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Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
(Neueste Nachrichten)
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Nr. 186
Telephon: Nr 362.
Samstag, den 19. August 1911.
Telephon: dtr. 362.
23. Jahrg.
Der nationale Gedanke und die Eisenbahnen.
Im Augustheft der „Preußischen Jahrbücher" erschien ein Aufsatz von Negierungsrat Ouaotz in Berlin: „$er nationale Gedanke und die Eisenbahnen", dec sich mit einer Reihe von politischen, neuerdings viel erörterten Fragen befaßt. Namentlich behandelt er die Idee einer Betriebs- und Finanzgemeinschaft aller deutschen Bahnen auf föderativer Grundlage, die be- sonders in letzter Zeit vielfach erörtert worden ist. Dec Verfasser untersucht die Gründe dieses Gedankens und kommt zu dem Ergebnis, daß sie jedenfalls nicht in den Bedürfnissen des deutschen Verkehrs liegen. Ec weist nach, daß die Reichsverfassung, auf die man sich für den Gemeinschaftsgedanken berufen hat, an ein einheitliches deutsches Bahngesetz nicht gedacht hat und nach den Meinungen und Umständen ihrer Entstehungszeit nicht hat denken können. Hieran knüpft sich ein kurzer Ueberblick über die Entwicklung des Staatsbahngedankens in Preußen. In einem zweiten Teil der Arbeit wird ein eingehender Ueberblick gegeben über die im deutschen Eisenbahnwesen bestehenden einheitlichen Einrichtungen. Ein Ueberblick, den der Ver- fosser in folgenden Worten zusammenfaßt: Auf dem Gebiete des Eisenbahnverkehrs ist Deutschland praktisch geeint. Die politischen Grenzen haben aufgehört, Ver> kehrSgrenzen zu sein. Auf die Entwicklung der einzelnen Einrichtungen, besonders auf dem Gebiete des Tarifwesens, auf das große Verdienst Preußens und namentlich Bismarcks um die Einheit im deutschen Eisenbahnwesen fallen mehrfache Rückblicke. In dem letzten Teil, den der Verfasser „Problematisches" überschrieben hat, unterwirst er das Projekt einer Gemeinschaft wie es namentlich von dem Regierungsrat a. D. Enders vertreten worden ist, einer eingehenden Untersuchung. Ec legt dar, daß diese Gemeinschaft, e'ngeschoben zwischen Reich und Einzelstaaten, ein staatsrechtliches Unding darstellen würde, daß Ersparnisse aus einer derartigen gewaltsamen Zentralisierung für das Ganze jedenfalls nicht entstehen würden, daß vielmehr große Unzuträglich, feiten die unausbleibliche Folge sein würden. Ec berührt weiter die Stellungnahme, die seitens dec außer- vreußischen Bundesstaaten derartigen unitarischen Ideen gegenüber eingenommen wird, und wirft zum Schluß einen Blick in die Zukunft des deutschen Eisenbahnwesens Ec stellt fest, daß die deutschen Regierungen allen Anlaß haben, gegenüber den zahlreichen, im modernen Leben tätigen nivellierenden und zentralisierenden Kräften, die Eigenart und Selbständigkeit der deutschen Einzelstaaten als der wesentlichsten Faktoren deutschen Kulturlebens nicht zu beeinträchtigen, sondern zu erhalten und zu stärken. Vo n Standpunkt einer solchen Politik würoe es aber zweifellos ein Fehler und zwar ein verhängnisvoller sein, ohne zwingende Not die Staatsbahnnetze in ihrem Bestände anzutasten, die in den Bedürfnissen der heimischen Volkswirtschaft wurzeln und wesentliche Bestandteile des Staatsganzen bilden. Hierzu komme, daß staatsrechtliche Konstruktionen, wie die hier behandelte Gemeinschaftsidee für das Ziel der Förderung der Einheit im deutschen Eisenbahnwesen untaugliche Mittel darstellen „Solche Versuche, heißt es, ein angenommenes Entwicklungsergebnis zu antizipieren, sind für den natürlichen Fortschritt ge- radezu verhängnisvoll. Auf eine gesunde und organische Fortentwicklung kann kaum etwas verwirrender w rken als scheinvolle Utopien, die den Wert des Gewordenen und das Verständnis für seine Grundlagen, damit aber auch das Augenmaß für das Erreichbare und Wünschenswerte verdunkeln. Dem gegenüber ist auf dem bisher von den deutschen Regierungen eingeschlagenen Wege für die Einheit im deutschen Eisenbahnwesen wichtiges, ja das wichtigste und wesentlichste bereits erreicht. Jeder weitere Schritt ist nur fruchtbringend, wenn er organisch an das Geschaffene anschließt. Für die Zukunft kann die Losung also nur sein, an dieser vorsichtigen Realpolitik partieller Einungen festzuhalten. Eine bescheidene Aufgabe — aber fruchtbare der Eigenart deutschen Staats- und Volkslebens gemäß. Und, wie der alte Justus Möser sagt: „Deutschland wird auf deutsch regiert!
