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Nr. 117. Telephon: Nr. 362.

Freitag, Den 19. Mai 1911.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

hessischer Landtag.

Die Zweite Kammer beschäftigte sich gestern mit dem Bau der Brikeltsabrik nebst elektrischer Zentrale aus dem staatlichen Braunkohlenbergwerk Ludwigshoff- nung bei Wölfersheim. Finanzminister Braun be­gründet in längerer Rede die Vorlage. Er gibt zunächst einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung des Braunkohlenbergwerks Ludwigshoffnung, das seither ein Schmerzenskind des Staates gewesen sei. Die Prcß- steinsabrikation, die vor acht Jahren eingeführt worden sei, habe sich nicht bewährt. Der Bau einer Brikettfa- orik sei von Sachverständigen empfohlen. Ein neues Moment sei eingetreten, durch die Möglichkeit der Er­richtung einer elektrischen Krastzentrale, für die sich die Provinz Oberhessen als Großabnehmer angeboten habe. Durch die Verbindung der beiden Anlagen sei eine Genossen eingelaufen, in dem die Regierung ersucht wird, kender Konjunktur seien gleichmäßige Einnahmen ge­sichert. Es sei hier eine gute Gelegenheit für den Staat, das Eigentum sowohl an Kohlenschätzen wie den Gru­benbetrieb in der Hand zitbehalten, um das investierte Kapital nicht zu verlieren. Der Abschluß des Vertrages luit der Provinz Oberhessen mache es notruenbig, die Vorlage dringlich zu behandeln. Er empfehle die Vor­lage trotz des bebeutenben Anlagekapitals und trotz der hier und da herrschenden Abneigung gegen staatliche in­dustrielle Betriebe. Es brauche nicht ausgeschlossen zu sein, daß man später mit privaten Unternehmern in Ver- bindung trete.

Inzwischen ist ein Antrag der Abgg. Dr. Osann u. Genossen eingelausen, in dein die Regierung ersucht wird, die Brikeltsabrik mit elektrischer Zentrale und dem Be­trieb der Grube Wölfersheim an eine Aktiengesellschaft zu übertragen unb sich an'einer solchen zu beteiligen. Die Regierung hat nach dieser Gründung der Kammer hiervon Mitteilung zu machen.

Abg. Ulrich wendet sich in scharfen Worten gegen Ueberlieferung des Werkes an die Privatspekulation. Es wäre eine Sünde und Schande, wenn die Kammer von ihrem früheren Standpunkte abgehe. Es hieße das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn man aus nicht stich­haltigen Gründen die ganze Anlage der Spekulation preisgebe. Abg. Molthan steht nicht auf dem Stand- punkt des Abg. Ulrich, daß der Staatsbetrieb der allein seligmachende sei, und daß das Großkapital nur zur Ausbeutung der Arbeiter diene. Für ihn stehen nur die wirtschaftlichen Interessen Oberhessens in Frage. Abg. Köhler- Worms kann der Regierungsvorlage nicht zustimmen. Finanzminister Braun begrüßt die Z u- stimmung der Mehrheit des Hauses und be­tont, daß auch die Legierung für später die Heranzieh­ung des Aktienkapitals ins Auge gefaßt habe. Er em­pfiehlt der Kammer die Annahme der Vorlage. Nächste Sitzung am Freitag.

Aus Stadt und Land.

Gießen. den 19. Mai.

Aus dem Stadtparlament.

