Gießener Jeiinng
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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer^
des Großherzoglichen
ffPolizei-Amtes
Behörden Gberheffens
Expedition: Zelters weg 83
(Haus Brüder Schmidt.)
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Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 72 (2 Blatt)
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Samstag den 25. März 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Iahrg.
J1u$*dem Reichstag
(Spezialbericht der „Gießener Zeitung".)
Gelegentlich der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern legte der Abg. von Kaphengst, einer der wenigen sozialgerichteten konservativen Abgeordneten, folgende Resolution vor:
der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, bei den Landesregierungen dahin zu wirken, daß sie dem Verein für soziale innere Kolonisation Deutschlands E. V. zum Zwecke der Fürsorge für vorübergehend Arbeitslose nachhaltige Förderung und Unterstützung zuteil werden lassen.
Abg. von Kaphengst ist Vorsitzender dieses Vereins. Mitbegründer und Vorstandsmitglieder sind von der Wirtsch. Vereinigung die Abgg. Behrens und Kölle. Der Verein, dem Männer aller politischen Parteien ange- hören, hat sich zur Aufgabe gestellt, den arbeitslosen Industriearbeitern dadurch lohnende Arbeit während der Zeit der Arbeitslosigkeit zu verschaffen, daß durch ein geeignetes Zusammenwirken von Staat, Gemeinden, öffentlichen Körperschaften, Vereinen und Arbeitergewerkschaften die Voraussetzungen zur kulturellen Erschließung der Oedländereien herbeigeführt werden. Wir haben im deutschen Vaterland noch über 400 Quadrat - meilen unkultiviertes Umland, meist Moore, zu liegen. In den Jndustriegegenden und Großstädten, insbesondere im Winter und in den Krisenjahren liegen zehntausende gesunde arbeitsfreudige Arbeiterhände brach. Diese Arbeitslosen sind ebenfalls ein »brachliegendes Rie- fenkapital. Abg. Kaphengst will nun diese Arbeitslosen bei gutem Lohn in den Dienst der I n n e n k o Ionisation Deutschlands stellen. Dadurch würden die Gewerkschaften Hunderttausende Mark Arbeitslosen-Unter- stützung sparen und der Armenetat der Gemeinden entlastet werden. Das Problem der Arbeckslosen-Versiche- rung, daß verschiedene Großstädte (Köln, Straßburg, Genf 2C.) mit großen Mitteln zu lösen versuchen, würde durch den von Kaphengst'schen Vorschlag in wahrhaft großzügiger Weise seiner Lösung näher gebracht. (Wenn einige Politiker in unserem Kreise die Frage der Arbeitslosen-Versicherung als „Faullenzer-Versicherung" abzutun suchen, so zeigt das, daß sie von der ganzen Sache gar keine Ahnung haben. Nebenbei bemerkt, ist der Abg. Behrens niemals im Reichstag für eine Reichs arbeitslosen-Versicherung eingetreten. Diese Behauptung gewisser Politiker und Parteisekretäre ist, wie manches andere von jener Seite behauptete, U n- s i n n.)
In seiner Begründungsrede führte Abg. von Kaphengst u. a. folgendes aus:
„Als vor 30 Jahren der Pastor v. Vodelschwingh seine Tätigkeit begann und Arbeiterkolonien schuf, war von den großen sozialen Gesetzen, inauguriert von Kaiser Wilhelm 1. und von Bismarck, noch nicht die Rede. Damals bedeutete das Vorgehen (christlich-sozialen) Bo- delschwinghs eine soziale Tat ersten Ranges. Aber jetzt, nachdem 25 Jahre ins Land gegangen sind, muß man sich doch die Frage vorlegen, ob hier nicht angebracht und nötig ist, auch die Arbeiterkolonien. zu modernisieren. Dieses Modernisieren müßte darin bestehen, daß den Leuten nicht mehr Almosen gegeben werden, sondern ein wohlerworbener, wenn auch vielleicht zunächst etwas zu hoch bezahlter Verdienst. Almosengeben ist nicht jedermanns Sache, aber ich glaube, daß die Kommunen und die Allgemeinheit sehr zufrieden sein könnten, wenn man den Leuten sagen könnte: ihr bekommt auskömmlichen Lohn, das habt ihr auf ehrliche Weise verdient, und könnt 'eure Familien in der Großstadt über Wasser halten. Für die Unterstützungsverpslichteten wäre solch sofortiges Eingreifen auch sehr viel billiger, Kurkosten, Armenlasten, würden gespart. .
