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Nr. 90

Telephon: Nr. 362.

Dienstag den 18. April 1911

Teleph on: Str. 362.

23. Jahrg

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40 Jahre Reichsverfamtnd-

Die Präsidial stellung der preußisch. Krone. Noch bevor die Flammen des Kulturkampfes aufloderten, handelte es sich für Bismarck darum, die neue Verfassung des Deutschen Reiches zu sichern. Der fast zweihundertjährige Traum des deutschen Volkes war in Erfüllung gegangen: einem einigen Deutschen Reiche sollte nun unter einer starken und würdigen Leitung eine sichere Bürgschaft für den Frieden Europas, für den geistigen, sittlichen und kulturellen Fortschritt seiner Völ­ker gegeben werden. Alle früheren Hoffnungen waren durch den ruhmvollen Krieg 1870-71 zur unumstößlichen, festen Gewißheit geworden.

Stolz ragt vom Fels zum Meeresboden das hohe Werk, das du vollbracht mit blanker Wehr, im Süd und Norden, die hehre Feste deutscher Macht!"

Mit diesen Worten feierte Emanuel Geibel den un­vergänglichen Ruhm Kaiser Wilhelms 1., dem Deut­schen Reiche Stellung und Macht erworben zu haben. In blutigen Kämpfen war es errungen worden. Doch den sauren Wochen folgten frohe Feste. Siegesgesang er­tönte durch alle Lande, und in Deutschland selbst schwoll der Jubel am mächtigsten an.

Die äußerliche Einheit war geschaffen worden. Noch galt es aber, eine allgemeine Reichsversassung ins Le­ben zu rufen. Jene Reichsverfassung, die am 14. April 1871 vom Reichstag angenommen wurde, und von der Kaiser Wilhelm 1. selbst sagte:Sie bewahrt Deutsch­land inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, die Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie der starken."

Die Verfassungsurkunde sagt in kurzen Worten:Die Krone Preußens nimmt die Präsidialstellung in Deutsch­land ein; der preußische König wird zugleich deutscher Kaiser.

Geeint ist Deutschland aus der Feuerprobe des hei­ligen Krieges hervorgegangen. Es bewahrt sich jetzt nach den Bestimmungen der deutschen Reichsversassung als Erbteil die Ordnung seiner eigenen Angelegenheiten.

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Sozialdemokratische Colleranz.

Durch die Zeitungen, auch demokratische, wird dazu folgender besonders krasse Fall gemeldet:

Wie die Sozialdemokratie eine Firma zu würdigen weiß, welche sich bemüht, den sozialen For­derungen der Arbeiterschaft weitgehend entgegen zu kom­men, wird durch den derzeitigen Streik bei der Firma Freese in Berlin grell beleuchtet. Das Verhält­nis obiger Firma zu ihrer Arbeiterschaft ist bekannt. Durch das dort eingeführte k o n st i 1 u 1 i o n e l l e F a- b r i k s y st e m ist der Arbeiterschaft ein weitgehender Einfluß auf die Arbeits- und Lohnverhältnisse einge­räumt. Früher besetzte das Fabrikparlament (den Arbeiterausschuh) ausschließlich die s o z i a l d e - mokra 1 ische Arbeiterschaft. Die Andersden­kenden mußten sich, wie im Staatsleben, den Beschlüs­sen dieser Volksvertretung fügen. Nun wendeten sich in letzter Zeit die Dinge. Durch Mißgriffe der Sozialde - mokraten und durch eifrige Agitation der Eewer k - vereine wurde politisch besehen der Linksli­beralismus im Freeseschen Staate so gestärkt, daß er die IM e h r h e i t der Volksvertretung (Ausschuß) für sich eroberte.

Das paßte der Sozialdemokratie natürlich nicht. War man vorher in der Sozialdemokratie schon nicht beson­ders entzückt, daß diese Firma so wenig Angriffsslä- chen bot, wodurch die sozialdemokratische Agitation dort eigentlich ihre Bedeutung verlor, so sucht man erst recht nach Gründen zu Differenzen, als sich ein größerer Teil der Arbeiterschaft erlaubte, eine eigene Meinung zu haben. p ,

Im großherzoglichen Schloß zu Schwerin, so berich­tet das GewerkvereinsorganDie Eiche", sollten Jalou­sien montiert werden. Da nicht genügend Einsetzer vor­handen waren, sollte ein Schreiner aus der Werkstatt mit auf Montage fahren. Da dieser Schreiner dem Ge­werkverein der Holzarbeiter angehörte, weigerten sich die sozialdemokratischenVerteidiger der Koalitionsfreiheit", mit dem Gewerk- vereinter auf Montage zu fahren. Im Weigerungs­fall wollten sie die Arbeit niederlegen. Dies geschah, da Freese das Ansinnen ablehnte. Auf dieses unqualifizier­bare Verlangen antwortete Herr Freese mit Entlassung der soz.-dem. Gewerkschaftler. Das war der erste

