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Nr. 187

Telephon: Nr. 362.

Dienstag, den 22. August 1911

Telepho n: 9tr. 3HL.

23. Jahrg

Staatliche hilft gegen die Neuerung. >

Die ungewöhnliche Dürre dieses Jahres, von der bei uns kein Gebiet verschont geblieben ist, läßt einen Mangel an Futtermitteln befürchten, wie er nur selten dagewesen ist. Wiesenheu, Klee und Luzerne versprechen nur ganz dürftige Erträgnisse, und die Landwirte haben zum Teil den Kopf verloren und verkaufen ihr Vieh zu verlustbringenden Preisen. Das Landwirt­schaftsministerium ist, wie dieDeutsche Tageszeitung" erfährt, entschlossen, den außerordentlichen Zuständen Rechnung zu tragen. Die Veröffentlichung eines Nott standstarifeS für Futtermittel, Torfstreu und Torfmull für den Gesamtbereich des preußischen Staat-s steht unmittelbar bevor. Schon jetzt aber erließ dec preu­ßische Landwirtschaftsminister, Freiherr von Schorlemer, ein Rundschreiben an sämtliche Landwirtschaftskammern, in dem nachdrücklich die Notwendigkeit dec Aufrechter­haltung der Viehzucht und möglichste Ausdehnung dec Schweinezucht und Schweinehaltung empfohlen wird.

Zwar habe, so heißt es in dem Schreiben, das verstärkte Angebot an Schweinen 1910 ein beträchtliches Nachlassen dec Schweinepreise auf den Fettviehmärkten im Gefolge gehabt, auch die Schweinefleischpccise seien gesunken, wenn auch die Spannung zwischen den Pcei sen für Schweinefleisch im Kleinhandel und den Schlacht- gewichtspreisen für Schweine meist sehr erheblich ge­stiegen sei, die Schweineausfuhr habe zugenommen, und schon seien Zweifel an dec Rentabilität der Schwei­nehaltung aufgestiegen, aber gerade die Sweittehaltung werde durch langanhaltende Trockenheitsperioden, wie in diesem Jahre, am wenigsten beeinträchtigt, da für die Schweinefütterung die Verabreichung von Rauh- und Grünfutter kein dringendes Erfordernis sei. Selbst wenn, was bei eintretenden Niederschlägen kaum zu befürchten stehe, die Kartoffelernte nur geringe Erträge liefere, sei ein Zwang zur Einschränkung der Schwei­nehaltung nicht gegeben, da die Schweinemast mit gleich günstigem Fütterungs- und finanziellem Erfolge mit anderen Futterstoffen betrieben, und die Aufzucht durch möglichste Heranziehung sonst in der Regel nicht oder doch nur teilweise benutzter Fütterungsgelegen­heiten (Stoppelweide, Waldweide, nicht abernte Klee­schläge) wesentlich erleichtert und verbilligt werden könne.

Die Entwicklung der Rindviehzucht, so heißt es dann in dem Erlaß weiter, habe leider immer noch und neuerdings wieder mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Landwirte seien bestrebt gewesen, die durch die geringe Anzucht des Jahres 1908 entstandenen Lücken in ihrem Viehbestände auszugleichen, indes stellten sich leider diesem Bestreben der schwere Maul- und Klauen­seuchezug, dec gegenwärtig Deutschland ebenso wie seine Nachbarländer heimsuche, und ein infolge der langan­haltenden Dürre drohender Futtermangel als erschwe­rende Umstände in den Weg. Infolge der langanhal- tenden Dürre scheinen Klee, Luzerne und Wiesenheu im zweiten Schnitt kaum noch nennenswerte Erträge zu versprechen, hier und da werde auch schon über Not­verkäufe von Vieh berichtet. Immerhin könne doch die Lage nicht als hoffnungslos angesehen werden. Um einem Ausgleich zwischen den in der Futterernte noch einigermaßen begünstigten und den schwerer heimge- suchten Landesteilen möglichst die Wege zu ebnen, so heißt es in dem Rundschreiben weiter, ist die Staats- regierung in Erwägungen über eine vorübergehende H e- rabsetzung derEtsenbahntarife fürFuttec und Streumittel eingetreten. Die Hauptsache aber ist, daß die Landwirte nicht den Mut verlieren, vielmehr ihren Viehbestand selbst unter zeitweiligen Opfern zu halten versuchen, wozu die abgesehen von den Futtermitteln - zum Teil befriedigende Ernte sie vielleicht in den Stand setzen wird. Es wird sich im wesentlichen darum handeln, dahin zu Wicken, daß die noch aus früheren Jahren vorhandenen Rauhfutter- bestände tunlichst ausschließlich als Viehfuttec nutzbar gemacht, und das zur Einstreu andere geeignete Ec- satzstoffe verwendet werden. Sofern sich ein dringendes Bedürfnis für bin Bezug von Waldstreu aus staatlichen Forsten Herausstellen sollte, würde der Minister eine wohlwollende Prüfung dec eingehenden Anträge ein« treten lassen, wie es auch bisher in Notzeiten stets dec Fall gewesen ist.

