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Gießener Jeitnng

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Herausgeber: Albin Klein & Cito Fischer.

Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen

Bürgermeisterei

des Großherzoglichen

UPolizei-Amtes

sowie vieler anderer ^Z^^ Behörden Gberhessens Expedition: Zeltersweg 85

lHauS Brüder Schmidt.)

anzeigenprei; 15 pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Naum, auSwärtS 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Netlameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50" o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei lleberschreitung desZahlun^s- Zieles (30 Tages, bei gerichtlicher Beitreibung oder bet Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohneBerbindlichleit.

Gcsamtlcitung: Albin Klein.

Nr. «6. (L Blatt.)

Samstag den 18. März 1911

Teleph on: Nr. 362.

23. Jahrg

Religion und Polilik.

Selten finden drei kleine Worte solchen Widerspruch, wie er uns hier begegnet. Ls erheben sich nicht nur alle diejenigen, die unsere christliche Weltanschauung be­fehden, wie ein Mann dagegen, sondern unter uns Christen selbst ruft diese Zusammenstellung in weiten Streifen Abneigung oder zum minbeften eine zentimeter­dicke Gänsehaut hervor. Warum das? Warum sind viele, gerade unter den gläubigen Christels, mit ihrem Protest so schnell bei der Hand ? Was bedeutet denn Religion für uns Christen? Als Lehre die Erkenntnis von Gott und unserem Herrn und Heiland, in der Pra- ris die Anwendung dieser Lehre auf unser ganzes Le­ben. Was bedeutet Politik? Als Wissenschaft die Lehre vom Staatsleben, in der Praris die Anwendung dieser Lehre aus gegebene staatliche Verhältnisse, aus unser Berhalten dem Staat gegenüber. Diese kurze Erklärung der beiden Begriffe ist nicht erschöpfend, aber sie trifft, jo will es uns scheinen, den Stern. Bedeutet Re­ligion in der Praris für uns die Anwendung der Leh­ren Christi auf unser ganzes Leben und praktische Po­litik die Anwendung der Lehre vom Staatsleben auf die uns umgebenden staatlichen Verhältnisse, so ist da­mit schon erwiesen, daß beide, Religion und Politik, einander berühren müssen.

An und für sich bedingt unser christliche Glaube ganz gewiß nicht die Zugehörigkeit zu irgend einer bestimm­ten politischen Partei. Warum sollte ein aufrichtiger, frommer Christ nicht in staatlichen Dingen liberale An­schauungen haben können. Ja, es stände seinem An­schluß an die politisch freisinnigen Parteien nichts im W^ge, wenn Religion und Politik sich tatsächlich in der Praris auseinander halten ließen, und wenn nicht der politische Linksliberalismus gleich bedeutend geworden wäre mit dem Stampf gegen unsere alte christliche Welt­anschauung. Jetzt darf auch der politisch liberal denk­ende Christ seine Stimme nicht mehr den Parteien der

sogenannten Linksliberalen geben, wenn er nicht mil­helfen will, den Gegnern des Christentums die Wege zu ebnen. Es sollte uns stutzig machen, daß man gerade auf fortschrittlicher Seite im Brustton der Ueberzeugung immer wieder uns Christen, sobald wir uns am poli­tischen Leben betätigen, zurust:Das dürft Ihr nicht, Religion und Politik haben nichts miteinander zu schaf­fen". Dabei sind eben diese Leute eifrig darauf bedacht, 1 erale Theologen für ihre Sache zu gewinnen und als

^ordnete mitten in den politischen Stampf hineinzu- n JL \ Es wird hohe Zeit, daß wir Christen uns end- lick au ^ unsere politischen Pflichten besinnen. Wir haben auf Erden einen Beruf zu erfüllen und zwar einen weltlich irdischen Beruf, wir sind Glieder der Mensch- ^ei der Kirche. des Staates und unseres Volkes. Es ilt unsere Mich,, auf allen Gebieten unserem Berus im Geiste Fefu' Christi nachzugehen. Dazu gehört auch un- ^re Pflicht am politischen Leben unseres Volkes mit = larbelen ' ' Wir Christen beanspruchen doch auch den ÄA b Hülse des Staates auf allen Gebieten kn^res Lebensk für Erziehung, Ehe, Familie und E - oenlum Sollte" «s uns dabei gleichgültig sein, m wel­cher Weise der Staat diese Fragen rege«. Wenn w.r

An alle nationalen Wähler des Wahlkreises Giessen-Grünberg-Nidda.

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geführt« und '^'/'E^ z/lassen^bei de^ bevorstehenden Stichwahl das Wohl des Ganzen im Auge zu behalten und darnach ihre Entscheidung S^y-^^ ""»Ä^ s

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Wahl des bürgerlichen Kandidaten, des _

Herrn Dr. Werner - Butzbach.

nicht Mitarbeiten wollen, so dürfen wir uns nicht wun­dern, wenn die materialistische Weltanschauung die Vor­herrschaft erringt. Wir beanspruchen die Rechte, die uns ein geordnetes Staatsleben verbürgt, und darum müssen wir auch die

auf uns nehmen. Der Gang d,er Politik entscheidet über Schule und kirchliche Fragen, über Sittlichkeitsgesetze und Fürsorge-Erziehung, über Schutz in Krankheit, Unfällen und Invalidität und viele Hunderte von anderen Fra­gen mehr, die auch uns Christen aufs Innigste berüh­ren. Sollen die Gesetze auf allen diesen Gebieten von christlichem Geist durchdrungen werden, dann müssen wir uns auch im politischen Leben betätigen und dürfen den Stampf nicht scheuen.