Nun kam der Transportarbeiter-Verband und setzte ebenfalls einen Streik in Szene. Dieser Verband legte Herrn Freese ein Schreiben vor, in welchem er durch seine Unterschrift erklären sollte, daß er gegen die Z u- g e h ö r i g k e i t seiner Arbeiter zu de n sozial­demokratischen Gewerkschaften nichts einzuwenden habe. Herr Freese erklärte sich unter der Bedingung bereit, daß die sozialdemokratischen Verbände sich verpflichten, seinen Arbeitern, welche in anderen Or­ganisationen organisiert sind, keine Schwierigkeiten mehr zu machen. Im übrigen verwies er den Antrag an den Fabrikausschuß, welcher die Anschauung btrAr­beiter zu dieser Frage vertreten sollte. Nun geschah das Unglaubliche ! Anstatt die Entscheidung dieses Aus - schusses, wie -bisher üblich, abzuwarten, lehnten die Transportarbeiter den Ausschuß ab und traten in Streik. Solange also die S o z i a l d e m o k r a t i e in die­sem Ausschuß die Mehrheit hatte, mußten sich A n- dersdeniend edessen Beschlüssen fügen. Heute, wo die Sozialdemokratie die Mehrheit in dem Ausschuß verloren hat, pfeift sie auf das konstitutionelle System und zieht die Gewalt dem Recht vor.

Also nicht um Lohn oder sonstige materielle Dinge kämpft die Sozialdemokratie bei Freese, sondern um den Arbeitern einen wirtschaftlichen Fortschritt zu zertrüm­mern, und ferner wieder einmal ihre offeneFreund - schaft" zur Koalitionsfreiheit zu bekunden.

Was die Sozialdemokratie hier treibt, ist ein Frevel an der Arbeitersache. Dies empfindet sogar die sozialdemokratische Presse. Das merkt man ihren Berichten über diesen Fall deutlich an, wenn man beobachtet, wie man sich dort Mühe gibt, durch falsche Darstellung des Sachverhalts der Beweg­ung einigermaßen Untergrund zu geben. In der Tat handelt es sich um nichts anderes als die Koalitions­freiheit für andere als die sozialdemokratischen Arbeiter­organisationen zu vernichten, auch wenn dabei sozial - politische Fortschritte vernichtet werden und sozial den­kenden Unternehmern die Lust zu fernerer sozialer Be­tätigung verekelt wird! Oder will die Sozialdemokra- kratie überhaupt keine soziale Ausgleichspolitik ? Auf alle Fälle werden die Scharfmacher an diesem Streik bei Freese ihre helle Freude haben, denn nur aus ihre Müh­len wird hier das Wasser von der Sozialdemokratie ge­leitet."

Nur Stadt und Cand.

Gi eßlen, den 18. April 1911.

-e- Gießen, 18. April. Das herrliche Wetter der Osterfeiertage hatte so recht eingeladen zum Wandern in Feld und Wald. Nach allen Windrichtungen sah man zahlreiche Spaziergänger die Schritte lenken; Alt und Jung erfreute sich an dem jungen Grün der Na­tur. Es war Ostern so schön, wie es seit langen Jah­ren nicht gewesen ist.

Gießen. Junge Leute, die nach der Konfir= matton ihren Wohnsitz verlassen, um auswärts in Ar­beit oder in ein Arbeitsverhältnis zu treten, seien da­raus aufmerksam gemacht, sich schon in ihrer Heimat mit dem in der Gewerbeordnung vorgeschriebenen A r- b e i 1 s b u ch zu versehen, da die Ausstellung desselben die Zustimmung des Vaters oder Vormundes bedürsen. Erfahrungsgemäß wird dies vielfach unterlassen und es entstehen dann dem gesetzlichen Vertreter Unannehmlich­keiten.

-o- Gießen, 18. April. Diejenigen jungen Da­men, die sich am Blumentag als Verkäuferinnen betä­

tigen wollen, Mittwoch, Garten in der recht zahlreiche

sind hiermit nochmals gebeten, morgen den 19. April, nachm. 3 Uhr, in Steins angesehen Besprechung zu erscheinen. Eine Beteiligung aus allen Kreisen der Be-

Dotierung ist erwünscht.

- - Gießen, 18. April. Der hiesige Bäckerverein Frühau f" feierte gestern sein 25jähriges Stiftungs­fest durch Umzug und anschließender Feier in Steins Garten. Am Abend war Ball. Von Auswärts waren die Brudervereine aus Marburg, Mainz, Hanau, Wies­baden 2C. mit ihren Fahnen erschienen und pflegten so rechte Kollegialität.

Gießen. Am 9. April hat die bis 9. Juni währende Schonzeit für Fische in allen öffent­lichen Wassern begonnen, die gesetzlich nicht unter die Forellengewässer" fallen.

Rodheim a. d. B. Der am 4. April hier gegründete Spar- und Darlehenskassenverein hat jetzt schon 35 Mitglieder. Seit diesem Jahre ist auch noch eine Pfennigsparkasse eingerichtet worden, um der Jugend mehr Gelegenheit zur Sparsamkeit zu geben.

