Gießener Peilung
Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei inS Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig-
Enthält alle amll. Bekanntmachungen
ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk.
Erscheint
jeden Werktag früh. — Die ^Humoristischen Blatter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: Seltersmeg 83. — Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
â^ des Großherzoglichen
sPolizei-Amtes
sowie vieler anderer ^*^) Behörden Gberhessens Expedition: Seltersweg 85 (Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auSwärtS 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklame teil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50" o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Grötze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung dcs ZahlungS« zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohneBerbindltchkeit.
Gesamtleitung: Albin Klein.
Kl
Rr. 48. (L Watt)
Somslag ben 25. Februar 1911
Telephon: 9k. 362.
23. Jahrg
tin eigenarllger forilcbriiilicber Paridkandldat
Die Herren von der Fortschrittlichen Volkspartei lieben es jetzt, vielleicht aus Rücksicht aus ihre Verbrüderung mit den „nationalen“ Liberalen und (trotz „unseres Ries- ser") angeblichen Agrarzollbejchützern ihre Agrarzollfeind- schast bei der Landagitation in der Reisetasche zu lassen. Wenn es aber mit Rücksicht aus den rauhen „Zug von noch weiter links her" nötig wird, so hängt man sich schnell das Mäntelchen der Ausrede um, man wolle die „Brot- und Fleischwucherzölle" nicht sofort ausrotten, sondern dem agrarischen Hunde diesen Schwanz stückweise abhacken. Wie groß die Stücke bemessen, wie schnell hintereinander die schmerzhafte Operation wiederholt werden soll, darüber aber schweigt man sich vorsichtig nach rechts und links hin aus.
Ein ganz eigenartiges Verhalten kann man in dieser und anderer Hinsicht besonders an einem der vielen fortschrittlichen Pastoren-Kandidaten für den Reichstag beobachten. Pastor Korell, der schon jetzt um den Köhler- schen Wahlkreis im Konkurrenzkampf steht, soll sich nach Mitteilung der „Deutsch. Soz. Bl." nicht nur wie schon 1907 als Agrarzöllner ausspielen — „wenigstens aus dem Lande" —, sondern er verheißt dem gewerblichen Mittelstände auch sein Eintreten für eine W a- renhaussteuer. (Wird Korell nicht auch vom Hansabunde unterstützt ? Vielleicht gerade mit den braunen Lappen des Warenhäusler-Schutzverbandes. D. Schriftl.) Dieser sortschrittliche Parteikandidat ist aber nicht nur ein Zöllner, sondern er soll auch offen zugeben, daß sein Freisinn ein großes Sünden - Re - g i st e r habe, aber er sei persönlich doch nicht verantwortlich dafür zu machen. Die freisinnigen Zeitungen in den Großstädten v e r st ä n- den nichts von derLandwirtschaft, und sie müßten weiter Rücksicht nehmen auf ihre großstädtischen Leser und Inserenten.
Mit Recht geben die „D. Soz. Bl." ihrem Erstaunen darüber Ausdruck, daß die großstädtische Freisinnspresse noch nicht Stellung genommen gäbe zu diesem Partei- kandidaten, der ihr heiliges Programm und sie selb st so schroff verleugne.
Nun, diese Parteiorgane und die Fortschrittlichen Parteihäuptlinge drücken hier wohl gern beide Augen und Ohren zu. Sie wissen, daß ihr Pastorkandidat wohl nur nach dem auch bei ihnen beliebten Grundsatz handelt: DerZweck heiligt dieMi 1 tel! Wenn der politische Rekrut Korell auf sozialdemokratischen Krücken in den Reichstag gelangen sollte, dann würden ihm Hauptmann Müller und Ererzierkorporal Kopsch schon den richtigen Parteischritt beibringen und ihn alle Versprechungen an die Wähler vergessen machen.
