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Gießener Zeitung

Vezugspreis 50 Pfg. monatlich vierteljährlich 1/-0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Ab geholt in unserer Expedition oder in den Zweig- ansgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: Selrersweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein L Otto Fischer.

Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen

Bürgermeisterei

sowie vieler anderer ^

des Großherzoglichen fPolizei-Amtes ) Behörden Gberheffens

Expedition: Seltersweg 83

sHaus Brüder Schmidt.)

anzeigenpreis 15 pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, attSwärtS 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im R e k l a m e te i l 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50° o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Grütze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deS ZahlungS- zieles (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit.

Gesamtleitung: Albin Klein.

Nr 72. (1. Blatt.)

Samstag -cn 25. März 1911

Teleph on: Nr. 362.

23. Jahrg.

Kindereergihung.

Hatz macht zuweilen blind, so blind, daß er wider Willen das Gegenteil von dem bewirkt, was er beab­sichtigt, daß er dem Spott und Lächerlichkeit, denen er den Feind preisgeben möchte, selber anheimsällt. So geht es mitunter der Sozialdemokratie. Ihr Hauptblatt in Berlin, der „Vorwärts", tischt seinen Lesern die Ge­schichte von einem drei und einhalbjährigen Jüngelchen sozialdemokratischer Eltern auf, das sich von Natur sträubt, sich sozialdemokratisch erziehen, vergiften zu las­sen, das lieber Soldat spielen als Sozialdemokrat wer­den will. Die drollige Geschichte soll ergötzlich und lehr­reich für die sozialdemokratischen Jugenderzieher sein; aber Spatz kann sie wirklich nur denen bereiten, die ver­höhnt werden sollen. Dazu trägt sie die Ueberschrist: „Wie unsere Kinder vergiftet werden!" Vergiftet wer­den durch die Sozialdemokratie.

Eigentlich will der „Vorwärts" erzählen, wie die Kinder der „Genossen" durch die Mitglieder der Kriegervereine und deren „ungezogene" Kinder" verführt werden. Aber das gelingt ihm vorbei: denn der kleine Held der Erzählung erweist sich eben von Haus aus als so kerngesund veranlagt, daß bei ihm die sozialde­mokratische Dressur nicht anschlagen will. Und wie mühen sich die braven Eltern, um ihrem Bürschchen das sozialdemokratische Gist, gegen das es einen ganz na­türlichen Widerwillen hat, einzuimpfen! Alles, was waschechte „Genossen" nicht leiden mögen, wird dem Kinde vorenthalten, sogar der abscheuliche Anblick von Polizisten und Soldaten. Die gibt es nämlich auf dem Schauplatze der Geschichte, einem kleinen Vororte von Berlin, noch nicht. Vorläufig noch nicht. Ein „Heiden­junge" ist der kleine Held: „hat nicht die Taufe der Kir­che empfangen, fühlt sich aber sonst anscheinend ganz wohl in seiner Haut". Vermutlich trägt dazu wesent­lich bei, daß er „ohne Gebet einschläft".

Nur sozialdemokratisches Spielzeug bekommt der Junge: einen Clown und ein Kaninchen ! „Weder Flinte noch Säbel, noch einen einzigen Bleisoldaten!" Um so mehr wundert sich sein Vater, der offenbar etwas be­schränkt ist, daß der Junge gerade an alledem Wohl­gefallen hat und nach alledem verlangt, was einem Sozialdemokraten fürchterlich ist und verächtlich. Soldat zu sein, ist dem Jungen das größte Vergnügen. Das Kriegerische reizt ihn. Lieber als sein sozialdemokratischer Clown sind ihm Helm und Lanze — „ein Stock mit 'nem Lappen". Seinem langweiligen Karnickel — wie begreiflich! — zieht er Flinte und Säbel vor. Und obenein brüllt er: „Hurra!" Darob, über „diese bo-rus- sische Bereicherung seines Wortschatzes", ist der Vater entsetzt und noch mehr als der Junge „auf- und ab- marschiert mit tärä, tärätätä, sching tärätätä."

