Kiekener Bettung
Bezugspreis 50 pfg. monatlich
vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint Mittags 3 Uhr. — Die „Jllustr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amll. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen |^l des Großherzoglichen
Bürgermeisterei
M .* .
Polizei-Amtes
sowie vieler anderer ^^^-> Behörden Gberhessens
Expedition: Zelters weg 85.
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 Pfg.
die 44 mm breite Jnferatenzeile. — Stellengesuche und Familien an zeigen 10 Pfg. — Die 90 mm breite Zeile im R e k l a m e t e i l 50 Pfg. — Extrabeltagen werden nach Gewicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deS ZahlungS- zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 96.
Telephon: Nr. 362.
Dienstag den 25. April 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Leisterkamps gegen die Sozialdemokratie.
Von Pros. D. F. Mahling-Berlin.
Aus dem Boden der christlichen Weltanschauung stehend, haben wir in wirtschaftlichen Fragen nur unseren Standpunkt hinsichtlich der Prinzipien zu wahren und als Prinzip sestzustellen, daß das Gebot der christlichen Liebe es durchaus nicht zuläßt, daß einer in der menschlichen Gesellschast aus Kosten des andern unter Anwendung von Betrug, Aussaugen der Arbeitskraft seines Nebenmenschen und dergleichen, seinen eigenen Vorteil, seinen Gewinn und Genuß sucht. Wir haben deshalb solche Einrichtungen zu bekämpfen, die zur Ausbeutung des einen durch den anderen führen und un- sein Einfluß dahin auszubielen, daß Gesetze gegeben werden,, welche die Versuchung reich zu werden aus Holten des andern ohne redliche Arbeit durch bloße unsinnige Spekulation nicht nur aufs möglichste beschrän- r 1 fon™.n !m öffentlichen Leben ganz abzuschncidcn suchen. Wir haben ferner daraus zu achten, wie am besten Mittel und Wegä gesunden werden könnten, um einen Ausgleich des Besitzes im gesellschaftlichen Leben herbeizuführen, Wege der Produktion und Konsumtion auf welchen jedem Mitglied der Gesellschaft nach Möglichkeit ein auskömmliches Dasein geschaffen würde, so daß es im letzten Grunde nur noch eine selbstverschuldete durch Leichtsinn oder Verschwendung oder Genußsucht herbeigesührte Armut gäbe, aber nicht mehr eine Armut, die zum großen Teile ohne Verschulden immer weitere Kreise des Mittelstandes in ihren Bereich hineinzieht.
Die Sozialdemokratie will nichts vom Christentum und christlicher Weltanschauung wissen, und wenn etwas in ihrem Zukunftsstaat außer Kraft gefetzt werden soll, dann ist es der«sGlaube an einen allmächtigen, barmherzigen Gott, bann ist es der Glaube an Jesum Christum als der Welt Heiland. Und so sehen wir sofort wieder die Frage, die uns hier bewegt, ist keine bloß wirtschaftliche, sondern eine Frage des Kampfes zweier Weltanschauungen, der christlichen und widerchristlichen, welch letztere von Gott und Christo absieht und einem nackten Materialismus und Naturalismus huldigt.
