strö­men. Die unangenehme Folge war zunächst, daß min­destens zwei Drittel diesesBürgerheeres" vorzogen, überhaupt zu Hause im warmen Bett zu bleiben und den Marsch Marsch bleiben zu lassen. Ein mutiges Drittel war aber doch bereit, den Kampf gegen das nasse Element mit den nötigen Regenschirmen auszu - nehmen. Mit diesen bewaffnet, zog das Heer vom Ren- dezvousplatz am Reuen Tore aus, geteilt in 2 Korps, denFreund" und denFeind", tapfer der Jung- fernheide zu. Es kam aber nur bis Moabit. Um sich zunächst die nassen Füße ein wenig zu trocknen und zu erwärmen, ging derFeind" gleich bei der Ahrensschen Brauerei in Stellung, und das mutete denFreund", als er es durch seine Kundschafter erfuhr, so an, daß er ebenfalls seine Marschrichtung dorthin nahm. So er­folgte der erste Zusammenstoß auf der Veranda des da- mals viel besuchten Brauhauses. DieseMarschübung" zog sich bis nach Mitternacht hin, wo endlich milder zehnten Tonne ahnungsvoll die letzte der Düppeler Schanzen erstürmt wurde undFreund" undFeind manchen Braven auf der Walstatt ließen.

Das war die erste und die letzte Tat des be­rühmtenBürgerheeres" von 1863. ZN Schleswig-Hol­stein selbst überließ es vorsichtig und klug nunmehr den Vorantritt bei den kriegerischen Operationen derabge­schlossenen Kaste" der 35er und 60er, Die als echte Ber­liner Kinder bewiesen, was sie als wohlerzogeneLeib­wache des Königs" zu leisten vermochten.

Reicbstagswablvorbereitungen.

* In der in Friedberg stattgefundenen Ver- fammlunq der nationalliberalen Vertrauensmänner des Reichstagswahlkreises Friedberg-Büdingen wurde Amts- aerichtsrat Straâ zu Gießen einstimmig als Kan­didat für Friedberg-Büdingen für die kommende Reichs- tagswahl proklamiert und es einstimmig für gut g -

I heißen, daß der Kandidat im Falle seiner Wahl sich | als Hospitant der nalionalliberaleu Fraktion an[d)lic[V. Die Beschlüsse der anderen bürgerlichen Parteigruppen bezüglich Annahme der gemeinsamen Kandidatur Strack stehen noch aus.

Landtagswablvorbercitungen

* In der in Darmstadt abgehaltenen Ver- fammlung der sozialdemokratischen Partei wurde Redak teur Knoblauch als Landlagskandidat für Darm- stadt ausgestellt. In Weinheim fand letzte Wo che unter dem Vorsitz des Abg. Dr. Borheimer-Worms, als Vorsitzender des Reichstagswahlbezirks, eine aus den Gemeinden des Landladswahlkreises Heppenheim - Viernheim gut besuchte Aertrauensmännerversammlung der Zentrumspartei statt. Der bisherige Abgeordnete Uebel wurde einstimmig wieder ausgestellt. Der Vor­stand des 1. oberhessischen Reichstagswahlkreises Gie- ßen-Grünberg-Ridda der nationalliberalen Partei hielt in Gießen eine Besprechung über die bevor­stehenden Wahlen zum 35. Landtag ab. Es wurde einstimmig die Ansicht ausgesprochen, daß in den in Frage kommenden Landlagswahlkreisen ein Zusammen­gehen mit der fortschrittlichen Volkspartei stattfinden solle. Eigene Kandidaten wurden infolgedessen noch nicht in Vorschlag gebracht.

Hus Stadt und Land.

Gießen, den 25. Juli.

* Ein st a r k e s Gewitter, das den lang­ersehnten Regen brachte, zog in der letzten Nacht gegen 2 Uhr über unsere Stadt. Die erhoffte Abkühlung hat es aber nicht gebracht, sondern nach wie vor sen­det die Sonne mit unverminderter Kraft ihre Strahlen auf die Erde nieder.

