Hießener Jettung
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Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.
Enthält alle amtt. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei^
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
> Behörden Gberheffens
Expedition: Zeltersweg 83
(Haus Brüder Schmidt.)
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Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 7L Telephon: Nr. 362.
Freitag den 24 März 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Aus dem Reichstag.
(Spezialbericht der „Gießener Zeitung".)
Ob st bau — Sortierung — Dörren.
Bei dem Titel „Förderung der Landwirt- s ch a s 1" im Reichsetat nahm der Abg. B e h r e n s das Wort, um dazu folgendes auszuführen:
„Der Titel 19, der zur Förderung des Absatzes und der Verwertung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen dem Herrn Staatssekretär die nötigen Mittel zur Verfügung stellt. Unter diesen Titel fällt auch die Förderung des deut- chen Obstbaues. Der Obstbau ist ein wesentlicher Teil b±V"H ^" Landwirtschaft geworden und besow
S? K^k wVn"tt auMZstchen Obstes Konkurrenz zu machen. Es ist eine Frage von großer Tragweite, minderwertiges, weniger gutes mit kleinen Schönheitsfehlern behaftetes Obst direkt zu ver- werten Für die Herstellung von Fruchtweinen werden die künftigen Mengen des gebauten Obstes viel zu groß sein. Die Obstkonservenfabriken sind zur Zeit der Hauptobsternte sowohl mit der Verwertung des Obstes als auch mit der Verarbeitung der Gemüse beschäsliqt Sie sind nun erfahrungsgemäß nicht in der Lage, das große Angebot, das während der Erntezeit an Obst herrscht zu verbrauchen, und die Preise werden dadurch außerordentlich gedrückt. Die Obstzüchter, besonders die kleinen Landwirte, werden dadurch oft sehr geschädigt. Es ist deshalb für die O b st z ü ch t e r und Kleinbau- ern eme Frage von der größten Bedeutung, das vorbezeichnete Obst zu einem haltbaren Fabrikat zu verarbeiten, welches zu einer Zeit, in welcher die Konservenfabriken Mangel an Material haben, gesucht und angemessen bezahlt wird. Billiges Obst für den kleinen Mann in reichlichen Mengen den Märkten zuzuführen üegt im Interesse der Volksgesundheit und muß eine der hauptsächlichsten Aufgaben des Deutschen Pomologenvereins und aller Behörden und Körperschaften sein, die für den deutschen Obstbau arbeiten.
Es ist allerdings nicht zu bestreiten, daß die Nachfrage nach feinem Tafelobst auch in Deutschland bisher in demselben Umfang gestiegen ist, wie die Wohlhabenheit und damit die Ansprüche und Bedürfnisse des täglichen Lebens gestiegen sind. Feines Tafelob st ist heute sehr gefragt und findet immer guten Absatz. Je mehr bei den Obstzüchtern die Erkenntnis sich Bahn bricht, daß nur gleichmäßig sortiertes Obst die Handelsware ist, die imstande sein wird, die ausländische Ausfuhr auf deutschen Märkten zu ersetzen, je mehr die Obstzüchter sich zu gewissenhafter Sortierung zwingen und daran gewöhnen, um so größere Mengen Obst zweiter, dritter und vierter Sortierung werden gleich - zeitig für die weniger zahlungskräftige Bevölkerung gewonnen.
Meine Herren, je nach der Eigenart der Sorten erhöht sich auch der Prozentsatz oder, was bei vielen Sorten zutrifst, erniedrigt sich zu Gunsten der dritten und noch billigeren Sortierung. Von letzteren aber darf man nicht annehmen, daß sie für den Rohgenuß nicht geeignet sind. Ihr Minderwert beruht ost nur auf Schönheitsfehlern. Der Wert für die Volksernährung ist nicht beeinträchtigt. Durch die gewissenhafte Sortierung, die der deutsche Pomologenverein durch Wort und durch Schrift, insbesondere durch das Beispiel seiner O b st - v e r p a ck u n g s- und O b st s o r 1 i e r u n g s k u r s e, in weite Kreise getragen hat, und die die deutschen Obst- züchter in immer größerem Maße vornehmen, wird ein Teil Obst frei, das nicht mehr in die letzten Sortierungen hineingehört und besonders in Jahren mit reichen Obsternten nicht mehr auf dem Markt lohnend verwendet werden kann. Das Dörren des Obstes war bis vor kurzem mit großen Kosten verknüpft und wenig erträglich, ja deckte oftmals die Selbstkosten nicht. Um diesem Uebelstande entgegenzuwirken sind vom Deutschen Pomologenverein allerlei Versuche eingestellt nwrben, um Verfahren zu finden, solches minderes Obst rentabel zu verwerten. t f ... .
