Gießener Zeitung
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Verlag der „Giesteuer Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei^ sowie vieler anderer Expedition
des Großherzoglichen
sPolizei-Amtes W Behörden Gberheffens Seltersweg 83
tHaus Brüder Schmidt.)
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Nr. 212.
Telephon: Nr. 302.
Donnerstag, den 19. Oktober 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Parteipolitisches.
Hessische Landtagswahlen 1911.
§ Das Zentrum wird außer in den bisher innegehabten Bezirken Bingen-Land, Gonsenheim, Nieder-Olm, Kostheim, Weisenau, Seligenstadt, Oppenheim-Diernheim und im Wahlkreis Dieburg, auch noch in einer ganzen Reihe anderer Wahlkreise mit eigenen Kandidaten vorgehen. So in Rheinhessen in Alzey, Wöllstein, Osthofen, Worms, Mainz und Wörrstadt. In Starkenburg werden weitere Kandidaten aufgestellt in Beerfelden, Hirschhorn, Wimpfen, Bensheim, Zwingenberg. Bischofsheim, Rüsselsheim, Offenbach und Darmstadt. Für Ober Hessen werden eigene Kandidaten aufgestellt in Rodheim-Ober- Rosbach und Vilbel.
§ Bei der Landtags-Ersatzwahl in Hanau wurde der nationalliberale Kandidat Baurat Wohlfart-Hanau mit 154 Stimmen gewählt. Der konservative Kandidat erhielt 72 und der sozialdemokratische 75 Stimmen.
§ Bei der Landtags-Ersatzwahl für den verstorbenen nationalliberalen Abg. Fabrikanten Franz Gleim im Wahlkreise Melsungen-Fritzlar wurde der Gutsbesitzer Nöll (freik.) aus Gudensberg mit 114 Stimmen gewählt.
Jlus Stadt und Land.
Gießen, 19. Oktober 1911.
* Krankenkassen und Aerzte. Auf dem Aerztetag in Stuttgart und auch in anderen Erklärungen der Aerztekoalition ist die Behauptung aufgestellt worden, daß sich das Verhältnis zwischen Krankenkassen und Aerzten in Württemberg, das im wesentlichen im Sinne der Merzte Organisation geregelt ist, daß sich insbesondere die freie Arztwahl dort bewähre, daß auch die Krankenkassen sich gut dabei ständen und deshalb mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden seien. Um festzustellen, ob diese Behauptungen den Tatsachen entsprechen, hat der Süddeutsche Betriebskrankenkassen - Schutzverband (Sitz Augsburg) eine entsprechende Rundfrage bei den ihm angeschlossenen württembergischen Betriebskrankenkassen veranstaltet. Uebereinstimmend erklären die Württembergischen Kassen, daß die freie Arztwahl finanziell sehr schädigend wirkt, daß sie auch weiter für die Kassen sehr schädliche Folgen zeitigt und daß die Kassen bei diesem Arztsystem keinen Einfluß auf den ärzlichen Dienst und damit auf ihre wesentlichen Ausgaben haben. Die Erklärungen würden wohl gründlich mit der Ansicht aufräumen, daß sich die freie Arztwahl in Württemberg bewähre. Die Darlegungen der württembergischen Kassen bildeten auch gleichzeitig ein vernichtendes Urteil für die freie Arztwahl überhaupt. Denn wenn die württembergischen Krankenkassen, die nach Angabe der Aerzte- Koalition mit der freien Arztwahl zufrieden sein sollen, solche Erklärungen abgeben, wie müsse es erst bestellt sein, bei den Kassen mit freier Arztwahl in den anderen Teilen des Reiches! Es sei geradezu eine allgemeine Pflicht, in Wahrung der wichtigen öffentlichen Interessen der Krankenkassen der weiteren Aufzwingung der freien Arztwahl entgegenzuwirken!
* Das Gesamterträgnis der Weinernte im Großherzogtum Hessen im Jahre 1911 wird auf rund 22 Millionen Mk. berechnet, ein Ergebnis, wie es seit Menschengedenken nicht zu verzeichnen gewesen ist.
* Seit dem 1. Okt. sind die Mainzer Kine- matogcaphentheater unter Zensur gestellt worden.
n Der Großherzog hat das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen mit der Krone dem Magazinverwalter Fritz Walther zu Gießen; das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Arbeit" der Helene Bechtold von Rodheim i. Pr., der Katharine D aubertshäußer aus Vetzberg, der Margarete Müller von Launsbach, der Luise Schomber von Burkhardsfelden, der Marie Schäfer daselbst, der Elisabethe Schütz von Gießen, der Marie Klein von Erumbach und dem Ludwig Weil von Rodheim a. d. B. verliehen.
