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Telephon: Nr. 362.

Montag, den 19. Juni 1911

Telephon: Nr. 362.

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(Gießener Neueste Nachrichten)

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Deutschland als Störenfried.

In Berlin befindet sich ein Geschäft, das sich u. a. mit dem Ankauf abgelegter Kriegsschiffe befaßt, die es dann, ein wenig ausgesrischt, an irgend eine jener Re­gierungen weiterverkauft, denen das Geld und wohl auch die Notwendigkeit fehlt, sich eine neue Flotte zu be - schassen. Dieses Geschäft, das einem Herrn Georg Grot- stück, der im Nebenberuf noch Lonsul der Republik Ecu­ador ist, gehört, taufte vor einiger Zeit von der italie­nischen Regierung das ausrangierte KriegsschiffUm­bria" und gab es dann an die Republik Haiti weiter. Das Fahrzeug wurde nun durch deutsche Seeleute un­ter deutscher Flagge nach seinem Bestimmungsort be­fördert. Nun gingen dem Schiff auf seiner Reise Soh­len und Proviant aus, sodaß es den nächsten Hafen anlaufen mußte.

Soweit wäre nun alles noch recht harmlos gewesen, wenn nicht dieser Hasen zufällig Las Palmas hieße, derselbe Ort, wohin sich der Expräsident C a st r o von Venezuela zurückgezogen hatte. Dieses merkwürdige Zu­sammentreffen genügte nun, um in Venezuela die furcht­barste Aufregung hervorzurufen und alle Welt zu über­zeugen, daß Castro, der ruhende Löwe, erwacht und auf dem Wege sei, sich seine alte Machtstellung wieder zu erobern. Natürlich hat er das Kriegsschiff auf irgend eine geheimnisvolle Weise angekaust, und steht nun im Begriff, jeden Augenblick Venezuela zu überfallen und es mit seinem einen Kriegsschiffe zu erobern. Und da das Kriegsschiff unglücklicherweise noch unter deut­sch e r Flagge fährt, so ist auch der letzte Zweifel ge­schwunden, und alle Welt hat einen neuen Beweis, mit welch heimtückischer Hinterlist Deutschland sich überall dort beteiligt, wo sich ihm nur irgendwie die Gelegen­heit bietet, Unheil anzustiften ! Denn sowie der Name Deutschland" mit einerAffäre" verbunden ist, klingt sie für die Welt glaubhaft, mag sie auch noch so albern und offensichtlich erfunden sein.

So lange man so handelt, um uns als den bösen schwarzen Mann" zu gebrauchen, mit dem man die po­litischen Kinderchen erschreckt, kann es uns ziemlich gleich­gültig sein. Zu Bedenken gibt es aber Anlaß, wenn ein System daraus gemacht wird, uns in jeder Situa­tion zu beschuldigen, die entweder nicht ganz einwand­frei, oder aber geeignet ist, irgendwo politische Ver­wickelungen hervorzurufen. Und das ist jetzt allmählich der Fall geworden. Zn Marokko sollen wir die opa- nier aufgestachelt, im Winzerstreik in der Champagne die Aufständischen zum Aushängen deutscher Fahnen ocr- anlaht haben, und was dergleichen Schandtaten mehr sind kurz, wo etwas geschieht, Deutschland must da­bei sein, und eine wahre Freude ist es zu lchen, mit welcher Wollust dieguten Freunde'' dann über uns hersallen; und schmunzelnd wird auch letzt w>edcrm der Kriegsschiff-Angelegenheit von amenkanischer Scte erklärt, datz das Schiff, bas. augenblicklich ^ nem Staate gehöre, als P,raten, ch,ff behandelt und Deutschland weggenommen werden könne, Nun, von diesem sreundschasllichen Rate bis zur praktischen Aus- sührunq st ja noch ein weiter Weg, den zu gehen sich glücklicherweise "ine jede Macht scheut. Aber ,edensalls stnd diese sortwä^ Anrempelungen ein warnen­der Beweis daß Deutschland in der Welt alles andere -her â beliebt ist und daß, trotz aller Friedens- und Abrüstungsvorschläge, alles nur auf den Augenblick war-

tct, wo Deutschland schwach wird. Und darum [inb sie zugleich die Bestätigung, daß eine Abrüstungspolitik, wie sie von verschiedenen Parteien angestrebt wird, für Deutschland eine Selb st Vernichtungspolitik wäre. Nur so lange wir stark sind, können wir diese kleinen Nadelstiche ertragen und, wie Caligula über die Anfeindungen lächelnd, dem Wahlspruch huldigen: Mö­gen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten.

Uns Stadt und Land.

Gießen, den 19. Juni.

* Zum Universitätssekretär an der Lan- desuniversität wurde der Sekretariats-Assistent Wilhelm Erle ernannt.

* Erledigte L e h r e r st e l l e n. Eine mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Ge­meindeschule zu Annerod, Lr. Gießen und die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Petterweil, Lr. Friedberg. Mit der Stelle ist Organistendienst ver­bunden.

