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Gießener Zeitung

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Nr. 9L

Telephon: Nr. 362.

Mittwoch Den 19. April 1911

Telephon: Nr. 362. 23. 3^^9»

Schul- und Jugend-Sparkassen.

Wohl in keiner Zeit hat der Rus nach Jugendschutz und Jugendfürsorge solchen Widerhall gesunden in den Herzen wahrer Jugendfreunde, wie in unseren Tagen. Autzerhalb der Schule hat die Jugendschutzbewegung mächtig und verheißungsvoll eingesetzt. Die grohe Not, sie fordert große Arbeit! Jugendschutzvereine bilden sich allenthalben; ihr Wirken trägt reichen Segen. Da will auch die Schule nicht zurückbleiben. Unsere Lehrerschaft ist nicht nur in den Jugendvereinen in hervorragender Weise tätig, sondern sie hat, namentlich in den letzten Jahren, einer sozial-praktischen Einrichtung ihr Interesse zugewandt, welche als eines der wirksamsten Mittel der praktischen Jugendfürsorge sich erwiesen hat. Es sind dies die Schul- und Jugendsparkassen. Sie bezwecken die Bekämpfung der Vergnügungs- und Verschwen­dungssucht und die konsequente Pflege des Sparsinns durch früheste Gewöhnung. Groß sind die erziehlichen ^ nirWfthd)en Erfolge dieser Jugendsparkassen. Allenthalben berichten die Lehrer von dem segensreichen Einfluß, den diese Einrichtung aus die Charakterbildung ausübt. Die Stimmen der Gegner, welche allerlei the­oretische Bedenken in Einwände geltend machten, ver- stummen mehr und mehr. Es ist erwiesen, daß in der Prärie von all diesen vermeintlichen Mängeln u. Schä­den sich nichts gezeigt hat. Meistens stützten sich die Gegner aus einzelne Vorfälle und Auswüchse und ver­allgemeinerten diese.

Nachdem der Lehrer Reinirkens, Essen-Ruhr die Be­urteilungen von über 1000 Lehrpersonen eingeholt und veröffentlicht hat, welche seit längeren Jahren Schulspar- kassen führen, sind die Stimmen der Gegner verstummt.

Die Regierungen sind auch aus ihrer abwartenden Stellung hervorgetreten und bekunden ihr Interesse an der Wohlfahrts-Einrichtung dadurch, daß sie in den Re- visionsberichten der Kreisschulinspektoren die Frage aus­genommen haben: Bestehen an der Schule Schulspar­kassen und wie haben sich diese bewährt.

Nachdem durch den Lehrer Reinirkens-Essen ein ver- einsachtes Markensystem erfunden und seit längeren Jah­ren praktisch erprobt wurde, hat sich die Zahl der Schul­sparkassen bedeutend vermehrt. Dieses praktische Spar­system ist in über 1100 Städten und Landgemeinden eingeführt worden. Im verflossenen Jahre sparten da­nach 210 737 Schulkinder. Die Sparsumme belief sich auf rund 3% Millionen Mark. Die Kosten der Ein­richtung sind sehr gering. Dieselben betragen für jede Schulklasse nur 1,40 Mk. Die zur Verwendung kom­menden Marken werden in jeder Menge zu 20 Pfennig das Tausend geliefert.

Da mit Beginn des neuen Schuljahres manche Leh­rer Neugründungen beabsichtigen, versendet der Erfinder an Behörden und Lehrpersonen und Geistliche unent - geltlich seine 64-seitige Broschüre, welche reichhaltiges Material und genaue Geschästsanweisung enthält.

Die Schrift behandelt auch die Einrichtung von Spar­kassen für Fortbildungsschulen und Jugendvereine. Hier­für kommt ein äußerst einfaches Quittungssystem zur Anwendung, welches weiteste Verbreitung und gün­stigste Beurteilung erfahren hat.

