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Hietzener Peilung

vezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1/)O Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. Erscheint jeden Werktag früh. DieHumoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.

Enthält alle amtt. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer <^

des Großherzoglichen

Polizei-Amtes

Behörden Gberheffens

Expedition: Zeltersweg 83

lHaus Brüder Schmidt.)

Anzeigenpreis 15 pfg.

die 44 mm breite Pctitzcilc oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im N e k l a m e t e i l 50 Pfg., auswärts 60 Pfg. - Tabellen mit 50-/a Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Grütze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deSZahlungS- zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung ober bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit.

Gcsamtleitung: Albin Zllein.

Nr 18. 1. Glatt.

Samstag den 21. Januar 1911

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Bus dem Reichstag.

-r- Der einige Liberalismus. Bei der zwei­ten Beratung des Zuwachssteuergesetzes bieten sowohl die nationalliberale Fraktion wie auch die Fortschrittliche Volkspartei ein ulkiges Bild des Durcheinander. Bei fast jeder Ab - st im m u n g, und solche sanden mehr den ein­hundert statt, stimmten stets ein Teil der Ratio- n a l l i b e r a l e n dafür, der andere dagegen. Ganz genau so uneinig stimmte die Fort­schrittliche Volkspartei. Wäre jede Abstim­mung namentlich erfolgt, so hätte das ein unglaubliches Durcheinander von^raut und Rüben" gegeben. Die FraktionsgemeinschaftWirtschaft!. Vereinig- u n g" stimmte bei allen Abstimmungen st e 1 s völ­lig geschlossen. Die liberalen Agitatoren wird aber diese Tatsache nicht abhalten, fernerhin in den Versamm­lungen zu falsch behaupten, daß die Abgeordne­ten der Wirtschaft!. Vereinigunguneinig" und die libe­ralen Abgeordneteneinig" seien. So sind sie eben!

Bus dem Parteileben.

§ Um das Erbe Aöhlers scheint sich ein scharfer Lamps zu entspinnen. Dabei spielen die National­liberalen, die in Oberhessen, außer bei den Akade­mikern und Beamten, so wird uns geschrieben, wenig Anhang besitzen, eine recht eigenartige Rolle. In ihrer bekannten Bescheidenheit hoffen sie wohl den Landtags- wie den Reichstagssitz, den Köhler inne hatte, für sich einzuheimsen. Da ihr Reichslagskandidat Prof. G i - s e v i u s von den Rechtsparteien nicht unterstützt wird, suchen sie den Bund der Landwirte für diese Kandidatur zu erwärmen. Fortwährend unterhandeln sie daher mit den hessischen Führern des Bundes. Interes­sant ist es aber, daß sie gleichzeitig auch mit den Freisinnigen in Unterhandlung stehen und nicht abgeneigt sind, sich mit diesen aus die Kandidatur des Pros. Biermann zu einigen und Prof. G i - s e v i u s fallen zu lassen. Für den Landtagswahlbe­zirk Köhlers haben die Nationalliberalen ihren Partei­angehörigen, Bürgermeister Fendt-Hungen in Aussicht genommen. Schon vor einigen Tagen ist von der Gießener natlib. Geschäftsstelle ein anonymer, hektographierter Zettel an die Landlagswählmänner des Bezirkes Hungen-Lich versandt worden, in dem Bürgermeister Fendt als Kandidat empfohlen wird. So sucht man aus der einen Seite die Unterstützung des Bundes für die Reichstagswahl zu erhalten, andererseits aber sucht man dem Bund ein ihm sicheres Landtags - Mandat aus den Händen zu spielen und auch dieses für die natlib. Partei einzustecken. Werden denn bald die hessischen Führer des Bundes der Landwirte erkennen, welch' doppel­tes Spiel die N ationallib eralen mit ihnen treiben?

Sozialdemokratische Wahlhilfe für Konservative.

