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Verlag der „«iefscuer Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 168. Telephon: Nr. 362.
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der Grohherzoglichen
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des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
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Verlag der „(Siebener Zeitung" «. m. b. H.
Donnerstag, den 20. Juli 1911.
Telephon: Nr. 362.
23 Jahrg.
Candtagswablvorbmihingen.
* Im Landtagswahlkreise Langen-Neu- Isenburg wurde von den Sozialdemokraten wieder Rechtsanwalt Dr. Fuld a-Darmstadt als Kandidat ausgestellt. — Beigeordneter M. Mayer in Mainz lagt erklären, daß er eine Kandidatur zur Landtags - wähl nicht annehmen werde, da er seinem neuen Amte als Beigeordneter der Stadt Mainz seine ganze Kraft widmen wolle.
für Jatbo.
Don 87 hessischen Pfarrern ist in Vilbel eine Enl- schliehung gefaßt worden, die wir nachstehend im Wort- laut wiedergeben:
Wir unterzeichneten evangelischen Pfarrer Hessens erheben im Namen des Evangeliums, das wir zu verkündigen haben, entschiedenen Protest gegen die Absetzung des Pfarrers Karl Iatho in Köln. Durch diese Absetzung wird der Eindruck erweckt, datz ein evangel. Pfarrer nach bestimmten Borschristen predigen müsse, wenn er nicht Gefahr laufen will, sein Amt zu verlieren. Dadurch wird das Vertrauen zu der Wahrhastig- keit unserer Verkündigung auf das tiefste erschüttert, was eine größere Schädigung der evangelischen Kirche bedeutet als alle oom Herkommen abweichenden Ueberzeugungen in ihrer Mitte. Wir bedauern die gänzliche Verständnislosigkeit, die das Spruchkollegium gegenüber dem Versuch Jatho's, Menschen unserer Zeit den alten Got- lesglauben in Bildern und Gedanken unserer Zeit zu predigen bewiesen hat. Wir sind erschrocken, daß man innerhalb einer sich evangelisch nennenden Kirche der Erhaltung der herrschenden theologischen Formulierung mehr Wichtigkeit beimißt, als dem Bekenntnis von Tausenden, denen Iatho das Herz für christlichen Glauben und christliche Liebe warm gemacht hat; daß man wagt, einer Gemeinde den Seelsorger zu nehmen, den sie liebt und verehrt. Wir protestieren aber auch gegen den Gedanken, daß die evangelische Kirche in irgend einer formulierten Lehre die maßgebende Wahrheit christlichen Glaubens besitze. Luther hat uns gelehrt, daß christl. Glaube eine innere Ergriffenheit des Herzens von Gottes Liebe ist. Diese innere Ergriffenheit kann sich einen Ausdruck suchen, der mit dem Herkommen übereinstimmt. Sie kann aber auch in neuer Zeit neue Worte für das alte Evangelium suchen. Wer dies Suchen fesseln will, fesselt die Vewegungskraft lebendiger Frömmigkeit, fesselt das heiße Drängen, andern zu rechtem Verständnis Gottes zu helfen, das Gott selbst in den Herzen seiner Kinder wach ruft. Gegen diesen Versuch: zu dekretieren, daß innerhalb der evangelischen Kirche nur die herkömmliche Weise gelten dürfe, unb daß Gott ihr keine Prediger erwecken darf, die neue Wege suchen, erheben wir den allerschärfsten Protest, denn er ist Gottlosigkeit. Eine Kirche, die Lehrgesetze an die Stelle innerer Frömmigkeit und ihres Suchens nach dem ihr am besten entsprechenden Ausdruck setzt, ist nicht mehr die Kirche Luthers, Schleiermacher's, Arndt's. Sie geht den Weg, auf dem die Frömmigkeit erlischt und äußerliches Tun, Lehren, Beugen unter tote Autoritäten und Menschen an Stelle der wahrhaftigen Beugung vor Gott allein tritt. Als Diener unserer evangelischen Kirche wehren wir uns gegen das Beschreiten dieses Weges und hoffen auf den Tag, da Iatho kraft des höheren Rechtes des Glaubens, in das Amt der evangelischen Kirche zurückgerufen wird, das ihm nach einem von menschlicher Kurzsichtigkeit und Unglauben diktierten Rechte genommen wurde.
Hur Stadt und Land.
Gießen, den 20. Juli.
