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Nr 12».
Dienstag, den 23. Mai 1911.
Jahrg 23.
Teleph on: Nr. 362.
Telephon: 9k. 362.
Der Kaiser über den frieden
Der Kaiser ist bei seinem Besuche in England fortgesetzt der Gegenstand lebhastester Aufmerksamkeit des Publikums sowohl wie der Presse gewesen, die täglich nicht nur spaltenlange Artikel über den Aufenthalt des Kaisers in London brachte, sondern auch mehr oder minder zutreffende anekdotische Mitteilungen. Aus dieser Mischung von Dichtung und Wahrheit, verdienen Mitteilungen hervorgehoben zu werden, die die Wochenschrift „Everybodys Weekly" macht, weil sie nicht uninteressante Steuerungen wiedergibt, die der Kaiser über politische Fragen gemacht hat — oder wenigstens qe= haben soll. Es handelt sich um Gespräche die der Kaiser angeblich mit einem englischen Künstler — der Name wird nicht genannt — geführt haben soll Ein Telegramm der „N. Fr. Pr." teilt über diese Veröffentlichung u. a. mit:
„Sin der Spitze der Veröffentlichung steht ein leidenschaftliches Friedensbekenntnis des Kaisers: „Der dreißigjährige Krieg", sagte er, „hat Deutschland auf dem Wege der Zivilisation um hundert Jahre zurückgeworsen. Jetzt sind wir mit Euch nahezu aus einem Niveau. Wo wären wir, wenn wir statt des dreißigjährigen Krieges 30 Jahre Friede^ gehabt hätten? So lange ich im Rate Europas eine kontrollierende Stimme habe, soll z u meinen Lebzeiten kein Schuß a b g e s e u - ert unb kein Schwert gezogen werden." Der Kaiser sagte, daß Europa jetzt durch die internationalen Bande von Finanz und Handel so eng verbunden ist, daß in einem europäischen Krieg der Sieger wehr verlieren würde als er gewinnen könnte. Deutschland habe auf dem Gebiete der angewandten Kunst solche Fortschritte gemacht, daß weder er, der Kaiser, noch sein Volk, die Position, die es friedlich, aber sicher durch die Charlottenburger technische Hochschule und ähnliche Institutionen gewinne, aus dem Schlachtfelde in Gefahr setzen würden. Andererseits verteidigte der Kaiser die militärischen Rüstungen. Deutschland als Kontinentalmacht könne sich nur dann seiner friedlichen Arbeit mit Sicherheit hingeben, wenn es auf allen Seiten von einer Hecke von Bajonetten umgeben sei. „Ihr Engländer, die ihr das Meer als natürliches Bollwerk besitzt, könnt nicht die Gefühle einer kontinentalen Macht verstehen, welche diese veranlassen, sich aufs Schwert zu stützen."
Der englische Künstler gewann aus den mehrtägigen Unterredungen mit dem Kaiser den Eindruck, daß des Kaisers größte Sympathie der arbeitenden Mittelklasse seines Landes gehört. Die grundbesitzende und militärische Aristokratie ist ein Mechanismus, den er zwar geerbt hat, aber nur zum allgemeinen Besten benützen will. Aber er glaubt nicht, daß die Massen sich selbst regieren können. Er ist ein Schüler von Thomas Carlyle, dessen Studie über Friedrich den Großen eines der größten Bildungselemente für den deutschen Kaiser gewesen ist. Er will durch seine Autorität den langsamen, gedankenlosen Teil der Menschheit rascher vorwärts treiben, und zwar in der Richtung, die> er selbst bestimmt. Er hat den Ausdruck vom „big stick" (großen Stock) von Theodore Roosevelt gebraucht.