Durch die freisinnige Presse geht folgende, bis heute unwidersprochen gebliebene Meldung:

Ein interessantes Zugeständnis wurde am Sonntag im Wahlkreise Sagan-Sprottau, in Küpper, dem Wohn­ort des konservativen Reichstagsabgeordneten v. Bolko, in einer konservativen Wählerversammlung gemacht. Dem Abg. v. Bolko war am Mittwoch vorher in einer geg­nerischen Versammlung der Vorwurf gemacht worden, daß er sich im Jahre 1907 die Stichwahlhilfe der so­zialdemokratischen Partei gegen seinen fortschrittlichen Ri­valen durch das Versprechen, gegen alle indirekten Steu­ern zu stimmen, gesichert, aber sein gegebenes Wort nicht gehalten habe. Nach dem Bericht desSagan. Wochen­blattes" hat Abg. v. Bolko diesem Vorwurf gegenüber erklärt, daß er seinerzeit infolge der Anstrengungen bei der Wahlbewegung erkrankt sei und in diesem Zustande Herrn Häckel (den Führer der Sozialdemokraten in Sa- gan-Sprottau), welcher ihn freiwillig auf­gesucht, empfangen habe. Er habe Erklärungen ab­gegeben, aber nie daran gedacht, daß man daraus spä­ter einen Strick gegen ihn drehen wolle. Daß die Erklhrungenbefriedigende" gewesen sind, beweist der Umstand, daß der Sozialdemokrat Häckel seine Partei­genossen in Sagan-Sprottau zur Wahl des erzkonserva­tiven Abg. v. Bolko ausgefordert hat, der denn auch tatsächlichsmit Hilfe der Sozialdemokraten gewählt wurde obwohl er mit einem Freisinnigen in Stichwahl stand." , _ . f

Das ist ja interessant, also der Führer der Sozial - demokraten bietet den Konservativen Wahlhüse an und die Genossen wählen dann prompt kon­

servativ ! Und im Kreise Wetzlar tun die Sozialde­mokraten, als wenn konservativ wählen für Nichtkonser­vative ein Verbrechen sei. Die sozialdemokratische Agi­tation ist doch recht unwahrhastig!

* * *

Reichstagswahlvorbereitungen.

* Als Termin der Reichslagswahlen bezeichnet eine Berliner Korrespondenz den 28. Novbr. Wenigstens sei dieser Tag an maßgebender Stelle ins Auge gefaßt worden. Das sei jedenfalls sicher, daß in den letzten Tagen des Monats November die Entscheid­ung fallen werde.

CokaHlacbricbten.

-H- Lahnkanalisation. Aus Berlin wird uns gemeldet, daß der 19er Kommission (Schiffahrlsab­gaben) des Reichstages die auf die Kanalisation der Lahn (Gießen-Rhein) bezüglichen Materialien von der Reichsregierung vorgelegt worden sind.

* Der Adel. Das Großherzogtum Hessen gehört zu den wenigen deutschen Bundesstaaten, in denen der Adel bei Besetzung der höheren Verwallungsstellen keine Vorrechte genießt. Von den 3 Ministern sind 2 bürger­licher und 1 adeliger Abkunft, von 14 Ministerialräten sind nur 2, von 18 Kreisräten nur 3 adelig. Also un­ter den 35 höheren und höchsten Verwaltungsbeamten nur 6 Adelige.

)( Gießen. Der am Landgericht Gießen ange­stellte Gerichtsdiener Franz Andres wurde zum Kanz­leidiener bei diesem Gericht ernannt.

-g- Gießen. Heinrich Knote, der gegenwär­tig als der erste Wagnertenor der Welt gilt und dessen Stimme an Glanz nur noch von der Larusso's über­troffen wird, hat für den Wagner-Liszt-Abend am 30. Januar, der im Stadttheater stattfindet, eine ganz er­lesene Auswahl getroffen. Er wird zum Vortrag brin­gen aus den MeistersingernAm stillen Herd" und das PreisliedMorgenlicht leuchtend", aus Lohengrin die GralserzählungIn fernes Land, unnahbar" und aus der Wallküre Sigmund's LiebesliedWinterstürme wi­chen dem Wonnemond". Ebenso auserwählt ist das Klavierprogramm des Hofpianisten Ernst Riemann, der von Liszt dieFantasie quasi Sonate (apres unelekture de Domte), die Wasserspiele der Villa d'Este, Sposalizis und die Polonaise Nr. 2 in E-dur spielen wird. Die Preise sind so billig gehalten (von 75 Pfg. an), daß auch minderbemittelte Kreise sich diesen autzergewöhn - lichen Genuß verschaffen können.

