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Metzener Jeitung

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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen

Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen

Polizei-Amtes

^ Behörden Gberheffens

Expedition: Zeltersweg 83

lHaus Brüder Schmidt.)

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Verlag derGießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 92.

Telephon: Nr. 362.

Donnerstag den 20. April 1911

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Getreide- und Bodenpreise.

Wenn man nun nach den effektiven Gründen sucht, die Veranlassung sind für die Wertsteigerung des länd­lichen Grundbesitzes, so findet man deren eine ganze Reihe. Da ist zunächst der von dem früheren recht sehr verschiedene heutige Geldwert, der bekanntlich ganz er­heblich gesunken ist. Eine Folge übrigens der Vermeh­rung unseres Nationalvermögens, an der die Zölle nicht unerheblich beteiligt sind, da ja zweifellos ein großer Teil auch der landwirtschaftlichen Zolleinnahmen des deutschen Reiches vom Ausland getragen wird. Unter Absetzung also von jeder Wertsteigerung wird heute eine ganz andere, höhere Summe erst den Wert auszudrü­cken imstande sein, dem ein Gut vor einem oder gar mehreren Jahrzehnten hatte. Doch müssen andere Ur­sachen es sein, die die verhältnismäßig schnelle Steige­rung des Wertes einzelner Güter im Verlauf einiger Jahre herbeiführen. Es ist ja alter freisinniger Trick, wie die Süddeutsche Nationallib. Korrespondenz schreibt, von Zeit zu Zeit eine Reihe von Güterübertragungen in den Zeitungen zu publizieren mit angeblich in wenigen Jahren erzielten riesigen Gewinnen. Auch Herr Gothein gibt in seinem agrarpolitischen Handbuch eine ansehn­liche Zahl solcher Beispiele. Da muß nun, so bedauer­lich das für den Zweck der freisinnigen Uebung ist, ge­sagt werden, daß alle solche Angaben solange vollkom­men wertlos sind und zu unbefangener Beurteilung nichts bieten, als nicht genaue Angaben über die näh­eren Verhältnisse des einzelnen Falles erfolgen. Dann nämlich erst läßt sich übersehen, wieviel des Preisunter­schiedes durch Meliorationen, Neubauten, Jnventarver- größerung, Vermehrung der Viehbestockung usw. seine Erklärung findet, und wieviel dann noch als reine Wert­steigerung übrig bleibt. Daß in der Tat gerade das Ka­pitelMeliorationen" bei der ganzen Frage erheblich in Betracht gezogen werden muß, erhellt aus der Tatsache, daß bisher allein von den öffentlichen Meliorationsver- bänden in Preußen auf einer Fläche von 3,2 Millionen Hektar über 422 Millionen Mark zu Meliorationen ver­wendet wurden. Die private Meliorationstätigkeit, die schwerlich hinter jener zurücksteht, entzieht sich ja der sta­tistischen Erfassung. Im Allgemeinen kann die Steige­rung des Bodenwertes nach Claaßen als das 6fache der Meliorationskosten angenommen werden.

Das eigentlich ausschlaggebende Moment aber für die Preisbildung ist, wie bei allem, so auch beim Grund und Boden die Nachfrage. Und die ist aus mancherlei Ursache allerdings ganz erheblich gestiegen. Da ist zu­erst die innere Kolonisation, die mit Hilse auch der zahl­reichen privaten Parzellierungsbanken den Landhunger der mittel- und kleinbäuerlichen Kreise zu befriedigen be­strebt ist. Es ist klar, daß in den meisten Fällen der Kleinbetrieb ungleich rationeller wirtschaften und eine erheblich höhere Ausnutzung erzielen kann. Und darum ist es nur natürlich, daß bei Parzellierung eines Gutes eine unter Umständen recht erhebliche Preissteigerung sich geltend macht. Es ist z. B. auch gar keine Frage, daß die Ansiedlungspolitik in den Ostmarken eine durchaus ungesunde Hausse der Vodenpreise herbeigeführt hat, weil die polnischen Parzellierungsbanken, wie die des Urpolen Biedermann, natürlich alles daransetzten, der Kommission die Güter bis an die Grenze der Möglich­keit in die Höhe zu' treiben, um so der Ansiedelungsbe­strebung ein Paroli zu bieten.