Mögen die Bestrebungen der deutschen Lehrerschaft, die durch Einrichtung von Schul- und Jugendsparkassen freiwillig eine Mehrarbeit übernimmt, die Anerkennung und tatkräftige Unterstützung maßgebender Kreise finden. Möge unsere Jugend so geleitet und erzogen werden, wie zu Sparsamkeit und Fleiß, so auch zu Mäßigkeit und Ordnungsliebe, zu wirtschaftlicher Strebsamkeit und Gemeinsinn, zum Wohltun von dem Ersparten und zur Dankbarkeit.

Achte das Kleine nicht klein,

Es bewahrt die Keime des Großen.

Pfennig auf Pfennig gespart Türmt sich zum silbernen Berg.

Ist uns die Jugend gewonnen zu emsigem Sparen,

Lebt in der Zukunft gewiß,

Froh ein zufriedenes Volk.

ZuFCagMtTcaÄ

Die deutsche Tabakindustrie sollte sich, wie die Regierungsvertreter und die Konservativen jüngst in der Budgetkommission des Reichstages behaupteten, von der Steuer nahezu wieder erholt haben. Das ist, wie das Zentralorgan der deutschen Tabakindustrie, die in Mannheim erscheinendeSüdd. Tabakzeitg." behauptet, grundsalsch! Die Verhältnisse liegen dort vielmehr nach wie vor höchst unerquicklich. Genanntem Blatte gehen aus Westfalen in dieser Hinsicht bemerkens­werte Mitteilungen zu, denen wir das folgende ent­nehmen:

Die Firma N. N. in T., eine der bekanntesten und patentesten Zigarrensabriken in Deutschland, hat sich genötigt gesehen, eine seit 38 Jahren gesührte Fi­liale eingehen zu lassen. Und das, obwohl der In­haber der Firma die feste Absicht hatte, infolge der neuen Steuer keine Arbeiter zu entlassen! Aber die Verhältnisse sind eben stärker als der beste Wille. In Westfalen geht es der Zigarrenindustrie wieder ganz schlecht. Die Läger sind voller als vor der Steuer, die Arbeiter sind auf Stückzahl beschränkt und mehrere Fabriken mußten Feiertage einlegen. Die Ta- baksabrikanten haben sich geirrt, wenn sie glaubten, die Raucher würden bei der alten Sorte zu entspre­chend höheren Preisen bleiben. Vielmehr sind die alten Einkaufspreise geblieben und das Publikum verlangt neue, insbesondere große Fassons, zu denen viel Ta bak gebraucht wird. Daher die größere Einfuhr! Doch ist die Qualität der Zigarren infolge dec Steuer und der hohen Tabakpreise eine wesentlich schlechtere geworden."

So liegen die Dinge und deshalb sind die schönsär- berischen Darstellungen der an der neuen Tabaksteuer Schuldigen so deplaziert wie möglich.

Hu$ Siads und Cand.

Gießen, den 19. April 1911.

* Gießen. Das Ministerium läßt soeben in den Städten des Grohherzogtums, bei Industriellen und Ge­schäftsinhabern, Erhebungen über die Lagerungen von Gegenständen anstellen, die aus Celluloidmasse angefertigt sind. Grund dieser Erhebungen sind die in der jüngsten Zeit mehrfach ausgebrochenen Brände, bei denen Celluloid eine Rolle spielte. Durch die Er­hebungen soll Material gesammelt werden als Unterlage für eventuell zu erlassende Bestimmungen über die Auf­bewahrung von Gegenständen aus Celluloidmasse.

* Eine neue Eilzugverbindung durch das Edertal von Altenbecken über Warburg Marburg- Gießen nach Frankfurt a. M., die bekanntlich von der Eisenbahndirektion Kassel mehrfach abgelehnt worden war, ist jetzt in den neuen amtlichen Fahrplänen einge- fügt. Ferner ist durch Beschleunigung eines Zuges der Strecke MarburgWarburg um 1 Stunde die nachste­hende neue Verbindung von Frankfurt a. M. auf die­ser 72 Kilometer kürzeren Strecke hergestellt.