-m- Krofdorf. Bei der ersten Holzversteigerung aus dem Schutzbezirk Waldhaus (Sauerhege und Lich­tenberg) am letzten Dienstag wurde Brennholz sehr begehrt. Buchenschett zahlte man durchschnittlich mit 9 Mark, Buchenknüppel mit 7 Mark und Reisigholz mit 1 Mark pro Raummeter. Die am gleichen Tage in Wißmar stattgefundene Holzversteigerung aus den Distrikten Reitzensteinerwald und Kennelsheck brachte durchschnittlich normale Preise; erstklassiges Vuchenscheit- holz wurde per Rm. bis 10 Mark bezahlt. Es waren viele Käufer aus Ruttershausen, Lollar und Marburg anwesend.

-k- R o d h ei m a. d. V. Unser Gastwirtever- b a n d Krosdorf-Rodheim feierte am Donnerstag zu Fel­lingshausen im Rupp'schen Saale sein Winterfest. Der Vorsitzende Gastwirt Bender von hier hielt eine treff­liche Ansprache und händigte den Kollegen Stork- Rodheim und S ch l i e r b a ch-Bieber, die jetzt 25 Jahre als Gastwirt tätig sind, mit besten Glückwünschen Dip­lome aus. Die ganze Feier war recht nett.

* In Amerika gestorbene Hessen. PH. Köhler, 78 I., in Troy; Heinrich Horn, 64 I., aus Schlierbach, in Dayton; Johann Herbel, 82 I., aus Langgöns, in Washington; Philipp Klotz, 64 I., aus Lampertheim, in Chilicothe; August Marrhausen, 77 I., in Detroit; Joh. W. Schaum, 54 I., in Milwaukee.

* Aus dem oberen Vogelsberg. Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, beabsichtigt die Gewerk­schaft Vogelsberg, mit dem Sitz in Gießen, welche im Jahre 1908 Schürfungen in vielen Gemark­ungen des Vogelsberges unter Leitung des Herrn Berg-Ingenieurs Wilhelmy vornehmen ließ, im Laufe dieses Frühjahres ihren Bergwerksbetrieb in den Ge­markungen Hartmannshain, Herchenhain und Sichen - hausen zu eröffnen. Wie weiter verlautet, beabsich­tigt Obermedizinalrat Dr. Fischer aus Darmstadt, ein Landhaus, wozu Herr Baumeister Renles den Plan angefertigt hat, auf der Herchenhainer Höhe, am sogen. Lamberg, am Rande des Oberwaldes zu erbauen. Die Vergebung der Vauarbeiten soll demnächst erfolgen.

Seit Eröffnung der Vogelsbergbahn werden die wildrei­chen Wälder unseres Gebirges auch von Jägern aus der Ferne (Frankfurt und Gießen) bevorzugt und haben sich die P a ch 1 s u m m e n mancher Gemeinden, deren Jagdgebiete von der Bahn bequem zu erreichen sind, bedeutend g e st e i g e r t, ja mitunter verdoppelt.

- m- Schlitz. Am 11. Januar sand in der Turnhalle dahier eine Versammlung der Mitglieder sämtlicher Fest­ausschüsse des diesjährigen Gauturnfestes statt. Der Besuch war ein äußerst zahlreicher. Vorbehaltlich der Genehmigung des Gauausschusses wurde das dies­jährige Gauturnfest auf Sonntag, den 9. Juli gelegt. Der Graf von Schlitz hat das Protektorat übernommen, während Bürgermeister Zinßer von Schlitz zum 1. Fest­präsidenten und Oberamtsrichter Geh. Iustizrat Wahl in Schlitz zum 2. Festpräsidenten ernannt wurde. Die einzelnen Ausschüsse wählten ihre Vorstandsmitglieder, bestehend in dem 1. und 2. Vorsitzenden sowie dem Schriftführer und war somit die Tagesordnung der heu­tigen Versammlung erschöpft.

