Metzener IeiLititg
Bezugspreis 50 Pfg. monatlich
oierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig- ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Jlluftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei^
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen sPolizei-Amtes ) Behörden Gberhessens
Expedition: Zelters weg 83
tHaus Brüder Schmidts
Anzeigenpreis 15 Pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklame teil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50° o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungszieles (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohncVerbindlichleit.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 93.
Telephon: Nr. 362.
Freitag den 21. April 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Iahrg.
Die Reicbsverficberungs-Ordnung.
Die wichtigste, unter Umständen vielleicht die einzige größere Arbeit, die der jetzige Reichstag nach den Osterserien zu erledigen haben wird, ist die zweite und eventuelle, dritte Lesung der Reichsversicherungsordnung. Die Aussichten dieses seit Jahrzehnten nicht nur nach Umfang, sondern auch nach Inhalt und politischer Bedeutung größten^gesetzgeberischen Werkes sind noch durchaus ungewiß. In den Kommissionsberatungen, die zwar zu einem vorläufigen Ergebnis geführt haben, haben sich doch so viele Meinungsverschiedenheiten und Dif- serenzpunkte zwischen den Parteien ergeben, daß die Fassung, die die Vorlage in der Kommission erhalten hat, keineswegs als endgültige angesehen werden darf, ^chon allein die Feststellung des Kommissionsberichtes scheint erhebliche Schwierigkeiten zu machen, die nicht nur auf den großen Umfang des Gesetzentwurfes zurückzu- führen sind, sondern augenscheinlich in der Materie liegen. Bisher ist f^ner der Kommissionsberichterstatter mit dem Bericht über den ihm zugefallenen Teil der Vorlage fertig geworden. Und wenn das geschehen ist wird der eigentliche Kampf der Parteien um die Reichsversicherungsordnung erst beginnen.
Aus den Abstimmungen in der Kommission wird man sich schwerlich ein rechtes Bild von der Stellungnahme der Parteien machen können; denn auch bei der Reichsversicherungsordnung muß man wieder die Feststellung machen, daß durchaus nicht alle Mitglieder der Parteien geschlossen hinter den von ihren Delegierten in der Kommission vertretenen Ansichten stehen. Es spielen eben viele Rücksichten wahltaktischer Natur mit hinein, die natürlich so kurz vor den allgemeinen Wahlen besonders stark hervortreten und die rein sachlichen Gesichtspunkte stark beeinflussen. Das ist eine Erfahrung, die man schon wiederholt auch bei anderen Gesetzent - würfen hat machen müssen, und es fragt sich deshalb, ob es nicht zweckmäßiger wäre, wenn solche weittragenden Vorlagen dem Reichstage immer nur unmittelbar nach den Neuwahlen vorgelegt werden sollten. Einmal, damit der Reichstag genügend Zeit hat, sie ihrer Wichtigkeit entsprechend in aller Ruhe und Gründlichkeit zu beraten, und zweitens, damit das Hineinspielen von wahltaktischen, der Sache niemals förderlichen Rücksichten nach Möglichkeit vermieden wird. Zweifellos fühlen sich die Parteien gegenüber ihren Wählern freier und unabhängiger und sind geneigter, rein sachlichen Erwägungen mehr Rechnung zu tragen, wenn die Neuwahlen nicht unmittelbar vor der Türe stehen. Das ist bedauerlich, aber angesichts der Vielgestaltigkeit des deutschen Parteiwesens und besonders angesichts eines so erbitterten Wahlkampfes wie des bevorstehenden erklärlich.