Warum soll denn heute ein Arbeiter nicht einmal auf einige Wochen oder Monate aus die Landarbeit gehen? Wir müssen uns da die Amerikaner zum Vorbild nehmen. In Amerika genieren sich die jungen Studenten absolut nicht, in der Zeit der Ferien aus den Farmen zu arbeiten, was für sie, ihre Nervenkraft und rhr Por- temonnaie recht gut ist.
Wenn das Reich, die Ernzelstaaten und d^e Kommunen in richtiger und wahrhaft patnotlscher Wersesch die Hand reichend hier zusammenarberten, dann wurde bei dieser zentralisierten Wohltätigkeit ein Neuland unbegrenzter Möglichkeiten in Deutschland entstehen.
Fm zustimmenden Sinne äußerten sich der Redner der Nationalliberalen, der Fortschrittspartei und des Zentrums. Der Sozialdemokrat Severing konnte nicht umbin den Grundgedanken als 6 u t a n z u- erkennen jedoch suchte er sich an die Landwirte m Sncbeil der Landflucht, schlechte Behandlung ihrer Ar- Mt?r 2C u Ä um schließlich °m ^begründetes Mißtrauen' zum Ausdruck zu bringen. Für die Wrrt-
s ch a f t l. Vereinigung nahm der Abgeordnete Behrens das Wort zu folgenden Ausführungen:
„Meine Herren, ich glaube, daß der sozialdemokratische Herr Vorredner eigentlich nicht ganz klar darüber ist, was Herr v. Kaphengst gewollt hat. Es handelt sich bei den Anregungen des Herrn v. Kaphengst nicht darum, der Landflucht entgegenzutreten, sondern er will Nick der Tätigkeit des Vereins die Kolonisation von Oedländereien erreichen und die brachliegenden Arbeitskräfte der industriellen Arbeiter während der Arbeitslosigkeit in die richtige Verbindung miteinander bringen. Das Problem, das der Verein für soziale und innere Kolonisation sich gestellt hat, ist sehr umfangreich, aber dafür auch sehr segensreich. Ich habe mich gefreut, daß in der ersten Versammlung, die Herr v. Kaphengst zur Gründung dieses Vereins einberufen hat, Vertreter nicht nur fast aus allen Parteien des Hauses, sondern auch Männer aus allen politischen Richtungen draußen im Lande sich zusammenfanden, unter diesen auch ein Herr aus der Gewerkschaftsbewegung, die dem Herrn Severing sehr nahe stehen. Dieser Herr hat sich über die Tätigkeit, die dieser Verein entwickeln soll, sehr anerkennend ausgesprochen — es war ein Herr vom Buchbinderverbande — und ich glaube, daß er seinen Freunden darüber Vortrag halten wird; denn diese Sache ist für die Gewerkschaftsbewegung außerordentlich wichtig.
Die Fragen des Arbeitsnachweises und der Arbeitslosenversicherung sind hierbei in recht gute Verbindung zu bringen, und wenn das Problem, daß Herr von Kaphengst aufgeworfen hat, in Verbindung von Staat, Gemeinde und auch den verschiedenen Organisationen im Lande, den Wohlfahrtsorganisationen wie auch Arbeiterorganisationen, gemeinsam ausgenommen und durchgeführt wird, läßt sich sehr wohl ein segensreicher Erfolg für die Arbeiterschaft und das Vaterland insofern, als brachliegende Arbeitskräfte und Oedländereien fruchtbar gemacht werden, gewinnen.
