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Verlag der ,,(Stcstener Zeitung" G. m. b. -

Nr 169

Telephon. Nr. 362.

Freitag, den 21. Juli 1911

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg

Die Jungtürken in Nöten.

Drei Jahre währt die Herrschaft des Komitees für Einheit und Fortschritt" in der Stadt am goldenen Horn. Nach dem Rausch der Umsturzzeit ist die Nüch­ternheit, die durch Erfahrung ungeschärste Staatsklug - heit gefolgt. Während die Politik der ersten drei Ver- fassungsjahre fast ausschließlich auf die Stärkung der militärischen Gewalt gerichtet war, soll jetzt eine Zeit aufbauenber Staatsumbildung folgen. Man hat als man sich in Konstantinopel zum Verfassungsstaal be- annte, als in unblutiger Revolution Abdul sjamib cnt^ thront wurde, die Frage aufgeworfen, ob das Wesen des osmanischen Reiches als interkonfessionellen Staa­tes mit der Herrschaft des Islam vereinbar sei ob aus der Verschmelzung osmanischer Demokratie und islami- scher Theokratie sich ein gesundes, entwickelungsfähiges Staatswesen bilden kann? Man hat diese Fragen nur ^genid bejaht, aber die anfängliche Entwickelung schien die Zweifler Lügen strafen zu wollen.

Auf die Frage:Wie ist denn eigentlich das isla­mische Weltreich entstanden?" gibt C. H. Becker in einem BuchDer ^slam als Problem" folgende zutref- fende Antwort:Nicht Vekehrungseifer, nicht glühende Worte eines begeisterten Propheten haben die Araber zur Weltmission mit Wort und Schwert hinausgetrie­ben, sondern die wirtschaftliche Notlage. Der überra­schende Erfolg winde herbeigeführt durch die glückliche Fügung eines die Nation einigenden Schlagwortes und durch den politischen Machtwillen eines jungen, von ehrgeizigen und gewaltigen Männern getragenen Staa­tes". Das ist das Erbe, die Aufgabe, die heute das Iungtürkentum unter veränderten Bedingungen und Zie­len übernommen hat. Ein gut Teil des Weges, 'bic Sicherung des Reiches nach außen, und die Gesundung der Finanzen, ist schon zurückgelegt, aber noch fehlt das schwierigste Stück, die Umbildung und Versöhnung im Innern. Und hier scheinen die Iungtürken zu ver - sagen.

Die religiös-politische Pilgerfahrt des Sultans, zu der die Anregung übrigens nicht vom jungtürkischen Ko­mitee, sondern von Mahmed 5. ausgegangen ist, hat nicht den erhofften Erfolg gehabt. Der grundgütige Pa- dischah, der in allen Hauptstationen seiner Reise vier fünf Schulkindern von jeder Konfession und Nationali­tät die Hände reichte, sie mit Tränen im Auge umarmte und alsKinder des gleichen Vaterlandes" mit Gold­stücken beschenkte, hat freilich aus die Gefühls- u. Denk­weise der großen Masse einen starken Eindruck gemacht. Noch nachhaltiger wirkte natürlich der Metallklang der außerordentlichen, auf 60 000 türkische Pfund geschätzten kaiserlichen Spenden für die Ablösung der Blutschuld, für Schul- uni Armenzwecke. Das hat den freigebigen Sultan für ein Jahr und länger seine bescheidene Zi­villiste gekostet, aber es war Bargeld und richtig ver­teilt, war es jedenfalls der erste praktische Versuch, das erschütterte Vertrauen der Mazedonier und Albanesen zum neuen System, wenigstens in der Person des kon­stitutionellen Monarchen, wieder zu befestigen. Alles in allem: ein großer, aber ganz persönlicher Erfolg des Padischah-Kalifen. Der andere konstitutionelle Faktor, die Regierung, hat nur sehr wenig getan, den guten Eindruck, den der Sultan hervorrief, zu vertiefen. Man hat es nicht verstanden, das Albanesentum, das der alten Türkei so viele große Feldherren und Staatsmän­ner geliefert hat, zu versöhnen.

Wenige Wochen noch Beendigung des kaiserlichen Eroberungszuges", an den die öffentliche Meinung in der Türkei so große Hoffnungen knüpfte, sind die Ver­hältnisse in Albanien und Mazedonien schlimmer denn je. Nach dem Beispiele der Malissoren im Norden Al- vaniens stehen auch die Stämme des südlichen Alba­niens im Begriff, sich zu erheben. Je länger der Aus­stand dauert, desto weniger ist es möglich, ihn einzu­engen, ja im Gegenteil, er breitet sich noch immer wei­ter aus. Ebenso mißlich wie in Albanien sieht es im Jemen aus: Taufende türkischer Soldaten sind dort schon gefallen oder bem Wassermangel erlegen, einige Male bereits sahen sich die Militärbehörden zu beträcht­lichen Nachschüben genötigt, immer in der Hoffnung, den Aufstand mit äußerster Kraftanstrengung schließlich doch überwinden zu können, das Ergebnis waren nur kleine Teilerfolge neben schweren Niederlagen. Unter so überaus schwierigen Umständen, sowohl in Asien alv in Europa und auf allen Seiten von schadenfrohen Nachbarn umringt, die auf den geeigneten Augenblick für einen Angriff lauern, sieht sich die Türkei zu einer Mobilisierung sämtlicher verfügbarer Streitkräfte veran­