Der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten lag ein anscheinend ganz harmloses Programm zu Grunde: nur" 22 Punkte verzeichnete die Tagesordnung^ von de­nen jedoch keiner auf den ersten Blick des Schicksals Tücke verriert. Aber wie das halt so ist, mancherge­pfefferte" Titel verbirgt sich zuweilen hinter einer ganz unschuldig aussehenden Maske. Wer hätte z. B. von denLaien" geahnt, daß bei derEinrichtung eines st ä d 1 i s ch e n Fuhrparks" das städtische Feuerlöschwesen unter die Lupe kam. Anknüp- fend an den kürzlich stattgefundenen Brand in der Mar­burgerstraße sprach man sich gerade nicht sehr schmeichel­haft in dieser Beziehung aus. Es war ja allerdings ein gewissesPech", daß das Feuer nun ausgerechnet auf einen Sonntag ausbrach, noch dazu in der Zeit zwi­schen 8 und 9 Uhr abends, wo man teils von dem schö­nen Maiausflüg noch nicht zurückgekehrt war, oder teils !chon von den Strapazen die Erholung suchte. Und einige der braven Wehrleute sollen in ausgiebiger Weise wie von einem der Stadtväter behauptet wurde be­reits deninneren" Brand gelöscht haben, bevor sie mit Leitern und Strahlrohr dem äußern" zu Leibe gingen. Ilnb nun erst der Fuhrmann! Er schlief den Schlaf des Gerechten, und die Feuerwehrleute suchten so schnell wie möglich ihre Löschgerätschaften ohne Pferde an die Brand- 'stelle zu schaffen.

Nach einer halben Stunde ist man glücklich ange- langt, und schnell werden die Schlauchleitungen an die

I Hydranten geschraubt. Der Wasserdruck ist jedoch zu stark oder der Schlauch ist vielmehr zu schwach kurz und gut, ein Schlauch der nach der Erklärung des Zeug­warles nicht auf Druck geprüft worden war geht in die Brüche und das Wasser ergießt sich in den Rinn­stein, statt in das Feuer. Also bei dem Brande in der Marburgerstrahe lag es mn Wasser und nicht an den Pferden; folglich so argumentierte der Stadtv. Lober unter Heiterkeit der Versammlung ganz logisch ist die Einrichtung eines Fuhrparks nicht notwendig.

Welche Bewandtnis es damit hat, darüber berichtet der Vorsitzende folgendes: Wir sind uns wohl alle klar oaruber, daß Mißstände im hiesigen Feuerlöschwesen be­stehen: Es fehlen Mannschaftswagen, das Gerätehaus ani Brandplatz ist zu klein, unb die engen Zufahrtsstra­ßen machen ein schnelles Abfahren illusorisch. Es wird daher geplant, das Feuerwehrdepot nach Oswaldsgar- ten zu verlegen. Weiter wäre ein Stall für die Pferde bes Unternehmers zu bauen; ferner müßte für Woh- nung Sorge getragen werden, in denen Handwerker

Mltglieder der freiwilligen Feuerwehr sind und ihre Beschäftigung zu Hause haben, untergebracht werden können. Sobald dann Feuer signalisiert werde, wären sofort Leute bei der Hand. In einzelnen Städten be­stände drese Einrichtung, und sie hätte sich sehr gut be­währt; in 78 Minuten sei man an der entferntesten Brandstelle.

, $s sollen aber heute noch keine bindenden Beschlüsse gesagt werden, sondern der Vorschlag der Stadtverwal- unq geht dahin, die Baudeputation, die zugleich Feu­erlöschkommission ist, zu beauftragen, daß sie'sich in den Städten, wo derartige Einrichtungen bestehen, an Ort und Stelle informiert. Stadtv. Heichelhe i m macht ben Vorschlag, daß auch der neue Branddirektor sich der Deputation anschließen solle; Stadtv. Winn wünscht die Hinzuziehung eines Pferde-Sachverständigen und schlägt den Stadtv. Simon vor. Der Antrag mit den beiden Zusatzanträgen wird angenommen.

Stadtv. Ebel führte noch aus, umMißverständ­nissen" vorzubeugen, daß die gerügten Mängel sich nicht persönlich gegen die Feuerwehr richteten; man könne der Feuerwehr, die sich freiwillig in den Dienst der Stadt stelle, die Anerkennung nicht versagen. Er habe häufig Gelegenheit gehabt, den Uebungen beizuwohnen, und er habe die Beobachtung gemacht, daß die einzelnen Lösch- wanöver stets auf das erakteste ausgeführt wurden.