Und auch, wo es sich nicht um Parzellierung han­delt, sondern um ganzbleibende große Güter, Ritter­güter vor allem, macht sich infolge vermehrter Nachfrage eine steigende Tendenz der Preise geltend, begünstigt noch durch die Umstände, unter denen die Käufe sich vollziehen. Es handelt sich da jetzt in vielen, ja den meisten Fällen nicht um Landwirte, die sich eine Eristenz zu schaffen beabsichtigen, sondern um reiche industrielle oder Kaufleute, die sich den Grundbesitz aus mehr äu­ßerlichen Gründen, als Sommersitz, als Lurus erwer­ben, vielleicht auch, um ihre gesellschaftliche Stellung zu stärken oder zu verbessern. Denn wie die Dinge liegen, genießt ja doch der Besitzer eines Rittergutes zweifellos in den Kreisen der Gesellschaft eines erheblich gesteiger­ten Ansehens. Die Leute sind es aber auch, bei denen die Rentabilität des erworbenen Besitzes nicht in Frage kommt und keine Rolle spielt, und die daher in vielen Fällen weit höhere Preise zahlen, als an sich durch die herausspringende Verzinsung gerechtfertigt sind. Wenn das schließlich auch Sache dieser Interessenten selbst ist, so hat es doch auch das Bedenkliche, daß dadurch, daß solche Liebhaberpreise gezahlt werden, gelegentlich auch der wirkliche, Landwirt veranlaßt, vielleicht genötigt wird, Preise zu zahlen, die mit den Verhältnissen nicht

in Einklang stehen und die ihm dann hinterher finan­zielle Schwierigkeiten bereiten.

Zusammentreffend also läßt sich sagen: Da, wie die Verhältnisse liegen, die Nachfrage nach Grund und Bo- dön fast losgelöst erscheint von den Rentabilitätsver - hältnissen, erstere aber in ausschlaggebender Weise die Preisbildung beeinflußt, so ist in dem Maße ein Zu­sammenhang nicht zu konstruieren zwischen den die Ren­tabilität beeinflussenden Getreidepreisen und den Boden- preisen. Und es heißt, sich in einem Kreise bewegen, wenn man die Höhe der Vodenpreise als gefahrbrin­gend für die Landwirtschaft bezeichnet unb deshalb die Zölle beseitigt wissen will.

Reicbstagswablvorbereitungen.

* Offenbach. Nach einer Meldung derWorm­ser Volksztg." sollen die Nationalliberalen im Wahl - kreise Offenbach-Dieburg aus eine eigene Kandidatur zu Gunsten des Lehrers Gg. Dern-Neu-Jsenburg verzich­tet haben, der bekanntlich als Kandidat der Wirtschaft­lichen Vereinigung im hiesigen Wahlkreise ausgestellt ist, nachdem er früher der nationalliberalen Partei angehört hat. Als Gegenleistung sollen die Deutsch- und Christ­lich-Sozialen den Abg. Dr. Osann in Darmstadt-Groß- Gerau unterstützen.

Bus Stadt und £and.

Gießen, den 20. April 1911.

* Gießen, 18. April. In den beiden nächsten Monaten ist hier hoher Besuch zu erwarten. Am 12. Mai findet Besichtigung des Regiments durch den Kai­ser statt und vom 11. bis 16. Juni wird die großher- zogliche Familie im Schloß auf dem Kanzleiberg Woh­nung nehmen.