Die Haare sträuben sich dem sozialdemokratischen Papa vor Grausen, als das ungefüge Söhnchen nicht bloß Soldat, sondern sogar — König spielt. Beim Mit­tagessen verdirbt das ungeratene Bürschchen dem Vater allen Appetit, weil es verkündet: „Etsch, nu hin is Tö- nig (König), und Du, Muttchen, nid), und Du, Vater, auch nid). Js bin danz ahetne (alleine) Tönig". Der gewissenhafte Vater geht dieser Bosheit auf den Grund. „Hallo", denkt er, „da sitzt was anderes dahinter". Er fragt den Jungen: „Wer hat Dir das gesagt?" Ant­wort: „Na, der Heini. Den Heini sein Vater ist doch Trieger" (Krieger). Des Helden Vater ahnte es: Kommt doch den „Genossen" aller Aerger, alles Unheil von den Kriegern. Heinis Vater ist ja so ein gräßlicher Kneger- vereinler. Der schießt Sonntags nach der Scheibe „mit einem schwarzen Punkt in der Mitte. Das soll der „in­nere Feind" sein!" Aber es wird noch ärger. Eines Sonntags hat der Junge einen Stock in der Hand und ruft' Puh, puh, is schieß Dir tot — puh

is schieb Dir tot!" Als die sozialdemokratische Mutter, die der Junge auch tot schietzen will, zu heulen an - sangt, entschuldigt sich der kleine Mörder: Ach, is hab man blos; ’n bissen Pah (Späh) d-macht. Die Blut­gelüste hatte der Junge wieder, wie es in der Mord- qeschichte des „Vorwärts" heiht, „von dem Sohn des patriotischen Kriegeivereinlers gelernt. Der Vater gibt seinem Jungen den feierlichen Auftrag, dem Söhnchen des mordgierigen Kriegers, der auf den „inneren Femd Sonntags schi-ht, zu erklären: „Psm, Du ungezogener Junge, Menschen schieht man nicht tot!

Die sozialdemokratische Erziehung ist wirklich kein leichtes Stück Arbeit: denn te muh wider die Natur an- !ämpsen muß die menschliche Natur sälschen was un- nusrottbar scheint, allmählich ersticken Tief m der Seele des Jungen wurzelt die Lust am Kriegerischen, am Mannbasten Die Freude am Soldatentum ist ange- bore^^ an gestammt. Im Gemüt und Willen des un­

verfälschten, noch nicht sozialdemokratisch vergifteten Jun­gen lebt der Sinn für das heldenhafte. Unter einem Helden stellt sich aber ein echter Junge nicht einen sozial­demokratischen Mundhelden vor, sondern einen könig- ichen Helden, hoch zu Noß, der unter Trompetenge- chmelter einhersprengt. Wenn Soldaten einherziehen, mit fliegenden Fahnen, unter dem Wirbel der Trom­meln, da leuchten des kleinsten Jungen Augen aus, mit Leib und Seele ist er dabei und möchte am liebsten in Reih und Glied mitmarschieren.

Bus Ztallt und Eand.

Gießen, den 25. März 1911.

!! Militärisches für den Beurlaub­te n st a n d. Ende März werden wieder neue Kriegs­beorderungen und Paßnotizen ausgegeben. Die Mann­schaften des Beurlaubtenstandes, wozu die Reservisten und Landwehrleute, sowie die Ersatzreservisten gehören, werden darauf hingewiesen, daß jedem einzelnen die Kriegsbeorderung bezw. Paßnotiz direkt durch die Post zugestellt werden wird. Die Empfangsbescheinigung (Postkarte), welche der Kriegsbeorderung bezw. Pah - notiz beiliegt, ist nach Unterschrift am 1. April durch die Post an das Hauptmeldeamt zurückzusenden. Die Postkarte (Quittung) muß am Wohnsitz der Betreffen­den zur Post gegeben werden, da sonst Strafporto ent­steht.

*) Gießen. Uebertragen wurde am 20. März 1911 dem Schulamtsaspiranten Johannes Braun aus Rüddingshausen eine Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Rudingshain.

* ) Gießen. Erledigt sind die mit evangel. Lehrern zu besetzenden Lehrerstellen zu Eifa, Kr. Als­feld, zu Ober-Ohmen, Kr. Alsfeld unb zu Ulrichstein.