Ich kann daher namens meiner politischen Freunde den Wunsch aussprechen, daß die Bestrebungen des Vereins, weil sie wertvoll sind, von Reichs wegen unterstützt werden. Das Reich soll auch bei den Landesregierungen dahin wirken, die Bestrebungen zu unterstützen. Nicht der Verein als solcher oder das Reich soll die Aufgabe übernehmen, sondern es handelt sich vornehmlich darum, daß der Verein vom Reich als auch von Privaten und anderen Vereinen unterstützt wird, sodaß er die Mittel zur Verfügung bekommt, um seine Bestrebungen volkstümlich zu machen und sie im Lande der praktischen Ausführung so näher zu bringen. Deswegen unterstützen wir diese Resolution, von der wir hoffen, daß sie Annahme findet.
Ich möchte noch anführen, daß es den gewerkschaftlichen Organisationen aller Richtungen zu empfehlen ist, diese Frage ohne Voreingenommenheit, wenn sie auch von einem agrarischen Junker angeregt ist, zu prüfen und an ihrer Lösung mitzuarbeiten. Wenn die Gewerkschaften aller Richtungen in diesem Verein, der unter dem Vorsitz des Herrn v. Kaphengst arbeitet, mitarbeiten, werden die Bedenken verschwinden, die eben von der Linken laut geworden sind. Ein Zusammen - wirken von Gewerkschaften und Agrariern kann in diesem Punkt segensreiche Erfolge herbeiführen."
(Bravo! rechts.)
Sozialpolitik.
Vollständig falsche Urteile
über wichtige Vorgänge in der Gewerkschaftsbewegung finden wir in einem „Arbeiterbewegungen" überschriebenen Artikel der Süddeutschen Nationalliberalen Korrespondenz (Nr. 15 vom 24. Februar 1911), der in einer Anzahl von Tageszeitungen abgedruckt wurde. Unter anderen schiefen Darstellungen heißt es da: „Ein weiteres Charakteristikum ist die Erscheinung, daß eine ganze Reihe von Streiks, so in der Pforzheimer Metall- und der Krefelder Seidenindustrie, trotz dringenden Abratens der Führer begonnen und natürlich verloren wurden. _ Das trifft durchaus nicht' zu. Beim Pforzheimer ^ampi liegt die Sache erwiesenermaßen gerade umgekehrt.. Dort sind die Arbeiter von dem Vezirkslecker Vorholzer des sozialdemokratischen Mètallarbeiterverbandes talsacksirch m den Streik hineingehetzt worden. — Eben o falsch i|t eine weitere Behauptung in demselben Artrkel. womach die 'Teilerfolge der Arbeiter bei den Kampsen im Baugewerbe und auf den deutschen Seeschiffswersten lediglich aus das freiwillige Entgegenkommen der Arbeitgeber zurückzusühren seien". Das haben nicht einmal ine beteiligten Arbeitgeber nach dem Abschluß der erwähnten Kämpfe behaupten wollen. Denn auch hier kommt das Gegenteil der Wahrheit näher.
Reicbstaflsimivorbereiluitgen.
. -r- Ehringshausen (Kr. Wetzlar), 23. März. Hier fand am Mittwoch abeiid eine von der christlich-so- jiakn Partei veranstaltete Versammlung stall, die sehr stark besucht war. Parteisekretär Albcrtrmcier-Dillcnburq referierte über bas Thema: „Die politische Lage". Seine klaren Ausführungen fanden den lebhaftesten Beifall der Versammlung. In der Diskussion erzählten vcr- schledene Personen, daß der freisinnige Parteisekretär Zakobs im Beisein des Professor Schloßmann in Eh- nngshausen behauptet hätte, der Abg. Behrens habe für bie Zündholzsteuer gestimmt, was selbstverständlich u n ^a ffr ist- Jakobs hat nach Aussage glaubwürdiger Personen folgendes gesagt: „Wenn Ihr des Morgens aussteht und zündet das Licht an, dann denkt daran, daß der Abg. Behrens Euch dieses Licht verteuert hat." Zur besseren Illustration hielt der freisinnige Agitator ein Zündholz an die Streichholzschachtel.
Man sollte es kaum für möglich halten, daß immer noch mit dieser unwahren Behauptung hausieren gegangen wird.
Hur Stadl und Land.
Gießen, den 24. März 1911.