Aus dem Reichstag.,

Der Abgeordnete Behrens hat folgende Entschließ­ung eingebracht: Der Reichstag wolle beschließen, den Reichskanzler zu ersuchen:

1. den sozialen und wirtschaftlichen Frieden zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dadurch zu för­dern, daß die Verwaltungen angewiesen werden, bei Vergebung von Arbeiten und Lie- serungen für das Reich, insbesondere für die Verwaltung der Kaiserlichen Marine, des Reichs­heeres, der Reichseisenbahnen und der Reichs-Post und Telegraphen möglichst nur solche Firmen zu berücksichtigen, die sich verpflichten, in ihren Betrie­ben zur Regelung und Sicherung der Lohn- und Arbeitsbedingungen aus den Abschluß von T a - rifverträgen hinzuwirken;

2. bei den Bundesstaaten dahin zu wirken, daß sie ebenfalls in der vorstehenden Weise aus den Ab­schluß von Tarifverträgen hinwirken.

Die Abgeordneten Stolle, Behrens, Rieseberg, Liebermann v. Sonnenberg, Bindewald, beantragen fol­gende Entschließung:

den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, zum Schutze und zur Förderung der heimischen Steinindusirie (insbesondere P s l a st e r st e i n i n d u st r i e) in Schweden gegenüber geeignete Maßnahmen zu ver­anlassen.

Dann liegt noch folgender Antrag (Raab, Beh­rens und Genossen) vor:

Der Reichstag wolle beschließen: die Geschästsord- nungskommission wird ermächtigt, die in der Ge­schäftsordnung enthaltenen entbehrlichen Fremd - Wörter tunlichst durch deutsche Ausdrücke zu ersetzen.

*

Am 10. März wurde im Reichstage über den Titel Telegraphenbau- und Postetat verhandelt. Bei dieser Gelegenheit nahm auch der Abg. Behrens das Wort, um über die Wünsche der Telegra­ph e n a r b e i 1 e r, Reform des Telegraphenbaudien- ; stes und Schonung der Obstbäume an den Landstraßen bei Anlage von Telegraphenlinien zu sprechen. Eingangs seiner Rede kam der Abgeordnete noch auf die Organi­sationen und auf den Ausbau der Arbeiteraus- s ch ü s s e und auf das T a r i f v e r 1 r a g s w e s e n ,

wie bei dem Etat der Heeresverwaltung, zu sprechen. Zu den Forderungen der Telegraphen- a r b e i 1 e r hat Abg. Behrens sich eingehend geäußert. Wir berichten in nächster Nummer darüber.

Bus Stadt und Land.

Giehen, den 18. März

*) Gießen. Das Hassia Präsidium hat fol­genden Aufruf erlassen:

Im Wahlkreis Gießen-Grünberg steht am 21. März ein Kandidat einer bürgerlichen Partei in Stich­wahl gegen einen Sozialdemokraten. Da ist es un­sere satzungsgemäße Pflicht daraus hinzuweisen, daß ein Mitglied unseres Verbandes nimmermehr seine Stimme dem Sozialdemokraten geben darf, wenn es nicht die von ihm selbst anerkannten Satzungen durchbrechen will. Aber auch Stimmenenthaltung ist eine bedingte Unterstützung des Sozialdemokraten, die zu dessen Sieg führen kann! Deshalb gibt es hier nur eines! Das Vaterland muß über der Partei stehen! Laßt den Parteihaß fahren und folgt der Stimme des Vaterlandes, das alle reichstreu und monarchisch gesinnte Männer, ganz besonders aber un­sere Mitglieder aus die bürgerliche Seite ruft, ohne Rücksicht darauf, welcher bürgerlichen Parteirichtung der Kandidat angehört.

* Gießen, 16. März. Die Vertrauensmänner - Versammlung der Fortschrittlichen Volkspartei hat nach kurzer Beratung die Stichwahlparole für den Kandida­ten der Sozialdemokratie Georg Beckmann ausgegeben.

* * Gießen, 18. März. Eine wichtige Wäh­lerversammlung für die Kandidatur Dr. Wer­ner findet morgen Sonntag, abends 8 Uhr, in Steins Garten statt. sRedner sind die Herren Fabrikbesitzer Schaumann aus Mülheim über:Die Industrie und die Sozialdemokratie" und der besonders in den Kreisen des Mittelstandes bestens bekannte Reichstags­abgeordnete, Handwerksmeister Raab aus Hamburg über:Der Mittelstand und die Sozialdemokratie". Herr Raab hat vor allen Dingen durch seine Mittelstands­rede, die er kurz vor Weihnachten im Reichstage hielt, und in der er sich in scharfer und treffender Form ge­gen alle Schädlinge des Kaufmannsstandes und des Handwerkerstandes wandte, großes Aufsehen erregt. Der Abg. Raab ist einer der besten Kenner der Mittelstands­fragen im Reichstage. Es wird am Sonntag abend in Steins Garten sicher ein außerordentlich zahlreicher Besuch zu erwarten sein.

* Eschwege, 18. März. Gestern Nacht herrschte hier ununterbrochenes Schneetreiben. Das Werratal ist in eine Schneelandschaft verwandelt.

Manches Goldstück sparen viele Fa­milien, indem sie bie Stoffe zu ihren Anzügen und Ko­stümen direkt ohne Zwischenhandel aus renomierten Fa­briken beziehen. Eine empfehlenswerte Firma dieser Art ist die Tuchfabrik Schwelasch & Seidel in Spremberg N.-L., deren heute dieser Zeitung beigesügter Prospekt jedermann der gesv. Beachtung zu empfehlen ist.

Der von Wählern aller Stände und aller Parteien mt der Veröffentlichung dieses Wahlaufrufs beauftragte bürgerliche Wahlausschuß.