-b- Gießen, 25. März. Ein hiesiger Geschäfts- man benutzte gestern Vormittag sein Motorrad, um Ge­schäfte zu besorgen. Er verlor aber die Geistesgegen­wart und konnte dasselbe nicht zum Stehen bringen. Er fiel von demselben herunter und griff aus Versehen ins Räderwerk, wobei ihm der Arm und die Hand sehr schwer verletzt wurden. Er muhte ärztliche Hilse in Anspruch nehmen.

— G i e h e n, 25. März. Der Versand mehrerer Pakete mit einer Postpaketadresse ist für die Zeit vom 10. bis einschließlich 15. April weder im inneren deutschen Verkehr noch im Verkehr mit dem Ausland ge­stattet.

* Gießen. Nach Mitteilung der Hauptverwal­tung der Staatsschulden in Berlin beginnt die Aus­zahlung der Zinsen von im Staatsschuldbuch eingetragenen Forderungen in Zukunft bei sämtlichen Zahlstellen außerhalb Berlins am 21. des dem Fällig­keitstermin der Zinsen vorangehenden Monats, der zum 1. April d. Js. fälligen Zinsen also bereits am 21. März d. Js. Auch werden vom gleichen Tage ab die Reichsschuldbuchzinsen gezahlt.

* E p e l s h e i m. Ein Landwirt aus der Nach­barschaft wollte sich über die vom Kreisamt verhängten Sperrmaßregeln beim Ausbruch der Maul- und Klauen­seuche lustig machen. Als er hörte, daß auch Hunde und Katzen an dem Umherlausen aus der Straße zu hindern seien, ließ er seinen Jungen mit der an einem Stricke festgebundenen Katze auf der Ortsstraße auf- und ab­marschieren. Der Ulk trug dem witzigen Landmann einen gesalzenen Strafbefehl ein.

Kontrollverlammlungen.

Aus dem Hose der Zeughauskaserne am Landgraf Philipp-Platz zu Gießen:

Für die Gemeinden Großen-Linden, Heuchelheim (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höfe usw.) am 1. April, 9 Uhr vormittags.

Für die Gemeinden Alten-Buseck, Wieseck (einschl. der dazu gehörenden Mühlen, Höse usw.) am 1. April, 2 Uhr nachm.

Für die Gsmeinden Klein-Linden, Leihgestern (ein­schließlich der dazu gehörenden Mühlen, Höse usw.) am 3. April, 9 Uhr vormittags.

Für die Gemeinden Annerod, Allendors a. d. L., Hausen, Rödgen, Trohe, Watzenborn-Steinberg (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höse usw.) am 3. April, 2 Uhr nachmittags.

Für die Bewohner der Stadt Gießen:

Aus dem Hose der Zeughauskaserne am Landgras-Philipp-Platz zu Gießen:

Jahrgänge 1910, 1909 und 1903 aller Waffen, ein­schließlich Ersatzreserve und die zur Dispositivn der Trup­penteile und Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften

aller Jahrgänge und Waffen, am 4. April 1911, 9 Uhr vormittags.

Jahrgänge 1908 und 1907 aller Wassen, einschließ­lich Ersatzreserve; sowie die oben unter Nr. 1 Ausge- führlen (Offiziere usw.) aller Jahrgänge und Waffen der Reserve und Landwehr 1. Aufgebots, am 4. April, 2 Uhr nachmittags.

Jahrgänge 1906 und 1905 aller Waffen, einschließ- lich Ersatzreserve, am 5. April, 9 Uhr vormittags.

Seegänge 1904 und 1902 aller Waffen, cinschli-b- l'ch Ersatzreserve, am 5. April, 2 Uhr nachmitiaqs ,.^ Är?°"g° 1901 und 1900 aller Waffen, cinschlietz- lich Ersatzreserve, am 6. April, 9 Uhr vormMaqs

. Ä^änge 1899 und 1898 aller Waffen, einschlietz- lich Ersatzreserve, am 6. April, 2 Uhr nachmittags

Für die aus B a h n h o s E i e h c n belästigten Be­sten und Arbeiter aus Bahnhof Sieben. Sämtliche Mannschaften, soweit sie nicht von der Bahn als un- abkömmlich bezeichnet werden, am 7. April, 9 Uhr vor­mittags.

