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Gießener Zeitung

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Herausgeber: Albin Klein & Cito Fischer.

(Haus Brüder Schmidt.)

Gesamtleitung : Albin ft fein.

Nr. 47.

Telephon: Nr. 362.

Frmag den 24. Februar 1911

Telephon: Nr. 362.

23. Iahrg.

Jugendpflege.

Unter den sozialen Aufgaben, die noch ihrer Lösung harren, steht die Jugendpflege, auf die von weitblicken­den Vaterlandsfreunden unermüdlich hingewiesen wurde, an erster Stelle. Es ist daher dankbar zu begrüßen, daß ein kürzlich veröffentlichter Erlaß des preußischen kul- tusministers sich dieser Aufgabe annimmt; denn wem die Jugend eines Volkes gehört, dem gehört auch die Zukunft. Das hat lange bereits mit unleugbarem Scharf­blick die Sozialdemokratie erkannt und sich infolgedessen dieses vernachlässigten Zweiges unserer Sozialpolitik an­genommen, mit der ausgesprochenen Absicht, dadurch die Jugend in den Bann ihrer'Bestrebungen zu zwin­gen. Gerechterweise ist die preußische Staatsregierung aus Grund des Vereinsgesetzes gegen diese falsche Ju­gendpflege, die den Heranwachsenden Jünglingen aus politischem Gebiete Haß gegen die Staatseinrichtungen und auf religiösem Gebiete nicht nur Gotteslosigkeit, son­dern Gottesverachtung einimpft, eingeschritten; aber in richtiger Erkenntnis der Bedeutung der Sache hat sie sich nicht auf die Abwehr des von der Sozialdemokratie ge­gen die Jugend gerichteten Anschlags beschränkt, sondern ist daran gegangen, der Jugend gerade in den wichtig­sten Entwickelungsjahren, in denen der Grundstein zu dem künftigen Menschen gelegt wird, den körperlichen und geistigen Halt zu geben, dessen der junge Mensch fürs Leben bedarf.

körperliche und geistige Hebung beides strebt der Erlaß des preußischen Kultusministers in weitblickender Weise an, indem er alle Bestandteile unseres Volkes, die zur Jugendpflege berufen sind, zur Mithilfe aufruft und gleichzeitig unter Bereitstellung von Mitteln die staat­lichen Behörden anweist, alle derartigen Bestrebungen nicht nur zu unterstützen, sondern selbst tätig an ihmm mitzuarbeiten.

Ist unsere deutsche Arbeiterpolitik und die sich auf alle Stände, nicht nur auf die Arbeiter erstreckende So­zialpolitik die Grundlage für die Gesundheit unseres Volkes, weil sie den wirtschaftlich Schwachen schützt, so ist die Jugendpflege, welche der Erlaß des Kultusmi- nifters in die Wege geleitet hat, eine wichtige Ergänz- und dazu, welche den Vaterlandsfreund, der mit Sor­gen auf die Zukunft der deutschen Jugend blickt, mit neuem Mut und neuer Hoffnung erfüllt. Möge der Rus, den die Regierung an die staatserhaltenden Schichten unseres Volkes mit diesem Erlaß richtet, nicht ungehört verhallen, damit es gelinge, die deutsche Jugend nicht nur der Freude, dem Glück, der körperlichen und gei­stigen Gesundheit zu erhalten und ihre gesährdeten Be­standteile wieder wieder zu erobern und zu sichern, son­dern auch den nationalen Gedanken, der die Stärke je­des gesunden Volkes ist, in ihr zu beleben und zu hell­lodernder Flamme zu entfachen. Diejenigen, die sich in den Dienst dieser großen Sache stellen, werden selbst den schönsten Lohn davontragen. Denn diese Arbeit mit und für die Jugend wird ihnen nicht nur das Bewußtsein geben, für das deutsche Volk und seine Zukunft zu ar­beiten, sondern ihnen auch selbst die Jugendlichkeit und Frische verleihen, die nur die Jugend besitzt und denen mitteilt, die sie lieben.

Hur Stadi und Lasa.

Gießen, den 24. Februar.