* Bad-Nauheim, 18. Ian. Wiederum ist einer hingeschieden, welcher die Feldzüge 1866 und 1870 und 1871 von Anfang bis Ende mitgemacht hat: Metz- germeister und früherer Gastwirt Heinrich Klinker- f u h 2. Als Zeugführer der Trainkompagnie hat der Verstorbene die furchtbaren Strapazen an der Loire, bei Orleans, Vriare rc. mitgemacht. Bei letzterem Orte war die Bagage-Kompagnie zwischen dem Fluß und dem Eisenbahndamm von Franktireurs vollständig einge­schlossen, nur durch einen Viadukt war ein Entkommen möglich, und daß dieses gelungen, ist nicht am wenig­sten dem Verstorbenen zuzuschreiben. Wer ihn kannte, wird dies begreifen! Mit dem Entschlafenen ist ein Mann heimgegangen, welcher in seiner rauhen Schale einen guten Kern barg.

* Friedberg. Gegen 200 Hausbesitzer mußten hier mit Strafmandaten zu je 2.10 Mark bedacht wer­den, weil sie versäumt hatten, die Straße vor ihrem Hause reinigen zu lassen.

* Weikartshain. Hier fand am letzten Sonn­tag unter Beteiligung der gesamten Einwohnerschaft die feierliche Einweihung der neuerbauten Hochdruckwasser­leitung statt, die von dem Gruppenwasserwerk im Lumdatal, der sogenannten Dieberg-Gruppe, gespeist wird. Das Projekt ist von Herrn t^reisbauinspektor Bau­rat Diehm.

* Schotten. Zu Mitgliedern der Handelskammer wurden gewählt die Kaufleute Georg Rockemer und K. Wendeberg.

* Kirchhain. Die Eheleute Tarnow in Ham­burg haben für die Armen der Stadt Kirchhain 20 000 Mark vermacht.

* Hanau. Wegen Gefahr der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche hat der Regierungspräsident in Kassel jetzt auch die Abhaltung des auf den 1. Fe­bruar angesetzten Zucht- und Fettviehmarktes verboten.

* Rüsselsheim. Bei Ausräumungsarbeiten im Gemeindewald stieß man aus Fundamente, die zweisel- los einem römischen Wachtgebäude angehörten.

Mainz. Im Vorstandsausschuß des Verkehrs­vereins wurde u. a. beschlossen, mit allen Mitteln g e- g e n die Einführung der B i l l e t t st e u e r zu kämpfen.

* Kassel. Eine bedauerliche Einschränkung wird die diesjährige gern erwartete Wanderausstell­ung der Deutschen Landwirtschastsgesellschaft in Kassel erfahren. Wie die D. Landwirtschafts-Gesellschaft bekannt gibt, soll wegen der Gefahr der Verbreitung der Maul- und Klauenseuche sämtliches Klauenvieh (Rin­der, Schafe, Ziegen, Schweine) von der Ausstell- ung ausgeschlossen werden. An Tieren werden daher in Kassel nur Pferde, Geflügel, Kanin­chen, Fische, Schäferhunde, Bienen ausgestellt werden. Dafür soll aber angestrebt werden, u. a. durch Vermehr­ung der Preise, eine möglichst umfangreiche Beschickung der übrigen Abteilungen herbeizuführen.

* D a r m st a d t. Eine Submissionsblüte, wie sie doch zu den Seltenheiten gehören dürfte, ist bei der Vergebung von zweimaligem Oelanstrich von 1115 Ton­nen Eisenkonstruktion auf dem hiesigen Bahnhof zutage gefördert worden. Die Firma Hahn von hier fordert 44 600 Mk., während die Firma Jos. Schmitt u. Sohn aus Frankfurt mit 4014 Mark zufrieden ist.

Holzverkäufe u. -Versteigerung.

Oberförsterei Strupbach. Montag, 23. Januar, vor­mittags 10 Uhr, in der Schlierbach'schen Wirtschaft zu Bieber.