Es läßt sich, wie gesagt, nicht kontrollieren, ob und in wieweit diese Mitteilungen den Tatsachen entsprechen — jedenfalls liegt das Gespräch schon längere Zeit zurück, da es mit einem Künstler geführt sein soll, der nach den Angaben der englischen Zeitschrift „bei der Ausschmückung der kaiserlichen Pacht tätig war". Die Stellung des Kaisers zu den darin angeschnittenen ^ragen ist aber bekannt und deckt sich mit der aus obigen Darlegungen erkenntlichen. Die Mitteilungen des „Eve- rybody Weekly" bedeuten also keine „Enthüllungen , wohl aber eine starke Unterstreichung der Lebensanschauungen des Kaisers, die also sehr wohl zutreffend fein können.
Keicbstadswabivorbereitungen.
. Frankfurt a. M., 23. Mai. In der gestern stattgefundenen nationalliberalen Volks-Versammlung im Kaufmännischen Verein sprach man pch dahin aus, daß in den kommenden Reichstagswahlen unter allen Umständen die Front nach rechts, nicht nach links gerichtet werden müsse; das gebiete mit Naturnotwendigkeit die Forderung der gegenwärtigen politischen Lage.
• Worms, 22. Mai. Gutsbesitzer Becker-Bart- mannshagen wurde in einer Versammlung der Ver
trauensmänner der Fortschrittlichen Volkspartei Worms einstimmig zum Reichstagskandidaten ausgestellt.
Aus Stadt und Land.
Giehen. ben 23. Mai.
* Ein starker Temperatursturz ist seit einigen Lagen eingetreten. Das Thermometer sank stel- lenweisc in der Nacht unter Niill. Hostenllich hat dieser itterungsumschlag in den Gärten keinen erheblichen Schaden angerichtet.
* 3u Oberlehrern ernannt wurden die Lehr- amtsasscssorcn Aloys Appelmann an dem Wolsgcma- Ernst-Eymnasium zu Büdingen und Dr. P 'Ehrhard an der höheren Bürgerschule zu Grünberg.
. Die Landwirtschaftskammer für das Großherzogtum Hessen beabsichtigt anfangs ^uh eine Studienreise für hessische Landwirte nach Hannover und Oldenburg zu veranstalten. Die Reisezeit ist auf 6 Tage festgesetzt. Es sollen in Hannover hervorragende Ackerbau- und Saatzuchtwirtschasten ferner kleinbäuerliche Wirtschaften mit Elektrizitätsbetrieb und Schweinezuchtbetrieb besichtigt werden. In Oldenburg soll den Moorkolonien ein kurzer Besuch abgestat- tet werden, ferner Betriebe mit Schweinezucht, Rind- viehzucht und Pferdezucht angesehen werden.
"Besteuerung derEisenbahner in Hessen. Zum Einkommen in Hessen werden neuerdings bei der Veranlagung der Eisenbahnbeamten der verschiedenen Dienstgrade auch etwaige Reise- unb Tagegelder gerechnet, wodurch sich die von den Beamtell zu zahlende Einkommensteuer vielfach erheblich erhöht. Da die Eisenbahnverwaltung die Reisekosten nur als Ersatz für bare Auslagen ansieht, steht die Ansicht des hessischen Steuerfiskus im Gegensatze zu der der Eisenbahnverwaltung.
* N e u e W e st e r w a l d b a h n e n. Die seit Jahren durch die Eisenbahndirektion Franksuri einge- leitete wirtschaftliche Erschließung des Westerwaldes durch Nebenbahnen wird noch weiter fortgesetzt. Wie verlautet, hat der Eisenbahnminister soeben die Geneh- migung zu Vorarbeiten für zwei neue Westerwaldstrek- ken erteilt. Die erste Linie zweigt bei Haiger von der Strecke Gießen-Betzdorf ab und führt über Breitscheid nach Gusternhain dabei Langenaubach berührend. Die zweite Linie zweigt von der Strecke Gießen-Koblenz bei Stockhausen a. d. L. ab und führt über eine Reihe von Ortschaften nach Beilstein. Für später ist dann eine Verbindung der beiden Endstationen der Bahnen durch eine dritte Strecke Beilstein-Driedorf-Gusternhain in Aussicht genommen, sodaß dann eine neue fast genau von Süden nach Norden führende Westerwaldbahn besteht, welche die beiden so verkehrsreichen Hauptstrecken Gießen-Betzdorf und Gießen-Kobtenz verbindet.