In der Sozialdemokratie hat diese widerchristliche Weltanschauung in starrer Konsequenz ihren schärfsten Ausdruck gefunden, und das ist es, was wir an ihr bekämpfen. Aber gerade darüber wollen wir uns nicht täuschen, dieser widerchristliche Naturalismus und Materialismus findet sich wahrhaftig nicht allein in der Sozialdemokratie, sondern er hat allenthalben in unserem Volksleben in wahrhaft erschreckender Weise um sich gefressen, und ist gerade in den Kreisen so verbreitet, welche sich die Herrschaft in unserem Volksleben anmaßen, welche in der Presse und an der Börse die öffentliche Meinung in unserem Volke zu bilden suchen und dabei sie mißbilden. In unseren streng christlichen, erweckten Kreisen hat sich ein gewisser Quietismus eingebürgert, der mit dem persönlichen Christenleben zufrieden, zu wenig Energie entfaltet, dasselbe auch im öffentlichen Leben durchzusetzen; man ist froh und glücklich über die innere Freude, die das persönliche Glaubensleben gewährt, man man gibt dem Glauben an den Heiland auch für sein eigenes Leben alle Macht und jeglichen Einfluß, aber man denkt zu wenig daran, daß, wie das Christentum auf das Herz des einzelnen, so auch auf das Herz eines ganzen Volkes einen bestimmten Einfluß hat und haben muß. Gewiß ist das Christentum vor allen Dingen etwas persönliches, eine lebendige Gemeinschaft mit dem persönlichen Heiland der Seele, Jesus Christus; für den einzelnen Christen ist diese persönliche Herzensstellung die Hauptsache; aber wir dürfen dabei nicht stehen bleiben- wir müssen verlangen, daß wir auch an unser Volksleben den Maßstab des christlichen Glaubens an- leaen dürfen, und müssen darauf hinarbeiten mit aller Ent chiedenheit, daß auch unser öffentliches Leben durchdrungen ist von dem Geiste christlichen Glaubens und christlicher Liebe. Aus der SelbstgenügsamkeU des em- reinen christlichen Glaubenslebens heraus nicht energisch genug die Durchdringung des öffentlichen Lebens mit christlichem Geist durchwirkt zu haben, ist eine Schuld streng christlicher Kreise. Die andere Schuld hegt auf Seiten der Namenchristen, die selbst von dem Hauch christlichen Geistes wenig berührt, demselben den Ein gang in das öffentliche Leben möglichst ^âMeren und vermehren. Möchten wir doch einmal wirklich Ernst damit machen, in die Oèffentlichkeit hineinzurusen, daß alle Einrichtungen unseres Volkslebens, jeder Verkehr, Han
del und Wandel, unsere Gerichtsbarkeit, unsere Presse, unsere tägliche Arbeit, unser ganzes politisches und soziales Leben durchwirkt und durchzogen sein soll von dem Geist des Evangeliums, und daß auch die Besitz- und Erwerbsverhältnisse durchaus unter den Gesetzen des christlichen Glaubens und der christlichen Liebe stehen — und wir werden erleben, wie wir von vielen Namen - christen mit unseren Bestrebungen ausgelacht, verspottet, verurteilt werden. Aus diese Weise wird denn der Einfluß des christlichen Glaubens aus unser Volksleben immer mehr zurückgedrängt, von dem einen vernachlässigt, von dem andern verwehrt: und wie hat sich das in der ganzen liberalen Gesetzgebung, im Börsenspiel, in der Lotterie, in der Prostitution gezeigt; man hat aus allen diesen Gebieten unser Volksleben mehr oder weniger einem unchristlichen, heidnischen Geist ausgeliefert! Wenn wir hier im Kampfe um die christliche Weltanschauung einzusetzen haben, so heißt das nichts anderes, als mit lauter, volltönender Stimme die dringende, unbedingte Forderung erheben, den Gesetzen christlichen Glaubens und christlicher Liebe bis in die letzten Tiefen unseres Verkehrslebens hinein eine unbedingte Geltung, einen absoluten, durch nichts geschwächten Einfluß zu verleihen.
Reicbstagswablvorbereitungen.
* Mittelschlesien, 22. April. Für den Wahlkreis Ohlau-Strehlen, der nach dem liberalen Wahlabkommen den Nationalliberalen zugefallen ist, haben diese jetzt den Pastor Kröpelin aus Kroitsch, Kreis Liegnitz, als Kandidaten aufgestellt.
♦
* Duisburg, 24. April. Der Parteitag der Fortschrittlichen Volkspartei im Wahlkreis Duisburg - Oberhausen-Mülheim beschloß, da das Entgegenkommen der Nationalliberalen ungenügend sei, ein selbständiges Vorgehen und die Kandidatur des Dr. Potthofs.
— Wetzlar, 25. April. Die Meldung der Frankfurter Zeitung, daß die konservative Kandidatur des Freiherrn v. Eichel zurückgezogen sei, entspricht — wie uns mitgeteilt wird — nicht den Tatsachen.