Als Kuriosum erwähnen die „D. S. Bl." noch, daß Pastor K. zwar immer aus Rücksicht auf die frommen Bauern sein neues Testament (nicht einmal die ganze Bibel) bei seinen Wahlsahrten mit sich führe und Trost darin suche, daß aber trotzdem die alttestamenttichen Juden eifrig für ihn arbeiteten. Die deutschen Bauern im Wahlkreise blickten staunend auf solche „Zweckverbindung yon Moses und Luther" und auf diesen Kandidaten.
—--------- I■"■■■■■ --------- -
Reicbstagswabivorbtreitutigen.
— Metzlar, 25. Febr. (Privattelegramm.) Der nationalliberale Reichstagskandidat für den Wahl - kreis Wetzlar, Oekonomierat Kreuz- Vonn, hat laut „Deutscher Tageszeitung" seine Kandidatur zurückgezogen.
•) Herford. Was unsere Freunde sich merken wollen! Herr Hoffmann, soziald. Reichstagskan- didat für Herford-Halle, hat auf der am Sonntag in Herford stattgefundenen Generalversammlung des sozirl- demokratischen Vereins für Herford-Halle laut „Volksmacht" (Nr. 44 vom 21. Februar) ausgeführt:
„Die Nationalliberalen sind in letzter Linie schuld an der Tabaksteuer, denn ohne deren Vorgehen hätte das Zentrum kaum diese Steuer so bewilligt und mit den Konservativen ein Bündnis abgeschlossen, um zur Negierungsmacht zu gelangen."
.... „Die Liberalen sind, wie schon gesagt, nicht srei- zusprechen von der Schuld an der Tabaksteuer. Der Abgeordnete Contze (ncttionalliberal) hat zwar nicht mit- gemacht, aber wir wählen doch nicht nur den Mann, sondern die Partei." .
Bisher haben wir oft von sozialdemokratischer Sette hören müssen: Die Christlich-Sozialen sind Schuld an der Tabaksteuer. — Wir freuen uns, daß jetzt Herr
Rossmann der Wahrheit die Ehre gibt und seststellt, daß die Liberalen schuld an der Schaffung der Tabaksteuer sind.
* Siegen. Im alten Stöckerschen Wahlkreise Sie- gen-Wittgenstein-Giedenkops ist als Kandidat der Fortschrittler Pfarrer Spieß in Bottenhorn ausgestellt worden. Das ist der 13. oder 14. fortschrittliche Pfarrer - kandidat.
Düsseldorf. Als christlich-sozialer Reichstagskandidat für Düsseldorf wurde Pfarrer Tetzlaff -Solingen aufgestellt.
* Mülheim (Ruhr). Der Christlich-Soziale Verein hat den Pfarrer K e u d e l als Reichstagskandida- ten für den Wahlkreis Mülheim-Duisburg-Oberhausen ausgestellt. Pfarrer Keudel hat die Kandidatur angenommen.
Hus Stadt und Caitd.
Gießen. den 25. Februar.
* Gießen. Für den verstorbenen Kommerzienrat Heyligenstaedt wurde Bankier Iakob Grünewald mit 98 Stimmen in die Handelskammer gewählt. Kaufmann Rudolf Nowack erhielt 84 Stimmen. Von den 450 wahlberechtigten Firmen machten 197 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch 6 weibliche Firmen - inhaber waren persönlich an der Wahlurne- erschienen.
e Gießen. Zu dem am 13. März in Mainz stattfindenden Handwerkertag haben nicht nur Gewerbetreibende, sondern alle Interessenten Zutritt.
* Gießen. Wie verlautet, soll im Kolosseum ein modernes Lichtspieltheater eröffnet werden.
- r- Gießen, 25. Febr. Sonntag, den 12. März, nachmittags 5 Uhr, veranstaltet der VauerscheGe- s a n g v e r e i n in der Aula der Universität, aus Anlaß seines 47. Stiftungsfestes, ein Konzert. Es werden in demselben eine ganze Anzahl Kunstchöre und Volkslieder zum Vortrag kommen: auch das Quartett des Vereins wird einige Lieder zu Gehör bringen. Frau Ella Steffens-Harnischfeger aus Frankfurt a. M. (Sopran), und Pianist I. Hahn-Gießen wirken in dem Konzert mit.
