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Gießener JeiLnng

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Verlag derGießener Zeitnug,, G. m. b. H.

Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer

Expedition:

des Großherzoglichen sPolizei-Amtes Behörden Gberheffens Seltersroeg 83.

(HauS Brüder Schmidt.)

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Nr. 146. Telephon: Nr. 362.

Samstag, den 24. Juni 1911.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg

Rticbstagswablvorbereihingen.

è B ii dingen, 23. Juni. Wie verlautet, soll sur den Wahlkreis Friedberg-Büdingen als gemeinsamer bürgerlicher Reichstagskandidat Amtsrichter S t r a ck - Eiehen (srüher Friedberg) ausgestellt werden.

* Mainz, 23. Juni. Hier tagte am Mittwoch unter dem Vorsitz des Landtagsabgeordneten Justizrat Dr. Schmitt das Landeskomitee der hessi­sch e n Z e n 1 r u m s p a r t e i. Es sollen bei ben Landtagswahlen, wenn nicht ganz besondere Gründe da­gegen sprechen, in fast allen Wahlkreisen Kandidaten aus­gestellt werden. Auch über die Taktik bei den Reichs- tagswahlen wurde Ueberein stimmung erzielt.

* O b e r st e i n, 24. Juni. Die Vertrauensmän­nerversammlung des Bundes der Landwirte für den Wahlkreis St. Wendel-Ottweil-Meisen- h e i m beriet hier über die von nationalliberaler Seite geforderte bündlerische Wahlhilfe für den Kandidaten v. Schubert. Die Bitte wurde einstimmig abgelehnt.

* Neuwied, 23. Juni. Durch die Presse ging in diesen Tagen die Notiz, daß im Wahlkreise Neuwied seitens der nationalliberalen Partei der Pastor Schmidt aus Engers als Kandidat dervereinigten nichtultramon- tanen-nationalen Parteien^ dem Zentrumskandidat Krings entgegentreten werde. Diese Nachricht ist, soweit die Christlich-Soziale Partei in Frage kommt, nicht zu­treffend. Im Gegenteil hat die Christlich-Soziale Par­tei schon lange die Absicht im Wahlkreise Neuwied mit einer eigenen Kandidatur vorzugehen und wird deren Proklamierung demnächst erfolgen.

nur Stadt und Land.

Gießen, den 24. Juni.

* Oberpostassistent Traber t-Hungen wurde nach hier versetzt.

-n- M eii st e r p r ü s u n g e n. Seit vier Wochen haben die Meisterprüfungen begonnen. Die theoretischen Prüfungen finden voraussichtlich im September in Ver­bindung mit der Verleihung des Meistertitels statt. Die Beteiligung an der Prüfung ist groß.

* Der Turnverein von 1 8 4 6 feiert am Samstag und Sonntag, 1. und 2. Juli, sein 65jähriges Stiftungsfest durch einen Festkommers in der Turnhalle und ein Sommersest im Philosophenwald, wo sein Schau­turnen der gesamten aktiven Turner und ein Wetturnen der Schülerabt. stattsindet. Bei dem Kommers wird einer außerordentlich stattlichen Anzahl von Jubilaren eine Ehrenurkunde für 25jährige Mitgliedschaft überreicht wer­den können.

* Unteroffizier und Student. Am Abend des 11. Dezember v. Js. gerieten in einer Wirt­schaft Mitglieder des FuhballklubsMerkur" und Stu­denten in Streit. Der Unteroffizier Wilhelm Reibeling von der 2. Kompagnie des hiesigen Regiments setzte sich mit seinem Bruder zu dem Fußballklub und sagte, er habe mit den Studenten auch noch Hühnchen zu pflücken. Als der Wirt Feierabend bot und beide Par­teien das Lokal verließen, nahmen die (Sportsmänner die eisernen Schürhaken mit heraus. Draußen kam es dann zu einer Rauferei, bei der die Musensöhne mit dem Schürhaken bearbeitet wurden. Einer von diesen trug eine Wunde davon, die unmöglich von einem Schür­haken herrühren konnte. Es lagen vielmehr zwingende Verdachtsmomente vor, daß Unteroffizier Reibelmg dem Studenten die Wunde mit dem Seitengewehr beige­bracht habe. Das Kriegsgericht gewann auch trotz seines Bestreitens die Ueberzeugung von seiner Schuld und ver­urteilte ihn wegen schwerer Körperverletzung unter rechts­widrigem Gebrauch der Waffe zu der geringsten zulässi­gen Strafe von 43 Tagen Gefängnis. Weil er einen Revolverschuß in die Lust abgefeuert haben sollte wurde der Unteroffizier ferner zu 5 Tagen Hast verurteilt ob­wohl ein Bruder angab, er habe den Schuh abgegeben. Das Oberkriegsgericht als Berusungsinstanz erkannte be­züglich des Schusses auf Freisprechung, erhöhte aber die Strase für den Säbelhieb aus 7 Wochen Gesangms.