Aus Stadt und Eand.
Gießen, den 19. August 1911.
* Uebertragen wurde dem Leh-ec Christoph Müller zu Ruppertenrod eine Lehrerstelle an dec Gemeideschule zu Annerod, Kr. Gießen; dem Schulaspi- ranten Albert Mönning aus Ilbeshausen, eine Lehrer
stelle an der Gemeindeschule zu Staufenberg, Kreis Gießen.
Auf den Feldern soll jetzt gleich hinter der Sense oder wenigstens hinter dem letzten Erntewagen nicht nur dec Pflug folgen, sondern ebenso wichtig ist auch eine rechtzeitige, richtige und reichliche Düngung. Im Verlag Bodenkultur, Berlin, ist kürzlich eine Broschüre „Düngunsvorschläge" von Dr. I. Becher, Rostock erschienen. Wir können die Anschaffung dieses praktischen Büchleins nur empfehlen.
* Früher und strenger Winter inSicht Von einem Bienenzüchter wird geschrieben: Höchst auffällig ist in diesem Jahre das Benehmen der Bienen. Mitte Juli also inmitten der Hochtracht, hat die Arbeit aufgehört und trotz der furchtbaren Hitze begannen die Bienen alle Ritzen und Fugen mit Pech zu verkleben und sich für die Einwinterung vorzurichten. Die Bienen richten sich so vor, als wäre in kurzer Zeit große Kälte zu erwarten und stände der Winter vor der Tür. Nach diesem Verhalten der klugen Tiere zu urteilen, haben wir einen frühen Winter mit starker Kälte zu erwarten oder zumindest den Eintritt starker Nachtfröste in kürzester Zeit. Zu diesem Tema berichtet die „Badische LandeSzeitung" aus NeuecShausen folgendes: Ein seltenes Naturschauspiel konnte man gestern hier beobachten. Ueber hundert Störche hatten sich auf einem bestimmten Platz versammelt und erhoben sich lautlos in die Lüfte, um den Flug nach dem Süden anzuteten — einen ganzen Monat früher als in anderen Jahren. Kundige Leute schließen daraus auf einen nahen und strengen Winter.
- )(' Gießen, 19. Aug. Die Maul- u. Klauenseuche, die seither schon in vier Orten unseres Kreises — Ettingshausen, Holzheim, Obec.Hocgern und Bettenhausen — herrschte und einen Schaden von über 100 000 Mk. verursachte, ist nunmehr auch in Gießen selbst in dem Gehöfte der Pulvermühle, dicht neben dem städtischen Schlachthaus, ausgebrochen. Die rwei davon befallenen Tiere wurden abgeschlachtet und die nötigen Sperrmaßregeln angeordnet. Durch die Lage des von der Seuche betroff nen Gehöftes in dec Nähe des Schlachthofes und d.s Viehmarktplatzes ist die Wiederaufnahme dec seit Monaten unterbrochenen bedeutenden Gießener Vieh» Märkte in unabsehbare Ferne gerückt.