Durch die Erfahrungen und Erfolge, bie in der Landwirtschaft mit den neueren M a s ch i n e n - Einrichtungen zum Trocknen derKartoffeln qemadjt sind, angeregt, hat der deutsche Pomologenver- ein mit diesen Kartosfeldörrma chmen «ersuche >mt dem Dörren von aussortierten Aepseln gemacht. Diese ^Ver- suche haben ein günstiges Resultat ergeben. Die r.orr- probufte, die aus diesem Wege gewonnen wurden stnd an sünsundsièbcig Verwertungssirmen, die sich mü der Herstellung alkoholfreier Getränke beschast,-
gen, geschickt worden, und eine große Anzahl dieser Firmen hat erklärt, daß diese Produkte für ihre Zwecke durchaus brauchbar und wohlgeeignet seien, die amerikanischen Ringäpfel, die jetzt hauutsächlich verarbeitet werden, zu ersetzen. Der deutsche Pomologenverein hat auch die Rentabilität diesesDörrversahrens festgestellt. Wenn die Versuche des Pomologenvereins auf diesem Gebiet weiter von Erfolg gekrönt sind, so wird den deutschen Landwirten, besonders den kleinen Landwirten und den Obstzüchtern eine sehr gute Einnahmequelle besonders in den Jahren geöffnet, in denen viel Obst erzeugt wird. Eine bekannte Tatsache ist ja: wenn das Obst knapp ist, steigt es im Preise; aber in den Zeiten, wo viel geerntet wird, sinkt es außerordentlich im Preise und ist dann in den ländlichen Bezirken kaum zu verwerten. Wenn nun eine Möglichkeit geschafft wird, auf diesem Wege der Dörrung es günstig zu verwerten, dann würde das sehr wertvoll für die Landwirtschaft, insbesondere für die kleinen Leute und für die Obstzüchter sein.
Im übrigen aber ist es auch eine Frage der Volksernährung. Je mehr Obst im Lande und von den weiten Volkskreisen verzehrt werden kann, desto günstiger ist es für die Volksernährung und -gesundheit. Denn es gibt kaum ein gesunderes Nahrungsmittel als Obst. Und deswegen bitte ich den Herrn Staatssekretär, bei der Verteilung der Mittel, die ihm aus Titel 19 seines Etats zur Verfügung stehen, den deutschen Pomologenverein zu seinen Arbeiten und Versuchen auf dem Gebiete der Obstverwertung möglichst reichlich zu unterstützen.
Aus dem Grossblock von Bebel bis Bassermann.
Zwischen dem „Berliner Tageblatt", das das Resultat der Gießener Stichwahl „im höchsten Grade bedauerlich und geradezu schmachvoll" bezeichnete, und dem „Vorwärts", der aus gleicher Ursache seinen Leitartikel mit „Liberale Schande" überschrieb, ist jetzt ein drolliger Frosch-Mäusekrieg über die Qualität ihrer Abgeordneten ausgebrochen. Das „Berliner Tageblatt", das bisher der Sozialdemokratie in der Großblockdebatte am unentwegtesten „Schmiere stand", leistet sich in Nr. 150 (22. März 1911) im Leitartikel „Die Gießener Stichwahl" folgende Betrachtung über die Qualität der sozialdemokratischen Reichstagskandidaten und Abgeordneten:
„Aber daß die Sozialdemokratie mit Herrn Beckmann nicht viel Staat machen konnte, das sollte sie sich eigentlich selbst sagen und die unbefangeneren Sozialdemokraten haben es sich wohl auch gesagt. Wer Herrn Beckmann selbst gehört hat, der hatte keinen sehr günstigen Eindruck von diesem sozialdemokratischen Kandidaten. Und hier berührt man einen sehr wunden Punkt der ganzen sozialdemokratischen Wahlmache. Die Beckmänner werden geflissentlich in den Vordergrund geschoben. Irgendwelche kleine Parteibeamte, die von der Leitung völlig abhängig sind, müssen kandidieren und werden vielfach auch in den Reichstag gewählt, in dem siedann allerdings nichts zu sagen, sondern nur zu stimmen haben. Man hat hier ein rotes Gegenstück zu der Landratsfraktion auf der Rechte n".
Niemand wird bestreiten können, daß das „Berliner Tagebl." mit dieser Feststellung durchaus r e ch t hat.
Dem „Vorwärts" aber scheint diese Kritik seiner „Größen" und der roten „L a n d r a t s f r a k t i o n" nicht zu behagen. In Nr. 70 (23. März 1911) antwortet er in einem Leitartikel „Gießen-Nidda" darauf
recht giftig:
„Solchen Unsinn sollte doch das „Berliner Tagebl." lieber die Herren Fischbeck und Wiemer verzapfen lassen! Wir würden es für geschmacklos halten, den. Genossen Beckmann gegen das Geschwätz des Blattes in Schutz zu nehmen. Aber selbst wenn das dumme Geredevon den „Veckmännern" gerechtfertigt wäre, so säße gerade der Freisinn derart im Glashause, daß er sich wahrhaftig hüten sollte, mit Steinen zu werfen. Denn eine Partei, in der dieFischbeck, Kopsch, Mug- dan und Wiemer als hervorragende Leuchten geltenkönnen, hatwahrhaftig keine Ursache, mit souveräner Geringschätzung auf die „kleinen Parteibeam- t e n" der Sozialdemokratie herabzublicken 1 Docy haben ja gerade Linksliberale von der Theodor Barth-Gruppe über die f r e i s i n n i g e n V e z i r k s v e r ei n sg rotz e n so ost und so unbarmherzig die satirische Geitzel geschwungen, daß wir uns die Ironisierung des Mosse- schen Größenwahns billig ersparen können."