Und das ist es auch in erster Linie, was die Aussichten der Reichsversicherungsordnung so zweifelhaft erscheinen läßt. Man könnte wohl sagen, daß die Aussichten dieser Vorlage günstig wären, wenn nicht die zu ihrer Verabschiedung noch zur Verfügung stehende Zeit so kurz wäre. Denn bei allen bürgerlichen Parteien besteht der ernste Wille, etwas zustande zu bringen. Ob es aber möglich sein wird, bleibt trotzdem fraglich. Die Tendenz der Mehrheitsparteien und der Regierung geht dahin, bei Gelegenheit dieser Vorlage die Herrschaft der Sozialdemokratie in den Krankenkassen zu brechen, indem in das Gesetz Bestimmungen ausgenommen werden sollen, durch die den Arbeitgebern ein größerer Einfluß aus die Verwaltung der Krankenkassen eingeräumt wird. Man wird es unter diesen Umständen verstehen, daß die Sozialdemokratie sich mit Händen und Füßen dagegen sträubt, derartige Bestimmungen Gesetz werden zu lassen. Aber man geht in den Reihen der Sozialdemokratie anscheinend noch viel weiter. Wegen der erwähnten Bestimmungen macht sich in ihren Reihen eine starke Agitation gegen das ganze Gesetz geltend und der „Vorwärts", das Zentralorgan der Partei, sucht bereits in einer Ärtikelreihe nachzuweisen, daß die Reichsversicher- ungsordnung den Arbeitern gar keine Vorteile bringe, ja eigentlich als ein Ausnahme-Gesetz gegen die Arbeiter zu betrachten sei. Eine solche Argumentation geht natürlich weit über das Ziel des Berechtigten hinaus und stellt die Tatsachen geradezu aus den Kops. Es |ei nur erwähnt, daß durch die Reichsversicherungsordnung allein 5 Millionen Personen mehr des Segens der Versicherungsgesetzgebung teilhaftig werden sollen. Wollte die sozialdemokratische Fraktion tatsächlich deswegen, weil der Einfluß der Partei aus die Verwaltung der Krankenkassen eingeschränkt werden soll, das ganze Gesetz zu Fall zu bringen versuchen, so würde sie damit schwerlich den Interessen der Arbeiterschaft dienen, sondern die augenblicklichen Parteiinteressen denen voranstellen, denen sie dienen will. Sie würde eine schwere Verantwortung
auf sich nehmen, wenn durch ihre Taktik die unbestreitbaren Vorteile, die die Reichsversicherungsordnung den arbeitenden Klassen bringen soll, auf Jahre hinaus den Arbeitern vorenthalten bleiben sollten. Mau muß aber aus den Artikeln des „Vorwärts" den Schluß ziehen, daß die sozialdemokratische Partei im Reichstage zu dem Entwurf der Reichsversicherungsordnung in schärfste Opposition treten wird. Und das um so mehr, als sie befürchtet, daß die Freunde der Vorlage den Versuch machen werden, die Beratung gewaltsam abzukürzen. Diese Befürchtungen scheinen aber grundlos, da weder die fortschrittliche Volkspartei noch die Nationalliberalen für eine Durchpeitschung der Vorlage zu haben sein werden. Zentrum und Konservative aber allein können nicht die genügende Anzahl von Mitgliedern stellen, um ein ähnliches Verfahren wie bei der Beratung des Zolltarifs im Jahre 1902 durchzudrücken.
3o wie die Dinge jetzt liegen, ist das Schicksal der Reichsversicherungsordnung in die Hände der sozialdemokratischen Partei gelegt, wenigstens soweit es sich darum handelt, ob sie überhaupt zustande kommen soll; denn sie kann es bei den mehr als 1700 Paragraphen sehr leicht durch Verschleppungsanträge erreichen, daß die ganze Reformation ins Wasser fällt. Materielle Aenderungen wird die Sozialdemokratie dagegen nur in ganz unwesentlichen Punkten durchzusetzen imstande sein, da ja zwischen Zentrum, Konservativen und Nationalliberalen in den wichtigsten Punkten im großen und ganzen Uebereinstimmung besteht.
Reicbstagswahiporbereitungen.
* Tilsit, 21. April. Im Wahlkreis Tilsit- Nied e r u n g,. der augenblicklich von dem konservativ. Abg. A. Schickert vertreten wird, haben die National- liberalen entgegen dem Abkommen mit der Fortschrittl. Volkspartei für Ostpreußen die Unterstützung der konservativen Kandidatur des früheren Ministers von Moltke beschlossen.
