Gießener Jeiinng
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Nr, 166
Telephon: Nr. 362.
Dienstag, den 18. Juli 1911.
Telephon: 9k. 362.
-3. Jahrg
Vie mecklenburgische Uertalfungsirage.
In Rostock waren dieser Tage die Angehörigen der mecklenburgischen Ritterschaft zusammengetreten, um sich mit der Bersassungssrage zu beschäftigen. Schon mehrere Jahre tobtt im Lande der Obotriten der Kampf um die Verfassung, ohne daß die Dinge inzwischen auch nur einen Schritt vorwärts gekommen wären. Mehr als einmal ist die staatsrechtliche Situation in Mecklenburg auch im Reichstage zur Sprache gekommen. Die Unhaltbarkeit der Verhältnisse wurde aber auch in mecklenburgischen Regierungskreisen selbst empfunden, und so kam jener Erlast der beiden Großherzöge zustande, in dem das Versprechen gegeben wurde, den beiden Ländern baldigst eine Verfassung zu geben, der Landtag sollte sich, wenigstens zu einem Teil, aus Vertretern zusammensetzen, die aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen sind. Man hatte aber die Rechnung ohne die Ritter - schaft gemacht, die seit Jahrhunderten weitgehende Rechte besitzt, und die in ihren Privilegien keine Zurücksetzung wollte, ^m großen und ganzen war das, was gewährt wurde, nicht allzuviel, man hatte bei Aufstellung der Vorlage auf den Standpunkt der Ritter in weitestem Maste Rücksicht genommen, aber von dieser Seite wurde dem ganzen Plane der allerschärfste Widerstand entgegengesetzt; die Vorlage scheiterte, ebenso ein späterer neuer Versuch, die von den besten Absichten beseelte Regierung war unter diesen Umständen machtlos, zumal sie aus begreiflichen Gründen von einer Aufoktroierung der Verfassung Abstand nehmen zu müssen glaubte; gleichwohl aber ruhte die Regierung nicht, in ihren Bemühungen etwas zustande zu bringen, und auch neuerdings hörte man von der Absicht, es noch einmal zu wagen. Die Ritter sind aber in ihrem Widerstande keineswegs erlahmt. Man berief einen Konvent nach Rostock, und daß man in diesen Kreisen durchaus nicht mürbe geworden ist, beweisen die in jener Versamm - hing gefaßten Beschlüsse. Diese bezeugen auf das Deutlichste, daß man seitens der mecklenburgischen Ritter - schaft eine Volksvertretung überhaupt nicht will, denn ein Punkt der angenommenen Resolution verlangt ausdrücklich Ausschluß allgemeiner Wahlen, zu welchen die breite Masse der Bevölkerung hinzugezogen wird. Ebenso ist es eine seltsame Forderung, wenn die Herren verlangen, daß irgendwelche Verfassungsänderungen nicht vorgenommen werden dürfen, wenn auch nur eine der drei im Landtage vorhandenen Gruppen ihr Veto einlegt. Diese und die übrigen Punkte erinnern fast an die Zeiten des Feudalismus, und man sollte nicht glauben, daß etwas derartiges im Jahre 1911 möglich wäre. Mit einem solchen Auftreten schaden sich die Herren nur selbst, und es könnte vielleicht eines Tages doch dahin kommen, daß die maßgebenden Kreise von einem Ra- dikalschritt nicht mehr zurückschrecken. Auch in Mecklenburg kann man sich schließlich den neuen Zeiten auf die Dauer nicht entgegenstellen.
Die Lage des Brbeitsmarktes in Reffen und kessen Nassau im Juni iyn.