Bus Stadt und Land,
Gletzen, den 25. April 1911.
* Gießen, 25. April. Samstag, den 29. April 1911, vormittags 9 Uhr, findet eine Sitzung des Provinzialausschusses mit folgender Tages-Ordnung statt: 1. Rekurs gegen einen Polizeibefehl Gr. Kreisamts Gießen bezüglich des Hofguts Utphe; 2. Gemeinderatswahl zu Ober-Erlenbach und 3. Klage des Orlsarmenverban- des Gießen gegen den Ortsarmenverband Griedel wegen Unterstützung des A. Schaum.
-r- G i e h e n 25. April. Der kommandierende General des 18. Armeekorps v. Eichhorn ist zur Besichtigung des Regiments hier eingetroffen.
* Gießen, 24. April. (Divisionskommandeur.) Zum Divisionskommandeur der 25. Hess. Division wurde der Brigadekommandeur der 1. Garde-Jnf.-Brigade Generalmajor v. Plüskow, Berlin, ernannt.
* Gießen, 24. April. Der hiesige S. C. hielt am Samstag abend in den Räumen der Vereinigten Gesellschaft in Darmstadt seinen Jahreskommers ab, der, von Sanitätsrat Dr. Habicht geleitet, sehr gut besucht war und einen äußerst solennen Verlaus nahm.
• Alsfeld, 24. April. Im Frühjahr ds. Js. sind im Kreise Alsfeld eine Anzahl schwerer Vergiftungen ganzer Familien durch Blei vorgekommen, die nach den ungeteilten Untersuchungen aus den Genuß von Mus aus glasiertem Topsgeschirr zurückzusühren waren. Die chemische Untersuchung hat ergeben, daß die Ab - gäbe von Blei an den Inhalt der Töpfe von einer ungeeigneten Herstellung der Topsglasur herrührte.
♦ Darmstadt, 24. April. Es dars nunmehr als seststehend gelten, daß Geheimerat v. Biegeleben als Nachsolger v. Gagerns den Berliner Posten anfangs Mai übernehmen und bis dahin in die Reichshauptstadt übersiedeln wird. Das Einverständnis des Kaisers ist inzwischen eingetroffen und die übrigen Formalitäten dürften bis dahin erledigt sein. Oberregierungsrat Dr. Weber, welcher gemeinsam mit Geh. Staatsrat von Krug seil' dem Tode Gagerns die Berliner Geschäfte interimistisch leitete und seit einiger Zeit seinen Urlaub hier zu- bringt, wird zunächst ebenfalls wieder nach Berlin zurückkehren und einen Teil der dortigen Geschäfte übernehmen. Herr v. Krug wird nicht mehr nach Berlin reisen.
* D a r m st a d t, 23. April. Der Hessische Lan- deslehrerinnen-Verein hat gestern hier seine erste Hauptversammlung abgehalten. Frl. Schmidt-Mainz hielt einen Vortrag über die Frage einer Reorganisation der Mädchen-Fortbildungsschule. Die Vortragende fordert, daß sich an den für Knaben und Mädchen gleich verbindlichen Volksschulunterricht ein mindestens dreijähriger, den gesteigerten Bildungsbedürfnissen entsprechender Fortbildungsschulunterricht für beide Geschlechter anschlie- ßen soll. Unterricht müsse theoretisch und praktisch ausgestaltet werden, letzteres durch Handsertigkeitsarbeiten und Tätigkeiten für die Hausfrau und Mutter in der Familie. Im Anschluß an die Hauptversammlung fand am Nachmittag noch eine öffentliche Versammlung statt, in welcher die Leiterin des hiesigen Hosmännischen Instituts, Frl. von Szcepanski, einen Vortrag über das Thema „Staatsbürgerliche Erziehung" hielt.
