Gießener JeiLnng
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Erscheint
jcdcn Werktag früh. — Die ^Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: Seltersweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin $t lcin & Ctto Fischer.
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei^
des Großherzoglichen
l/Polizei-Amtes
sowie vieler anderer <WM> Behörden Gberhessens Expedition: Seltersweg 83
(HauS Brüder Schmidt.)
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Gcsamtleitnng : Albin SUciu.
Nr 16
Telephon: Nr. 362.
Donuerstaq den 19. Januar 1911
T elephon: Nr. 362.
23 JalM
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Der Verlag.
Die Revolution im Schlafrock.
Der Wortführer der Sozialdemokraten in der D u - tenhofener christlich-sozialen Versammlung am letzten Sonntag, Herr Habich t-Franksurt a. M. (Kandidat für Limburg), behauptete, daß sich die von den Sozialdemokraten angestrebte Revolution sehr fried- l i ch vollziehen solle. Niemand dächte dabei an Gewalt. Also es solle so eine Art Revolution werden, die sich gemütlich im Schlafrock und bei langer Pfeife vollzieht. Dieser Sozialdemokrat scheint, trotzdem er Reichstagskandidat ist, nicht recht zu wissen, wo in der Sozialdemokratie „Batelt den Most holt". In den m a ß- gebenden Greifen der Sozialdemokratie denkt man erheblich anders darüber. Der soz.-dem. Abgeordnete Dr. Liebknecht ließ 1910 seine New-Yorker Rede in dem Ausspruch gipfeln: „Die Kaiserkrone wirdin Deutschland bald weggeblasen, wie in Portuga l." Die Revolution in Portugal vollzog sich bekanntlich mit Gewalt und Blutvergießen und ist noch nicht überwunden. Abg. Bebel sagte 1903 aus dem Parteitage: „Ich will der Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und dieser Staatsordnung bleiben, um sie in ihren E r i st e n z b e - dingungen zu untergraben, und sie, wenn ich kann, beseitigen. — ---Unsere ganze Tätigkeit geht darauf hinaus, die Entwicklungspha- sen abzukürzen, um die s o z i a l i st i s ch e Gesellschaft herbeizuführen". Der Herausgeber der nachgelassenen Schriften von Karl Marr, der sozialdemokratische Führer Franz Mehring schreibt: „Die deutsche Sozialdemokratie nährt und schürt in den Herzen und Köpfen der Arbeiter die Revolution. In jedem feier - lichen Augenblick seines Lebens hat Marr an die Gewalt appelliert; so im Kommunistischen Manifest: „Unsere Zwecke können nur erreicht werden durch den gewaltsamen Umsturz der bisherigen Gesellschafts - ordnung"; so im Kapital: „Die Gewalt ist die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht"; so aus den Haager Kongresse der Internationalen Arbeiterassoziation: „An die Gewalt wird man appellieren müssen, um die Herrschaft der Arbeiter zu etablieren". Ein Führer der Frankfurter Genossen, Herr Wendel, hat am 1. September 1910 eine „historische" Rede in Frankfurt a. M. gehalten, worin er die schändliche M ö r d e r e i der französischen Revolutionäre 1789, bei der es einfach hieß „Kopf ab !", als „richtig" lobend hervorhob, sodaß im Lande naheliegende Konsequenzen daraus geschlossen wurden. Ferner am 24. August 1910 schrieb das Zentralorgan der soz.-dem. Partei gegenüber dem Revisionisten Kolb: „Seinen sonderbaren Marxismus, der ihn nur die eine Seite der Marrschen Lehre, den großen Gedanken der gesetzmäßigen Entwickelung sehen läßt, während er blind vorübergehl an d e n Stellen, wo von der Gewalt als der Geburtshelferin jeder neuen Gesellschaftsordnung die Rede ist, wollen wir beiseite lassen." — Das sind doch sehr deutliche Beweise fünden Willen zur blutigen Revolution. Wenn sich die Sozialdemokraten im Lande so lammfriedlich stellen, so ist es neben der blassen Furcht vor den Kleinkalibrigen der heutigen die Staatsordnung schützenden Regierungsgewalt, vor allen, um mit Bebel zu reden, das „Komödienspiel der Sozialdemokratie", mit dem „das Gewissen des Volkes getäuscht werden" (nach Vollmar) soll. Eine Partei, die in so unaufrichtiger Weise die Wähler über ihr eigentliches Wesen, Wollen und Ziele täuscht, kann keinen Bestand haben. Der alte Bebel hat recht, wenn er die Methode der politischen Rotztäuscherei so charakterisierte: „Nur Ruhe, Ruhe! Kein Geräusch gemacht, bei Tage nid)! und nicht bei der Nacht! Wir mogeln hinter verschlossenen Türen, wir werden die Sache schon zu deichseln
wissen"; und dann in Zornesaufwallung darüber ausbrauste: „Donnerwetter, wenn es so weiter geht, dann ist das die alte Sozialdemokratie nicht mehr, dann werden wir zum Gespött der Gegner, dann ist es wirklich sehr weit gekommen." Es ist wirklich wahr, daß es mit dem Agitationskomödienspiel der Sozialdemokraten sehr weit gekommen ist. Und dieses Komödienspiel geht auf Kosten der Arbeiter, die in politischer Unaufgeklärtheit den falschen Sirenengesängen der sozialdemokratischen Agitatoren Glauben schenken.