* Militärisches. Stempel, Major beim Stabe des Jnf.-Rgts. 168, zum Bataillons-Kommandeur er- iiannt. Wilken, überzähliger Major, aggregier! dem Jnj.-Rgt. 168, tritt zum Stabe dieses Regiments über. Gras v. Königsdorfs, Leutnant im Ins.-Rgt. 115, zum Oberleutnant befördert. Lange. Oberleutnant an der Unteroffizierschule in Annaberg, in das Jns- Reaiment 168 versetzt. v. Hahn, Hauptmann im Groszh. Art.-Korps (Fcld-Art.-Rcg. 25), wird von der Stellung als Batterie-Ches enthoben und tritt unter Bc- sörderung zum Major zum Stabe dieses Regiments über __ Seederer. Oberleutnant im Feldart.-Reg. 25, unter Beförderung zum Hauptmann zum Batteriechef ernannt. - Frhr. v. Rordcck zur Rabenau. Oberleut­nant in der Schutztruppe für Deutsch-sudwest-A,r,ka. vom 1. März bis zum 15. April zur Drenftlechung denn Fns.-Req. 115 kommandiert. Wittmer (Friedberg). Mzeseldwèbel. zum Leutnant der Reserve des ^ns.-R. 118 befördert. Dr. B o st r o e m. Unterarzt der Res. ((Sieben), zum Assistenzarzt befördert

Sieben. Provinzialdirektor Dr. Usinger wurde für die bevorstehende Reichslagsersatzwahl als Wahlkommissar für den ersten Wahlkreis des Großherzogtums bestellt. Das amtliche Ergebnis der Wahlen wird am Dienstag, d e n 14. Marz, vormittags 11 Uhr, im Sitzungssaal des Negierungsge­

bäudes Gießen verkündet. Hierzu hat jeder Wähler Zu­tritt.

* E i e ß e n. Der von der Israelitischen Religions­gemeinschaft geplante Sondersriedhofwurde vom Kreisamt abgelehnt.

* Gießen. Die Vorarbeiten für die Bahnverbind­ung GießenBiedenkopf sind in vollem Gange. Ein Eisenbahn-Ingenieur ist von hier bereits beauftragt, die Pläne auszuarbeiten.

Gießen. Am Dienstag hielt der Kriegerverein Gießen im Vereinslokal zum Löwen seine Haupt-Ver­sammlung ab. Laut Kassenbericht beträgt das Vereins­vermögen 4360 Mk. Die Mitgliederzahl im vergangenen Jahre bestand aus 367 ordentlichen und 17 Ehrenmit­gliedern. Der Voranschlag für 1911 schließt mit 1680 Mark in Einnahme und Ausgabe ab. Bei der Vor­standswahl wurden der 1. Vorsitzende Gabriel, Schrift­führer Möbus und Rechner Dort wiedergewähtt und Wagner als 2. Vorsitzender neugewählt. Als Ausschuß- Mitglieder gingen aus der Wahl hervor die Herren Mö­ser, Stuhl, Haupt, Waas, Rohleder, Kling, Sauer, Heß, Rück, Trümpert, Launspach, Welz, Dickore, Selzer und Schiffnie.

* Gießen, 24. Febr.Bubenhände beschmieren Tisch und Wände", das mögen sich die gesagt sein las­sen, die vorgestern die beiden am Sockel des Liebig- Denkmals aufgestellten Figuren beschmutzt haben. Hof­fentlich werden sie bekannt und durch ein entsprechendes Protokollbelohnt".

* Bad- Nau heim. Die Negierung hat einem Hotelier, der die Verhältnisse Nauheims genau kennt, ein Grundstück von 4900 Quadratmetern zum Preise von 294 000 Mark verkauft. Der Hotelier wird auf der Bauflüche ein großartiges N i e s e n h o t e l erbauen. Der Erbauer des Hotels will, wenn ihm Solwasser zu Badezwecken zugesprochen wird, die Kosten der Anlage bestreiten und dem Staate eine Summe von 200 000 Mark leisten. Dann will er 30 Jahre lang 24 000 Mk. für 1000 Kubikmeter ihm zugeführtes Sprudelwasser dem Staate verabfolgen.