-b- Die 2 9. allgemeine Psarrkonfe- renz der evangelischen Geistlichen der Provinz Ober - Hessen findet hier morgen, Dienstag, den 20. b. Mts., in Steins Garten statt. Hauptgegenstand der Verhand­lungen ist der Vortrag von Pfarrer Lödding-Gelnhaar: Auf welche Weise kann das Missionsinteresse in wei­tere Lreise getragen werden?" Zu den Verhandlungen sind Gäste herzlich willkommen.

* Die Hess. Lehrer und der Organi - st e n d i e n st. Nachdem die hessische Lehrerschaft so­wohl, als auch ein großer Teil der fortschrittlich ge­sinnten Geistlichkeit seit Jahren bereits die Aufhebung des Artikels 50 des hessischen Volksschulgesetzes verlangt, wonach der Lehrer seither verpflichtet war, die mit sei­ner Stelle verbundenen kirchlichen Funktionen zu über­nehmen, hat das Ministerium des Innern dem Vierten Ausschuß der Zweiten Lämmer jetzt ein Schreiben zu- gehen lassen, wonach die Regierung nunmehr bereit ist, diesen Artikel 50 auszuheben. Sie gibt dabei aller­dings der Erwartung Ausdruck, daß die Lehrer sich be­reit fänden, den Organistendienst freiwillig auch kiinftighin zu übernehmen. Auch eine Umfrage bei den Lreisschulkommissionen ergab deren einmütiges Eintre­ten für den Wegfall des Artikels 50.

* Die Universität Frankfurt. Am Mitt­woch erfolgte die einstimmige Annahme des Lom­missionsberichts, der jetzt der Oeffentlichkeit be- kaiint gegeben wird. Auf 36 Seiten enthält das wichtige Schriftstück Mitteilungen und Bestimmungen über den Charakter der Stiftung als Universität, über Allgemeine Organisation und Fakultätsversassung, über das Recht der Besetzung der Lehrstühle und Verhältnis der ^Uni­versität insbesondere der städtischen Anstalten zum ^taat über den Vertragsabschluß mit den in Betracht kommen­den Stiftungen und Vereinen, über die flnanziellen Grundlagen. Weiter versolgen vergleichende Aufflcllun- gen mit den Budgets der Universitäten Gießen und Tübingen. Dann spricht der Bericht über die Ausge­staltungen der Kliniken und Institute. Ferner werden die Bedürfnisse einer medizinischen Fakultät im Allge­meinen erörtert, wobei man mit einem Besuche von 3- bis 5000 Studierenden rechnet. Schließlich bringt der Bericht eine Veranschlagung der Unwersüälsemnabmcn aus Gebühren, die 47 000 Mark vorsehen dann d^ Re­gelung der Pensionsverhältnisse und endlich eine Reihe von Anträgen. - Der sehr gründlich und iad)hd) gc- baltene Bericht wird nunmehr am 29. ^um der Stadt­verordnetenversammlung zur Beratung vorgelegt.

Die Kriegerkameradschast yaHta, die 67 800 Mitglieder zählt, hält am 25. Juni in Fried- bcrq ihre Hauptversammlung ab. Eine reichhaltige Ta­gesordnung steht zur Beratung. Ein Antrag des Be- sirks Vilbel wünscht die Verleihung von Denkmünzen an die Kriegsteilnehmer von 187071 aus Anlaß der 40- jährigen Wiederkehr der Errichtung des Deutschen Reichs. Weiter wird über die Stellungnahme des Verbandes zu Vereinigungen verhandelt, die, wie der Verein ehe­maliger 116er, in einer größeren Anzahl Orte des Landes Mitglieder besitzen. Viele Vereine glauben sich dadurch in ihrer Entwickelung gestört. Der Antrag Bad- Nauheims, betr. Lundgebung des Präsidiums bei po­litischen Wahlen, hat bereits lebhafte Besprechungen auf den Bezirkstagen hervorgerufen.

Vieh-Erpreßzüge Hamburg-Laf- s e l - F r a n k f u r t. Die Handelskammer Friedberg hat der Handelskammer Gießen mitgeteilt, es sei von einigen Interessenten darauf hingewiesen worden, daß die Viehbesörderung aus der Strecke Hamburg-Las-

sel-Franksurt im Saufe der Jahre immer schlechter ge worden sei. Die Eilgüterzüge brauchten heute etwa 5 Stunden mehr als zur Zeit ihrer Einführung. Die Folge davon sei, daß das Transportvieh viel länger unter wegs sein müßte und darunter leide. Nachdem die Handelskammer festgestellt hatte, daß auch in Viehhänd­lerkreisen des Handelskammerbezirks Gießen über lang same Viehbesörderung geklagt wird, ist sie g e m e i n - s a m mit der Handelskammer Friedberg wegen Ein­führung eines Vieherpreßzuges, der in Hamburg ab gehen, in Hannover die Viehtransporte von Bremen, Oldenburg und Leer, in Kreiensen das Vieh von Ber­lin ausnehmen unb in Frankfurt-Sachsenhausen ein münden soll, vorstellig geworden.