Beschädigung der Telegraphenan- l a g e n. Die Reichs-Telegraphenanlagen sind häufig vorsätzlichen oder fahrlässigen Beschädigungen durch Zer­trümmerung der Isolatoren, durch Außerachtlassung ge­eigneter Vorsichtsmaßregeln beim Baumfällen, durch An­fahren der Telegraphenstangen oder der an diesen an­gebrachten Seitenbesestigungen (Drahtanker, Holzstreben) ausgesetzt. Da diese Beschädigungen in den meisten Fäl­len geeignet sind, die Benutzung der Telegraphenanlagen zu verhindern oder zu stören, so wird das Publikum ersucht, im allgemeinen Verkehrsinteresse bei jeder Gele­genheit zur Abwendung solcher Beschädigungen beizu­tragen. Die Täter werden nach Maßgabe des R. Str. G.-V. verfolgt. Wer die Täter vorsätzlicher oder fahr - lässiger Beschädigungen der Telegraphenanlagen derart ermittelt und zur Anzeige bringt, daß sie zum Ersätze der Wiederherstellungskosten und zur Strafe gezogen werden können, erhält aus Postmitteln eine Belohnung bis zu 15 Mk. im Einzelsalle. Die Belohnungen wer­den auch dann bewilligt, wenn die Schuldigen wegen jugendlichen Alters oder wegen sonstiger persönlicher Gründe gesetzlich nicht haben bestraft oder zur Ersatz­leistung haben herangezogen werden können; desgleichen wenn die Beschädigung noch nicht wirklich ausgeführt, sondern durch rechtzeitiges Einschreiten verhindert wor­den ist, der gegen die Telegraphenanlage verübte Un­fug aber soweit seststeht, daß die Bestrafung des Schul­digen erfolgen kann.

-a- Gießen, 19. April. Der Zweiten Kammer ging eine dringliche Anfrage des Abg. Wolf-Stadecken zu:Ist die Eroßh. Regierung bereit, dem nächsten Landtage sofort nach seinem Zusammentritt einen Ge­setzentwurf vorzulegen, nach welchem die Berechnung der Beiträge zur land- und forstwirtschaftlichen Verufsge - nossenschast auf der Grundlage des gemeinen Wertes land- und forstwirtschaftlich benutzter Grundstücke erfol­gen muß?

* Gießen. Der Verband der Hessischen Er - werbs- und Wirtschaftsgenossenschasten wird am 6. und 7. Mai d. Js. für die Provinz Starkenburg und Ober­hessen seinen Verbandstag in Darmstadt abhalten, wo­bei u. a. auch Prof. Crüger-Wiesbaden über die Kre­ditgenossenschaften, die Konkurrenz der Sparkassen und Banken sprechen wird.

* Gießen, 19. April. Zwei Bürgermeisterwah­len fanden dieser Tage in unserem Kreise statt. In Lauter wurde Bürgermeister Aff auf weitere 9 Jahre wiedergewählt. In Steinbach hatte Bürgermeister Joh. Krämer, der schon 27 Jahre Ortsoberhaupt ist, auf eine Wiederwahl verzichtet. An seiner Stelle wurde sein Sohn Jakob Krämer gewählt.

* Gießen, 20. April. Der Kinematograph ist zweifellos ein wichtiges Mittel zur Volksbelehrung und

Volksunterhaltung. Leicht verfallen aber derartige Ver­anstaltungen häufig in den Fehler, minderwertige, nur auf Sensation berechnete Stücke dem Publikum zu bie­ten. Da ist es nun mit Freuden zu begrüßen, wenn die Lichtspiele im Kolosseum in ihren Pro­grammen auch der v o l k s b i l d n e r i s ch e n Kine- malographie einen breiten Raum zur Verfügung stellen. Aus dem neuesten Programm heben wir hervor: Wie­sen und Wälder, prächtiges Naturbild, Napoleon Bo­naparte, historischer Kunstfilm und die lehrreiche Vor - führung: Glühstrumpf-Fabrikation.

* Gießen, 19. April. Morgen abend 8% Uhr findet auf Oswalds Garten die Eröffnungsvor­stellung des Zirkus Straßburger statt. Freunden der zirsensischen Kunst sei der Besuch des erstklassigen Eta­blissements hiermit empfohlen. Näheres finden die Le­ser im Inseratenteile.

* Frankfurt. Fernwirkung übte ein hiesiger Polizeihund aus. Dem Bürgermeister in Sterbfritz wa­ren wertvolle Tauben aus dem Schlage gestohlen wor­den. Nachdem im Dorfe bekannt geworden war, daß ein Polizeihund aus Frankfurt eintreffen würde, um den Täter festzustellen, flogen die Tauben dem rechtmäßigen Besitzer wieder zu. Die Furcht vor dem Polizeihunde hatte ihnen die Freiheit wiedergegeben.