Frankfurt

ab

12«8

Gießen

an

1 20

ab

1 29

Marburg

an

155

ab

2°4

Warburg

an

5"

M

ab

617

Altenbeken

an

655

ff

ab

744

Hameln

an

8"

Ferner ist durch Beschleunigung des Zuges 476 War­burg ab 10.39, der für die Folge in Marburg statt 2.49 schon 2.22 eintrifft, ein Anschluß an den D-Zug 2.30 nach Kassel hergestellt.

* * Gießen. Die hiesige Kaufmännische Fach­schule nimmt am 26. April, nachm. 2 Uhr, ihren Un­terricht für das neue Schuljahr auf.

* * Gießen. Der Hess. Landesgewerbe­verein feiert in diesem Jahre sein 75jähriges Be - stehen und wird dazu eine Denkschrift herausgeben.

-w- Gießen, 18. April. Bei der an den beiden Osterfeiertagen in Kinzenbach stattgesundenen Ge­flügel- und Kaninchenausstellung erhielten u. a. Preise: W. Georg-Gießen, Zimmermann-Großen-Linden, Vieh­mann-Kinzenbach, Schmidt-Kinzenbach, Franz-Lützellin- den, Henkel-Krofdorf, Rau-Wieseck und Deuker-Rodheim.

-a- Gießen. Der diesjährige Verbandstag Hess. Privat-Architekten fand am 9. und 10. April hier statt. Aus dem Jahresbericht ist zu entnehmen, daß die Mit- gliederzahl gestiegen, und die Bestrebungen des Ver - bandes erfreulicher Weise weitgehende Förderung von allen Seiten gefunden haben. Die Nebenarbeiten der Baubeamten wird von allen Kollegen als eine sehr drückende Konkurrenz empfunden. Es steht zu hosten, daß auch hierin langsam Wandel geschaffen wird, denn auch der Staat wird nicht verkennen, daß Abhilfe hierin in seinem eigensten Interesse liegt. Manch weitere wich­tige Angelegenheiten interner und künstlerischer Natur kamen zu eingehender Erörterung. Das Ergebnis war in allen Punkten ein sehr befriedigendes und wurden die Beschlüsse bei lebhafter Beteiligung mit großer Einmü­tigkeit gefaßt. Anschließend an die Tagung fand im Bei­

sein hoher Behörden rc. die Eröffnung der 2. Wander- Ausstellung statt, welche aus allen Landesteilen reich beschickt und sehr sehenswert ist.

* Gießen, 19. April. Das Jubiläum ihres 25jährigen Bestehens begeht Ende August die Sektion Gießen des Deutschen und österreichischen Alpenvereins. Die Vereinigung plant die Erbauung einer Gießener Hütte in den Alpen. 10 000 Mk. sind von den Mit - gliedern bereits zur Verfügung gestellt. Der Dünsberg- verein hat jetzt für seine Anlagen aus dem Gipsel des Dünsberges die Wirtschaftserlaubnis erwirkt und wird diese Sonntags regelmäßig ausüben lassen. Am 25. Juni veranstaltet der Verein aus dem Dünsberg eine größere Sonnenwendfeier, die von nun an all­jährlich stattfinden soll.

-e- Wetzlar, 19. April. Große Aufregung herrscht in Biebrich a. Rh. wegen der Verlegung der Unteros- fizierschule nach hier. Die Biebricher Gemeindeverwal­tung hat alle Anstrengungen gemacht, die Schule zu be­halten, aber bisher waren alle Bemühungen vergebens. Wie verlautet, will Biebrich nun beim Kriegsministe­rium und wenn nötig, beim Kaiser selber vorstellig wer­den, damit die Unteroffizierschule nicht verlegt werde.