laßt. Die Einberufung aller mobammebani[d)cn und | nichtmohammedanischen Reserven bis zum 45. Lebens jähre ist angeordnet; sogar die Listen der älteren Jahr­gänge werden ausgestellt. Diese Anordnung, die einer Mobilisierung wie ein Ei dem andern gleicht, hat noch nicht die gesetzliche Zustimmung der Kammer. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich hier eine nicht unbeträcht­liche Opposition man kann schließlich nicht alle Geg­ner durch politischen Meuchelmord beseitigen dage- gcgcn erhebt. Und wenn selbst die Mobilisierung durch­geführt wird, wie leicht kann dieser letzte Versuch, zu einem entscheidenden Schlage gegen den Aufstand in Albanien und in Jemen auszuholen, mißlingen! Was dann ? Schon beschäftigt man sich im englischen Un­terhause sehr angelegentlich mit den albanesischen Un­ruhen und rät der jungtürkischen Regierung zur Nach­giebigkeit. Sollen wieder die auswärtigen Mächte in die inneren Verhältnisse der Türkei einreiten ? Das wür­de das Ende der jungtürkischen Herrschaft bedeuten, die schon jetzt schwer genug um ihre Eristenz zu kämpfen hat.

Candtagswablvorbereitungen.

* Eine in Reichelsheim abgehaltene Sitzung der Vertrauensmänner des Bundes der Landwirte, £cr Deutsch-Sozialen und Christlich-Sozialen Partei beschloß einstimmig, im Landlagswahlkreise Reichelsheim- Fürth den Gutsbesitzer Iakob S i e f e r t-Fronhosen und im Landtagswahlkreise H ö ch st - K ö n i g den Stra- ßenmeister F l e ck e n st e i n-Höchst als gemeinsame Kan­didaten aufzustellen. Ferner beabsichtigen die genannten Parteien auch im Wahlkreis Erbach-Beerfelden gemeinsam in den Wahlkampf zu treten, doch bedarf hier die Kandidatenfrage noch der Erledigung; die Ver­handlungen darüber sind im Gange und dürsten in die­sen Tagen zum Abschluß kommen.

Hus Stadt und Cand.

Giehen, den 21. Juli.

* Auf die polizeiliche Bekanntmach- n n g im Inseratenteile betr. Veranstaltung von Schau­flügen auf dem Trieb am Sonntag durch den Grade­piloten O. Kahnt-Leipzig, machen wir unsere Leser hier­mit aufmerksam. Wie aus der Bekanntmachung her- vorgeht, dürfen sich die Zuschauer im Interesse ihrer eigenen Sicherheit und wegen Gefährdung des st artenden Fliegers auf dem abgesperr­ten Platze nicht aufhalten.

* Dem gestrigen 5. Abonnementskonzert unserer Infanteriekapelle war ein voller Erfolg beschie- den. Der Solist des Abends, Kgl. Sächs. Kammervir­tuos P. Wiggert-Dresden, gab die einzelnen Cornet a Piston-Vorträge mit inniger Eesühlstiese und vollatmi- ger Kraft; die leichten Rhythmen, Triller und Kadenzen brachte er mit perlend leichtem Tonansotz zu Gehör. Dem Künstler wurde reicher Beifall gespendet.

Die Kapelle leitete das Konzert mit demMarsch der Phil.-Hist.-Verbindung zu Gießen" von Th. Krauskopf ein. Die Komposition unter Benutzung vonIch hab' mich ergeben" zeigt vielfach hinreißenden Schwung; auch die Uebergänge sind recht nett. Das Klopfgeistermotiv" am Eingänge siel allerdings stark aus die Nerven. Das mit auserlesenem Geschmack zusammengestellte Programm fand eine treffliche Erle­digung.

* Zur Mordtat in Nieder-Mörlen. Im Gebäude der Kriminalpolizei finden durch den Ge­heimen Iuftizrat Wehner-Gießen, der Untersuchungs­richter in" der Nieder-Mörlener Mordaffäre ist, zahlreiche Zeugenvernehmungen statt.

* Die Rebhühnerjagd verspricht in diesem Jahre ungewöhnlich lohnend zu werden. Selten hat man, so wird aus Jägerkreisen berichtet, in einem der Vorjahre um dieselbe Zeit so starke Völker getroffen wie jetzt. Viele Küken haben schon die Größe eines Stars. Auch die Hasen haben infolge des trockenen Frühjahrs und Sommers gut gesetzt.