* Lauterbach (Obh.). Die amtlichen Bezeich­nungen und Schreibweisen für unsere beiden Bahnhöfe sind jetzt: Lauterbach (Hess.) Nord (für den seitherigen Bahnhof Lauterbach (Oberhessen) Alt) und Lauterbach (Hess.) Süd (für seither Lauterbach (Oberhessen) Neu).

* Lauterbach. Das Geburtshaus des Turn­vaters Spieß ist schon derart baufällig, daß sein Ab­bruch nunmehr dringend notwendig erscheint. Der Be­sitzer gedenkt jedoch im Interesse der Denkmalspflege das an dieser Stelle neu aufzuführende Gebäude mit einer dem alten Hause entsprechenden Fassade zu ver­sehen.

* Darmstad 1. Finanzminister Braun hat in dem bekannten GasthausZum halben Mond" in Hep­pe n h e i m aus längere Zeit Wohnung genommen, um in dem herrlich und so günstig gelegenen Heppenheim völlige Gesundheit von seiner schweren Erkrankung zu erlangen.

- l- Marburg, 18. April. Gestern abend wurde in der Nähe des Bahnhofes der Wagen des Landrats v. Negelin von einem Automobil angerannt. Die In­sassen wurden herausgeschleudert. Geheimrat v. Nege­lin erlitt einen Schädelbruch, an dem er heute verstor­ben ist.

* Herborn, 19. April. Unter die Räder eines Güterzuges geriet der Zugführer Göbel von hier. Die Zehen eines Fußes wurden ihm abgequetscht, er selbst rettete nur dadurch sein Leben, daß er sich fest an die Erde drückte und so die Wagen über sich weglaufen ließ.

* W i e s b a d e n,* 19. Aprii. Bei einem, einem Metzger gehörigen Ochsen wurde die Maul- und Klau­enseuche sestgestellt. Die sofort verhängte Sperre verhin­derte den Abtrieb des auf dem Markt befindlichen Viehs. Die angetriebenen 80 Rinder, 23 Kälber und die 310 Schweine mußten im Laufe des heutigen Tages abge- schlachtet werden.

() D i e Osterrennen konnten auch in diesem Jahre zum großen Teil auf der schnellen und bewähr­ten Marke Brennabor siegreich bestritten werden. Der Europameister Fritz Theile, welcher bekanntlich schon seit Jahren Brennabor fährt, gewann am 1. Ostertage in Leipzig in einem 40- und 60 Kilometer-Rennen den Großen Eröffnungspreis, indem er H. Przyrembel, Salzmann und Cuzin in beiden Läufen überlegen schlug und sicherte sich in Zehlendorf am 2. Feiertage sowohl im Eröffnungsfahren wie im 50 Kilomeierrennen um den Gr. Osterpreis den 1. Platz. 2. in dem, letzten Rennen, bezw. 3. wurden die Vrennaborfahrer Ryser u. Demke. R. Scheuermann, welcher erst kürzlich auf seinem schnel­len Brennaborrade ben Weltrekord Linarts über 50 Kilometer gedrückt hat, gewann in Chemnitz den gro­ßen Osterpreis in beiden Läusen von 30 und 50 Kilo­meter und besiegte Walthour und Linart. In Bran­denburg a. H. sicherte sich C. Linsener den ersten Platz _ im Hauptsahren, in Plauen gewann E. Schenke den Kleinen Osterpreis in einem 40 Kilometer-Rennen hin­ter Motoren und in Straßburg i. E. ging A. Ritzen - thaler sowohl im Vorgabefahren vor Otto Meyer und Bettinger, wie im Tandem-Vorgabefahren mit seinem Partner als Sieger hervor. Linsener, Schenke und Ri- tzenthaler fahren Vrennabor, wie auch Franz^ Haupt - mann, der beim Stundenrennen nach amerikanischer Art, welches in Forst i. L. abgehalten wurde, den zweiten Platz behauptete.