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Nr. 167
Telephon: Nr. 362.
Mittwoch, den 19. Juli 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg
Der moderne Papst
Die Nachricht, daß der Papst durch einige Federstriche — in diesem Falle nannte man es ein Motu- proprio — eine Anzahl von katholischen Wochenseierta- gen aus dem Kalender gestrichen hat, ist weiten Kreisen sehr überraschend gekommen. Auch katholischen Kreisen. Als in den letzten Wochen unbestimmt das Gerücht von einem derartigen Vorhaben des Papstes auf- tauchte, da schüttelten die Wissenden überlegen das 1on- surierte Haupt, und in katholischen Blättern ging heftige Entrüstung um, gegen diejenigen, die dem Papst einen solchen Verstoß gegen altgeheiligte Traditionen zutrau- len. Das war ja beinahe so, als ob man dem Papst nachgesagt hätte, er sei unter die Modernisten gegangen. Nun ist das Unglaubliche doch wahr geworden.
Zwar geht Pius 10. nicht radikal vor. Mariä Empfängnis und Himmelfahrt, Peter-Paulstag und Aller- helllgen bleiben; aber es schwinden die Apostellage, der Josesstag, der Johannistag, Petri Kettenfeier, — ' der Fronleichnamstag wird von Donnerstag nach Trinitatis auf den folgenden Sonntag verlegt. Und doch galt gerade dieses Fest, dem einst im 13. Jahrhundert durch Visionen der Nonne Juliane von Mont-Corneillo der Weg in die katholische Ehristenheit gebahnt wurde, in vielen Gegenden als höchstes katholisches Fest. Sollte es doch „die Herrlichkeit der katholischen Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner offenbaren und ihre Seelen erschüttern und gewinnen." Nun wird dieser altehrwürdige Donnerstag, an dem schon so manchem Protestanten, der sonder Harm Hie glänzende Prozession vorüber- ziehen sah, der Hut vom Kops geschlagen worden ist wieder zum gewöhnlichen Wochentag, und mit ihm so mancher Tag, an dem bisher die Parlamente mit Rücksicht auf das Zentrum, und die Schulen, mit Rücksicht auf die katholischen Lehrer und Schüler eine willkommene Ruhepause einschieben. konnten.
Was der pästlichen Maßnahme eine besondere Bedeutung gibt, das ist ihre Begründung. Das „Motu- proprio" besagt, daß „die veränderten Bedingungen der menschlichen Gesellschaft es ratsam erscheinen lassen, das Gesetz über die Beobachtung der religiösen Feste zu ändern, weil der vermehrte Handel und der beschleunigte Gang der Geschäfte durch die Häufigkeit der Feste Schaden leide;" auch sei zu bedenken, daß „die Verteuerung des Lebens die Arbetter zwinge, die Arbeit nicht so ost zu unterbrechen." Die veränderten Bedingungen der menschlichen Gesellschaft!" Das ist Modernismus in aller Form.
Merkwürdige Perspektiven tun sich auf. Aber wir begnügen uns zunächst mit der Tatsache, daß der Antimodernistenpapst Pius 10. an kirchliche Einrichtungen moderne Maßstäbe anlegt. Wenn man bisher auf evangelischer Seite behauptete, daß der Niedergang der eigentlichen romanischen Länder, insbesondere Spaniens, des festreichsten unter ihnen, darauf zurückzuführen sei, daß man dort über dem Rosenkranzbeten, über Zeremonien und Wallfahrten allzusehr das Arbeiten und die veränderten Bedingungen der menschlichen Gesellschaft vergessen habe, so wurde das von katholischer Seite leidenschaftlich bestritten. Aber ist nicht das Motuproprio des Papstes über die Einschränkung der Festtage eine indirekte Bestätigung jener Behauptung? Der „Vorwärts" hat freilich noch eine andere Erklärung zur Hand. Er erblickt in dem päpstlichen Erlaß eine „feile" Rech- flungsträgerei, um nämlich dem Verlangen des heutigen Kapitalismus nach vermehrter Gelegenheit zum Profitmachen und zur Ausbeutung der Lohnsklaven entgegen- zukommen und so die wohlhabenden Kreise der Großindustrie und des Großhandels zu bewegen, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzukehren." Wenn diese Auslegung auch etwas auf die Hitze der letztes Tage zurückzuführen sein mag, so eröffnet sie doch Ausblicke nach der Richtung, in der sich die Sehnsucht- des „Vorwärts" zu bewegen scheint. Er nennt den Erlaß des Papstes „arbeiterfeindlich", mühte also folgerichtig eine Vermehrung der Feiertage als arbeiterfreundlich begrüßen. Nattirlich mühten das dann nicht kirchliche, sondern sozialdemokratische Feiertage sein. An Kalenderheiligen würde es dafür nicht fehlen.
Candtagswablvorbertitungen.