* Aus Oberhessen, 25. Juli. Die Maul- und Klauenseuche greift in Oberhessen bedenklich um sich. Auch im Kreise Büdingen, der bisher noch unver­seucht war, ist sie gestern ausgebrochen und zwar in dem Orte Hitzkirchen im südlichen Vogelsberg. Die Be­hörden scheinen in Anbetracht der großen Gefahr jetzt noch strengere Maßnahmen anzuwenden, zumal das Vauernfest am Sonntag die Seuche nach Bettenhausen brachte. So ist das beabsichtigte Posaunenfest des Ober- hessischen Posaunenchor--Verbckndes in Wettersel,d auf später verlegt worden. Auch die Sperren und andere Sicherheitsmaßregeln werden strenger durchgeführt. In Oberhessen ist jetzt nur noch ein Kreis von der furcht­baren Seuche verschont geblieben, der Kreis Alsfeld. In Holzheim, Ettinghausen, Oberhörgern und Eberstadt breitet sich die Seuche immer noch aus. Wie verlautet, besteht die Absicht, in Holzheim sämtliches Kiauenvieh abzuschlachten.

*) Alsfeld, 25. Juli. (R a d f a h r e r f e st.) Der hiesige RadfahrerklubBrabant" feierte sein 10jähr. Stiftungsfest am letzten Sonntag.

*) Offenbach, 24. Juli. Die feierliche Grund­steinlegung der evangelischen Friedenskirche hat gestern stattgefunden.

*) Offenbach, 25. Juli. In einer Versamm­lung der Milchhändlervereine von Offenbach und Um­gegend wurde am Montag beschlossen, den Milchpreis vom 1. August an von 22 auf 24 Pfennig zu erhöhen.

* Darmstadt, 25. Juli. Die hessische Hand­werkskammer teilt mit, daß am 31. Juli der Melde - schluß für die Meisterprüfung ist, und daß nach die­sem Termin Anmeldungen für dieses Jahr nicht mehr angenommen werden.

* Aus Rheinhessen, 25. Juli. Der pracht­volle Stand der Obstbäume wird durch die Hitze un­gemein benachteiligt, da die noch nicht reifen Früchte, besonders aber die Zwetschen wegen Mangels an Feuch­tigkeit abfallen.

-b- Weilburg, 25. Juli. In der unlängst statt­gehabten Generalversammlung einigte man sich, daß das Gebiet der Museumserwerbungen vorzugsweise den Ober­lahnkreis, und zwar nicht nur Attertumsgegenstände, sondern auch merkwürdige Funde in historischer Bezieh­ung umfassen soll. Ferner sollen Briefe und Tagebü­cher der Veteranen von 1864, 1866 und 1870=71 ge­sammelt werden. Es ist Aussicht vorhanden, daß die großherzoglich-luremburgische Schloßverwaltung außer geeigneten Räumlichketten im Schlosse auch noch 17 < wertvolle Gegenstände aus dem Schlosse, die sich zur Ausstellung im Museum eignen, leihweise zur Verfü­gung stellen wird.

* Biedenkopf, 25. Juli. Der Tierzuchtiuspek tor Herweg aus Handorf i. W. ist zum Tierzuchtiuspek tor für das Zuchtgebiet der Vogelsberger Rasse mit dem Dienstwohnsitz Biedenkopf bestellt worden und hat seinen Dienst bereits angetreten.

* Marburg, 25. Juli. Als Rektor der Univer füät für das Amtsjahr 1911 12 wurde Professor Dr. Scheu k, Direktor des physiologische)) Jnflituls, ge wählt.

Frankfurt, 25. -Juli. Die diesjährige Rog genernte ist zurzeit aus bem Gelände beiderseits der Mainzer Landstraße in vollem Gange. Den Arbeite rinnen, die die Aehren in Garben binden, folgen als bald die großen Leiterwagen, und die Frucht wird direkt" verladen und nach der Scheune gefahren, so daß Rogge)), der um 3 Uhr noch auf dem Halme staub, schon um 6 Uhr auf der Tenne lagert. Die Frucht ist überreif, die Halme, ja selbst die Aehrenkolben sind von der Hitze derart dürr, daß sie beim Anstoßen abbrechen und viele Körner ausfallen.