* Gießen, 19. Aug. Die hiesigen vereinigten Militärvereine feiern morgen wie schon seit langen Jahren den G r a v e lo t teta g durch Kirchgang und Schmücken der Gräber auf dem alten Friedhof. Die ganze Feier ist immer eine recht eindrucksvolle gewesen.
- o- Gießen. Die Fecht-Riege des Turnvereins Gießen von 1846 blickt in diesem Jahre auf ein ^jähriges Bestehen zurück,' sie ist eine der ältesten Fechtriegen im Mittelrheinkreis. Es findet darüber eine Feier am 9, und 10. September er. statt, mit der ein Schaufechten und ein Dortrag über den Wert der „Fechtriegen" verbunden wird.
- s- Alsfeld, 13. Aug. Ein Staatszuschuß für die Wiederherstellung der Walpurgiskirche ist nach Mitteilung des Bürgermeisters Dr. Dölsing nicht zu erwarten. Dagegen ist die Abhaltung einer gemeinsamen Lotterie zum Vesten der Wiederherstellung der Walpurgiskirche und des Rathauses geplant, die Bauabteilung will die Lotterie zur Genehmigung empfehlen.
« t' Lauterbach, 18. Aug. Hier wurde ein Verein zur Errichtung einer B a d ea n st a l t gegründet. Die auf etwa 1000 Mark veranschlagten Herstellungs- kosten sollen durch Anteilscheine zu 10 Mark beschafft werden.
* Vilbel, 18. Aug. In einer hier stattgehabten Vertrauensmänner« Versammlung der sozialdemokratischen Partei wurde Reichstagsabgeocdnetec Busold als Kandidat für die Landtagswahl im Wahlkceis Vilbel aufgestellt.
* Offenbach, 16. Aug. Dec Tod räumt hier unter den Säuglingen in erschreckender Weise auf. Die Sterblichkeit hat in der Woche vom 30. Juli bis 5. August ihren bisher höchsten Stand erreicht. Es starben in diesem Zeitraum nicht weniger als 26 Kinder im Alter von unter einem Jahre.
* Offenbach, 18. Aug. In der gestrigen, nicht öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung kam das freisprechende Urteil in der auf 70 000 Mark Schadenersatz lautenden Klage der Stadt Offenbach gegen den Bankier Wolf-Frankfurt — die Kaiserhofaktien-Affäre - zur Sprache. Gegen das freisprechende Urteil soll nur dann Berufung eingelegt werden, wenn sich der juristische Beirat der Stadt Offenbach davon einen günstigen Einfluß
I auf die Schadenersatzklage gegen den Oberbürgermeister Dr. Dullo verspricht.
Darmstadt, 16. Aug. Bei einem Versuch, den Spar- und Kreditverein, eingetragene Genossenschaft m. b. H. in Niedermodau zu sanieren, ergab sich ein Fehl- betrag von 800 000 Mark. Der Kassierer des Vereins, der seit drei Jahren nicht mehr an der Kasse tätig ist' ist seit Mitte voriger Woche verschwunden.
* Darmstadt, 16. Aug. Der lange andauernde Erbfolgestreit im Gräflichen Hause Erbach. Erbach ist jetzt durch das Großh. Oberlandesgericht zu Darmstadt endgültig dahin entschieden worden, daß der junge Erbgraf Erasmus wegen Geisteskrankheit entmündigt wird. Mit dieser Entscheidung des obersten Gerichtshofs wird auch die von dem Erbgrafen seinerzeit mit der Wäscherin Dora Fischer geschlossene Ehe für ungültig erklärt.