— Die Fortschrittliche Volkspartei hat für die Neuwahlen zum Landtag bis jetzt folgende Kandidaten aufgestellt: In der Provinz Starkenburg: Für das neue dritte städtische Mandat in Darmstadt Stadtv. Henrich, im 1. Wahlkreis Veerfelden-Hirschhorn- Wimpfen Lehrer Lang-Beerfelden, im 12. Wahlkreis
Gernsheim-Pfungstadt Fabrikant Eg. Preß jun., im 13. Wahlkreis Eberstadt-Griesheim Stadtv. Bauunternehmer Sames-Darmstadt, im 18. Wahlkreis Seligenstadt Kaufmann Weiermann; außerdem sind Kandidaturen bestimmt in Aussicht genommen für den 11. Wahlkreis Bensheim-Zwingenberg, für den 15. Wahlkreis Bischofsheim-Rüsselsheim und den Iß. Wahlkreis Lan- gen-Neu-Jsenburg. In O b e r h e s s e n sind bisher ausgestellt: für den 12. Wahlkreis Nidda Justizrat Metz-Nidda, für den 13. Wahlkreis Büdingen der Landwirt Hr. Bähr-Büches und für den 14. Wahlkreis Vilbel Gemeinde-Einnehmer Herling-Rendel; in verschiedenen anderen Kreisen sind noch Kandidaturen in Aussicht genommen. In der Provinz R h e i n h e s s e n endlich kandidieren: für das neue dritte Mandat der Stadt Mainz Beig. Martin Moritz Mayer; für den 3. Wahlkreis Wöllstein der seitherige Abgeordne.e Bürgermeister Eibach-Pfaffenschwabenheim, für den 5. Wahlkreis Wörrstadt Pfarrer Korell-Königstädten, für den 8. Wahlkreis Nierstein Bürgermeister Schuckmann-Bechtolsheim; weitere Kandidaturen sind in Aussicht genommen in Alzey und in Bingen-Land. — Von der sozialdemokratischen Partei wurde Genosse Berthold-Darmstadt als Landtagskandidat des Wahlkreises Vischoss - Heim-Rüsselsheim ausgestellt. — Letzte Woche sand in Bingen eine Vertrauensmännerversammlung der Zentrum sparte i des Landtagswahlkreises Bingen- Land statt, in der der bisherige Abg. Justizrat von Brentano einstimmig wieder als Kandidat ausgestellt wurde.
JU$ Stadt und Land.
Gießen,Lden 19.Wuli.
* Butzbach, 19. Juli. Die große Glocke der St. Markuskirche war gesprungen und ist von der Firma F. W. Rinker, Glockengießerei in Sinn (Nassau) umgegossen worden.
*) Bad-Nauheim, 19. Juli. Als gestern vormittag das Fuhrwerk einer Wäschefirma auf der Straße einige Augenblicke ohne Aufsicht war, wurde dem einen Pferde der Schwanz abgeschnitten. Vor einigen Tagen wurde dem Pferd eines Kohlenhändlers in der Nacht die Mähne ab geschnitten.
-l- Alsfeld, 19. Juli. In Maar wurde das 3jährige Kind eines Landwirts vom Göpelwerk erfaßt. Es geriet in die Kammräder, die ihm den Kopf sofort zerdrückten.
* Büdingen, 18. Juli. Die am Sonntag auf der Ronneburg stattgefundene Wiederholung des Stei- nigerschen Burgenfestspiels „Im Glauben stark, in Treue fest" hatte wiederum ein ausverkauftes Haus erzielt. Die Zweigvereine des Vogelsberger Höhenklubs planen das Ronneburgfest als eine alljährlich wiederkehrende Burgenfeier durch Aufführung geeigneter Festspiele zu begehen.
* Offenbach, 19. Juli. Der bei der Firma Forster beschäftigte Hattsbursche Kämmerer war, wie seinerzeit berichtet, nach Unterschlagung von 3000 Mk. flüchtig gegangen. Er sollte sich jedoch nicht lange der goldenen Freiheit freuen, denn schon am zweiten Tage packte ihn der Arm der Gerechtigkeit in Fulda, wo er seinen Verwandten einen Besuch abgestattet hatte. Das Gericht verurteilte ihn jetzt zu 9 Monaten Gefängnis, beantragt waren 1 Jahr 6 Monate.
•
* Marburg, 18. Juli. Der Waldbrand am Freitag, der so großen Schaden verursachte, soll auf die Unvorsichtigkeit zweier Spaziergänger, die im Walde Zigaretten rauchten, zurückzuführen sein.
-h- Marburg, 19. Juli. In Ellhausen erschlug die Frau eines Weißbinders ihren Mann mit einem Scheit Holz.
Eingesandt
Die Laien und der Fall Jatho.