Für die Bewohner der übrigen Gemeinden, welche zum Bezirk des Hauptmeldeamtes gehören.

In Langgöns auf dem Marktplatz am 7. April

2.45 Uhr nachmittags, für die Gemeinden Grüningen, Holzheim, Langgöns, Neuhof (einschl. der dazu gehör­enden Mühlen und Höfe usw.).

In Lollar an der Bürgermeisterei am 8. April, 8^ Uhr vormittags, für die Gemeinden Lollar, Stau­fenberg mit Friedelhausen (einschl. der dazu dehörenden Mühlen und Höfe usw.).

In Lollar an der Bürgermeisterei am 8. April, Uhr nachmittags, für die Gemeinden Daubringen mit Heibertshausen, Mainzlar, Ruttershausen mit Kirch­berg (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höse).

In Londorf auf der Burgstrahe am 10. April, Uhr vormittags, für die Gemeinden Allendorf a. d. Lumda, Londorf mit der Burg, Rabenau, Burgmühle, Schmittmühle, Weizenmühle, Ziegelhütte, Treis a. Lda.', Climbach (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höfe usw.).

In Londorf auf der Burgstrahe am 10. April, 2 Uhr nachmittags, für die Gemeinden Allertshausen, Geilshausen, Kesselbach mit der Rabenau'schen Papier­mühle, Odenhausen mit Appenhörner Hof, Rüddings­hausen, Weitershain mit dem Hainerhos (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höse usw.).

In Grünberg am westlichen Ausgang auf der Straße nach Gießen am 11. April, 9^ Uhr vormit­tags, für die Gemeinden Beltershain, Göbelnrod, Grün­berg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Nein­mühle, Ober- und Unter-Ziegelhütte, Latzmühle, Lumda (Groß- und Klein-) einschl. der dazu gehörenden Müh­len und Höfe usw.).

In Grünberg am westlichen Ausgang auf der Straße nach Gießen am 11. April, 2 Uhr nachmittags, für die Gemeinden Harbach mit der Kolben- und Som­mermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Ge­orgenhammer, Tröllersmühle und Walkmühle, Queck - born, Reinhardshain, Stangenrod, Stockhausen, Wei­ckartshain (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höfe usw.).

In Reiskirchen auf dem Schulwasum am 12. April, 8.45 Uhr vormittags, für die Gemeinden Ero- ßen-Buseck, Reiskirchen, Saasen mit Bollnbach (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höfe usw.).

In Reiskirchen auf dem Schulwasum am 12. April, 2 Uhr nachmittags, für die Gemeinden Bersrod, Beuern, Burkhardsfelden, Hattenrod, Lindenstruth, Op­penrod, Winnerod, Veitsberg mit Wirberg (einschließlich der dazu gehörenden Mühlen und Höse usH.).

In Lich in der Amtsgerichtsstraße am 26. April, 9 Uhr vormittags, für die Gemeinden Dorf-Gill, Eber­stadt mit Arnsburg, Garbenteich, Lich mit Albacherhof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Muschenheim mit Hos- Güll (einschl. der dazu gehörenden Mühlen und Höfe).

In Lich in der Amtsgerichtsstraße am 26. April, 3 Uhr nachmittags, für die Gemeinden Albach, Birklar, Ettingshausen, Münster, Nieder-Bessingen, Ober-Vessin- gen, Oberhörgern, Steinbach (einschließlich der dazu ge­hörenden Mühlen und Höfe usw.).

In H u n g e n an der Turnhalle am 27. Apnl, 9^ Uhr vormittags, für die Gemeinden Bellersheim, Hun­gen, Inheiden, Langsdorf, Obbornhofen, Trais - Hor­loff (einschließlich der dazu gehörenden Mühlen u. Höfe).

In Hungen an der Turnhalle am 27. April, 3 Uhr"nachmittags, für die Gemeinden Bettenhausen, Non- nenroth Langd, Rabertshaulen mit Ringelshausen, Rod- Heim mit Hof Gratz, Röthges, Steinheim, Utphe Vck- lingen (einschl. der dazu gehörenden Mühlen, Hose usw.).