Die Einstellung der Rekruter, erfolgt in diesem Jahre in der Zeit vom 11. bis -'nschliehlich 14. Oktober. Bei der Kavallerie, der reitenden Feldar­tillerie, dem Train erfolgt die Einstellung möglichst bald nach dem 1. Oktober. Die Rekruten für Die B- rkskom- mandos, für die Untetoffizierschule sowie Oekonom,e- Handwerker haben am 2. oder 3. Oktober in ihren Kar- nifonen einzutreffen.

- Sonnw ° nd - Feier. Heute abend 11 Uhr veranstaltet der Alldeutsche Verband, Ortsgruppe^üram- surt a. M., auf dem Feldberge eine Sonnwcnd-

feier mit folgendem Programm: Fackelzug, Gemeinsa- | mes Lied:Stimmt an mit Hellem hohen Klang", Fest­rede, Entzündung des Holzstoßes, Feuersprüche, Ge­meinsames Lied:Die Wacht am Rhein", Akademische Feier im GasthauseZur Walküre". Trompetensignale verkünden den Beginn.

* ) L i ch, 23. Juni. Aus dem großen Wicsengrunde, der sich in einer Ausdehnung von bald zwei Stunden im Wettertal bis nach Ober-Beffingen hin erstreckt, herrscht jetzt geschästiges Leben, denn die Heuernte ist jetzt in vollem Gange. Ueberall sind Buden und Zelte aufgeschlagen, die den zahlreichen Heumachern aus der Umgebung Erfrischung und Aufenthalt gewähren. Die Ernte ist im Vergleich zu den Vorjahren schlecht, aber immer noch reichlich. Der Licher Wiesgrund versorgt die weite Umgebung mit Wintersutter.

- s- A l s f e l d, 24. Juni. Die diesjährige Pro - vinzial-Geflügelausstellung für Oberhes­sen findet vom 18. bis 20. November hier statt.

- n- Hungen, 24. Juni. Auf der Landwirtschaft­lichen Ausstellung in Kassel hat die hiesige Molkerei mit ihrer ausgestellten Butter den 1. Preis mit 19 Wert­malen errungen. 19 oder 20 Wertmale sind das höchst erreichbare bei der Beurteilung der Butter.

* Ober-Mörlen, 24. Juni. Von einer Zi­geunerbande überfallen wurde in der Nähe von Nieder- Mörlen ein Handwerksbursche und derartig mißhandelt, daß er blutüberströmt mit mehreren tiefen Wunden am Kopfe aufgefunden wurde.

- f- Offenbach, 24. Juni. Der Tarifvertrag für die Lederwarenindustrie wurde mit 99 Stim­men bei zirka 500 Stimmenenthaltungen angenommen, ebenso in Stuttgart mit 180 gegen 36 Stimmen.

* Offenbach, 23. Juni. Der 30jährige Haus­bursche Kämmerer, der bei der Baufirma Phil. Forster und Söhne in Diensten stand, hatte im Auftrag seines Herrn 3000 Mk. erhoben, die er bei einem Bankhause einzahlen sollte. Er suchte jedoch mit dem Gelde das Weite. In Fulda ereilte ihn gestern das Schicksal. Aus der Straße wurde er von hiesigen Kriminalschutzleuten erkannt und s e st g e n o m m e n. Bei ihm fand man nur noch 517 Mark vor, doch nimmt man an, daß er einen großen Teil des Geldes versteckt hat.

* ) D a r m st a d t, 23. Juni. Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer setzte gestern seine Beratungen fort. Der Finanzminister machte zu Beginn der Beratung die Mitteilung, daß zu der für nächsten Montag einberu- fenen gemeinsamen Sitzung der Finanzausschüsse beider Ständekammern bezüglich der Differenzpunkte zwischen denselben hinsichtlich des Gesetzentwurfs über die Gemein­deumlagen von der Regierung weitere Vermittlungsoor- schläge vorgelegt werden würden. Im Verlauf der Sit­zung wurde dann noch einmal über die Regierungsvor­lage betr. die Nachtragsforderung von 12 000 Mk. zu den Kosten der hessischen Gesandtschaft und Bundesrats- vertretung in Berlin beraten und schließlich die Vor­lage abgelehnt. Der Ausschuß glaubt in seiner Mehr­heit, daß es nicht angängig sei, jetzt unmittelbar vor dem Abschluß der Tagung und außerhalb des Budget­rahmens eine solche Forderung zu genehmigen. In einem Jniativantrag von 19 Mitgliedern der Ersten Kammer war eine Abänderung des Gesetzes betreffend das Besteuerungsrecht der Kirchen- und Religionsgesell­schaften in dem Sinne beantragt worden, daß hinter Artikel 6 dieses Gesetzes als Art. 6a eine Bestimmung eingefügt wird, wonach auch Aktiengesellschaften 2C. zur Kirchensteuer herangezogen werden sollen. Die Antrag­steller erachten es bei der steigenden Tendenz, welche die Kirchenumlagen zeigen, als ein Gebot der Gerechtigkeit, den selbständigen gewerblichen Mittelstand durch Heran­ziehung des Einkommens aus Aktiengesellschaften x. zu entlasten, wie dies auch in anderen Staaten geschieht. Der Finanzausschuß beschloß, die Forderung dieses Ini­tiativantrages zuzustimmen. m