* Mörs, 21. April. Die „Kreuzztg." brachte vor einigen Tagen einen Bericht über eine Versammlung der „vereinigten nationalen Parteien" im Wahlkreise Mörs- Rees. In dem Bericht heißt esm. a.: daß die Hoffnung besteht, daß in genanntem Kreise die bisherige Verständigung zwischen dett, nationalen Parteien wieder herbeigeführt wird. Eine sogenannte Sammelkandidatur aller rechtsstehenden Parteien ist aber dadurch unmöglich, daß die christlich-soziale Partei, wie wir hören, einer solchen nicht zustimmt, sondern an der von ihr ausgestellten Kandidatur Pfarrer Lic. Hein-Capellen festhalten wird.
Bus Stadt und Cand.
Gießen, den 21. April 1911.
- b- Gießen, 21. April. Gestern vormittag tagte dahier im Saale des Hotel Schütz die diesjährige Ausschutzsitzung des Oberhessischen Bienenzüchtervereins, die aus allen Teilen Oberhessens besucht war, sogar der hohe Vogelsberg hatte seine Vertreter gesandt. Der Vorsitzende, Lehrer B u ß-Leihgestern, eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Begrüßungsansprache, worin er des schlechten Bienenjahres 1910 gedachte und die Hoffnung auf ein besseres für 1911 aussprach. Dann erstattete der Rechner, Lehrer H o tz-Nidda, den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen 3403,73 Mk., die Ausgaben 2996,77 Mk., der bare Kassenvorrat 406,96 Mk. Nachdem die Rechnung von 2 Mitgliedern geprüft und für richtig befunden worden war, wurde dem Rechner Entlastung erteilt. Der vom Vorsitzenden vorgetragene Voranschlag beläuft sich in Einnahme und Ausgabe auf 2947,33 Mk., und wurde von der Versammlung gutgeheißen. Vom 6—10. Juni d. Js. findet unter Leitung von Lehrer Hense l-Hirzenhain ein Kursus für Anfänger und vom 25. Juni bis 1. Juli ein solcher für fortgeschrittene Imker statt; zu beiden Kursen werden noch Anmeldungen vom Vorsitzenden entgegen- genommen. Die diesjährige 50. Wanderversammlung, mit der eine grotze Ausstellung von Erzeugnissen der Bienenzucht und einschlägigen Geräten^ sowie eine Verlosung verbunden ist, wird anfangs Juli d. Js. auf der Liebigshöhe abgehalten werden. Zu ihr wird der Vorstand eine Festschrift herausgeben, welche die Entwickelung und Verbreitung der Bienenzucht in Ober - Hessen sowie des Vereins enthalten wird. Zu Prämiierungszwecken sind bereits mehrere Ehrenpreise gestiftet, u. a. von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog von Hessen. Lose a 50 Pfg. sind bereits in den hiesigen Geschäften zu haben. _
♦ Gießen, 21. April. Die Wetterdienststelle an der Landesuniversität Gießen, welche 1903
voll Dr. A. Peppler begründet wurde, ist seit dem 1. April d. Js. von Preußen übernommen und an den Frankfurter öffentlichen Wetterdiellst allgegliedert.
- n- Herbstein, 20. April. Bei der gestern statt gefundenen Bürgermeisterwahl wurde der seitherige Bürgermeister Herr Engelbert Schneider einstimmig wiedergewählt. Die große Beliebtheit, deren sich Herr Sch. zu erfreuen hat, lieh in niemandem den Gedanken aus- kommen, ihm einen Raubibaten gegenüberzustellen. Am Abend brachte die gallze Bevölkerullg dem Wiederge - wählten eine Ovation dar, bei der von dem Gesang - verein einige Chöre vorgetragen wurden.
* Bad-Nauheim, 17. April. Am 16. April ist die Saison offiziell eröffnet worden. Der Hess. Staat ist auch in diesem Winter im Ausbau des Weltbades weiter tätig gewesen. Die schon so lange und vielbesprochene Sprudelsassung ist zur Ausführung gekommen, ebenso sind die neuen Trinkanlagen sertiggestellt.