-h- Die 5. Sitzung G r o ß H. Handelskammer Gießen, für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach, beschäftigte sich u. a. mit folgenden Punkten: 1. Entwurf einer Verordnung betr. die Lagerung und Aufbewahrung feuergefährlicher Flüssigkeiten; 2. Handelsgebräuche betr. den Karloffelhandel; 3. Normal - maße und Packungen für Eisenwaren und Werkzeuge im Jnlandsvieckehr; 4. Erleichterung des Deutsw-Eng- lischen Rechtsverkehrs. Dem Geschäftsbericht entnehmen wir folgendes: 1. Die Handelskammer hat bei dem Königlich preuß. Minister der öffentlichen Arbeiten die Ausgestaltung der Bahnstrecken Alsfeld-Niederaula und Nie- deraula-Hersfeld als Vollbahnen befürwortet. . 2. Emer Anregung des Handelsvereins Lauterbach entsprechend, hat die Handelskammer eine Späterlegung der Abtahrls- zeit des Zuges 532 auf der Strecke Fulda-Greßen, etwa
auf 11 Uhr nachmittags, beantragt, wodurch die bisher mangelnde Anschlußverbindung an den Zug 69 , auf der Strecke Frankfurt a. M.-Bebra Hergejtettt werden würde. 3. Den wiederholten Bemühungen der Handelskammer auf Errichtung einer Haltestelle bei Block Dorlar sind von der Kgl. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. ablehnend beschieden worden, nachdem die angestellten Ermittelungen ergeben haben, daß die Betriebsverhältnisse der Strecke Wetzlar-Gießen die Einschiebung eines Haltepunktes noch weniger als früher zulassen. 4. Eine Anfrage des Kaiserl. Patentamts, ob das Wort „Schlager" im allgemeinen freien Gebrauch für alle Waren der Bekleidungsbranche insbesondere der Schuh-, Modewaren- und Konsektionsbranche als ein Freizeichen zu Letten habe, hat die Handelskammer nach Anhörung der beteiligten Kreise bejaht.
* Die Landwirtschaftskammer schreibt: ' Die Aussichten der diesjährigen Braugerstenernte im Grohherzogtum lassen es erwünscht erscheinen, in ausgedehnterem Maße wie früher eine Prüfung hessischer Braugersten durchzuführen. Die Landwickschaftskammer veranstaltet daher dieses Jahr wiederum eine Beschickung der Braugerstenausstellung in Berlin, sowie ferner unabhängig von dieser einen größeren Preisbewerb für hessische Braugerste. Die Landwirte werden ausgesordert, sich zahlreich zu beteiligen. Anmeldungen sind von der Landwickschaftskammer, Darmstadt, zu erhalten.
* Man schreibt uns: Die S ch a u s l ü g e des Aviatikers Kahn t-Leipzig finden kommenden Sonntag nachmittag bestimmt auf dem Trieb statt. Der Apparat befindet sich bereits im Flugschuppen und wird z. Zt. aufmontiert. Die Besichtigung des Apparates findet von Freitag ab statt. Herr Kahnt wird hierbei den Motor in Tätigkeit setzen und die nötigen Erklärungen geben. Dem Flieger ist als Erinnerung für seine hiesigen Schauslüge vom Sportverein von 1900 ein Ehrenpreis gestiftet worden, welcher im Schausester der Firma Stückrath, Seltersweg, ausgestellt ist. Während der Schauflüge wird der Trieb vollständig abgesperrt, ist also für das Publikum nur durch Eintrittskarten zugänglich. Da der Zudrang jedenfalls sehr stark sein wird, wird gebeten, die Eintrittskarten möglichst im Vorverkauf zu lösen. Die Wagenzufahrt hat nur längs des Philosophenwaldes zu erfolgen. Während der Flüge ist das Rauchen wegen der damit verbundenen Gefahr untersagt.
* Das 5. Abonnements-Konzert findet heute abend in Steins Garten unter Mitwirkung des Kgl. Sächs. Kammervirtuosen Wigger 1-Dresden statt.
* Der „M i t t e l r h e i n i s ch e Verband e v. Arbeitervereine" feiert sein diesjähriges Ver- bandsfest am 20. August in Höchst a. M. Der Verband umschließt gegenwärtig 22 Vereine mit nahezu 5000 Mitgliedern und umfaßt das Grohherzogtum Hessen und den Regierungsbezirk Wiesbaden.
* Die Kolonial-Frauenfchule wird vom 1. Oktober d. Js. ab in Angliederung an eine von dem „Verein für wirtschaftliche Frauenschulen auf dem Lande" neu zu errichtende wirtschaftliche Frauenschule in Weilbach (Station Flörsheim der Eisenbahn Frankfurt a. M.-Wiesbaden) zur Wiedereröffnung gelangen. Die Schülerinnen sollen dazu vorbereitet werden, sich in den deutschen Kolonien als Farmgehilsinnen, Stützen der Hausfrau 2C. nützlich zu betätigen, oder sich auf eigenem Besitz durch Hauswirtschaft, Gartenbau, Kleinvieh-, Geflügel- oder Bienenzucht eine Lebensstellung zu schaffen. Anfragen und Anmeldungen sind für's Erste an Frl. Ida von Kortzfleisch in Reifenstein bei Dickungen (Eichsfeld), vom 1. Oktober ab an die Vorsteherin der Schule in Weilbach zu richten.
♦ Die läng st en Tage haben wir jetzt wieder hinter uns. Die Tageslänge nimmt zunächst langsam, später wieder schneller ab; sie betrug am 1. Juli 16 Stunden 41 Minuten, am 31. d. Mts. beträgt sie nur noch 15 Stunden 23 Minuten, sodaß wir im ganzen eine Abnahme von 1 Stunde 8 Min. haben.