Ein möglichst weitverzweigtes Nachrichtennetz würde unter Zuhilfnahme bestehender oder schleunigst ins Leben zu rufender Bezugsorganisation die Vermittlung der Futtermittel wesentlich erleichtern und verbilligen. Für den äußersten Notfall würde auch das Ausland zur Lieferung von Futter in Betracht kommen. Bei­spielsweise habe sich die landwirtschaftliche Vertretung

dcs österreichischen Kronlandes Steiermark vor kurzem dazu erboten.

Es würde ferner erforderlich werden, die Viehhal- tenden Landwirte durch Aufstellung und möglichste Ver­breitung geeigneter Futterrationen darüber zu belehren, welche Futtermittel sich zum Ersatz fehlenden Rauh- futtcrs besonders eignen und nach dec Marktlage zur Ergänzung des Ausfalls an Rauhfutter und Rüben zweckmäßigerweise herangezogen werden können. End­lich würde den Landwirten mit Ratschlägen an die Hand zu geh.n sein, wie die Einbuße im Futteretat durch nachträgliche Aussaat von Grünfutterpflanzen möglichst ausgeglichen werden könne, sofern baldigst eintretende Niederschläge noch einen Erfolg erwarten lassen.

Zum Schluß ersucht der Minister die Landwirt­schaftskammern dringend, im Einvernebmen mit den Verwaltungsbehörden, insbesondere den Landräten, die- sen Aufgaben ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und durch ihre Vertrauensmänner, durch die Vereine, durch Genossenschaften, Wanderlehrer und Tierzuchtbe- amte mittels persönlicher Einwirkung und durch Flug­schriften aufklärend, beratend, helfend und fördernd zu wirken und damit zur Abwendung einer Gefahr beizu­tragen, deren Bedeutung für die deutsche Landwirtschaft nicht hoch genug eingeschätzt werden könne.

Im Anschluß hieran sei erwähnt, daß die sächsische Regierung bereits .n voriger Woche mit den zuständigen wirtschaftlichen Körperschaften in ähnlicher Weise in Verbindung getreten ist.

Hus Stadt und Land.

Gießen, den 22. August 1911.

* U ebertragen wurde dem Lehrer Wilhelm Weitzel zu Ulrichstein, Kr. Schotten, eine Lehrerstelle an dec Gemeindeschule zu Lollar, Kr. Gießen.

* Landtagswahlen. Das Hessische Staats­ministerium hat die Vornahme der Abgeordnetenwahlen zum 34. Landtag nunmehr endgültig auf Freitag, den 3. November, festgesetzt. Die Offenlegung der Listen erfolgt von Donnerstag, den 14. September, bis Mittwoch, den 27. September, beide Tage einschließlich.

