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Nr. 188
Telephon: Nr. 362.
Donnerstag, den 24. August 1911
Telephon: Nr. 368.
23. Jahrg
Manöver und Neuerung.
Der Zauberklang des Wortes „Manöver" läßt in diesen Tagen tausende von Soldatenherzen schneller schlagen. Nur wer selbst gedient und Manöver miter- lebt hat, vermag die Freude unserer blauen Jungens, auf einige Wochen dem ewegen Drill und der öden Ka- sernenluft entkommen zu können, vollauf zu würdigen. Nur wer auf dem Lande oder in einer kleinen Landstadt aufgewachsen ist, kennt die freudige Erregung und die festliche Borbereitung ganzer Ortschaften vor dem Einzug der Manövergäste. In diesem Jahr aber droht ein rauher Herbstreif auf all die jugendfrohen Erwartungen zu fallen. Aus verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes werden Petitionen angesehener landwirtschaftlicher ftoporotionen um Abbestellung der angesagten Herbstmanöver gemeldet. Das war doch sonst nicht dieses Landes Brauch. Zwar haben in allen bisher bekannt gewordenen Fällen die maßgebenden militärischen Instanzen die erbetenen Manöverabsagen verweigert, aber die Gründe für die ungewöhnlichen Petitionen, die Ursachen für die diesjährige Manöverunlust der Zivilbevölkerung bleiben dennoch bestehen und verdienen wegen ihrer voraussichtlichen Rückwirkung auf die Aufnahme und Verpflegung der Truppen einige Beachtung.
Die allgemeine Teuerung lastet gleicherweise auf Städten und Dörfern. Hier wie dort haben Fleisch und Gemüse und Kartoffeln und Obst, wenn sie überhaupt zu beschaffen sind, unerhörte Preise! Die manö verierenden Soldaten aber freuen sich schon seit Wochen auf die Bürgerquartiere, weil sie dort einmal mitsamt ihren Pferden aus dem Vollen leben zu können hoffen Sonstige Jahre war das ja auch so. Selbst, wenn die Truppen „ohne Verpflegung" einquartiert wurden, erhielten Menschen und Tiere von ihren freundlichen Quartiergebern noch bedeutende Naturalzuschüsse zu ihren knappen, von der Verwaltung gelieferten Rationen. Selbst in Gegenden, wo Einquartierung alljährlich kommt, wurden diese „Liebesgaben" in der Regel reichlich und gern gespendet. Erst recht bei „Einquartierung mit Verpflegung", wo nach dem Abschied dec Truppen die allerdings recht mageren und völlig unzureichenden „Gebührnisse" zur Auszahlung kommen. Nur in ganz armen Gegenden, bei zurückgebliebener Bevölkerung, hatten unsere Manövergäste gelegentlich einmal über Knauserigkeit und Knickrigkeit ihrer Quartierwirte zu klagen; aber das blieb glücklicherweise seltene Ausnahme.
In diesem Jahr dagegen wird in viel weiterem Umfange als sonst, vielleicht sogar in der Regel, Schmalhans Küchenmeister in den Manöverquartieren sein. Es ist ja alles so teuer geworden, was ein begehrlicher Gaumen und ein gesunder Magen eines Feldsoldaten verlangt; es ist in den eigenen Ställen so knapp geworden, was man sonst an Heu und Hafer und Stroh einem Königlich preußischen, bayrischen, sächsischen Dienst- pfecde so gerne zur täglich bemessenen Tagesration zugab. Arme Manövergäste? Dieses Jahr werdet Ihr vielerorts mehr als Last denn als Lust empfunden und ausgenommen werden! Nicht aus UebcwoÜen oder Bevölkerung, sondern aus Rücksicht auf die allgemeinen Teuerungsverhältnisse.