* Ossenbach, 24. April. Ein Zigeuner war dem hiesigen Infanterie-Regiment zugeteilt worden. Als Tröster in den schweren Stunden strenger, ungewohnter Disziplin hatte er seine Geige mit in die Kaserne genommen. Vor mehreren Tagen kam nun einer seiner Stammesbrüder zu ihm und erbat sich die Geige für einen Abend, die ihm der Soldat denn auch überließ. Dem Genossen gefiel jedoch die Geige so gut, daß er an ein Wiederbringen nicht mehr dachte. Aus die daraufhin gemachte Anzeige ging der uniformierte Pußta- sohn mit einigen Polizeibeamten auf die Suche. Er betrieb die Verfolgung so gründlich, daß ihn die Beamten bald aus den Augen verloren und er zur Kaserne nicht zurückkehrte. Da er schon als Heeresunsicherer eingestellt war, so befürchtete man, der Hang zur Freiheit hätte ihn zur Desertatton verleitet. Unerwartet stellte er sich jedoch heute morgen wieder in der Kaserne ein, ohne allerdings seine geliebte Geige zurückerobert zu haben.
* Bad-Wildungen, 24. April. Die Bahnstrecke Buhlen — Waldeck wurde gestern in Anwesenheit verschiedener höherer Direktionsbeamten amtlich abgenommen. Die Eröffnung selbst wird am 1. Mai erfolgen.
Eingesandt.
Also in acht Tagen beratschlagt der Bund der Landwirte im Kreis Friedberg über die Kandidatenfrage zur nächsten Reichstagswahl. Es herrscht Gott sei dank eine versöhnliche Stimmung. Man will den Nationalliberalen möglichst entgegenkommen, will einen Mann unterstützen, der national zuverlässig ist und als solcher sich der nationalliberalen Partei als Hospitant anschlieht. Ein bestimmter Kandidat ist noch nicht ausgestellt. Man nennt die Herren Vogt, Gisevius und unseren Kreisrat Herrn S ch l i e p h a k e. Drei ganz tüchtige Männer, aber j— so merkwürdig das klingt — die Tüchtigkeit allein gibt m solchen Lagen niemals den Ausschlag, da spricht die Stimmung, die Neigung der Wähler mit und wer damit nicht rechnet, ist von vornherein verloren. Wie es Herrn Gisevius in Ziehen erging, ist bekannt und nach aller Kenntnis der Wählermeinungen wird ihm in Friedberg ein gleiches Schicksal beschieden sein. Mag sich's der Mittelsmann des Bundes Herr v. A. merken.
Nicht besser stehen leider die Aussichten des Herrn Vogt. Er und Herr Gisevius sind beide theoretisch ganz geeignete Persönlichkeiten — praktisch, d. h. nach dem Wunsche und Willen der Wähler beurteilt, aber nicht durchschlagend, nicht genehm, nicht brauchbar.
Es bleibt der Herr Kreisrat S ch l i e p h a k e. Er besitzt allenthalben das größte Vertrauen. Mit ihm haben schon Führer der nationalliberalen Partei verhandelt; aber er ist wohl noch zur Zeit unentschlossen. Wir sind der festen Ueberzeugung, wenn ihm zunächst der Bund, die Nationalen und das Zentrum die Kandidatur anbieten, dann schließt sich der national zuverlässige Teil der Volkspartei von selbst und gegen den Willen ihrer Führer an, dann wird Herr Schliephake nicht Nein sagen können. ,
Der Bund der Landwirte aber, der das vonge Mal einen besonderen Kandidaten in Friedberg ausgestellt und die meisten bürgerlichen Stimmen aus sich vereinigt hatte, bringt durch sein Entgegenkommen ein Opser und dies muß die — z. Z. leider der völligsten Verwirrung durch eigenes Verschulden versallene — Nationalliberale Partei zu würdigen wissen. Sie muh im Kreis G i e- h e n ihrerseits auf eine Sonderkandidaturverzichten und gleichzeitig auch jedes Paktieren daselbjt mtt der nicht nur im Kreis, sondern im ganzen deutschen Reich mißliebigsten Partei, der /sogenannten! Freisinnigen, ausgeben.