- p- Gestern wurde am L e i h g e st e r n e r w e g ein zicka 14 Tage altes Kind aufgefunden. Die Mutter konnte bis jetzt noch nicht ermittelt werden. Das Kind befindet sich im Säuglingsheim.
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- t- Bettenhausen, 18. Juli. Um die Verbreitung der Maul- und Klauenseuche zu verhindern, hatte das Kreisamt während des Vauernfestes folgende Vorsichtsmaßregel getroffen: An den Ortseingängen waren große Tücher ausgebreitet, die mit Kreolin durchtränkt waren. Jeder, der das Dorf betrat, hatte die Füße auf I dem Tuch zu reinigen. Die auf Wagen ankommenden i
Festteilnehmer mußten sich ebenfalls der Vorschrift um terziehen. Polizei unb Gendarmerie hatten ein wach saures Auge daraus, daß diese Rtaßregel streng befolgt wurde.
• Langsdorf, 20. Juli. Im Anschluß an das B a u e r n f e st in Bettenhausen fand unter den« Vor sitz des Landtagsabgeordnctcn Bähr eine Sitzung des Denkmalsausschusses statt. Es wurde beschlossen, an die Gemeinde Langsdorf das Gesuch um Ueberlassung eines Denkmalplatzes zu richten. Gleichzeitig soll die Samur lung für das Denkmal des Volksmannes eröffnet wer den. Von 2anbtagsabgeorbncten wurden gleich zirka 300 Mark gezeichnet. Außerdem [inb von einer Anzahl Gemeinden unb Bauernvereinen bereits größere Beträge für das Denkmal angemeldet.
-d- N i d d a, 20. Juli. Die anhaltende Dürre und Trockenheit hat in sehr ungünstiger Weise die diesjährige Beerenernte beeinflußt. Namerrttich sind es die Himbeeren, die gar kümmerlich unb halb vertrocknet an den Stauden im Walde gesunden werden, sodaß sie nur sehr wenig Saft geben und deshalb marktsähige Ware für Himbeersaft unb Gelee nur mit viel Mühe und in ganz geringer Menge zu haben ist. Für die ge ringen Leute, deren Kinder namentlich in den Som merferien mit Himbeerpslücken ein ganz hübsches Stück Geld verdienten, bedeutet die heurige schlechte Himbeerernte einen recht merklichen Ausfall.
- i- Schotten, 20. Juli. Die Hoherodskops-Kom ferenz der ev. Geistlichen des Vogelsberges fand Dienstag im Klubhaus statt und war gut besucht. Superintendent Dr. P e 1 e r s e n-Darmstadt hielt einen Vortrag über „Englische Reiseerinnerungen".
* Alsfeld, 19. Juli. Einer Arbeiterfamilie im Dorfe R. waren die Stachelbeeren aus dem Garten gc stöhlen worden. Darüber war insbesondere die Ehefrau ungehalten. Sie erklärte, daß sie einen Polizeihund kommen lassen werde. Die Wirkung dieser resoluten Er klärung war überraschend. Ein angesehener, wohlhabender Dorfbewohner bat, man möge ihn einmal in den Garten lassen, er gedenke durch Inaugenscheinnahme des Tatortes dem Dieb auf die Spur zu kommen. Diesem Wunsche aber trat die Frau entschieden entgegen: Es komme ihr keiner in den Garten, bevor der Polizeihund dort gewesen sei. Da geschah etwas, was man nicht erwartet hatte. Besagter Dorfbewohner meldete sich kleinlaut als der gesuchte Stachelbeerdieb.
* Mainz, 20. Juli. Im Dilirium riß sich der 48jährige Hausierer Joh. Friedrich Bayrhoffer die Kleider vom Leibe und lies nackend in den Festungswerken vor dem Binger Tor herum. Die alarmierte Feuerwehr fing den Mann ein und übergab ihn dem Hospital.
* W o r m s, 20. Juli. Ein 5jähriges Kind hatte nach dem Genuß von Kirschen kaltes Wasser getrunken. Es erkrankte sofort und starb schon nach wenigen Stunden.
- m- Limburg, 20. Juli. Da die Metzger den Landleuten die geforberten Preise für Schl acht schwel ne nicht zahlten, haben einige Landleute in Dahlheim selbst geschlachtet und das Pfund zu 65 Pfg. verkauft. Nun wurde der Metzgermeister noch billiger und verkaufte das Pfund Schweinefleisch zu 60 Pfg.
* Frankfurt, 20. Juli. Am Dienstag wurde die Rettungswache nach einer Brauerei gerufen. Dort war ein Bierbrauer dem Erstickungstods nahe. Er wurde sofort nach dem Heilig-Geift-Hofpital verbracht, wo ihm durch einen Kehlkopfschnitt das Leben gerettet wurde. Dem Manne war am Montag eine giftige Fliege in den Hals geraten, und er verfpücke am Dienstag früh eine Anschwellung des Kehlkopfes, welche bis gegen Mittag dermaßen zunahm, daß er nicht mehr sprechen konnte und keine Luft bekam. Dem Bedauernswerten geht es nach der Operation so weit gut und hoffen die Aerzte, daß er mit dem Leben davon kommen wird.
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