Franz Behrens, Mitglied des Reichstages.
Reicbstaflswablvorbereitunaen.
(*) Gießen, 17. Jan. Gestern abend fand hier eme gemeinsame Sitzung der Vorstände der n a 1 i o- nalliberalen und der freisinnigen Par - t e i statt. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, der Vertrauensmännerversammlung der Nationalliberalen vorzuschlagen, die Kandidatur Gisevius zurück- z u z i e h e n und als Kandidaten den Professor Biermann aufzustellen, für den dann auch die Freisinnigen eintreten würden. — Jetzt ist die Marschroute für die anderen bürgerlichen Parteien nun gegeben. Der Bund der Landwirte, dessen Mitglieder zum Teil für Gisevius eintreten wollten, wird jetzt geschlossen für den deutsch-sozialen Oberlehrer Dr. Werner ein- treten.
* Worms. Die Nationalliberalen haben wieder den Freiherr v. Heyl v. Herrnsheim als Reichstagskan- didaten ausgestellt.
* Ziegenhain. Als Kandidat der Fortschrittl. Volkspartei für den Reichstagswahlkreis Homberg-Fritz- lar-Ziegenhain ist Handelskammersyndikus Dr. Laporte- Göttingen ausersehen.
( *) Bensheim. Die Sozialdemokraten haben wieder ihren früheren Reichstagskandidaten Hasenzahl aufgestellt. Da die Nationalliberalen wahrscheinlich ihren Geheimrat Haas aufstellen, während von christlich-sozialer Seite Stadtv. Rippel-Hagen zum Kandidaten erwählt wurde, treffen sich bei der kommenden Wahl dieselben Gegner wieder wie 1907.
Lokal-Nachrichten.
Gießen, den 19. Januar.
( *) Gießen. Die Vorbereitungen für die Haupttagung der Allgemeinen evangelisch-lutherischen Konferenz in Upsala sind soweit ge - diehen, daß demnächst das Programm der Verhandlungen bekannt gegeben werden kann. Der Zusammen - schluß der Lutheraner, früher ein ferngerücktes Ideal, ist, wenn auch noch nicht vollendet, so doch bereits zu einer realen Tatsache geworden. Alle Anfragen oder Anmeldungen zur Teilnahme an der Konferenz in Upsala sind zu richten an das Sekretariat der Allgem. ev.-luth. Konferenz in Miltitz bei Meißen.
(*) G i e ß e n. Die Fabrik V ä n i n g e r hat gegen die • zu hohe Heranziehung zu den K a n a l g e b ü h - r e n beim Kreisamt Rekurs erhoben, da sie der Ansicht ist, daß nur von dem Flächeninhalt der Gebäude zuzüglich Einfahrt und Anschlußgleis Gebühren zu erheben seien. Am letzten Samstag beschäftigte sich der Provinzialausschutz mit der Angelegenheit, der zu Recht erkannte, daß die Firma für 1910 nur insoweit zur Kanalgebühr heranzuziehen sei, als der ihr gehörige Grundbesitz als Fabrikhofreite in Betracht kommt. Die Kosten des Verfahrens sowie eine Verhandlungsgebühr von 25 Mark hat die Stadt Gießen zu tragen.
* Friedberg, 15. Ian. In der gestrigen Kreistagssitzung wurde Rechtsanwalt Dr. v. Hobmolt- Friedberg zum Kreisausschußmitglied gewählt, anstelle des verstorbenen Freiherrn von Leonhardi-Großkarben.
* Nieder-Seemen. Die Gemeinde, die im vorigen Jahr ein neues Schulhaus erbaut hat, hat nun auch den Bau einer Wasserleitung beschlossen. Die Arbeiten werden durch den Bauunternehmer Hardt aus Lauterbach ausgesührl.
* Wetzlar. Von Seiten des Dombauvereins ist dem bei der Baufirma Robert Schneider hierselbst beschäftigten Polier Walter Thorn als Erinnerung an die Einweihung des Domes eine goldene Uhr mit Kette übergeben worden.
( * ) W e tz l a r. Der Taunusklub hat eine Touren-Aenderung beschlossen und zwar wird im Februar eine Tour in den Schöffengrund und im April i je eine Tour in das Weschnitztal und in den Hütten - berg unternommen. Der Verein zählt jetzt über 150 Mitglieder.
( *) Wetzlar. Unser neuer Bahnhof kostet insgesamt 3 940 000 Mark. Für 1911 sind außer den von 1906—1910 bewilligten 2 500 000 Mark weitere 500 000 Mark im Etat eingesetzt.
— Wetzlar. Bis morgen müssen die Steuererklärungen von Einkommen von mehr als 3000 Mark eingereicht sein.