-m- Friedberg, 19. April. Am 2. Osterseiertage fand hier eine stark besuchte Katholiken-Versammlung statt. Zweck derselben war eine Demonstration gegen die Los von Rom-Bewegung.

* Friedberg. Das Zarenpaar trifft bereits, wie aus zuverlässiger Quelle verlautet im Juli zu längerem Aufenthalt ein. Während des Aufenthal­tes wird der Zar nach einer Visite des Kaisers in Fried­berg einen Besuch bei Kaiser Wilhelm auf Schloß Wil­helmshöhe abstatten, um dort auch mit dem Oheim des Königs von England, dem Prinzen Arthur von Con- nought zusammenzutreffen.

* Alsfeld. Unser Stadtvorstand beschloß mit dem Neubau eines Volksschulgebäudes bald nach Ostern zu beginnen.

* D a r m st a d t, 18. April. Am Ostersonntag nachmittag stürzte die eiserne Dachkonstruktion der neuen Bahnhosskuppelhalle ein. Verletzt wurde glücklicherweise niemand. Der Materialschaden ist bedeutend.

-l- Oberbiel, 19. April. Pfarrer Allmenröder tritt am 1. Juli in den Ruhestand.

* D a r m st a d t. (Vom Flugplatz.) Prinz Heinrich von Preußen unternahm in Gegenwart des Eroßherzogs und der Großherzogin und der Prinzessin Heinrich von Preußen auf einer Eulerflugmaschine meh­rere sehr schöne Flüge. Es wurden viele Passagier­slüge ausgeführt. U. a. nahm Euler den ältesten Sohn des Prinzen Heinrich, Sigismund, als Passagier mit in die Luft.

* * D a r m st a d t. Für Oberbürgermeister Dr. Gläs- sing, der bekanntlich sein Amt als Landtagsabgeordne- ter mederlegte, soll Prof. Dr. Neßling als Kandidat ausgestellt werden. Neßling gehört der nationalliberalen Partei an.

Stimmen aus dem Publikum.

Unter dieser Rubrik finden Zuschriften aus dem Leserkreise Aufiiahme, selbst wenn die Redaktion die darin ausgesprochenen Ansichten nicht vertritt.

Aus Lützellinden erhalten wir folgende Zu­schrift:

Die Frage:Was kostet die Erhaltung eines Hun­des?" dürfte gewiß für viele Hundebesitzer und beson­ders für manche Hausfrauen nicht uninteressant sein. Wir bringen zur Erhaltung eines Hundes als tägliche Ausgabe im Mittel 5 Pfennige in Anschlag, das macht in einem Jahre 18.25 Mk.; an Steuer 5 Mk., in Sum­ma 23.25 Mk., sagen wir rund 23 Mk. Diese Summe 15 Jahre lang jährlich ausgegeben, macht mit Zins und Zinseszinsen, zu 3.75 Proz., 469 Mk. aus. Wer diese Summe nicht ausgibt, sondern sie auf einer Spar- und Darlehenskasse anlegt, hat nach weiteren 10 Jahren die Summe von 678 Mk. erspart. Hieraus ergiebt sich die Tatsache, daß, wer sich die Mühe gibt und 15 Jahre lang täglich 6,3 Pfennige spart, nach 25 Jahren eine jährliche Einnahme an Zinsen von 25.42 Mk. sichert.

Literarisches.

Die Sensation der Mode, der Hosen­rock, hat nun auch seine fachliterarische Behandlung ge­funden. Unter dem Titel: Der Hosenrock in Wort, Bild und Schnitt erschien soeben im Verlag des bekannten Modeinstitutes, Internationale Schnittmanufaktur, Dres- den-N. 8, ein reich illustriertes Schriftchen (Preis 50 Pfennig), welches sich die Aufgabe gestellt hat, in den Wirrwarr des Für und Widers dieser vielbesprochenen Kleidersorm einige Klarheit zu bringen.