* Ruppertenrod, 19. Juni. Ein Lamps zwischen einem Hühnerhabicht und mehreren Raben wurde in nächster Nähe unseres Dorses beobachtet. Der Habicht stieß auf ein in den Wiesen gehendes Huhn und suchte es sortzutragen. Die Raben stürzten sich wütend aus den Räuber, der die Beute fahren ließ. In dem Lamps mit den Raben ermattete der starke Habicht so, daß er sich am Vachesrand niedersetzte und nicht be merkte, daß sich jemand von hinten ihm näherte. Der Mann griff tapfer zu und sing den Habicht. Das schöne Exemplar wanderte zum Präparator.

* ) Schotten, 19. Juni. Nach mehr als 50jähr. Dienstzeit tritt der Lreisrat, Geheimer Regiernngsrat Schönfeld, am 1. Oktober in den Ruhestand. Aus diesem Anlaß wurde ihm vom Großherzog die Lrone zum Lomturkreuz 2. Llasse des Verdienstordens Phi­lipps des Großmütigen verliehen. Als Nachfolger tour de der Vorstand des Polizeiamts Darmstadt, Negierungs­rat Dr. Eugen Lranzbühler ernannt.

-)(- A l s s e l d, 19. Juni. Schwer verletzt wurde der Lnechi eines Landwirts in R e i m e n r o d. Er war an einer abschüssigen Waldschneise so unglücklich un ter die Räder des beladenenTannenwagens geraten, daß sie ihm das Rückgrat eindrückten.

-n- D a r m st a d t, 17. Juni. Die Hess. Hand­werkskammer tagte gestern im Rathaussaal un­ter Vorsitz des Gewerberats Falck-Mainz. Syndikus En­gelbach erstattete den Vorstandsbericht, dem wir folgen­des entnehmen: Der kleine Befähigungsnachweis ver­ursachte neben dem Anwachsen der Dienstgeschäfte auch eine erhebliche Steigerung der Gesellen- und Meister - Prüfungen. Zur Abnahme der Gesellenprüfungen sind im ganzen 177 Gesellenprüfungsausschüsse errichtet. Die Zahl der Prüflinge ist in stetem Steigen begriffen. Ins­gesamt haben sich bis jetzt 16 574 Lehrlinge der Ge­sellenprüfung unterzogen. Die Meisterprüfung bestanden 1908 118 und 1909 334 Prüflinge. Die Zahl der ge­werblichen Korporationen ist auf 243 gestiegen. Der Hessische Handwerkertag in Gießen und die darauf mit den Antragstellern und den Behörden gepflogenen Beratungen haben als Ergebnis den Nachtrag zum Ver­dingungserlaß gezeigt und eine Reihe von Handwerker­wünschen erfüllt. Petri-Gießen erstattete den Rechen - schaftsbericht für 1910, der eine Einnahme von 54 386 Mark und eine Ausgabe von 53 368 Mark ausweist. Ueber die Errichtung neuer Gesellenprüfungs- Ausschüsse berichtet Lautz-Darmstadt und die Ver­sammlung genehmigte die Neuerrichtung solcher Aus­schüsse für die Bäcker-Innung Ober-Namstadt, die Flei­scher-Innung Alsfeld, die Bäcker-Innung Groß-Umstadt, die Metzger-Jnnung-Michelstadt, die Dentisten-Jnnung für Hessen und den Ortsgewerbeverein Allendorf a. L. Ueber die Vorschriften für das Lehrlingswe- f e n berichtet ebenfalls Lautz. Die Lehrzeit für weib­liche Lehrlinge wird für Weißnäherinnen, Weißsticker­innen, Putzmacherinnen und Damensriseusen auf zwei Jahre, für alle übrigen weiblichen Lehrlinge, Damen - schneiderinnen 2C. auf drei Jahre festgesetzt. Ueber das Verdingungswesen erstattete Sommer-Darmstadt ein Referat, worin er die Wünsche näher barlegte, die von den Arbeitgeberverbänden des Baugewerbes von Darm­stadt, Mainz, Offenbach, Gießen, Worms, Friedberg, Nauheim und Langen der Handelskammer vorgetragen wurden. Es handelt sich im wesentlichen um Vergü­tung aller derjenigen Schutz- und Sicherheilsvorrichtun­gen bei Bauten, die allen am Bau beschäftigten Ge­werben zugute kommen und die der Einzelne nicht her­stellen kann. Ueber die Fürsorge für die gewerbliche Jugend sprach Llingelschmidt-Mainz und über die Hand- werker-Zentral-Genossenschaft Rockel-Darmstadt. Das In­stitut hat sich günstig entwickelt. Das Vermögen ist von 50 000 Mk. auf 188 000 Mk. und der Umsatz von Mk. 40 000 auf über 200 000 Mk. gestiegen.