* liegen, 24. März. Zur Gründung eines hessischen Schlossermeisterverbandes findet am Sonntag, 26. März, vormittags 11 Uhr, im Saale der ^Lieder - tasel" zu Mainz eine Versammlung statt.
— Wetzlar, 24. März. Prächtiges Frühlings - weiter ist nunmehr eingetreten und hat der Abkühlung, die noch in den letzten^Tagen Platz gegriffen hatte, ein Ende bereitet. Während am Montag unter der Herr - schaft kalter Nordostwinde die Temperaturen noch recht niedrig waren, stiegen sie Dienstag rapide empor und erreichten an verschiedenen Orten 15 Grad Wärme. Die starke Erwärmung ist die Folge der Wechselwirkung zwischen dem nach Rußland gewanderten hohen Marimum, das auch noch einen Ausläufer nach Skandinavien entsandte, und einer anrückenden Depression mit Teilwirbeln im Westen Deutschlands. Dadurch wehen südöstliche bis südwestliche Winde bei heiterem Himmel. Die Erwärmung dürfte zunächst noch einige Fortschritte machen; nachher stehen westostwärts sich ausbreitende leichte Regenfälle mit etwas niedrigeren Temperaturen in Aussicht.
-h- Braunfels, 23. März. Eine rege Tätigkeit hat sich aus der Neubaustrecke „A l b s h a u s e n-G r ä - venwiesbach" entfaltet, und eine Wanderung bei dem herrlichen Frühlingswetter durch das schöne Solmsbachtal nach der im Bau begriffenen Eisenbahnstrecke würde sicherlich lohnend sein. Die Strecke vom Bahnhof Albshausen bis Braunfels (Los 6) wird von der Firma Wiederspahn und Scheffer aus Wiesbaden gebaut. Zwischen Burgsolms und Albshausen befindet sich ein 100 Meter langer Tunnel, welcher im August fertig- gestellt sein dürste. Los 5 — vom Bauunternehmer H. Werner in Gießen ausgeführt — geht vom Bahnhof Braunfels bis an die Thomasmühle unweit Kraftsolms. Auch hier gibt es manches Interessante zu schauen, so die entstehende Brücke über den Solmsbach und die Baggermaschine in der Nähe von Neukirchen. Los 4 wird von der Baugesellschast C. Kallenbach G. m. b. H. aus Hamm i. W. gebaut und ist soeben in Angriff genommen. In der Nähe von Kröffelbach arbeitet ebenfalls eine BaLgermaschine. Los 3, welches schon im Kreis Usingen liegt, wird von der Firma A. Klinge u. Comp. aus Eschersheim gebaut und geht schon seiner Vollendung entgegen. Erwähnenswert ist das schöne Bahnhofsgebäude Brandoberndorf, welches von dem Bauunternehmer J. K. Jung aus Brandoberndorf gebaut wurde und als eine Zierde von ganz Brand - oberndorf angesehen wird. Los 2, von der Firma F. Kunz gebaut, ist schon vollständig fertig und geht bis an das Nordende des Grävenwiesbacher Tunnels. In diesem Lose befindet sich das ebenfalls schon fertigge- stellte Bahnhofsgebäude Hasselborn, welches ebenfalls schon fertig ist und auch von der Firma J. K. Zung- Brandoberndorf errichtet wurde. Zwischen Los 2 und Los 1 befindet sich ein 1300 Meter langer Tunnel, der von der Firma Werner, Schreiner,^ Eberhard u. Siepmann ausgeführt wird. Die Fertigstellung des --unnels (nebenbei der längste in Nassau) ist vorauspchtüch Ende April zu erwarten. Eine Sehenswürdigkeit im Innern des Tunnels bilden die verschiedenen Gebirgssormationen. Am Südende des Tunnels ist auch bestens für Erfrischung gesorgt. Hier steht die Kantine des Wirtes Wick aus Grävenwiesbach. Los 1, welches von der Firma Wiederspahn u. Scheffer aus Wiesbaden gebaut wurde, ist schon vollständig fertig. Die Verwaltung benutzt die^e Strecke um ihre Materialien, wie Sand, Cement, Bruchsteine 20. nach dem Tunnel zu transportieren.