etzlarer Zeitung
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Nr. 94.
(1. Blatt.»
SamStüg den 22. April 1911
Telephon: Nr. 285
4. Jahrg.
Zchülerselbstmoräe.
Um die O st e r z e i t, die für so viele Schüler die kritische Zeit der Versetzung oder — der Nichtversetzung bedeutet, häufen sich alljährlich die Berichte über die sogenannten S ch ü l e r 1 r a g ö d i e n, und mit Betrübnis und Entsetzen haben wir auch diesmal wieder vernommen, datz für das eine oder andere blühende Menschenkind das Fest der Auferstehung zu einem Fest des Todes geworden war. Wir neigen alle mehr oder weniger zur Verallgemeinerung, und so pflegt denn aus diesem Anlatz zumeist bittere RIage über das Ueber - handnehmen der Schülerselbstmorde erhoben zu werden, während zugleich die alte Streitfrage aufgeworfen wird wem die Schuld an diesen Katastrophen zufällt, ob der Schule oder den Eltern oder sonst einem Faktor.
Hierzu mutz zunächst bemerkt werden, datz die Grund- lage dieser Erörterungen unzutreffend ist, nämlich die wettverbrettete Annahme, datz die Schülerselbstmorde in der Zunahme begriffen seien. Eine vom preußischen Unterrichtsministerium veranlaßte Statistik, welche die letzten drei Jahrzehnte umfaßt, liefert den Beweis, daß die Anzahl der Schülerselbstmorde bei dem Vorhandensein von Schwankungen in den einzelnen Jahren doch im allgemeinen stabil ist und keineswegs ein Anschwellen erkennen läßt. Nach dieser Statistik beträgt die durchschnittliche Anzahl der Schülerselbstmorde 53 im Jahre und für die höheren Lehranstalten, aus die ja bei den Klagen über die Schülerselbstmorde ganz besonders Bezug genommen zu werden pflegt, betrug die Durchschnitts- Ziffer 15 im Jahr. In den letzten drei Jahren ist dieser Durchschnitt zwar überschritten worden, denn die Anzahl der Selbstmorde an den höheren Schulen betrug 28 im Jahre 1908, 24 im Jahre 1909 und 23 im Jahre 1910. Sind einmal diese Ziffern schon in früheren Jahren übertroffen worden, so ist weiter die außerordentliche Zunahme der Schüler an den höheren Lehranstalten zu berücksichtigen, wodurch natürlich die relative Zahl der Selbstmorde verringert wird. Die letzten drei Jahre ergeben einen Durchschnitt von 11 solchen Katastrophen auf 100 000 Schüler, eine Verhältniszahl, die in früheren Jahren sechsmal überschritten worden ist.
Man ersieht aus dieser Statistik — und in den anderen deutschen Bundesstaaten dürsten die Verhältnisse schwerlich viel anders liegen als in Preußen — daß die Klagen über die Zunahme der Schülerselbstmorde der Begründung entbehren, womit natürlich nicht die Klagen über die Schülerselbstmorde als unberechtigt bezeichnet werden sollen. Aber auch über bie Ursachen dieser tragischen Katastrophen pflegen noch vielfach irrtümliche Meinungen verbreitet zu sein. Eine von dem hervorragenden Psychiater Professor Eulenburg herrührende Bearbeitung der erwähnten Statistik hat bargetan, daß bei etwa dem dritten Teil der Schülerselbstmorde als Beweggrund die Furcht vor Strafe ^wegen Schulvergehens oder wegen mangelhafter Leistungen ermittelt worden ist, während in zwei Dritteln der Fälle andere Ursachen vorlagen, so Geisteskrankheit oder Geistesstörung, Verzweiflung über den Widerstand der Eltern gegen die gewünschte Berufswahl, niederdrückende häusliche Verhältnisse, Verübung von Diebstählen oder anderer Vergehen, verhängnisvoller Einfluß der unverstandenen und unverdauten Lektüre von Schopenhauer, Nietzsche, Ibsen, Dostojewski usw., und endlich in zahlreichen Fällen „unglückliche Liebe", die ja wohl auch im wesentlichen als Lesefrucht zu betrachten sein wird.
Schon diese Feststellungen zeigen, daß es nicht angeht, wie es leider vielfach geschieht, ohne weiteres die Schule für die Schülerlelbstmorde verantwortlich zu machen. Ja, eine genaue Prüfung der Einzelfälle, die freilich zumeist schwer genug durchzusühren ist, würde sicherlich zu dem Ergebnis führen, daß in jenem Drittel der Fälle, die überhaupt als Schülerselb st morde bezeichnet werden könnten, d. h. wo eine aus die Schule bezügliche Ursache des Selbstmordes festzustellenist, die Schuld ganz überwiegend nicht der Schule, d. h. den Lehrern, sondern den Eltern zuzuschreiben ist, die sich leider oft genug berufen fühlen, die Schulpädagogik am falschen Ende sortzusetzen. Eulenburg berichtet in seiner Abhandlung von folgendem charakteristischen Fall: „Junge, du hast mich doch zu sehr geärgert, du mußt eigentlich noch ein Fell voll haben!" Mit diesen Worten ging ein Vater auf seinen Sohn, dessen Zeugnis ihm nicht gefiel, und den er deshalb schon geprügelt halte, los, und der geängstigte Sohn stürzte sich vor des Vaters Augen zwei Stock hochâs'chem Fenster . . . .