M. A. F r a n k s u r t, 18. Juli.
In der M e t a l l i n d u st r i e ist die Beschästi- gungsgelegenheit eine gute gewesen, doch waren im Verbandsgebiet mehrere Streiks und Lohndifferenzen zu verzeichnen. Das Schmiedehandwerk war besonders gut beschäftigt und konnten nur die Hälfte der offenen Stellen besetzt werden. Der Hauptort der Portefeuil- l e i n d u st r i e Offenbach a. M. meldete einen besseren Geschäftsgang, der teilweise Verlängerung der Arbeitszeit brachte. Aus der Industrie der Holz- und Schnitzstoffe sind, mit wenigen Ausnahmen, nur günstige Berichte eingelaufen. Die Zigarrenind u- st r i e hat sich von der Tabaksteuer immer noch nicht erholt. In Gießen wurden 2 Fabriken geschlossen, und die meisten anderen Fabriken arbeiten mit Ver - kürzung von 12—16 Stunden pro Woche. Bei den Metzgern konnten besonders in den großen Städten verhältnismäßig viele offene Stellen nicht besetzt werden, was auf die alljährlich in den Sommermonaten eintretende rege Wanderlust der Gesellen zurückgeführt wird. Die Konservenfabriken stellten, wie alljährlich um diese Zeit, viele weibliche Arbeitskräfte ein. Die Schuhfabri- k e n waren auch im Berichtsmonat sehr gut beschäftigt und muhten z. V. in Offenbach a. M. teilweise Ileber- stunden gemacht werden. Die Kunstseidefabriken in der Umgegend von Frankfurt stellten Arbeiterinnen em, wie Langen berichtet. Bei den Friseuren und Barbieren wurden in Frankfurt a. M. für Samstags und sonntags zahlreiche Aushilfen verlangt. Nur aus Mainz
wird ein Abfüauen im Bekleidungsgewerbe gemeldet, ^n Offenbach a. M. ist in einer Gummifa brif Streik wegen Lohndifferenzen ausgebrochen.
Aus dem Baugewerbe lauten die Nachrichten, besonders aus den SUeinftäbten, wie Bingen, Rüdes heim a. RH., ungünstig. Im Buchdrucker-Gewerbe war der Geschäftsgang noch weiter flau. Die Lage im G a st- und Schankwirtschafts-Ge- werbe wurde durch die ungünstige Witterung im Berichtsmonat sehr beeinträchtigt. Sowohl vom platten Lande wie von den Klein-, Mittel- und Großstädten wird eine rege Vermittlungstätigkeit l an dw irisch. Arbeiter gemeldet. Es wird immer noch geklagt, daß viel mehr Stellen hätten besetzt werden können, daß aber die Arbeitsuchenden sehr oft nicht zu vermitteln wären, teils weil ihnen die nötigen Kleider fehlten, teils weil sie die verlangte Arbeit nicht leisten können' Aus den Weinbaugegenden wird sehr gute Arbeitsgelegenheit, hauptsächlich für weibliche Personen, gemeldet, da zur Zeit das Absuchen des Heu- und Sauerwurmes vorgenommen wird. Auf dem weiblichen Dienstbolenmarkl übersteigt nach wie vor die Nachfrage das Angebot, nur in Wiesbaden machte sich ein Ueberangebot von jungen Mädchen bemerkbar, die infolge der Reisesaison nicht alle untergebracht werden konnten.
Hus Stadt und land.
Gießen, den 18. Juli.
* Erledigte Lehrer st ellen. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Obbornhofen, Kr. Gießen. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Fürsten zu Solms-Braunfels steht das Präsentations - recht zu. Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Schulstelle zu U l r i ch st e i n.
* Bei der 5. Regatta des Lahn -Regatta-Verbandes siegte die Gießener Rudergesell- schast im Junior-Vierer und Lahn-Vierer. Gegner waren in beiden Rennen der Limburger- und Weilburger Ruderverein.
* Die Prüfung im Hufbeschlag haben bestanden Wilh. L u h-Großen-Linden, Ludwig D o l l- Steinheim, Wilhelm G ö r l a ch-Eberstadt und Wilhelm R e i) s ch m i d 1-Lumda.