Uebergang von Schülern der Mit­telschulen auf Lehrerbildungsanstalten. Der Un­terrichtsminister hat bestimmt, daß Schüler und Schü­lerinnen, die den Abschluß einer vollentwickelten Mittel­schule mit mindestens genügendem Erfolg erreicht haben, bei ihrem Uebertritt in eine dreiklassige Präparandenan- statt ohne Prüfung endgültig in die zweite Klasse aus­zunehmen sind. Es wird nur nötig sein, ihrer Förder­ung in der Musik besondere Sorgfalt angedeihen zu lassen.

-sch- Wetzlar, 23. Febr. (E in sala m oni - s ch e s U r t e i l.) In der Aula des Kgl. Landrats - amtes fand gestern die ^chiedsgerichtssitzung der Knapp- fchasts-Berussgenossenschaft Saarbrücken, Sektion 1, statt. Unter den vielen Vorgeladenen, welchen man die Rente entzogen hatte, war auch der Bergarbeiter L. aus B i s- s e n b e r g. L. hatte vor Jahren einen Unfall erlitten. Durch herabsallendes Gestein in der Grube war ihm die linke große Zehe gequetscht worden. L. bekam eine Rente von 15 Prozent, welche man ihm aber wieder entzog, da die Quetschung als geheilt angesehen werden konnte. Da aber nochReibflächen" vorhanden waren, die zu einer eventuellen Verschlimmerung der Verletzung führen konnten, plädierte Gewerkschaftssekretär Schla­bach, der den L. vertrat, für Beibehaltung der Rente. Das Schiedsgericht stellte sich aber aus einen anderen Standpunkt und bewilligte fünf Paar Strümpfe.

? ! Aus d e rj W e 11 e r a u. In dem Orte R. wird folgende ergötzliche Geschichte von einer kürzlich verstor­benen alten Frau erzählt. Jedes Frühjahr kam eine Wirtin aus B. zu derselben, um ein Erstlingslämm- chen zu kaufen. Auf die Frage der Bäuerin, was tiefe mit dem Lämmchen mache, bekam sie die Antwort:Ja, liebe Frau, ich ziehe jedes Jahr ein Lämmchen groß anstatt Kinder, die teuer sind."Siehste, Hannes", sagte die Atte zu ihrem dabeistehenden Schwiegersohn,dou mußt doas gerad so mache wäi die Fraa und näit ean 5 Johr 6 Keann grußzäihe!" Der Hannes soll zu dieser Belehrung kein besonderes geistreiches Gesicht ge­macht haben.

Darmstadt, 23. Febr. In der Kaserne des Feldartillerie-Regiments Nr. 25 sind seit gestern zwei Mann, der Kanonier A p p e l-Hartmannshain und der Gefreite S e i p-Hattenrod, unter g e n i ck st a r r e ähn­lich e n Erschei/n ungen plötzlich gestorben. Weitere Mannschaften sind erkrankt. Die Kaserne ist ab- gesperrt. Die nötigen Vorsichtsmaßregeln sind getroffen.

Darmstadt. In der Klage der Stadt O s s e n- b a ch gegen den Bürgermeister Dr. D u l l o , betreffend die Kaiserhof-Aktien, wurde der angesetzte Ver­

handlungstermin auf Antrag der Parteien aus den 4. Mai dieses Jahres vertagt.

-s- Fellingshausen, 24. Febr. Verschiedene Frauen hiesiger Gemeinde haben sich von einem Rei­senden, der landwirtschaftliche Geräte; anbot, bereden lassen, Lose von der Nationalen Renten- und Kredit bank in Amsterdam anzunehmen. Sie zahlen dafür mo­natlich 5 Mark Beitrag, dafür werden ihnen von der Verlosung der Obligationen 18 sichere Trester zuge­sichert. (!) Die ganze Sache ist natürlich S ch w i n = d e I. Denn es liegt doch klar auf der Hand, daß eine Verlosung nicht 18 Trester garantieren kann. Es ist bedauerlich, daß es diesen skrupellosen Leuten noch immer gelingt, ihre ausländischen Obligationen unter zubringen. Also Vorsicht!