Wer wollte im Ernst bezweiseln, daß die Schule be- , slissen ist, mit erreichbarer Objektivität über die Leist- , ungen der ihr anvertrauten Schüler zu richten, wenn . auch die Lehrer, die sich einer Masse von Schülern ge
genübersehen, nicht immer imstande sein werden, das genaue Verhältnis zwischen Leistungen und Leistungs - sähigkeit zu ermitteln. Hier zu individualisieren muß eben Sache der Ettern sein, die ihre Kinder genauer kennen müssen oder doch kennen sollten, die aber leider nicht selten aus irre geleitetem „Familienehrgeiz" da anspannen und anireiben, wo nun einmal die Begabung für die „höhere Bildung" fehlt. Kommt es dann in sol- chen ^Fällen zur Katastrophe, so macht man nur zu gern die Schule verantwortlich, während man doch reuevoll an die eigene Brust schlagen sollte. Zieht man all das in Betracht und erwägt man, daß nach der erwähnten Statistik der Selbstmord bei den Schülern der höheren Lehranstalten nicht so häufig vorkommt wie bei der gleichaltrigen Gesamtbevölkerung, so wird man der Anregung Harnacks beipflichten müssen, nicht von Schülerselbstmorden, sondern vielmehr in allen diesen Fällen vom Selb st mord Jugendlicher zu sprechen.
Hus Stadt undTEand.
Wetzlar, den 22. April.
- r- Wetzlar, 22. April. Gegenwärtig sieht man auf den Feldern überall fleißige Hände. Die Frühjahrsbestellung ist im allgemeinen ziemlich vorgeschritten, nur ist ein ausgiebiger Regen erwünscht, denn die vorgestern gefallenen wenigen Tropfen waren weiter nichts als eine recht oberflächliche Erfrischung. Der Stand der Roggen- und Weizensorten erweist sich als befriedigend. Der Klee hat durch die letzten Fröste etwas gelitten, doch hat er sich durch das warmer Wetter wieder erholt.
— Bergbauliches. Die vor kurzem erschienenen Jahresberichte der König!. Preußischen Bergbehörden für das Berichtsjahr 1910 enthalten ein reichhaltiges Material für die Beurteilung der Lage der Bergwerksindustrie und der wirtschaftlichen Verhältnisse der Vergarbeiterschast. In den 5 preußischen Oberbergamtsbezirken waren im abgelausenen Jahre insgesamt an 727 704 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt (gegen 723 669 im Jahre 1909). Die Gesamtzahl der im Bergbau beschäftigten weiblichen Arbeitskräfte betrug 10 227, die Zahl der jugendlichen Arbeiter 26 201. Der höchste Durchschnittslohn mit 4.54 Mk. für die Schicht entfällt auf den Oberbergamtsbezirk Dortmund.
— Wetzlar, 21. April. Ein hochinteressantes Ope- retten-Gastspiel wird demnächst bei uns stattsinden. Das 1. Wiener Operetten-Ensemble wird Montag, d. 1. Mai, im Schützengarten den neuesten Operetten-Schlager, die Sensation dieser Saison: „Polnische W-i r t s ch a s t" von Kraatz und Okonkowski, Musik von Jean Gilbert, zur Aufführung bringen. Bekanntlich hat diese Operette in Berlin und kürzlich auch in Wien einen beispiellos großen Erfolg erzielt, und nun geht das lustige Stück seit 7 Monaten täglich am Thalia-Theater in Berlin vor stets ausverkaustem Hause in Szene. Die Zeitungen schrieben einstimmig, daß diese Operette die beste und volkstümlichste Musik enthält, die seit langen Jahren ein Operetten-Komponist geschrieben hat. Näheres über dieses Gastspiel bringen die Annoncen in den nächsten Tagen.
- l- Hörnsheim, 21. April. Unsere Feuerwehr hatte heute Arbeit bekommen. Gegen 4 Uhr brach in der neuen Scheune des Wilhelm Kuhl Feuer aus, das durch die energisch aufgenommenen Löschar- beiten mit Hilfe der noch herbeigeeilten Hochelheimer Feuerwehr auf seinen Herd beschränkt werden konnte. Im anderen Falle hätte größeres Unglück entstehen können.
♦ Gießen, 22. April. Von geschätzter Seite wird uns soeben mitgeteilt, daß in hiesigen maßgebenden Kreisen nichts davon bekannt sei, daß der Kaiser zur Besichtigung des Infanterie-Regiments Nr. 116 im Mai nach hier kommen werde. Da der Wiesbadener Aufenthalt nur einige Tage dauert, • so rechnet man im Regiment selbst nicht mit einem Kaiserbesuche in diesem Frühjahr.