Mit begründeter Besorgnis sehen insbesodere auch die viehzüchtenden Landwirte in diesem Jahre dem Besuch zahlre!cher Soldaten entgegen. Weil sie fast täglich in anderen Orten und Gehöften einquartiert werden, kann es gar zu le'cht geschehen, daß sie die Pestilenz der Küher, Schafe-, Ziegen- und Schweinebeslände, die Maul und Klauenseuche ungewollt in Quartiere mitbringen, die bisher noch seuchefrei geblieben waren. Man weiß ja, wie stark die Ge-ahc der Ucbertragbarkeit dieser Seuche ist. Werden doch sogar Versammlungen ihretwegen häufig verboten! Wieviel schlimmer ist die Verbrcitungsgefahc durch hin und hcrmanö tarierende größere Truppenmassen!
Weniger störend als in manchen anderen Jahren werden diesmal die Flurschäden empfunden werden, weil die Ein'e infolge dec abnormen Witterung schon so weit vorgeschritten ist wie selten, und fast überall die wichtigsten Halmfrüchte eingebracht sind. Den Einzelsoldaten, der jetzt zum Manöver ausrückt, läßt diese Erwägung zwar kühl, aber für die Stimmung vieler seirer Qua tiergeber ist sie doch nicht gleichgültig.
Im großen und ganzen wird aber auch diesmal, trotz Futternot und Nahrungsmitteltcuerung und etwas knapperer Verpflegung die Manöveczeit wieder die Glanzzeit in der Erinnerung vieler tausender von Soldaten bleiben, die sich eben zum Ausrücken vocbereiten. Denn allzu nahe sind die Beziehungen des deutschen Volkes zu seinem Herr, als daß es in seiner überwie
genden Mehrheit nicht auch in Teuerungswellen seinen | starken Sympathien zu seinen wehrhaften Söhnen deutlichen Ausdruck geben sollte.
Bus Stadt und Cand.
Gießen, den 24. August 1911.
** Als G eschw orene für die Schwurgerichtssitzungen Gr. Landgirichts der Provinz Oberhessen im III. Quartal 1911 sind folgende Herren auSgelost: Rentner Georg Ulrich in Friedberg, Fürst!. Oberförster Fritz Klingelhöfer in Gedern, Gemeindeeinnehmec Johannes Oestreich 6. in Stockhausen, Kr. Lauterbach, Landwirt Johannes Luft in Busenborn, Kaufmann August Einolf in Homberg a. d. Ohm, Prokurist Joseph Aicher in Hirzenhain, Rentner Heinrich Keller in Ossenheim, Metzgermeister Heinrich Duchard 8. in Lauterbach, Bürgermeister Paul Heitzenröder in Nieder-MooS, Gutspächter Frieorich Leipold, in Münzenberg, Major a D. Berthold von Helmolt in Friedberg, Kaufmann Wilh. Hanstein in Gießen, Gutsbesitzer Karl Oppermann in Lehrbach, Kaufmann Werner Diehm in Lauterbach, Landwirt Konrad Döring in Willofs, Buchdruckerei- besitzer Otto Kindt in Gießen, Architekt Peter Heinrich Wilhelm Klöß in Vilbel, Landwirt Nikolaus Th. Ferdinand Ewuld in Ockstadt, Landwirt Hugo Schudt in Docheim, Landwirt Otto Völzing in Groß-Felda, Landwirt Heinrich Stein 1 in Stumpertenrod, Gemeinde- rechner Johannes Weil in Münzenberg, Kaufmann Philipp Krausgrill 11. in Nieder-Weisel, Kaufmann Karl Keutzec 1. in Lauterbach, Rentner Heinrich Ubrich in Friedberg, Bürgermeister Heinrich Schaaf 6. in Eichel- Hain, Rechner Georg Enders in Alsfeld, Landwirt Heinrich Wilhelm Hammel in Staden, Fabrikant Heinrich Schmidt 3. in Grünberg und Fabrikant Heinrich Ludwig Langsdorf in Friedberg.
*-* Die milchproduzierenden Landwirte aus der Umgegend von Gießen sind für morgen Freitag Nachmittag 3 Uhr zu einer Versammlung in das Restaurant „Felsenkeller" eingeladen. Unsere Hausfrauen werden das Resultat dieser Versammlung zu hören wohl sehr begierig sein.