n Zu einer Gastwirte-Versammlung hatte der „Verein der Gastwirte von Gießen und Umgegend" seine Mitglieder fürJetzten Dienstag ins Hotel Einhorn berufen. Mit den geladenen Vertretern des Brauereigewerbes und der Presse wies die Versammlung den stattlichen Besuch von zirka 150 Personen auf. Nachdem der Vorsitzende des Vereins, Herr Iaskowsky, die Erschienenen, darunter den Vorsitzenden des Rhein-Main- Derbandes, Herrn Haust aus Darmstadt, begrüßt hatte, verbreitete er sich in temperamentvoller Rede über den
Zweck der Versammlung. Die Abänderungen von 1909 des Eichgesetzes von 1881/84 würden zwar erst 1913 in Kraft treten, doch zwänge das Verhalten der Glasfabrikanten, die keine Gläser mehr mit der alten Eiche anfertigen, jetzt schon die Gastwirte zu einer Stellungnahme zu den neuen Verhältnissen und zu Abhilfemaßregeln gegenüber den zu erwartenden wirtschaftlichen Schädigungen. Diese sah der Redner in dem Umstand, daß der Eichstrich nach dem Abänderungsgesetz 2 Zentimeter unter dem Rande sich befinden müsse, während der Abstand nach dem alten Gesetz nur 1 Zentimeter zu betragen brauche. In diesem Falle sei das Glas durch die Blume bis oben gefüllt und der Wirt verkaufe das Quantum, für das er bezahlt bekomme. Da nun bei der neuen Eichung aber der Strich sich noch einmal so tief unter dem Rande befände, so müsse entweder die Blume unverhältnismäßig groß gemacht oder das Glas nicht vollgeschänkt werden. Beides würde die Unzufriedenheit des Gastes erregen. Um dies zu vermeiden, müßten die Wirte sowohl die Blume nicht vergrößern, als auch das Glas weiter voll- schänken, obgleich es größer ist, als das mit der alten Eichung. Die Wirte müßten also in Zukunft für das gleiche Geld mehr Bier geben als bisher. Die entstehende Schädigung berechne sich auf 2-3 Mk. pro Hektoliter. Redner betonte, daß diese neue Belastung der Gastwirte, die gesunde Basis des Standes schwer bedrohe. Die einzige Abwehrmaßregel sah Redner in der Umeichung der alten Gläser um je Liter, also von 5/io auf 0,45, von 8/io auf 0,25, von 0,25 auf 2/io. Einerseits entsprächen die Eichstriche nunmehr den neuen Bestimmungen und andererseits wäre Wirten und Gästen geholfen. Die Gäste erhielten zwar für den bisherigen Preis ein nominell um 1 /20 Liter geringeres Quantum, in Wirklichkeit aber die gleiche Menge wie früher, da das neue ’/< Liter Glas an Rauminhalt dem alten 3/io Liter Glas entspreche und bei gleicher Blume vollgeschänkt werde. Der Redner hob nochmals hervor, daß mit dieser Abwehrmaßregel keine Verteuerung der Bierpreise verbunden sei, daß den Gastwirten solch eine Absicht fern läge. Nachdem die Ausführungen des Redners noch durch einige Worte des Derbandsvorsitzenden ergänzt worden waren, trat man in die Debatte darüber ein. In dieser gingen die Meinungen über den Wert und die technische Durchführbarkeit der einzelnen Vorschläge oft recht weit auseinander. Doch wurde allgemein anerkannt, daß fein gemeinsames Vorgehen unerläßlich sei. Aus diesem Gedanken heraus fand folgende Resolution einstimmige Annahme:
„Die heutige Gastwirteversammlung ist einstimmig der Ansicht, daß die Einführung der neuen Gläsereichung in Gemäßen von Liter abwärts eine große Schädigung des Wirtsgewerbes bedeutet. Sie erklärt ausdrücklich, daß bei der Abwehr durchaus nicht eine Steigerung des Bierpreises beabsichtigt wird, sondern es sollen bei demselben Rauminhalt und gleichen Preisen nur Gläser mit entsprechenden Eichen verwendet werden. Der R. R. W. D. wird ersucht, zu gegebener Zeit der Großherzoglichen Regierung vorstellig zu werden, um eine Verlängerung des Einführungstermins herbeizuführen. Ferner werden der Bund der Gastwirte und^der R. R. W. D. ersucht, bei den Glas- Fabriken vorstellig zu werden, die Gläser bis zum Einführungstermin mit alter und untergesetzter neuer Eiche zu versehen."
Gegen 1/27 Uhr war die Versammlung beendet.
n Metzgermeister Schreiner wurde zum Kaiser!, und König!. Hoflieferanten bestimmt.
n Ein geborener Gießener, Kaufmann Hermann Hofmann aus Albernau, kaufte die Leimfabrik zu Butzbach für 75 000 Mark.
n Direktor Modde wird vom 16. bis 28. Oktober im Schlachthaus einen Kursus für Trichinenschau abhalten.
n Dienstag konnte Zugführer Stiehl hier auf eine : vierzigjährige Fahrdienstzeit zurückblicken.
n Kommenden Sonntag findet hier im Klubsaale der ! 1. Kammermusikabend statt.
n Aus dem Lahntal. In den letzten Tagen 1 konnte man ungewöhnlich große Kranichzüge vorüber- ' ziehen sehen.
r Die Königliche Eisenbahn - Direktion Frankfurt a. M. beschafft durch das Zentralamt in Berlin für ihre Beamten und Arbeiter die Kartoffeln für den Selst- kostenpreis von 3,50 Mark den Zentner frei im Keller. Es sind von den Bahnbedienfteten im Umkreis über ' 10000 Zentner bestellt. Die Lieferung soll noch diesen Monat erfolgen. Auch gibt die Direktion die Vergünstigung, daß die Arbeiter die Kartoffeln in Raten
I zahlen können, während die Beamten sofortige Zahlung zu leisten haben.