Darmstadt, 24. Juni. In der gestrigen Ver­sammlung der Stadtverordneten wurde die Genehmigung erteilt, daß auf dem Grundstück der Techn. Hochschule eine 'Halle für kriegstechnische Sammlun­gen und ein Anbau zur Unterbringung von Paprer - Maschinen errichtet werden.

* Marburg, 24. Juni. Dps Landgericht ver- urtcUte einen ländlichen Handwerksmeister wegen Ver­gehens gegen das Krankenversicherungsgesetz unter Zu­billigung mildernder Umstände zu 75 Mk. Geldstrafe ober 15 Tagen Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte gegen den Mann, der einen Gehilfen mchl vorfchnfts- mäßig zur Krankenkasse angemeldet, 6 Wochen Gefäng­nis beantragt.

Oeffenllicber Spreebsaal.

Ein Bild der Zerisseilheit und des Jammers bieten zur Stunde die nationalen Parteien der Provinz Oberheffen. In Alsfeld-Lau­terbach bekämpfen sich die Nationalliberalen und die Anhänger des Reichstagsabgeordneten Bindewald bis aufs Messer. Die ersteren halten sich für etwas Besseres und Höheres, halten in ihrem Parteidünkel nur sich al­lein für maßgebend, einen Kandidaten auszustellen, und der Landbevölkerung gestatten sie nur gnädigst, mitzu­wählen. Daß die es gewagt hat, ein Wort milzuspre­chen und einen besonderen Kandidaten auszustellen, der nicht auf die nationalliberale Fahne schwört, ist ein nie wieder zu sühnendes Verbrechen. Man arbeitet so den Demokraten in die Hände.

Im Kreis Friedberg wagten es die Bauern, bei der vorjährigen Wahl einen besonderen Kandidaten zu präsentieren. Wer dagegen am meisten protestierte, waren die Nationalliberalen, vor allen ein oder zwei Führer. Sie tragen die Schuld und niemand anderes, daß als Vertreter der gesegneten Wetterau ein Sozial­demokrat im Reichstag sitzt. Diese Wahl hatte aber doch das eine Gute, daß Klarheit über die Stärke der einzelnen Parteien geschaffen wurde. Die Mittelstm^dler verfügen über 67000 Stimmen, die Sationalliberalen über 2000 und die Demokraten (früher Freisinnigen) über 2000 Stimmen. Nun hat man den lieblichen Ent­schluß gefaßt, die bürgerlichen Parteien zu einigen. Al­lenthalben fand dies Anklang mit Ausnahme bei den Freisinnigen. Trotzdem standen die Sterne günstig. Man hatte vor einigen Wochen endlich einen gemeinsamen al­ten nationalen, bürgerlichen Kreisen genehmen, Kandi­daten gefunden, den Landgerichtsrat Strack in Gießen, einen über die Maßen in jeder Richtung passende Per­sönlichkeit, und nun wird wieder Zwietracht von den Nationalliberalen im Kreis Gießen gesät. Hier vertritt ein nationalgesinnter Mann zur Zeit den Wahlkreis. Ihm und seinen politischen wie wirtschaftlichen Anschau­ungen stehen die Nationalliberalen in ihrer übergroßen Mehrheit tausendmal näher als die Linksliberalen oder Demokraten. Tut nichts. Aus Parteieigensinn oder Aer- ger über den Ausgang der letzten Wahl beschließt die­ser Tage die nationalliberale Vertrauensmänner-Ver - sammlung, bei der nächsten Reichstagswahl wieder ein­mal nach links Fühlung zu nehmen. Wenn's nicht in der Zeitung gestanden hätte, würde so etwas kein vernünftig denkender Mensch glauben aber es ist Gott sei es geklagt wirklich Tatsache. Und die einfache Folge ? Im Kreis Friedberg wollen nun mehr die Deutsch- und Christlich-Sozialen ihre Zustimmung zur gemeinsamen Kandidatur Strack zurückziehen. Wahr­lich ein Bild des Jammers. Unwillkürlich fragt man sich, gibts denn in der nationalen Partei nicht eine An­zahl entschlossene, ernstgesinnte Männer, die gegen die unbegreifliche Grundsatzlosigkeit in ihren Parieireihen endlich einmal mutig und mannhaft austreten und gehö­rigen Wandel schafft ? Zeit ist es, höchste Zeit!

-r-

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