Zu einer längeren Debatte kam es auch bei der Einrichtung der alten Klinik für Zwecke der städtischen Verwaltung. Oberbürgermei­ster Mecum nimmt Bezug auf die am Donnerstag vor acht Tagen vorgenommene Besichtigung, welche er­geben hat, daß das Gebäude sehr wohl städtischen Ein­richtungen dienstbar gemacht werden kann. Wenn jedoch das Grundstück preiswert verkauft werden könne, solle man zustimmen. Es würde sich dann um die Frage handeln: Soll der Vorgarten ausgenutzt werden oder soll er erhalten bleiben? Im Interesse des Straßenbil- des ist natürlich zu fordern, daß die Straße nicht durch bauliche Ausnutzung des Vorgartens verunstaltet wird. Von der Baudeputation sollen für einen eventuellen Ver­kauf Bedingungen ausgearbeitet werden, die der näch­sten Stadtverordnetensitzung zur Genehmigung vorge- kegt werden sollen. Er beantrage aber Absetzung dieses Punktes von der Tagesordnung, da der Beigeordnete Georgi, der wegen Krankheit der Sitzung nicht bei­wohnen konnte, den Wunsch ausgesprochen hat, daß die Verhandlungen in seinem Beisein stattsinden möchten. Aus der Versammlung wird nod^ beantragt, die Tagesord­nung, die diesen wichtigen Punkt enthalte, 4 Wochen vorher bekannt zu geben. Die Versammlung beschließt demgemäß.

Bei dem Bebauungsplan beim Iustizgebäude kommt es zu einer kleinen Plänkelei zwischen den Stadtverord­neten Grünewald und Löber.

Die übrigen Punkto der,Tagesordnung werden sast ohne Ausnahme debattelos erledigt.

*

Erhaltung des Liebig-Laboratoriums.

In der Sitzung vom 16. Mai beschäftigte sich die Zweite Kammer mit der Vorstellung bes Ärbeitsaus - fchusses für die Erhaltung des Liebig-Labora­toriums, zu der sich die Regierung folgendermaßen geäußert hat:Auf das geschätzte Schreiben vom 24. v. Mts. beehren wir uns im Einvernehmen mit Groh- herzoglichem Staatsministerium ergebenst zu erwidern, daß. ehe die Aufwendung staatlicher Mittel überhaupt in Fwge kommen könnte, die an der Erhaltung des hi-

I storischen Laboratoriums! nächstbeteiligte Stadt Gießen, die zudem das Laboratorium um den Preis von 60 000 Mark an das Komitee verkauft hat, sich über Art und Maß ihrer Leistungen zu äußern hätte. Es dürste dein Arbeitsausschuß anheimzugeben sein, jimädjft eine solche Aeußerung herbeizuführen." Der Finanzausschuß teilt die Ansicht der Regierung und beantragt: die Vorstel Tung für erledigt zu erklären. Der Antrag findet «An­nahme.

* Gesellenbriefe. Man schreibt uns: Die Hess. Handwerkskammer hat an die Vorstände der Bezirksverbände in Hessen ein Ausschreiben gend) tet, in dem daraus hingewiesen wird, daß nach einer Notiz im Gewerbeblatt ein Bezirksverband die Weglas sung der Noten in den Gesellenbriefen beanstandet hat, weil dadurch die hessischen Prüflinge gegenüber den preußischen benachteiligt würden. ' Das Ausschrei- ben besagt, daß die Notiz in dieser Fassung geeignet fei, Verwirrung in gewerblichen Kreisen hervorzurusen. Demgegenüber ist festzustellen, daß nach einem Beschluß des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages von allen Kammern nur noch die Tatsache des Be­stehens auf den Gesellenbriefen zum Ausdruck gebracht wird, während selbstverständlich, wie auch in Reffen, die Einzelbewertungen in ben Prüfungsakten niederge- legl sind. Wenn somit bei außerhessischen Kammern noch die Noten der Einzelleistilngcn auf den Gesellen - vriefen verzeichnet sind, so wird die Vereinheitlichung nur noch eine Frage der Zeit sein.