0 Bad-Nauheim. Einige Vereine, die in der Regel während des Winterhalbjahres drei Abendunterhaltungen abzuhalten pflegen, beschlossen, mit Rücksicht auf die schlechten Zeiten eine Abendunterhaltung in diesem Winter ausfallen zu lassen.
0 Fried ber g. In der Nacht zum Sonntag verstarb in Friedberg der Großh. Bourat Fritz Groß.
5 Darmstadt. Um den Genuß von billigen Seefischen im Volke einzubürgern, werden demnächst besondere Fischkochkurse in der hauswirtschaftlichen Fortbildungsschule abgehalten.
! Osthofen. Dr. Rolly wurde in seinem Bette tot vorgefunden. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht.
! Mörstadt. Der Jagdpächter Hermann Mühl dahier verkaufte seinen Jagdhund „Keck", der viele erste Preise und Ehrenpreise besitzt, an einen Jagdliebhaber in Westfalen für 1500 Mk.
):( Krofdorf. Die Hebamme I. Dr. und die Wtw. L. M. waren der Beleidigung angeklagt. Der Gerichtshof sprach beide Angeklagte frei, da er sich nicht mit voller Bestimmtheit von ihrer Schuld überzeugen konnte.
):( Weilburg. Dienstag früh verließ der älteste Jahrg. der hiesigen Unteroffiziervorschule mit klingendem Spiel seine alte Garnison, um sich nach seinem neuen Standort, Weißenfels, zu begeben. Der beste Zögling jeder Kompagnie erhielt vom Kommando zum Andenken eine wertvolle Taschenuhr.
):( Limburg. Vorige Woche tagte im hiesigen Rathause eine Kommission, welche mit den hiesigen Metzgern behufs Herabsetzung des Preises für Schweinefleisch verhandelte.
):( Diez. Die 29. Generalversammlung des Gesamt-Taunusklubs, welche letzten Sonntag dahier abgehalten wurde, war außerordentlich stark besucht. Der Stammklub von Frankfurt war mit Sonderzug eingetroffen. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung, Voranschlag für 1912, wurde in allen Positionen genehmigt. Es wurden bewilligt: 1200 Mk. Verwaltungskosten, 100 Mk. zu den Kosten der Generalversammlung, 300 Mk. zu Wegeanlagen, 500 Mk. zu Quellenfassungen, 1250 Mk. für Wegemarkierungen, 400 Mk. für Aufsichtstürme, 200 Mk. für Schutzhütten und 250 Mk. für Studenten- und Schülerherbergen. Einigen Zweig- vereinen wurden Beihilfen von 50 bis 150 Mk. zu Wegeverbefferungen und Verschönerungszwecken ge» währt, den höchsten Betrag erhielt Königstein mit 1000 Mk. Die nächste Versammlung findet in Butzbach statt.
):( Marburg. Die Stadtverwaltung hat 10 Doppelwaggons Speisekactoffeln aus Ostpreußen bestellt, die zum Preise von 3.40 Mk der Zentner an die Einwohner abgegeben werden sollen.
):( Fritzlar. Sonntag früh brach in der Kunstmühle C. Buchenhorst G. m. b. H. Groß feuer aus. Es verbrannten 12 000 Zentner Weizen, 1500 Sack Mehl und (in großes Lager Futterartikel. Sämtliche Maschinen sind vernichtet. Dec Schaden ist durch Versicherung gedeckt.
):( Frankfurt a. M., 18. Okt. In der Nacht zum 7. Dezember 1910 wurde auf der Mainzer Landstraße der 53jährige Agent Wilhelm Biener mit einem Hammer niedergeschlagen und beraubt. B. starb am gleichen Tage. Als Täter wurden der Gelegenheitsarbeiter Pöllmann und der Stallschweizer Löffler ermittelt. Sie standen gestern vor dem Schwurgericht und waren geständig, den Mord vorsätzlich verübt zu haben. Pöllmann war die treibende Kraft. Die Geschworenen erkannten Pöllmann des Mordes und des Raubes, Löffler des Totschlages und des Raubes für schuldig. Das Urteil lautet gegen Pöllmann auf Todesstrafe und gegen Löffler auf 15 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust und Polizeiaufsicht.
Literarisches.
? Ueber Franz Liszt den größten Meister des Klavierlpiels, bringt die neuste Nummer des über die ganze Erde vecbceiteten, vorzüglichen Familien- und Modenblatts „Mode und Haus" Verlag John Henry Schwerin, Berlin W 57. einen wundervollen, reich- illustrierten Artikel, den kein Musikfreund ungelesen lassen sollte.
Die Firma Dr. med. H. Schröder G. m. b. H. in Berlin 35 hat der heutigen Auflage einen Prospekt beilegen lassen.