Steuerbefreiung während mili­tärischer Uebungen. Die übungspflichtigen Re­servisten und Landwehrleute sind für die Monate, in denen sie zur Uebung bei der Truppe herangezogen wer­

den, von der Steuer befreit. Wenn auch nur ein ein» ziger Uebungstag auf den Riouat entfällt, so bleibt doch der ganze Monat steuerfrei. Da jedoch ohne besonde­ren Antrag keine Steuerbefreiung eintritt, so müssen die Betreffenden unter- Vorlegung oder Einsendung des Mi- iitärpasses sich bei der Gemeindebehörde ihres Wohn­ortes mclben und die Steuerbefreiung beantragen.

- o- Der E r a d e f l i e g e r O. Kahnt unternahm heute früh zwei wohlgelungene Flüge.

* Grüningen, 21. Juli. Der Kreisansschuß hat in seiner letzten Sitzung die gegen die Wahl des Landwirts Adam Lorenz Bingel zum Bürgermeister ein­gelegte Beschwerde und Berufung als unbegründet ab­gewiesen. Die Beschwerde führende Partei wurde zu 40 Mark Geldstrafe und zur Tragung der Kosten verurteilt.

- e- Hungen, 21. Juli. In Bettenhausen ist die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt wor­den, und zwar in einem Stalle bis Landwirts Dietz. Der Ort war seither unverseucht, und auch in der näch­sten Umgebung war die Seuche bis jetzt noch nicht auf getreten, es darf aber angenommen werden, daß jich die Seuche nunmehr auch hier ausbreiten wird. Die Vorsichtsmaßregeln bei dem Fest haben sich, wie anzu­nehmen war, also nicht bewährt.

* Davmstad 1, 21. Juli. Die Stadtverordne - ten-Versammlung bewilligte gestern für die Anlage eines Waldfried Hofes nach dem Muster des Zentral- Friedbofes in Hamburg-Ohlsdorf und des Waldfried- Hofes in München 67 0 900 Mark, von welcher Summe als erste Baurate sofort 220 000 Mk. aus Anlehens mitteln bereitgeftent wurden. Der Waldfriedhof kommt an die sogenannteStädtische Tanne". Die Versamm lung bewilligte weiter 115 000 Mk. für die Errichtung eines Niederlagegebäudes zum neuen Bahnhof.

* Von der Bergstraße, 21. Juli. O b st- preise: Auf den Obstmärkien am Mittwoch wurden verkauft: Erdbeeren zu 85, Johannisbeeren zu 1516, Himbeeren zu 60, Stachelbeeren zu 1215, große Vir nen zu 1416, Pfirsiche zu 3035, Pflaumen zu 15 bis 16, Aepfel zu 12 Pfennig pro Pfund.

* Mainz, 21. Juli. Der Kaiser wird, wie jetzt als feststehend angenommen werden darf, am Mon­tag, den 14. August zur Truppenschau auf dem Gro­ßen Sande nach Mainz kommen und die alljährliche Vorbesichtigung der Regimenter, die an der Truppen - schau teilnehmen, wird deshalb an einem Sonntag statt­finden. Zum ersten Male wird dieses Jahr auch das Infanterieregiment Nr. 118 an der Parade teilnehmen, sodaß mit Ausnahme der beiden hessischen Dragonerregimenter, des hessischen Trainbataillons und der Hanauer Ulanen das ganze 1 8. Armeekorps, also über 16 000 Mann, in Mainz zusammengezogen wird. Den Truppen stehen also anstrengende Tage be­vor, da kurz nach der Rückkehr von der Truppenschau, am Freitag, den 18. August, die Manöver beginnen.

- l- Altenkirchen, 21. Juli. Wer jetzt eine Fahrt oder Wanderung über den Westerwald unternimmt, fin­det weite Strecken der Fichtenkulturen (Tannenschonun­gen), deren junge Triebe wie rotverbrannt aussehen und sich schon auf große Entfernung bemerkbar machen. Es ist eine Folge' des kürzlich eingetretenen Sommer- srostes, der die Triebe der sonst so wetterharten Fich­ten völlig vernichtet hat.

) Limburg, 21. Juli. Einen guten Fang machte vorgestern die hiesige Polizei. Es gelang ihr einen Einbrecher festzunehmen, der in Gießen und Wetzlar Einbruchsdiebstähle verübt haben soll. In Gießen wurde am 3. Juli eingebrochen; dabei wurden Kleider und Schuhe 2C. gestohlen. In Wetzlar wurden am 13. Juli durch Einbruch 200 Mk. bares Geld, gol­dene Uhren und andere Wertsachen gestohlen. Für beide Einbruchsdiebstähle soll ein mit Ansichtskarten hausieren­der Händler in Frage kommen. Dieser wurde gestern von der hiesigen Polizei gefaßt und der Staatsanwalt­schaft zugeführt. Es wurden bei ihm noch schuhe vor­gefunden, die von dem Einbruchsdiebstahl in Gießen herrühren. Angeblich will der Spitzbube, der nach internationaler Gauner über Legimationspaprere nicht verfügt, die Schuhe von einemUnbekannten" gekauft haben.

- m- Limburg, 21. Juli. Der O b e r hessische Geschichtsverein veranstaltet nullten Sonntag einen Ausflug nach hier.