Wir haben keine Ursache an der Richtigkeit dieser Charakterisierung zu zweifeln. Die Großblockbrüder ken nen sich ja genügend, um sich richtig einschätzen zu kön nen. Wir stimmen also zu.
Das „Verl. Tgbl." hatte in demselben Artikel den Sozialdemokraten empfohlen, unter Umständen zugunsten der fortschrittlichen Volkspartei auf besondere Kandidatell zu verzichten, um die Wahl eines „entschiedenen" Liberalen sicher zu stellen. Daraus antwortet der „Vorwärts" in köstlicher Offenheit:
„Und leider stehen die Ratschläge, zu denen sich das „Verl. Tageblatt" weiterhin in wahltaktischer Beziehung herabläßt, ganz auf der gleichen Höhe. Mutet uns das Blatt doch allen Ernstes zu, da, wo die Sozialdemokratie auf einen Erfolg aus eigener Kraft nicht hoffen darf, auf die Aufstellung eigener Kandidaten zu verzichten! Als ob es nicht gerade diese Taktik gewesen wäre, die in vielen Wahlkreisen den Freisinn so heruntergebracht hat, die auch die Hauptschuld daran trägt, daß in Gießen-Nidda ein Teil der politisch so mangelhaft geschulten und disziplinierten Wählerschaft ins Lager der Antisemiten übergelaufen ist! Wenn der Freisinn trotz aller trostlosen Erfahrungen noch immer nicht gelerni hat, daß es nichts Korrumpierenderes gibt, als solch klägliche K o m p r o m i s s e l e i, die kein politisches Prinzip kennt, als das der Grundsatzlosigkeit — schlimm genug für ihn! Aber der Sozialdemokratie zuzumuten, dem tapferenLiberalismus zuliebe auf grundsätzliche und entschiedene Vertretung ihrer Anschaltungen zu verzichten, ihr zuzumuten, von vornherein ihr Banner zusammenzurollen, nur damit einem w a s ch l üppige n und korrupten Liberalismus die Qual erspart wird, sich für links oder rechts, für Sozialdemokratie ober nackteste Reaktion zu entscheiden, das ist denn doch eine Leistung, die eines Mugdan würdig wäre
Also der „waschlappige und korrupte Liberalismus" wird seine Rolle als Zutreiber der Sozialdemokratie weiter spielen können. Ob die Wähler aber in dieser unwürdigen Rolle weiter mitzumachen geneigt sind, das scheint nach den Erfahrungen in der Stichwahl in Gießen-Nidda zweifelhaft zu sein.
Franz Behrens, Mitglied des Reichstages.
Aur Stadt und Land.
Gießen, den 24. März 1911.
— D i e H e r b st ü b u n g e n des 18. Korps finden in diesem Jahre vom 22. August bis 20. September statt. Die Operationsbasis liegt hauptsächlich im Taunus. Das Manövergelände wird begrenzt im Nordosten durch die Linie Friedberg-Limburg, im Norden durch die Lahn, im Westen durch den Rhein von Oberlahnstein bis Oppenheim, im Süden durch die Linie Oppenheim-Darmstadt, im Osten durch die Linie Darm- stadt-Frankfurt-Friedberg. In dem Gelände westlich der Linie Oppenheim-Wiesbaden-Kamberg übt die 25. (Hess.) Division, östlich davon die 21. Division.
— Gießen, 23. März. (Schutzimpfung gegen die Hämoglobinurie (Rotwasser, Weiderot, Blutharnen) der Rinder.) Im Auftrage des preußischen Landwirtschafts- Ministeriums wird der Impfstoff gegen die Hämoglobinurie der Rinder auch im Jahre 1911 durch das Gesundheitsamt der Landwirtschaftskammer für Pommern zu Züllchow-Stettin hergestellt und abgegeben.^ Die Schutzimpfung wird nach den Ergebnissen der Jahre 1907—1910 empfohlen für diejenigen Rinderbestände, in denen die Seuche alljährlich auftritt und in denen im Durchschnitt der Jahre 1 Prozent der Rinder oder mehr an der Seuche stirbt oder schwerer Erkrankungen wegen geschlachtet wird. Die Schutzimpfung vermindert in hohem Matze die Zahl der Todesfälle und der schweren Erkrankungen. Der Impfstoff wird vom letzten Drittel des März an jeden Sonnabend abgegeben. Die Gebrauchsanweisung, die auch die Bezugsbedingungen enthält, wird von der genannten Stelle auf Wunsch zugeschickt.
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