* Die Erbauung d er neuen Kinderklinik in dec Friedrichstraße ist dem Architekten Hans Meyer übertragen worden Die Ansschreibung der Arbeiten soll in den nächsten Tagen erfolgen.
* Neue Ausbrüche der Maul- und Klauenseuche werden von Eberstadt (Kreis Gießen) und Obbornhofen gemeldet.
* Der gegenwärtige Tiefstand der Schweinepreise läßt das Mißverhältnis zu den Schweinefleischpreisen, wie sie jetzt noch immer gefordert werden, besonders auffällig hervortreten. Noch nie ist der Abstand zwischen Einkaufs- nnd Verkaufspreis so groß gewesen wie in diesem Jahre, was an den Hauptmärkten Deutschlands statistisch nachgewiesen wird. Diese künstliche Hochhaltung wirkt selbstverständlich ungünstig auf den Konsum. Würde der Preis des Schweinefleisches dem starken Sinken der Schweinepreise gefolgt sein, so würden die Konsumenten in viel größerem Maße sich dem Genusse des billigen Schweinefleisches zugewendet haben, wodurch einmal die Nachfrage nach Rindfleisch gemildert und zweitens der Schweinefleischkonsum stark erhöht worden wäre. Dec stälkere Verbrauch an Schweinefleisch würde aber ans die Schweinepreise regulierend wirken, so daß dem jetzigen vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus bedenklichen Tiefstand der Schweinepreise vorgebeugt worden wäre. Das jetzige Mißverhältnis zwischen bin Preisen für Schlachtschweine und den Schweinefleischpreisen bedeutet also nicht nur eine durchaus ungerechtfertigte Belastung der Konsumenten, sondern bildet zugleich die Ursache zu Schwankungen in der Schweinefleischpcoduktion, indem die natürliche Folge des jetzigen Tiefstand.s dec Schweinepreise an vielen Orten eine Einschränkung der Schweinemast sein wird. Fleischverbrauch, Fleischpreise und Fleischproduktion stehen also in einem innigeren Zusammenhang, als oft angenommen wird.
* Ein Gewitter mit starken Niederschlägen ging Dienstag abend über unserer Gegend nieder. In der Nacht wiederholten sich die elektrischen Entladungen, auch gestern ging wieder ein durchdringender Regen nieder. Dieser ist den Landwirten um so willkommener, als die Felder jetzt für die Nachsaaten und Futterkcäutec bestellt werden. Auch für die Spätkartoffeln und die Spätgemüse erhofft man von dem Regen eine gute Wirkung.
* Der Spiritus wird teurer. Wie gemeldet wird hat die Spirituszentrale in Berlin infolge der schlechten
Aussichten der Katoffelernte den Preis für Spiritus um 6 Mark für 100 Liter erhöht.
* Der evangelische Kirchengesangvercin für Hessen hält seine diesjährige, vom Kirchengesangfest getrennte, Hauptversammlung Freitag, den 25. August (LudwigStag) vormitags 10 Uhr, im LandeSsynodalgebäude (Waldstcaßc 40) zu Darmstadt ab. Die Tagesordnung umfaßt außer dem Jahresbericht und wichtigeren geschäftlichen Verhandlungen einen Vortrag (mit Diskussion) deS Reallehrers Mohr-Bensheim über „VolkSgesang, Schulgesang, Kirchengesang".
■ )(• Gießen, 22. Aug. Der Tricbwagenverkchc Hungen Gießen und rückwärts bis Nidda, Hungen-Mücke bezw. Hungen-Friedberg mit Gegenzügen ist nun bereits im letzten Winter- und Sommerfahrplan eingsetzt, obwohl bis heute die Wagen noch nicht Verkehren. Für manche Geschäftsreisende, die ihre Tour unter Mitbenutzung der Triebwagen nach dem Fahrplan zusammengestellt haben, ergibt sich auf den betr. Stationen Enttäuschung und Zeitverlust. Es steht zu hoffen, daß dec vielbesprochene Tciebwagenverlehc mit dem Winter- fahrplan wirklich in Kcaft tritt. Die Elcktrizitätsanlagen am Hungener Bahnhof sind schon lange betriebsfähig.