* Großfeuer. Die Stallungen und Scheunen der Hofreite des Oekonomen Sievers in der Marburger Straße brannten Sontag abend vollständig nieder. 40 Stück Schweine und eine Anzahl Hühner verbrannten, das Rindvieh und die Pferde konnten mit großer Mühe gerettet werden. Das Feuer entstand, wie festgestellt, auf folgende Art: In dem Gehöfte suchten zuweilen Obdachlose Unterkunft und hierbei kam es vor, daß den Knechten auch Kleinigkeiten entwendet wurden. Als gestern abend der Knecht Jung nach Hause kam, begab er sich mit einner Laterne in eine Scheune, um diese nach nach Obdachtlosen abzusuchen. Er stellte dabei die Laterne auf der Tenne hin, diese fiel um, der Petroeumbehälter ging dabei entzwei und das Petroleum fing Feuer. Da sich Stroh und Heu in unmittelbarer Nähe befand, war ein sofortiges Ablöschen nicht möglich.

* Unser Regiment Kaiser Wilhelm ist gestern früh in zwei Sonderzügen ins Manöver nach Dietz a. d. Lahn ab- gerükt. An demselben Tage ging auch das Regiment 115 von Darmstadt dahin ab. Die 81 er treffen am 23. August in Idstein ein. Am 28. fährt das Pionierbataillon 25 (Mainz) nach Dietz, das Regiment 168 von Butzbach und Offenbach nach Limburg. Das Butzbacher Bataillon fährt über Gießen und der Sonderzug hat von 8 Uhr 50 Min. bis 9 Uhr 07 Min. vormittags hier Aufenthalt.

* Das Ende der alten Frachtbriefe. Die Frist für den Aufbruch der veralteten, tn der Eifenbahn-VerkehrS- Ordnung vom 26. Oktober 1899 vorgesehenen Fcacht- briefmuster läuft dieses Jahr ab. Den Frachtnehmern wird daher empfohlen, sich rechtzeitig die neuen, seit dem 1. April 1909 angeführten Muster zu beschaffen. Wegen der Unzuträglichkeiten, die aus dem wahlweisen Gebrauche beider, in wichtigen Punkten von einander abweichenden Muster leicht entstehen, kann eine Ver­längerung der Aufbluchsfcist nicht zugestanden werden.

* Das elektrische Licht wird billiger. Die Stadt­verwaltung wird demnächst bei der Stadtverocdneten- Versammlung beantragen, Den Preis für elektrisches Licht vom 1. Oktober an zu ermäßigen.

- n- Gießen. Die Gravelottefeier der vereinigten Militär-Vereine unserer Stadt am vergangenen Sonntag legte wieder Zeugnis ab, daß der ruhmvollen Tage von 1870=71 von den ehemaligen Soldaten noch dankbar ge­dacht wird. Die Beteiligung war wieder eine große. Mit den Fahnen voran wurde zum Gottesdienst in die

Iohanneskirche marschiert. Pfarer Adolf hielt eine des Tages würdige Predigt, die den alten Veteranen ihre Tage des Kampfes noch lebendiger in Erinnerung brachte. Dann die einfache und doch immer wieder schöne Feier des ehnlden Gedächtnisses für die gefallenen und ver­storbenen Kameraden auf dem alten Friedhof. Der anwesende älteste Offizier von unserem Kaiser-Regiment legte hier im Namen des Regiments einen Kranz am Denkmal der deutschen Krieger nieder; seine Damit ver bundene kernige Ansprache klang in dem Wunsch aus, daß Deutschland allezeit die 1870=71 eroberte Einigkeit festigen möge. Der Vorsitzende des Veteranenvereins, Horegse ck, legte dann im Auftrag der Militär-Vereine je einen Kranz am Denkmal der Deutschen und am Denkmal der in der Gefangenschaft verstorbenen französi­schen Krieger nieder. Nach einem weiteren Choral der Regimentskapelle ging es dann mit Musik zum Markt- platz, wo mit einem Hoch auf Kaiser und Großherzog und Niederlegung eines Kranzes am Denkmal die Feier ihren offiziellen Schluß fand.