* Vom Westerwald. In Hundsangen, Ober­hausen, Obertiefenbach, Wilsenroth und Frickhofen wird zum schwedischen Pslastersteinzoll in größeren Versamm­lungen Stellungen genommen, in denen aufklärende Vor­träge gehalten und dann den Versammlungen eine Re­solution zur Annahme vorgelegt wird, die sich für Ein­führung eines mäßigen Zollsatzes ausspricht. Eingelei­tet ist diese Aktion von den ch r i st l i ch - organisierten Steinarbeitern des Westerwaldes im Einverständnis mit den Arbeitgebern. Schweden lieferte im Jahre 1910 nicht weniger als 4% Millionen Doppelzentner Pflaster­steine nach Deutschland und das in derselben Zeit, wo in vielen Steinbrüchen des Westerwaldes über ungenüg­ende Beschäftigung geklagt wurde. Mögen also alle in­teressierten Kreise zusammenwirken zum Schutze einer heimischen Industrie.

* Corb ach, 21. Febr. Anläßlich seines 70. Ge­burtstages hat Herr Kommerzienrat Peter folgende Stiftungen gemacht: 20 000 Mk. für die Beamten und Arbeiter der mitteldeutschen Gummiwarenfabrik in Frank­furt und Corbach; 5000 Mk. für das Krankenhaus in Eorbach; 5000 Mark für das Krüppelheim in Arolsen; 3000 Mk. für das Diakonissenhaus in Arolsen; 1000 Mark für den Verein Frauenbildung und Frauenstudium in Waldeck; 1000 Mark für die Blindenstiftung.

Schotten, 24. Febr. Der hiesige Gemeindevor­stand beabsichtigt mit dem am 6. Juni 1911 hier statt- findenden Zuchtviehmarkt eine Verlosung von Vieh, landwirtschaftlichen Geräten und Haushaltungsgegen - ständen zu verbinden. Das Gr. Ministerium des' In­nern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß bis zu 5000 Lose, zu 1 Mark das Stück, ausgegeben wer­den dürfen und nach Abzug von 300 Mark für Prä­miierungszwecke mindestens 60 Proz. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinn­gegenständen zu verwenden sind. Zugleich wurde der Vertrieb der Lose in der Provinz Oberhessen gestattet.

Soziales.

(kLne wichtige Agitation unter den Tabak-Arbeiterinnen.

wird zur Zeit vom christlichen Tabakarbeiterverband be­trieben. Zu diesem Zweck ist die Nummer 6 des Ver­bandsorgansDeutsche Tabakarbeiter-Zeitung" als Son- deragitationsnummer für die Arbeiterinnen erschienen. Im vergangenen Jahr hat der Verband zwar gute Fortschritte gemacht, etwa 1800 Mitglieder zugenommen, aber im Verhältnis zur sozialdemokratischen Konkurrenz- organisation ist noch vieles beizuholen, besonders un­ter den Arbeiterinnen. Der christliche Verband zählte am Schluß des vergangenen Jahres 7840, darunter 3311 welibliche Mitglieder; der sozialdemokratische Ver­band dagegen Ende 1909 schon 32 625, darunter 15 089 weibliche Mitglieder. Dieses Mißverhältnis hat sich im letzten Jahre (für das der Abschluß des sozial­demokratischen Verbandes noch nicht vorliegt) nicht viel geändert. Für einzelne Bezirke und Landesteile ergeben sich an den vorhin genannten Zeitpunkten folgende Zah­len. Weibliche Mitglieder hatten in:

christl. Verband soz. Verband

Rheinland 198 162

Westfalen 607 1824

Hessen u. Hessen-Nassau 369 1005

Baden 1989 743

Im übrigen Nord- und Ostdeutschland Oldenburg,

wachsen und Preußen hatte der christliche Verband zusammen nur 148, der sozialdemokratische Tabakarbei- lerverband dagegen 7492 weibliche Mi.glieder. Nur Rheinland und Baden stehen für die christliche Organi­smen günftiacr. Das energische Bestreben der christlich- organisierten Tabakarbeiter, dieses Mißverhältnis allmäh­lich immer mehr auszugleichen, verdient nachdrücklichste Unterstützung.