' Wetzlar, 19. Aug. Unter dem Rindvtehbestande der Bierbrauereibefitzer Gebrüder Waldschmidt, ist die Maul-undKlauenseuche amtlich festgestellt. Ueber einen Teil der Stadt ist die Sperre verhängt, und zwar umfaßt sie das Gebiet innerhalb dec Straßen Mühlgraben, Lahnpförtchen, Lahnstraße, Eisenmarkt, Silhö- fcrtorstraße und Spülgrabenstraße. Hier unterliegt sämtliches Klauenvieh und Schweine der Stallsperre. Auch sind die Hunde in dem Sperrgebiet festzulegen. Ebenso dürfte eS angebracht sein, Hunde aus anderen Gebieten wegen dec Gefahr dec Weiterverbreitung an dem Betreten deS Sperrgebietes zu verhindern. Daß das Betreten der verseuchten Ställe durch fremde Personen verboten ist, ist selbstverständlich. Das Durch- treiben von Schweinen und sonstigem Klauenvieh und das Fahren mit Rtndviehgespannen ist verboten. Jeglicher Fuhrwerksverkehr durch die Güllgasse und ihre Zufahrtsstraßen ist untersagt,
* Herborn, 17. Aug. Hier brannte am Sonntag das Dorf Fischelbach vollständig nieder. Nur drei Häuser konnten gerettet werden. Von Herborn und den umliegenden Ortschaften eilte die Feuerwehr herbei, konnte aber nichts mehr retten, da sie infolge Wassermangels zur Untätigkeit gezwungen war.
* Marburg, 17. Aug. Die hiesige Fleischerinnung hat beschlossen, daß das Ochsen- und Rindfleisch 80 Pfg., Kuhfleisch 65, Kalbfleisch 75 Pfennig pro Pfund kostet.
- a- Frankenberg, 18. Aug. Die Vermessungsarbeiten beim projektierten Bahnbau Bad Wildungen— ■ Frankenau sind zur Zeit bis Reinhardshausen gediehen. Es wird sich zwischen Bad Wildungen und Reinhardshausen der Bau eines Tunnels, der unter der Ehaussee Wildungen —Hundsdorf hergeht, notwendig machen. Da 1 die Besitzer der Kupfererz-, Eisenstein- und Schwerspat- I Gruben bei Frebershausen, Gellershausen und Hüddingen in sichere Aussicht gestellt haben, den Betrieb obiger Gruben ! sofort zu eröffnen, sobald die Bahn gebaut wird, so ist wegen der damit gesicherten genügenden Frachteinnahme die Ausführung des Bahnbaues so gut wie gesichert. Die Bahn würde uns die lang ersehnte Industrie und damit auch genügende Arbeit für die ansässige Bevölkerung bringen.
* Frankfurt a. M., 18. Aug. Die Hinrichtung des Ieugfeldwebels Müller wurde gestem morgen 6 Uhr im Strafgefängnis zu Preungesheim vollzogen.
* Frankfurt a. M., 14. Aug. Die „Frankfurter Nachrichten" setzen ihren Abwehr-Kampf gegen den „Frankfurter General-Anzeiger", den sie beschuldigen, er habe aus Konkurrenzeid Artikel in das in Frankfurt a. Main erscheinende Skandalblatt ^Die Fackel" lanziert, durch welche die „Frankf. Nachr." vor ihren Inserenten und Lesern herabgesetzt werden sollte, energisch fort. Die „Frankfurter Nachrichten" haben jetzt gegen den „Frankfurter General-Anzeiger" eine Klage auf Schadenersatz in Höhe von einer Million Mark eingereicht. Ferner bestätigen die „Frankfurter Nachrichten" folgende Andeutung, ; die in der sozialdemokratischen „Volksstimme" zu finden war: „Es ist ja nicht das erste Mal, daß der „General- Anzeiger" sich seines Freundes Müller-Herfurth (des Herausgebers der „Fackel") als Mittelsperson bedient, um mißliebige Gegner anzugreifen. Wir brauchen nur an den „Fall Levi", an die „Emser Affaire" u. a. zu erinnern." Die „Nachrichten" schreiben dazu: „In dem Mißbrauch der „Fackel" des Herrn Müller-Herfurth durch den Horst- mannschen „General-Anzeiger" offenbart sich nicht eine einzelne hinterhältige Aktion, sondern ein ganzes Korruptionssystem schlimmster Art. Ganz Frankfurt ist durch
1 dieses System bedroht worden. Jeder dem „General- Anzeiger" des Herrn Horstmann Mißliebige mußte darauf gefaßt sein, genau so wie wir von Herrn Müller-Herfurth in der „Fackel, par ordre de mufti besudelt zu werden."