* Klein-Linden. Der Blumentag wird hier am Sonntag, den 7. Mai, recht praktisch durchge­führt. Mädchen im Alter von 1518 Jahren verkau­fen am Tage die Blumen und der GesangvereinE i m tracht" veranstaltet am Abend im GasthausZur deut­schen Eiche" ein Konzert, zu dem nur die Zutritt haben, welche im Besitz einer der ausgebotenen Blumen sind.

* E b e r st a d t (Kr. Gießen). Beim Walzen von Saatfeldern wurden die Pferde des Landwirts Wilh. Sonns scheu und gingen durch. Sonns geriet unter die Walzen und kam ohne nennenswerten Schaden davon. Die rasenden Tiere konnten erst bei den Wettermühlen in der Nähe von Oberhörgern zum Stillstand gebracht werden.

* Friedberg (Hess.). Am 18. Juni findet hier der Delegiertentag des Hassiaverbandes statt.

* Bodenheim. Hier warf ein Mutterschwein nicht weniger als 17 Junge; alle sind munter und ge­sund.

* Unter-Ostern i. O. Von Seiten des zu­ständigen Amtsgerichts in Reichelsheim wurden durch den dortigen Amtsrichter am Palmsonntag (so berichtet dieFranks. Warte") bei den Bürgermeistereien in Unter- und Ober-Ostern standesamtliche Prüfungen vorgenommen.

* Budenheim. Varon von Waldhausen ließ in der Nähe seines Schlosses 250 000 Quadratmeter Hochwald abholzen. Das gewonnene Feld soll zu Ge­müse-, Obst- und Spargelkulturen verwendet werden.

* Darm st ab t. Der Darmstädter Frühjahrs - pserdemarkt, der vom 15.17. Mai stattfinden sollte, ist wegen der noch herrschenden Maul- und Klauenseuche auf unbestimmte Zeit verschoben.

* D a r m st a d 1. Ein Schuhmacher st reik ist hier ausgebrochen, nachdem die hiesigen Meister die von den Gehilfen geforderte Lohnerhöhung von 10 Pro­zent abgelehnt haben. Wiederholte Versuche, die Diffe­renzen beizulegen, haben zu keinem Resultat geführt.

* Mainz, 15. April. In der Klagesache des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie gegen den Redakteur Schildbach von der sozialdemokratischenMain­zer Volkszeitung", über die wir s. Z. berichteten, wurde heute früh das Urteil gefällt. Schildbach erhielt 50 Mk. Geldstrafe und die Kosten des Verfahrens. Das Urteil wird publiziert.

* Wiesbaden. Die Königin von Griechenland, die wegen eines Augenleidens mehrere Wochen hier Aufenthalt genommen und von dem Augenarzt Grafen von Wiser behandelt worden war, hat Wiesbaden wie­der verlassen.

-o- Siegen. Die Herren Reichslagsabgeordneten Dr. Burckhardt und Franz Behrens hatten ge­gen das nationalliberaleSiegener Volksblatt" wegen des bekannten FriedensdorferTriolenmärchens" Straf­antrag wegen Beleidigung gestellt. Am letzten Mitt­woch stand in dieser Sache Termin vor der Siegener Strafkammer an. Dr. Burckhardt und Behrens waren persönlich erschienen, ersterer als Zeuge, letzterer als Ne­benkläger. Vor Eintritt in die Verhandlung gab Rechts­anwalt Frey, der Vertreter des Abg. Behrens, die Er­klärung ab, daß zwischen den Parteien ein Vergleich zustande gekommen sei. Redakteur Oswald Riedel (frü­her Schriftleiter derVaterländischen Volksblätter" in Wetzlar) gab hiernach folgende Erklärung ab:

Ich verpflichte mich, in dem Siegener Volksblatt innerhalb zwei Wochen nach Annahme dieses Ver - gleiches folgende Erklärung zu veröffentlichen: Ich er­kläre hiermit, daß die in unserem Blatt in der soge­nannten Triolen-Angelegenheit, die sich in Friedens­dorf abgespielt haben sollte, veröffentlichten Behaup­tungen sich nicht auf die Herren Abgeordneten Franz Behrens und Dr. Burckhardt bezogen haben. Ich habe mich auch überzeugt, daß die Behauptungen, so­weit sie Herrn Parteisekretär Ostehr betrafen, auf Un­wahrheit beruhen und nehme daher diese Behauptun­gen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.

Oswald Riedel.

Außerdem verpflichtet sich Herr Riedel, nach Kräften bemüht zu sein, daß die obige Erklärung auch in der Nattonalliberalen Korrespondenz" veröffentlicht wird. Ferner verpflichtet er sich, die gegen die Herren Franz Behrens und Dr. Oesterreicher angestrengten Privatkla- gen zurückzunehmen und sämtliche in diesen Klagen und in der Strafsache gegen ihn (Riedel) entstandenen und entstehenden Kosten zu tragen. Zu diesen Kosten ge­hören die außergerichtlichen Kosten der Herren Behrens, Dr. Burckhardt, Ostehr und Dr. Oesterreicher, soweit sie die gesamte Verfolgung der Angelegenheit betreffen und soweit sie tatsächlich (ohne Rücksicht auf die Notwendig­keit) entstanden sind.