— Wetzlar. Schon jetzt werden Vorarbeiten unternommen, um die in 1915 stattfindende 100jährige Zugehörigkeit der Rheinprovinz zu Preußen festlich zu begehen. In unserer Stadt wird das Jahr auch nicht so klanglos vorübergehen.
§ Kirtorf. Nachdem unsere Gemeinde nachgewiesen hat, daß laut Quittung an die Gemeinde Ober- Gleen die zuerkannte Entschädigung bezahlt worden ist, wurde letzten Samstag vom Provinzialausschuß die Enteignung des Rechts der Röhrenverlegung in der Gemarkung Ober-Gleen ausgesprochen.
* Marburg, 17. Ian. Die Marburger und die Gießener Burschenschaften veranstalteten heute nachmittag anläßlich des 40jährigen Gedenktages der Gründung des Deutschen Reiches im Anschluß an einen Umzug durch die Stadt einen Festkommers in den Stadt- sälen. — Die bei dem Familienzwist in Neustadt verletzte Frau Keßler ist in der hiesigen Klinik gestorben.
* N e u st a d 1 (b. Marburg), 16. Ian. Heulenacht überfiel der Maurer Keßler in der Wohnung seinen verheirateten Sohn und seine Schwiegertochter im Bett und gab mehrere Nevolverschüsse auf beide ab. Der junge Keßler erhielt einen Schuß in den Kopf und in das eine Schulterblatt, während die Frau einen Schuß in den Unterleib davontrug. Beide wurden schwerverletzt in das Marburger Krankenhaus gebracht. Der Täter ist flüchtig gegangen. Man glaubt, daß er in angetrunkenem Zustand gehandelt hat.
* Marburg. Das Eisenbahnkomitee für den Weiterbau der Kreisbahn Marburg-Dreihausen hat beschlossen, die Fortführung nach der Station Mücke an der oberhessischen Eisenbahn energisch zu betreiben. Die neu zu bauende Strecke ist ungefähr 25 Kilometer lang.
§ I l b e n st a d t. Ein in unserer Gemeinde wohnhafter Arbeiter Lucas war nur einige Tage zu Bruchenbrücken in Arbeit, wurde dann krank und mußte im Bürgerhospital zu Friedberg verpflegt werden. Die Verpflegungskosten belaufen sich aus 219,80 Mk. Da unsere Gemeindeverwaltung der Ansicht war, daß die Krankenkasse zu Bruchenbrücken die Verpflegungskosten zu zahlen habe, wurde die Angelegenheit vor dem Provinzialausschuß verhandelt. Derselbe hat nun m seiner am letzten Samstag stattgefundenen Sitzung beschlossen, daß Ilbenstadt doch diese Verpflegungsgelder zu zahlen hat.
* D a r m st a d 1. Der frühere langjährige Direktor der Kgl. Lehranstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau zu Geisenheim a. RH., Landesökonomierat Goethe ist hier nach kurzem, schweren Leiden im 68. Lebensjahre gestorben. Der deutsche Obstbau verliert in dem Verstorbenen einen seiner eifrigsten und verdienst - vollsten Förderer.
* D a r m st a d t, 17. Jan. Ermordet ausgesunden wurde heute früh im Hause Bessungerstraße 86 die achtjährige Susanne Traub. Diese wurde seit Montag vermißt und heute früh durch einen Polizeihund in einem Sack aus dem Boden des. Hauses gesunden.
* Mainz. Die beiden Präsidenten des Mainzer Karnevals, die Herren Dr. Reen und Glotzbach, hatten gestern eine Audienz beim G r o ß h e r z o g, um ihn zu einer Herrensitzung sowie zum Rosenmontags-Zuge einzuladen. Der Großherzog hat sein Erscheinen in Aussicht gestellt.
§ Hungen. Der hiesige Schlossermeister Otto E b e r s o h n hatte einen Lehrling nach 2% jähriger Lehrzeit k. H. entlassen und die Ausstellung eines ordnungsmäßigen Zeugnisses verweigert. Der Vater des Lehrlings wandte sich an die Handwerkskammer nach Darmstadt und nun stellte sich heraus, daß Ebersohn überhaupt keinen Lehrvertrag abgeschlossen hatte. Auf eine Anfrage der Kammer, warum er den Lehrling entlassen habe, gab er keine Antwort, so daß diese schließlich sich genötigt sah, bei Er. Kreisamt Gießen Antrag auf Entziehung der Befugnis zum Anteilen von Lehrlingen zu stellen. Das Kreisamt entsprach diesem Antrag auf Grund von Ermittelungen, die insbesondere auch ergaben, daß der fragliche Lehrling sehr viel zu Hausarbeiten, landwirtschaftlichen Verrichtungen 2c.,verwendet worden war. Ebersohn verfolgte Rekurs an den Provinzial-Ausschutz, der zwar von einer Entziehung der fraglichen Befugnis absah, aber die Erwartung aussprach, daß Ebersohn für die Folge seinen gesetzlichen Verpflichtungen mehr wie seither nachkomme. Die^ Ko- (Fortsetzung folgt aus der 4. Seite.)