* 5 0. Jubiläums-Aus st ellung der oberhessischen Bienenzüchter. Der Verein wurde im Jahre 1860 in Gießen gegründet. Ihm gehören heute 24 Zweigvereine an und zwar Alsfeld, Lumdathal, Vilbel, Gießen, Friedberg, Butzbach, Mücke, Bad-Nauheim, Hungen, Büdingen, Kirtorf, Altenstadt, Reichelsheim i. W., Gedern, Grünberg, Hitzkirchen, Lauterbach, Engelrod, Nieder-Moos, Homberg, Nidda, Schlitz, Schotten und Heldenbergen. Die Zahl der im Vereinsgebiet vorhandenen Bienen betrug nach der Statistik von 1907 10 654 Völker. Die Prämiierung hatte hatte folgendes Ergebnis: Für Honig wurden vergeben an den Verband des Schlitzer-Landes der Ehrenpreis, ferner erhielten 2. Preise Pfeiffer-Launsbach, H.
Roth-Langgöns, Runk-Okarben, Runtel-Oppenrod und Bauer 2,-Eietzen. 3. Preise wurden zuerkannt: Köhler- Pohl-Eöns, Renker-Erebenheim, Klein-Eschenrod, Butz- Wetzlar, Kraft-Eietzen, Döll-Wieseck und Weitz-Schotten. Es wurden noch für Honig 10 vierte Preise und 12 Anerkennungen verliehen. Für Bienenvölker wurden verliehen: 1. Preise Schmidt-Eietzen und Köhler - Pohlgöns, 2. Preise Pfeiffer-Launsbach und Kraft in Eietzen, 3. Preise Handloser-Eietzen, Kelk-Eedern, Rahn- Rudingshain und ftumpf-Siefeen; ferner wurden fünf Anerkennungen verliehen. — Für Königinnen- zucht erhielt Kumps-Erünberg 1. Preis, Pfeiffer in Launsbach 2. Preis, Hübner-Nidda und Noll-Eietzen je 3. Preis. — Für Bienenwirtschaftliche E e- r ä t e ec. erhielten Ehrenpreise Schminke-Sachsenbug, L. Hübner-Nidda; Medaillen: Keek-Eedern, Scibert- Eötzen, Weinert-Butzbach, Butz-Wetzlar, Karl Reetz Nachf.-Frankfurt a. M. und Bolle-Treiha. — Für beste Gesamtleistungen wurden Ehrenpreise zuerkannt N o l l- Eietzen (Erotzherzogspreis), Bezirksverein Schotten, Ilmsel-Hirzenhain, Kraft-Eiehen, Pfeiffer-Launsbach, Schminke-Sachsenbug, Kumpf-Eietzen, Hübnei-Nrdda und Waitz-Schotten für eine Gruppe ausgestopfter Trere (Bienenfeinde und Bienenfreunde).
• Gegenseitige Anerkennung preu- tzischer und hessischer Prüfungszeug- nisse. Nach einem mit der Kgl. Preutzffchen Regierung getroffenen Uebereinkommen hat die Erotzherzog-
ff^Ä ^ W 1 »er nationalere Partei.
Preußischen Wissenschaftlichen PrüfungskonnnWonen ausgestellten Zeugnisse für das Lehramt an höherell Schulen in gleicher Weise anzuerkennen, wie die auf Grund der Hessischen Prüfungsordnung vom 8. Jan. 1908 ausgestellten Prüfungszeugnisse. Die Königlich Preußische Regierung hat dagegen die Erklärung ab gegeben, daß die von der Großh. Hessischen Prüsungs kommission für das höhere Lehramt in G i e ß e n aus gestellten Prüfungszeugnisse für das Lehramt an höhe ren Schulen preußischerseits in gleicher Weise werden anerkannt werdet!, wie die auf Grund der preußischen Prüfungsordnung vom 12. September 1898 von den Preuß. Wissenschasilichett Prüfutlgskommissionen ausge stellten Prüfungszeugnisse.