* Gießen. Ein Unbekannter hat mehrfach Slu- bententoobnungen. in Abwesenheit des Bewohners aufgesucht. Bei dem Zimmervermieter gab er an. daß er dem Herrn einen Notizzettel schreiben wolle. Dies tat er auch, es stellte sich aber nachher heraus, daß er aus dem Zimmer Wertgegenstände entwendet hatte. Der Dieb gibt sich als Student aus.
* Annerod. Der Volksschriftsteller Heinrich Naumann aus Nanzhausen im Hinterlande sprach hier auf Veranlassuna des Ev. Bundes über ...Heimat und H e i m a t l i e b e". Die 1. Schulklasse trug durch Darbietung nässender Gedichte und Lieder zum Gelingen der Veranstaltung wesentlich bei.
* Hungen. Als Beigeordneter wurde H. Seibert 7. (früher Besitzer des Gasthauses tum Löwen. ichs Rentner) mit 102 Stimmen gewählt; der Gegenkandidat erhielt 100 Stimmen.
• Darmstadt. Der Zweiten Kammer ist ein Gesetzentwurf, den Arbeiterschutz und die Unfallverhütung bei Bauten betr. nebst Begründung zugegangen. Auf Grund dieses Gesetzes soll dem Gr. Ministerium des Innern die Ermächtigung verlieben werden. Schutzvorschristen aus dem Wege der Verordnung zu erlassen: die Aufsicht über die Ausfübrung dieser Vorschriften liegt den Vauvolizeibehörden ob. — Ferner ist eingeaanaen eine Reaieruua«varlaoe befrei enb V-kämvsung her Rebschädlinge. Dornoch soll für die Rowillioung von Voibillpn her 93e< Iran von 94 000 Mk. ui Lasten von Nerwoltunasübps- schüsten de« R^chnnngsiobres 191 o aenebmiat merhen
— Wetzlar, 25. Febr. In dem von der L a n - desversicherungsanstalt Hessen-Nassau in Hofgeismar eingerichteten, zur Aufnahme von männlichen Rentenempfängern bestimmten Involiden- heim sind zur Zeit einige Plätze frei. Rentenempfänger, welche in das Invalidenheim, wo sie vorzugsweise mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt werden, ausgenommen zu werden wünschen, können ihre Aufnahme bei dem Vorstand der obengenannten Versicherungsanstalt in Kassel beantragen.
— Braunfels, 25. Febr. Wilhelm Schweizer. Sohn des hiesigen Küsermeisters Schweizer, bat die Prüfung als Obst- und Gartenbaulehrer bestanden und bat an der König!. Sächs. Lehranstalt Anstellung gefunden.
— Vom Lande. Als eine Folge des Maule- f r a ß e s werden die Landwirte in diesem Frühjahr
mit einem großen gutterausfall zu rechnen haben. Viele Kleestücke sind, weil total ausgesresseu, schon im Herbst umgeaefert worden, und was stehen blieb, fiel dem hungrigen Ungeziefer während des Winters zum Opfer. Es muß daher für zeitige Nachsaat von Ersatzfutter gesorgt werden.
* Löhnberg. Der Postgehilfe Ott bestand die Postassistentenprüsung.
* L i r f e l dk Während man in anderen Bezirken über teuere Holzpreise klagt, zeigt sich hier, daß in diesem Jahre das Holz 25 Prozent billiger ist wie sonst. Man schreibt diesen unerfreulichen Preissturz der bevorstehenden Inbetriebsetzung der Biedenkopf—Dillenburger Bahn zu, die es ermöglicht, bequem und bedeutend billiger als bisher Kohlen zu beziehen.
* Kassel. Für das vaterländische Soldatenheim auf dem neuen Truppenübungsplatz des 11. Armee - korps bei Ohrdruff sind bis jetzt 32 773 Mark eingegangen, während die Gesamtkosten zirka 94 220 Mark betragen.
hundert Jahre deutsches Turnen.