* Bad-Nauheim, 21. Aug. Das Luftschiff Schwaben", das am Freitag den angesagteil Besuch unseres Bades wegen Gewitterbildung unterlassen hatte, wird nach einer Mitteilung der Deutschen Luftschiffahrts- Aktiengesellschaft mit Bestimmtheit bei einem dem- nächstigen Aufenthalt in Frankfurt das Versäumte nach­holen und einen Abstecher hierher unternehmen.

- t- Bad-Nauheim, 22. Aug. Die hiesigen Milch­produzenten und Milchhändler erhöhten vom 20. August an den Milchpceis auf 24 Pfg. für das Liter.

- l- Lollar, 21. Aug. Verschwunden ist seit Mittwoch morgen der 30 Jahre alte Bahnarbeiter Albert Meier. Ec ist verheiratet und hat 2 Kinder.

- n- Grünberg, 21. Aug. Bei der am Sonn­abend stattgefundenen Bürgermeist erwähl wurde der Kaufmann Kaspar Ranft gewählt.

* Darmstadt, 21. Aug. August Euler ver­suchte vorige Woche auf dem Truppenübungsplatz in Darmstadt zum ersten Male einen nach ganz neuen Gesichfspunkten von ihm konstruierten Eindecker, der beim ersten Versuch zur vollsten Zufriedenheit wie ein anSprobierter Apparat flog. Die Flugmaschine hat zum Unterschiede von den bisher bekannten Systemen ein doppelt abgefedertcs Anfahrgestell unter dem Motor und dem Führersitz, sodaß ein Vornüberkippen oder ein plötzliches Aufschlagen des Schwanzes beim Abfahren bezw. beim Landen ausgeschlossen sein dürfte. Außer­dem besitzen die Tragflächen gar keine Wölbung und find nur einfach bespannt. Der Euler-Eindecker- Steuerung fl'egt mit der gewöhnlichen Eulec-Zweideckec- Steuerung, bet dec unter Vermeidung jeglicher Fuß­steuerung der Apparat nur mit dec Hand gelenkt wird.

* Rüsselsheim, 21. Aug. Eine gewaltige Feuerbrunst vernichtete in der Nacht zum Sonntag den größten Teil des 25 Morgen umfassenden Fabrik­komplexes der Firma Gebr. Opel. Dec Brand nahm solche Dimensionen an, daß bei dec herrschenden Trocken­heit die Gefahr bestand, die Häuser der Hauptstraße würden von dem Flammenmeer ergriffen. Dank der energischen und rechtzeitigen Eingreifen der verschiedenen Wehren wurde das Feuer auf die von ihm ergriffenen Fabrikgebäude beschränkt, die allerdings bis auf die Umfassungsmauern nteberbrannten. Der Schaden be­läuft sich auf ca. 2 Millionen Mark. Verbrannt sind 30 000 Nähmaschinen und 20 000 Fahrräder.

Literarisches.

Dem ersten Hefte, mit dem das rühmlichst be­kannte FamilienjoucnalDas Buch für Alle" so­eben seinen siebenundvierzigsten Jahrgang eröffnet, entnehmen wir folgende Notiz:Eine Million Dollar für eine Erfindung. Der Preis von einer runden Million Dollar vier Millionen Mark erwartet den glücklichen Erfinder, dem es gelingt, einen Apparat herzustellen, dec den Schmelzhüttencauch vec- zehrt. Derartige Vorzüge werden ja schon mit Erfolg in großen Städten angewendet, aber in allen diesen Fällen kommt dec Rauch von einfachen Oefen Hec, die nichts als Kohle oder Holz verbrennen Schmelzhütten- rauch jedoch enthält Gase, die von Schmelzen dec Metalle herrühcen, und bis jetzt ist es dem menschlichen Verstände nicht gelungen, ein Mittel zu finden, das die giftigen Wirkungen des Rauches aufhebt, dec die Atmosphäre um ein jedes Schmelzwerk herum verpestet." Das Weitere möge man in dem Hefte, das in jeder besseren Buchhandlung oder Zeitschcistenexpedition um den billigen Preis von nur 30 Pfennig zu haben ist, selbst nachlesen.