* Bettenhausen, 17. Juli. Das O b e r H. Volks- und B a u e r n f e st, das gestern in unserem reich geschmückten Orte gefeiert wurde, hat wieder ein mal seine Anziehungskraft bewährt, freilich nicht in dem Maße, wie man es erwartet hatte. Denn mancher Freund, manche Ortschaft mußten wegen der überall spukenden Maul- und Klauenseuche daheim bleiben. Trotzdem ist die Zahl der Festgäste mit rund 3000 Per fönen als nicht zu hoch angegeben. Wie in Reichels heim, so wurde auch hier die ganze Veranstaltung mit einem sarbenheiterem Festzuge durch den Ort nach bem schön gelegenen weithin sichtbaren Festplatze begonnen. Nachdem die Schuljugend ein hübsches Heimatlied ge jungen hatte, begrüßte Landtagsabgeordneter Fenchel Oberhörgern die Festgemeinde im Namen des Bundes, für den Festort sprach Lehrer Dietz-Bettenhausen. Im bunten Wechsel folgten nun Ansprachen, gemeinsame Ge sänge, prächtige Aufsührungen. Dann hielten Reden die Reichslagsabgeordneten Dr. Werner-Butzbach, Behrens Essen und Bindewald-Wilmersdorf, die Landtagsabge ordneten Wolf-Stadecken, Breidenbach-Dorheim u. Wolf Stuttgart, der die Festrede hielt, ferner Beigeordn. Ei sev-Muschenheim, Redakteur Hirschel-Friedberg, Pfarrer Fritsch-Rrchpertsburg und Acker-Berstadt. Während einer Pause führte die Schnittergruppe von Ober-Widders heim einen prächtigen Schnittertanz auf.
-t- Butzbach, 18. Juli. Dem Pfarrer Ad. Loos, der bereits seit mehr als 20 Jahren die hiesige zweite Pfarrstelle versieht, wurde die durch die Pensionierung des Dekans Schrimpf freigewordene Pfarrstelle übertragen.
* Hungen, 17. Juli. Als der 15jährige Otto Koch aus Trais-Horloff mit einem Einspänner-Fuhr - werk den Bahnübergang bei Bellersheim passierte, wurde das Gespann von dem Personenzug Hungen-Fried berg erfaßt. Der Fuhrmann wurde herausgeschleudert und der Wagen zertrümmert. K. erlitt erhebliche Verletzungen und er wurde mit dem Zuge sofort nach Friedberg ins Krankenhaus transportiert. Das Pferd blieb unverletzt.
-o- Grünberg, 18. Juli. Das diesjährige Krie- gerbezirksfest des Hassiabezirks Grünberg wurde im nahen Reinhardshain abgehalten. In Verbindung damit feierte der Kriegerverein Reinhardshain sein F ahne n w e i h f e st.
• Bad-Nauheim, 17. Juli. Das Veckehrs- feft hat einen sehr guten Verlauf genommen. Der Schaufensterwettbewerb zeigte eine Fülle wohlgelungener, geschmackvoller Dekorationen. Der Nachmittag brachte den Blumenkorso, für den die vornehme Kurhausterrasse den Zentralpunkt darstellte. Hier hatten die Preisrichter, zu denen auch Herzog Paul von Mecklenburg und Gemahlin zählten, Posto gefaßt, um mit kritischem Auge die lange Reihe der ander Konkurrenz teilnehmenden Gefährte zu mustern. Aus dem Gruppenwettbewerb gingen als Sieger hervor die Postunterbeamten und die Schützengilde. Am Abend war die Terrasse und ihre Umgebung von einem mehrtausendköpfigen Publikum gefüllt. Gegen 9 Uhr flammten an der Fassade des Kurhauses 5000 elektrische Lampen auf.
♦ ) Friedberg, 18. Juli. Das 6. Verbands - fest der Oberhessischen Posaunenchöre findet Sonntag, 23. Juli, zu Wetterfeld statt.
♦ Offenbach, 18. Juli. Der Stadtverordnete Louis Feisttnann hat sein Mandat als Stadtverordneter niedergelegt. In einem Schreiben an den Bürgermeister Dullo gibt er als Grund seiner Mandatsmudig- keit an daß der Bürgermeister ihn im Stadtparlament, namentlich in der letzten -tadtoerordnetechchung bei der Frage der Verstaatlichung der P°l'Z«' und der D-ba e über den Polizeiinspettor gegen „pöbelhafte Austalle nicht in Schutz genommen, habe. F. war der Führer