- k- Klein-Linden, 22. Aug. Mit Rücksicht auf den in diesem Sommer durch die anhaltende Dürre Hecvorgerufenen Ausfall der Feldfrüchte hat die Gemeinde- behöcde den Antrag der hiesigen Wirte auf Abhaltung einer Kirmes abgelehnt. Als weiterer Grund wurde angeführt, daß erst vor kurzem der zweitägige Gesangswettstreit hier abgehalten wurde.
- r- Hungen, 23. Aug. Der Eisenbahnbcemsec Valentin G u n k l e r, dec — wie berichtet — Montag abend ans der Station Ober-Widdersheim unter die Räder des Zuges geriet, ist nach der Amputation des linken Beines seinen Verletzungen erlegen.
- t- Ettingshausen, 21. Aug. Da von wegen der Maul- und Klauenseuche hier kein Vieh abgesetzt werden darf, schlachten die Landwirte das Vieh selbst und verkaufen es an die Einwohner.
- l- Ho lzh a u se n, 22. Aug. Seit 14Tagen haben sich 15 Gießener Wandervögel hiec eingenistet. Den jungen Leuten ist ein leerstehender Stock eines Hauses unentgeltlich eingecäumt, worin jeder seinen Strohsack aufgeschlagen hat. Die Wandervögel leben sehr einfach. Es wird alles, was nötig ist, gemeinsam beschafft und es gibt in dec Woche nur zweimal Fleisch. Die jungen Leute machen täglich Streifen in die Umgebung, stehen früh auf und legen sich zeitig nieder. An einer passenden Stelle hat man den Bach gestaut und fr ein schönes Bad geschaffen. In dieser Woche trafen noch drei Fereienkolonisten der Gießener Volkschulen ein, die auf 14 Tage Gäste der Wandervögel sind. Ihr Lehrer trägt die Kosten, weil er mit dem Fleiß und dem Betragen der Schüler zufrieden war. In unserer Gemeinde hat man die jungen Burschen sehr gern, weil sie immer vergnügt sind und sich nett und bescheiden benehmen.
* Friedberg, 23. Aug. An dec Großh. Obstbauschule finden vom 29. bis 31. August und vom 5. bis 7. September zwei Obst- und Gemüseverwertungskurse für Frauen und Mädchen statt. In diesen Kursen wird das Konservieren von Obst und Gemüse in Gläsern und Krügen, sow e die Herstellung von Marmelade, Gelee usw. praktisch vorgeführt. Da die Anstalt zuc Abhaltung solcher Kurse umfangreiche unb neuzeitliche Einrichtungen besitzt, so ist dec Besuch dieser Kurse ganz besonder empfehlenswert. Da immer nur eine geringe Anzahl von Damen zu einem Kursus zugelassen werden (Höchstzahl 25), so empfiehlt es sich, sich rechtzeitig bei der Großh. Diecektion zu melden. Der erste Kursus vom 29. bis 31. August ist bereits fast vollständig besetzt; Anmeldungen können nur noch zum zweiten Kursus Berücksichtigung finden.
* Naunheim, 23. Aug. In drei Gehöften unserer Gemeinde ist unter dem Rindviehbestande die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden.
n- Ehringshausen, 24. Aug. Am 11. Aug. verließ Frl. Himmelreich unser Dorf, um an der Seite ihres Gatten, Missionar Feige, der vor 2 Jahren nach Kapland ging, unter den Heiden zu arbeiten. Bei der Abschiedsfeier im Bereinöhause, be. der Ehorgejang und Deklamation wirkungsvoll abwechseltcn, wurde der Scheidenden das Wort Jes. 43, 1—3 und o. Mo). 2, 7 auf den Weg mitgegeben. Möge der Herr sie wohlbehalten an den Ort ihrer Bestimmung bringen, und möge die schwierige Arbeit unter dem Heidenvolke von reichem Segen begleitet sein.