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-m- Beuern, 21. Mai. Heute nachmittag feierte, vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt, unser Kirchengesangverein das Fest seines 25jährigen Bestehens, womit zugleich auch das erste Kirchengesangvereinsfest des Dekanats Gießen verbunden war. Das ganze Dorf prangte in stattlichem Schmuck, und als um 3 Uhr die Glocken zum Festgottesdienste riefen, konnte unsere schön geschmückte, geräumige Kirche die Festbesucher gar nicht alle fassen, und viele mußten wieder umkehren. Auch aus den umliegenden Gemeinden waren viele Festgäste herbeigekommen. Die gottesdienstliche Feier sollte das Lob Gottes aus den Werken der Schöpfung zum Ausdruck bringen, was auch in den gewählten Liedern, Schrift- verlesung und Gebet einheitlich durchgeführt wurde. Die Chöre waren teils Einzelchöre der Vereine von Gießen und hier, teils Massenchöre der sämtlichen Vereine des Dekanats; anwesend waren die Vereine von Beuern, Annerod, Burkhardsfelden, Gießen, Großen-,Lin- den, Klein-Linden, Langgöns, Leihgestern und Treis a. Lda. Die Massenchöre wurden dirigiert vom Musikdirektor Prof. Trautmann-Gießen und leisteten geradezu Meisterhaftes, ein Zeichen für die gute Schulung der einzelnen Vereine. Zum Vortrage kamen nach einem prachtvollen Orgelvorspiel aus Händels „Messias", gespielt von Lehrer Görlach-Gießen, die Chöre „Lobe den Herrn, o meine Seele", „Geh' aus mein Herz und suche Freud'", „Komm heil'ger Geist umhülle mich" u. a. mehr. Außerdem trug der Schülerchor von hier zwei reizend gesungene Lieder vor. Die packende Festpredigt hielt Pfarrer Schutte-Grohen-Linden über Psalm 103, V. 1 und 2. Nach der gottesdienstlichen Feier fand eine gleichfalls gutbesuchte Nachversammlung in der Som- merladschen Gartenwirtschaft statt, bei welcher nach einer
herzlichen Begrüßungsansprache von Pfarrer Wagner Beuern sämtliche anwesende Vereine Proben ihres Ein zelkönnens ablegten, womit sie den Beifall der Zuhörer fanden. Hier überbrachte auch Kirchenrat D. Schlosser- Gießen dem Jubelverein die Glückwünsche des Vorstandes des Evangelischen Kirchengesangvereins für Hessen und des Prälaten D. Flörmg-Darmstadt, beider Glückwunschschreiben verlesend, dann die des Gießener Kirchengesangvereins, des ältesten im Dekanat. Im weiteren Verlauf des Festes verlas Pfarrer Wagner-Beuern das Glückwunschschreiben des Gründers des Vereins des Pfarrers Vogel-Seeheim, der leider am Erscheinen verhlndert war. Später überreichte er im Namen des Meggen Vereins den beiden Vereinsmitgliedern, die dem Verein seit seiner Grüiidung angehören, Friedrich Ar- nold und Heinrich Schneider je ein EhrendipIoni unb oem verdienten Dirigenten, Lehrer Musch, der den Ver ein von Anfang an geleitet hat, ein gerahmtes Bild- »Der geigende Eremit" vvii Böcklin. Gegen 7% Uhr m"o die schöne Feier nach einigen Dankeswortcn des hic stgen Pfarrers ihr Ende. Möge das in allen feinen leiten wohlgelungene Fest dazu beitragen, das; die schöne ^>ache der Kirchengesangvercine im Dekanat Gic tzen weitere Fortschritte mache, und bald teilte Gemeinde ohne einen solchen Verein sein.