* Offenbach a. M. Der Kreistag des Kreises Offenbach wird demnächst über die (Erbauung einer elektrischen Bahnverbindung zwischell Seligenstadt und Offenbach beraten. Diese elektrische Bahn soll bekanntlich ihren Ausgangspunkt im rechtsmainischell Bezirksamtsstädtchen Alzenau nehmen, bei Seligenstadt den Main überbrücken und dann meist aus der Kreisstraße llach Offenbach geführt werden.
-c- Darmstadt, 18. April. In verschiedenen auswärtigen Blättern wurden allerlei Kombinationen verbreitet über die Ersatzwahl eines Landtags- Abgeordneten für den Stadtkreis Darmstadt, an Stelle des bisherigen Abg. Dr. G l ä s s i n g. Es haben aber, wie wir auf Grund zuverlässiger Erkundigungen mitteilen können, bisher keinerlei Verhandlungen stattgefunden bezw. Aufstellung eines Kandidaten. Dr. Bastian, der von der „Frkf. Ztg." als Kandidat ausgestellt war, ist überhaupt noch nicht um Uebernahme der Kandidatur angegangen worden. Die Kandidalensrage wird sich erst in den nächsten Tagen entscheiden.
* Alsfeld. Vergangene Woche beendeten sowohl die Gewerbeschule wie auch die Land w. Winte r s ch u l e ihr Schuljahr. Beide waren Verhältnis - mäßig gut besucht, erstere zählte 38, letztere 47 Schüler.
— Wetzlar, 21. April. Die vom Biebricher Vür- gerverein ernannte Deputation für Erhaltung der Unteroffizierschule wurde vom Kriegsminister^ der zurzeit in Wiesbaden zur Kur weilt, in Audienz^ empfangen. Die Unterredung ergab, daß an der Verlegung der Unteroffizierschule nach Wetzlar nichts mehr zu ändern s e i. Als Ersatz soll aber Biebrich eine Unter- offizier-Vorschule erhalten.
- r- Limburg, 20. April. Vor einigen Tagen wurde in der Nähe des Westerwaldortes Thalheim eine Tropf st einhöh le entdeckt. Da herabgefallenes Gestein den Weg versperrte, konnte man nur auf eine kurze Strecke in der Höhle vordringen.
- l- Gladenbach, 21. April. Wegen Unterschlagung würden Dienstag abend zwei Postassi- stenlen von hier verhaftet.
* Marburg, 20. April. Die Beerdigung des Landtagsabgeordneten Landrats v. Negelein gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. In dem Leichenzuge, dem die Jägerkapelle voranschritt, bemerkte man viele auswärtige hohe Beamte und Militärs.
- l- Dillenburg, 21. April. Die Einweihungs- feierlichkeiten für die Neubaustrecke Dillenburg—Biedenkopf finden am 28. b. Mts. statt. Der Festzug geht vormittags 11.10 Uhr von Biedenkopf ab. Ankunft in Dillenburg 3% Uhr, Festessen um 4 Uhr im Kurhause.
* Frankfurt, 21. April. Im Städt. Schlacht- und Viehhof finden sich jetzt an den Hauptwerklagen regelmäßig Händler und Metzger aus Baden, Württemberg und dem Elsaß ein, um hier Großvieh zu kaufen. Seitdem nämlich in den genannten Ländern kein französisches Vieh mehr eingeführt werden darf, herrscht dort eine große Knappheit an Großvieh. Durch die starke Kauflust der Süddeutschen wird der hiesige Markt wesentlich beeinflußt.
♦ Frankfurt, 21. April. Am Mittwoch fand eine Kommissionssitzung des Milchhändlervereins statt, in der mitgeteilt wurde, daß jetzt genügend einheimische Milch vorhanden sei. Eine Anzahl Landwirte, die bisher 17 Psg. verlangten, sind mit dem Preise heruntergegangen. Die Beziehungen zu den dänischen Lieferanten sollen aber nicht abgebrochen werden.
* Trier. Bei einer Uebung des hiesigen Feld- artillerieregiments stürzte ein Geschütz in vollem Fahren ' um. Ein Kanonier wurde getötet.