• Gießen, 22. April. Hier ist eine Vereinigung in Bildung begriffen, welche mittelst Freiballon Fahrten veranstalten will. Mit der Stadt wird bereits verhandelt wegen Lieferung von Gas für den Ballon, welcher taufend Kubikmeter aufnehmen soll.
* Gießen, 22. April. Durch den Großherzog von Hessen begnadigt. Die Gießener Papstbeleidigungs- afsäre des Frankfurter „Dichter-Bohemiens" Karl Waßmann, der bekanntlich von der dortigen Strafkammer zu acht Tagen Gefängnis verurteilt wurde, hat einen überraschenden Abschluß gesunden. Sem Verurteilten, der sich mit einem Gnadengesuch an den Großherzog von
Hessen gewandt hatte, wurde die Strafe im Gnaden - wege erlassen.
* Frankfurt, 22. April. Der Polizeipräsident verbot den geplanten Mai-Umzug der Sozialdemokraten durch die Straßen der Stadt.
* Friedberg. Das im vergangenen Jahre durch das Bombenattentat arg verwüstete Rathaus ist jetzt im Innern wieder hergestellt worden. Jetzt wird auch das Aeußere erneuert.
* Alsfeld, 22. April. Nachdem der hiesige Kreisziegenzuchtverein im Winter Tiere nach Argentinien geliefert hatte, ging vergangene Woche wieder eine Sen- . dung Ziegen, Böcke und Lämmer nach Leipzig ab. Für eine Ziege nebst £amm wurden 100 Mark bezahlt.
-l- H e i d e s h e i m, 22. April. Vom Zuge überfahren wurde zwischen Budenheim und Heidesheim von dem Köln—Frankfurter Schnellzuge die Frau eines hiesigen Bahnbeamten. Der Ehemann versuchte sich, als er die Nachricht von dem Tode seiner Frau erhielt, ebenfalls vor einen einführenden Zug zu werfen, und konnte nur mit Mühe von zwei Männern daran verhindert werden.
* Mannheim, 20. April. In letzter Zeit tauchte in Zigarrenindustriellenkreisen vielfach das Gerücht aus, daß der frühere Staatssekretär des Reichskolonialamts, Dr. Dernburg, beabsichtige, ein A k 1 i e n u n t e r n e h- men der Tabakindustrie ins Leben zu rufen. Die Süddeutsche Tabakzeitung teilt uns mit, daß dieses Gerücht in keiner Weise den Tatsachenentspricht.
-h- Gießen, 22. April. Die Einnahmen der Gießener Lehrer-Witwen- und Waisenkasse im Jahre 1910 betrugen 1278,31 Mk., die Ausgaben 1257,25 Mk. Das Vereinsvermögen stellt sich am 31. Dezember 1910 auf 11 116,12 Mk.
* Lauenburg b. Diez, 19. April. Die Familie eines hiesigen Möbelhändlers wurde zu Ostern durch Zwillinge erfreut. Die Kinderzahl des Ehepaares ist damit auf die gewiß nicht alltägliche Zahl von 29 angewachsen. Der glückliche Vater soll erklärt haben, daß es trotz des Aufschlages der Hebamme nun nicht drauf ankäme, wenn das „Osterhäschen" das halbe Schock vollmachte.
Soziales.
Zur Lage der Tabakindustrie werden neuerdings in der sozialdemokratischen Presse pessimistisch übertriebene Darstellungen verbreitet, die gleichzeitig zu einer Hetze gegen den Verband christlicher Tabak- und Zigarrenarbeiter herhalten müssen. Unter anderem wird behauptet, das christliche Tabakarbeiter - organ schweige sich seit Weihnachten über die Arbetts - losigkeit in der Tabakindustrie vollständig aus, um über das „durch die Finanzreform herbeigeführte Unheil" hinweg zu täuschen. In einigen Blättern wird noch hinzu gelogen, das geschehe aus Befehl des Zentrums. Diese Behauptungen sind total unwahr. Der christliche Verband hat es allerdings stets abgelehnt, Fälle von Arbeitslosigkeit planlos aneinander zu reihen, zu verallgemeinern und dann agitatorischen Mißbrauch damit zu treiben. Dagegen beteiligt er sich an der vom Kaiserlich-Statistischen Amt aufgenommenen und im Reichsarbeitsblatt veröffentlichten Arbeitslosenstatistik, die ein möglichst objektives Bild der tatsächlichen Lage im Gewerbe gibt. Aus dieser Statistik geht hervor, daß im vierten Quartal 1910 auf 100 an der Statistik beteiligte Mitglieder nur noch 5,1 Arbeitslose kamen gegen 39,7 im ersten Vierteljahr 1910. Die Zahl der auf 100 Mtt- gliedertage (mögliche Arbeitstage) entfallenden Arbeits- losentage betrug 1,5 im vierten, gegen 14 im ersten Vierteljahre 1910. Der im ersten Vierteljahr 1911 einge - tretene Rückschlag wird von der Mitte April erfolgenden Veröffentlichung erfaßt werden. Die Behauptung von einer Abhängigkeit des christlichen Tabakarbeiterverbandes ist direkter Unsinn und bedarf gar keiner näheren Widerlegung.
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