* Versendung von Paketen während der P f i n g st z e i 1. Die Versendilng mehrerer Pa­kete mit einer Postpaketadresse ist für die Zeit vom 29. Mai bis einschließlich 3. Juni weder im inneren deut­schen Verkehr noch im Verkehr mit dem Ausland ausgenommen Argentinien gestattet. Nach Argenti­nien können auch in dieser Zeit mehrere, jedoch höchstens 'drei Pakete mit einer Postpaketadresse versandt werden.

* Hundeausstellung in Offenbach a. M. 3h der am Sonntag, den 21. Mai, im Stadtgar- ten stattsindenden Hundeausstellung sind nahe an 450 Hunde gemeldet. Die einzelnen Rassen sind durchweg durch bekannte Sieger vertreten. Am stattlichsten vertre­ten sind die Polizeihunderassen, welche allein über 120 Vertreter aufweisen werden. Vom Grotzh. Ministerium des Innern ist eine bronzene Staatsmedaille gestiftet worden.

- l- L i ch, 19. Mai. Der verstorbene Abg. Köhler- Langsdorf hat beantragt, in Lich eine sogen. Ober­bürgerschule zu errichten und den Abiturienten der obersten Klasse dieser Anstalt das Reifezeugnis zur Be­rechtigung des einjährig-freiwilligen Militärdienstes zu erteilen. Der Antrag wurde von der Zweiten Kammer in der Sitzung vom 16. Mai abgelehnt.

* Marburg, 18. Mai. Der Konsumver­ein für Marburg und Umgegend, dem etwa 600 Mit­glieder angehören, hat Konkurs angemeldet. Die Passiven betragen zirka 30 000 Mark.

* Darmstadt, 18. Mai. Das Ergebnis des hes­sischen B l u m e n t a g e s am 6. und 7. Mai zum Be sten der 3enlrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge beträgt 165 000 Mark.

* Mainz, 18. Mai. Eine bisher unter Kuratel stehende rheinhessische Frau von hohem Alter sollte vor dem Amtsgericht wieder für mündig erklärt werden. Der gestrenge Herr Amtsrichter, der sie auf ihren gesunden Menschenverstand prüfen wollte, richtete u- a. auch die Frage an sie, ob sie wisse, daß demnächst Blumentag ist und was sie für einen Eindruck davon habe. Die Alte besann sich keinen Augenblick und sprach dann: Ei no, die Reiche mache do die Anschläg, und die Arme müsse bleche." Die Frau hatte damit die Prü­fung bestanden.

* Herborn, 18. Mai. Die nunmehr vollendete 3. Landesirrenanstalt wird am 20. Juni eröffnet wer­den. Sie ist einstweilen für 650 Kranke eingerichtet, fo= daß für längere Zeit dem Bedürfnisse Rechnung getrau gen ist. Der jährliche Zugang an Geisteskranken beträgt im Bezirk durchschnittlich 70.

* Frankfurt a. M., 18. Mai. Z u m Milch­krieg. Zwischen den Vertretungen der Milchhändler und der Produzenten haben am Dienstag abend Eini­gungsverhandlungen stattgefunden, in denen sich die Milchhändler im Prinzip mit dem Preisaufschlag auf 17 Pfg. einverstanden erklärten, da er ja doch schon, zum Teil heimlich, von den meisten Händ­lern bezahlt werde. Dieser Aufschlag soll auf die Kon­sumenten übertragen werden.