Kein Volk der Erde hat ein Turnvereinsleben von solch gewaltigem Umfange und einer so imponierenden Organisation, wie das beutfd)e. In keinem Volke der Erde lebt unter den Turnern aller Gaue in Stadt und Land, in Nord und Süd, im Osten und Westen der Geist der Zusammengehörigkeit und der Disziplin, wie ihn Vater Iahn, der Unsterbliche, als heiliges Erbe seinem Volke hinterlassen hat. In höchster Blüte steht sein Werk da, in dem er in bisher unerreichter Genialität die längst vergessenen Leibesübungen in ein System zu- sammenfahte und dieses dem Grundsatz, „das Turnen nur zeit- und volksgemäß zu treiben nach den Bedürfnissen von Himmel, Land und Volk" unterordnete. Damit hat Jahn seinen Turnern die Spuren seiner Entstehungszeit und auch des Volkes Eigenart eingeprägt, und nur so war es möglich, in der „Deutschen Turner- schaft" eine volkstümliche Organisation von nationaler Bedeutung zu schaffen, die heute mit 9000 Vereinen und nahezu einer Million Mitgliedern einen achtunggebietenden Faktor in unserem öffentlichen Leben bildet. Die Turnerei ist gerade in unseren Tagen mehr als je Gemeingut des ganzen Volkes in allen seinen Schichten und Altersklassen beider Geschlechter geworden, sodaß es sich zu einem nationalen Gute von unschätzbarem Werte entwickelt hat. „Mens sana in corpore sano", „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist". Das ist der Leitstern, der Vater Iahn voranleuchtete, als er — ein Führer auf den dunklen Pfaden der Zwietracht und des Bruderhasses — dem ganzen Volke neue Wege geebnet hat, auf denen es Höhen gewinnen konnte, von denen aus ihm die machtvolle Ueberlegenheit über die Völker und Nationen des Erdballs mühelos in den Schoß fiel. Mehr wie je haben wir in unseren Zeitläuften, da unser deutsches Volk von Feinden rings umgeben ist, die seinen Einfluß auf die Geschicke der Menschheit und seine ausschlaggebende Stellung im Nate der Mächte schon längst mit eifersüchtigen Blicken betrachten, alle Ursache, dieses teuere Erbe unseres unvergeßlichen Vaters Iahn, das uns die Kraft und den Mut erhält, das uns groß gemacht hat, zu pflegen und weiter zu entwickeln.
In Offenbach hat man schon vor sieben Jahrzehnten die große Bedeutung der Erbschaft Jahns zu würdigen gewußt und getreu der von ihm ausgestellten Richtlinien die edle Turnerei zu der hohen Blüte gebracht, die heute jeden, der Sinn und Verständnis für die schöne und gute Sache zu haben vermag, von Herzen erfreuen muß. Einer der ältesten Turnvereine des Deutschen Reiches, der im Jahre 1843 gegründete O f - senbacher Turnverein hat nahezu 70 Jahre lang in diesem Sinne gewirkt und wird der Ehren große Fülle ausweisen, wenn er im Jahre 1918 sein diamantenes Jubiläum feiern wird.
Für jeden Freund des deutschen Turnwesens wird es von Interesse sein, zu hören, daß sich im kommenden Frühjahr 100 Jahre vollenden, seitdem Vater Iahn in der Hasenheide bei Berlin den ersten deutschen Turnplatz gründete. Dort, wo man die Schmach napoleonischer Unterbrüdung am schwersten empfand, wo man am heißesten den Tag der Erhebung des Volkes herbeisehnte, sollte die deutsche Turnerei ihre Geburtsstunde erleben Im ganzen Deutschen Reiche wird man dieses Tages gebührend gedenken, man wird sich an diesem Tage mit ehrfurchtsvollem Dank gegen den Geist des unvergeßlichen Turnvaters daran erinnern, was Jahn jedem echten Turner und dem ganzen deut- : schen Volke gewesen ist.