-!- F r i e d b e r g, 22. Mai. Der zweite Hess. Kolonnentag des Verbandes der Hess, srciw Sa- mtatskolonnen vom Roten Kreuz sand hier am Sonn- tag statt. Sämtliche hessische Kolonneu waren mit ber »taltttchen Zahl von zirka 1000 Mann mit Führern Jcrjten rc. erschienen. Die Verhandlungen wurden von dem Vorsitzenden des Hess. Landesvereins vom Roten Kreuz, Erz. Korwan, durch eine Begrüßungsansprache cingeleitet, woraus der Inspektor Generalarzt Dr. Lindemann-Darmstadt einen interessanten Bericht über den Stand der Hess, sreiw. Sanitätskolonnen erstattete. Mit gleichem Interesse wurden die Mitteilungen des Kolonnenführers Oberleutnant Lotheisen-Darmstadt über das Versorgungs- und Versicherungswesen der Hess. Kolonne entgegengenommen. Als Ort der nächsten Tagung ist Alzey bestimmt worden. Nachmittags fand einc^Uebung ber Kolonne Friedberg unter Beteiligung der Kolonnen Butzbach, Gießen und Babenhausen statt, an die sich eine kritische Besprechung durch Generalarzt Dr. Linde- niann anschloß. Es folgte dann ein Vorbeimarsch fämt= licher Kolonnen vor dem Vorsitzenden und abends vereinigte man sich noch zu einer kameradschaftlichen Unterhaltung im Saalbau.
-l- Friedberg, 22. Mai. Die Ehefrau Bornträger aus Schwalheim kam auf der Straße nach Friedberg mit der Frau des Weißbinders Wagner aus demselben Ort in Streit und schlug derart heftig auf die Frau Wagner ein, daß diese bald daraus in einer Wirtschaft, wohin sie sich geflüchtet hatte, tot zusammenbrach. Man vermutet, daß die Bornträger einen Stein zum Schlagen benutzte. Die Getötete war Mutter von 6 Kindern.
" *) Alsfeld, 22. Mai. Der bei dem hiesigen Amtsgericht beschäftigte Aktuar Karl Plock wurde in gleicher Eigenschaft nach Mainz versetzt.
— Marburg, 23. Mai. Der frühere Vortragende Rat im Kultusministerium, Universitätskurator Wirkt. Geheimer Obermedizinalrat Pros. Dr. A. Schmidt- m a n n, ist gestern im Alter von 60 Jahren an Herzschwäche gestorben.
-r- Mainz, 22. Mai. Die Jahresversammlung des „Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung" begann- Samstag abend mit einem Vortrag von Psarrer Kü- ster-Höchst über „Volksbildung und Jugendpflege". Redner wandte sich u. a. gegen einseitige Körper- oder Geistesausbildung und betonte, daß die beste Jugendpslege auf kirchlich und politisch neutralem Boden gedeihe. Das große Ziel sei die Ausbildung der Persönlichkeit. Am Sonntag vormittag wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Im Mittelpunkt derselben stand die Ausnahme konfessioneller Vereine. Ueber die Neuorganisation des Verbandstheaters durch völlige Uebernahme in eigene Regie des Verbandes sprachen Dr. Ernst Cahn und Direktor Hauser-Frankfurt. Die Tagung schloß mit einer Rheinfahrt.
Literarisches.
Kurhessische Gewerbepolitik von Dr. C. Brauns, Preis Mk. 3.—, Verlag von Duncker u. Humblot, Leipzig. Das vorliegende Werk ist besonders dadurch wertvoll, daß es fast ausschließlich auf archivalischen Studien beruht. Wer sich eingehend über die „Kurhessische Gewerbepolitik" unterrichten will, dem wird das Buch ein zuverlässiger Führer sein.