Durch die Presse geht die Nachricht von einem Protest der hessischen Geistlichen, der Jatho's Wiedereinsetzung in Amt und Würden fordert. Wenn da von „angesehenen" Geistlichen geschrieben steht, daß sie diese Kundgebung unterschrieben haben, so fragen wir verwundert: Ist dieses Ansehen nur in Kollegenkreisen vorhanden, oder kann man von wirklichem Ansehen erst reden, wenn solches über den engen Rahmen des Berufskreises hinausgeht ? Daß es in Hessen eine ganze Anzahl Geistlicher gibt für derartige Ideen, wissen wir, müssen ihnen aber ehrlicherweise sagen, daß sie in der Regel wenig oder keine Fühlung mit ihren Eemeindegliedern haben; denn
I im Volke denkt man nicht daran, jemanden wieder zu rufen, von dein man weiß, daß er die einfachsten Em psindungen der Menschenseele so herzlich wenig kennt. Daher doch auch die Tatsache, daß gerade im Volke viele sind, die auf solche Leitung verzichten. Wenn schon der Verteidiger Jatho's, Professor Baumgartner-Kiel, nicht die Bekenntnisfrage, sondern nur den Einfluß Jatho's in den Kölner liberalen Kreisen als Verteidi gungsmoment anführen konnte, was will man dann noch nach einer so reiflich erwogenen Entscheidung for bern, die gefällt ist von einem Kollegium, dem man Voreingenommenheit auf Grund seiner Zusammensetzung nicht wird nachsagen können? Wir als Laien verstehen ganz gut auch die moderne Zeit, und wissen es auch zu schätzen, wenn uns nicht mit Lauheit, [oif dern mit Feuereifer in neuen Worten die alten Grundwahrheiten dargeboten werden. Vielmehr halten wir dafür, daß wir mit Luther fingen sollen allezeit: Das Wort sie sollen lassen slah'n. Auch lassen wir uns gerne „neue Wege", wie es in dem Protest heißen soll, führen, wenn solche nicht abwärts, sondern auswärts zum guten Ziele führen.
Noch wollen wir darüber schweigen, ob nicht ein Sturm der Entrüstung sich erheben soll, aber soviel ist gewiß, daß das Laientum bereit steht und einmütig sich erheben wind, wenn man ihm einen Protest vorhalten wird, wie geplant sein soll.
Bezeichnend ist auch ein Urteil des „Vorwärts" in dieser Frage, wenn er etwa schreibt: Wir mischen uns nicht in diese Streitfrage, da für uns die Religion Pri valsache ist, aber bezeichnend für die Haltung des Liberalismus ist es, wie er sich an diese Dinge klammert und Erfolge davon verspricht.
Wird man irgend einer Vereinigung oder Behörde einen Vorwurf machen, wenn sie Jemand ausschließt, dessen Tätigkeit sich in Widerspruch setzt mit den gegebenen Einrichtungen? Ebenso hoffen wir, daß auch diese Frage, vor allem nüchtern beurteilt werden möge, von denen, die solche wenigen kennen. -or-
Literarisches.
* 100 Entwürfe zum Bismarck-Wett- bewerb wurden im Auftrage des Denkmal-Ausschlls- ses von der Düsseldorfer Verlagsanstalt A.-G. in Düsseldorf herausgegeben. Die wesentlichen Resultate des glänzenden, für die moderne deutsche Kunst so wichtigen Wettbewerbs sind hier zusammengefaht. Vor allem wurden die 20 preisgekrönten Entwü^e eingehend darge- steltt, zu deren Publikation ausschließlich der Denkmal- Ausschuß berechtigt war. Sie werden die Grundlage für den neuen engeren Wettbewerb bilden und haben dadurch besonderes Interesse für die weitesten Kreise.
— Prick, Was muh derArbeitgeber und der Arbeiter von der Reichsversicherung! s o r d'n u n g wissen" Kurze Zusammenstellung der neuen Bestimmungen über die Arbetterversicherung für den täglichen Gebrauch nebst einem Anhang: Anleitung für den Arbeiter zur Erlangung der Ver sicherungsleistungen (Krankengeld, Renten 2C.) Pr. 25 Pfennig. Alb. Jacobi & Cie. in Aachen, Büchel 15. In nächster Zett tritt die Reichsversicherungs - Ordnung in Kraft. Um nun das mit Zeitverlust verbundene Durchlesen des umfangreichen Gesetzes zu vermeiden, sind in diesem Büchlein die für Arbeitgeber und Arbetterkreise in Betracht kommenden und wissenswerten Vorschriften der R.-V.-O. in gedrängter und gemeinverständlicher Form wiedergegeben.
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1 WolIenSie etwas feines rauchen
dann empfehlen wir Jhnen:
Cigaretten.
Salem Aleikum
Ggareite des Feinschmeckers!
N? 3‘/2,<l 5, 6, 8 1O
Preis: 3^, 5, 6Z 8.10 Pfg. dSt
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Jnh. Hugo Zietz, Dresden.