*) Heidelberg, 25. Juli. Infolge der ab normen Hitze sind bei Schweinetransporten aus Nord deutschland nach de)) Städte)) Heidelberg, Mannheim und Neustadt etwa 2 5 0 S ch w c i n c umgekom m e n. Die Labungen waren vorschriftsmäßig erpediert, sodaß weder dem Transporteur noch der Bahn eine Schuld zuzumessen ist.

Der Berliner Zeitungsstreik und die Inserenten.

Was besonders interessiert, das ist die Tatsache, daß durch den Streik den Inserenten u))widerleglich der Wert der Z e i t u n g s ^ A )) n o n c e n bargetan worben ist. Eine Rundfrage, die der Zeitungs-Verlag in großen Berliner Geschäfte)), namentlich in den Wa renhäusern vorgenommen hat, hat ergebe)), daß durch den Wegfall der großen Anzeigen in den Tageszeitun gen eine wesentliche Besuchs- und Umsatzverri))geru)ig in den Geschäften hervorgerufen worden ist. Ueber die Höhe des Ausfalls waren genaue Angaben nicht zu erhalten. Einzelne Geschäftsinhaber gaben rückhaltlos zu, daß sie durch den Fortfall der Insertion einen empfind lichen Einnahmeausfall gehabt haben. Eine der größ­ten Berliner Firmen hat die schädigende Wirkung des Streiks für die Inserenten sofort erkannt unb ohne Zau dern.ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen. Sie ließ noch am Sonnabend von ihren im Satz bereits stehenden An­zeigen 600 000 Prospekte drucken und diese durch 400 Austräger in Groß-Berlin und Vororten verteilen. In teressant ist es, die durch eine solche Prospektverteilung entstehenden Kosten einmal zu berechnen. Ganz niedrig veranschlagt kosten 600 000 Prospekte, Druck und Pa­pier pro 1000 4 Mark gleich 2400 Mk. Verteilen pro 1000 3 Mark gleich 1800 Mark. Summa 4200 Mark. Für ganzseitige Anzeigen in den größten Berliner Blät­tern geben die großen Kaufhäuser aber durchschnittlich pro Insertion 3000 Mark aus, so daß gegenüber der Prospektreklame mit direkter Verteilung von Haus 311 Haus bei der Insertion eine Minderausgabe von 1200 Mark zu verbuchen ist, ohne daß die Reklamewirkung eine geringere wird. Im Gegenteil. Die durch ben Zeitungsstreik herbeigeführte Einnahmeverminderung auf der einen und Erhöhung der Reklamespesen auf der anderen Seite stellt also einen ganz konkreten Fall dar, der dieBedeutung derAnzeigen für den täglichen Geschäftsverkehr zur Genüge kennzeichnet. Es läßt sich gar nicht leugnen, daß selbst bei stärkster Konkurrenz die Anzeigen in den Ta­geszeitungen eine ganz wesentliche Belebung des Mark tes durch Steigerung der Kauflust herbeiführen. Die Hausfrau ist heute gar nicht mehr daran gewöhnt, Straße auf Straße abzulaufen, um in den Geschäfts - auslagen nach ihren Wünschen entsprechenden Dingen zu suchen. Es ist ihr vielmehr zur Gewohnheit gewor­den, morgens am Kaffeetisch bereits die Anzeigen in der Zeitung zu studieren, um günstige Einkaufsgelegenheilen festzustellen. Sache der Verleger ist es nun, aus der Tatsache, daß durch diesen bestimmten Fall anläßlich des Berliner Zeitungsstreiks nicht nur die Nützlichkeit, son­dern vielmehr die unbedingte Notwendigkeit des Inserierens für den täglichen Warenverkehr glatt be­wiesen worden ist, die rechte Nutzanwendung zu ziehen und allgemeine Einwände gegen die Zweckmäßigkeit von Anzeigen durch den Hinweis auf diese beweiskräftige Tatsache zu widerlegen. Der angebliche Mißerfolg der Inserenten hat meistens seinen Grund nicht in der .^cm berwertigfeit der Zeitung, sondern vielmehr in der wenig zweckmäßigen Fassung her Anzeige oder in er Untauglichkeit des Neklameob;ekts für einen größeren Absatz.