Hießener ^citun^
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Nr. 165
Telephon: Nr. 362.
Montag, den 17. Juli 1911.
Telephon: 91x. 362.
23. Jahrg.
Vr, 6433.
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ein ausführlicher,- jur Stufe ist in H >s. zu beziehen.
Die „Kulturarbeit" sosaldemolrraiischer „Kildungsausschiilse".
,3" «inem Dortmunder Verlage ist in sozialdemokra- tychem Auftrage eine Sammlung „Gedichte" von Dr R Franz unter dem geistreichen Titel erschienen- Abrech- nung, politische V e r s f u ß 1 r i t t e". Um den GeP, der in der neuen „Kulturpartei" herrscht, zu kennzeichnen, seien einige Proben weitergegeben- Hätt' einer wenigstens die Schnauze - Und sagt es s'r?i Macht geht vor Recht! — Doch dies Gegirre und Gegauze — Pfur, Kerls! Wird euch denn gar nicht schlecht.^ — 2Bic nur die ebien Mägen trotzen — So ekelhaftem Re- debrer ! — Normale Menschen müssen k. . . . __ So mürbe ihnen schlecht dabei." Gegen die, welche sich bei Strelkerzessen und Stratzenunruhen des „Lumpenproletariats der ihre Pflicht erfüllenden Schutzmannschaft angenommen und ihren Dienst verteidigt haben, donnert folgendes wohlriechende poetische Erzeugnis: „Hast Du den Patron, — Der da lumpig lockgespitzelt — Für den k. Achtgroschenlohn — An der Nase rum gekitzelt — Haust Du dem zivilen Schuft — Gar eins in die Spitzelfresse, — Ach dann schreien die Vetteln- Lust' — Polizei, wenn sie doch schösse! — Roheit! Rote Hetzerei' — Hört man es verzweifelt meckern, — Und die ganze Volkspartei — Sieht man in die Hose kleckern."
Zum Schluß noch das „schöne" Gedicht „Deutscher Nat" gegen die K r i e g e r v e r e t n e: „Und wenn die Zeit erfüllet ward, . . Wirst kriegerisch Du eingescharrt — Es freu'n sich Kameraden — Und treue deutsche Maden. — O, welche Lust (tritt bei uns ein!) — Gewesener Soldat zu sein . ... — Tod Euch, ihr roten Riecher, — Hoch der Verein der — Krieger!"
Die sozialdemokratische Parteileitung pflegt derartige Schmutzproduktionen heruntergekommener Genossen gern von sich abzuschütteln. Doch geht das auch in diesem Falle nicht an. Denn die hier auszugsweise vorgetra- gene Kaschemmenpoesie hat direkt parteioffiziellen Charakter: Die „politischen Versfußtritte" sind nämlich von der Zentralkommission der sozialdemokratischen Bildungsausschüsse von Rheinland und Westfalen in Auftrag gegeben, weil es „bei festlichen Veranstaltungen der Arbeiterschaft an geeignetem Vortragsmaterial auf dem Gebiete politisch-sozialer Satire bisher fast völlig fehlt." Nun, man kann den um die „Bildung" der Arbeiterschaft bemühten verantwortlichen Parteikreisen der Sozialdemokratie zu dieser Selbstkennzeichnung nur gratulieren. Wer zu dem traurigen Los bestimmt ist, der „Kulturpartei" bei Gelegenheit entgegenzutreten, versäume nicht, die „Politischen Versfußtritte" des Herrn Dr. Franz jederzeit zur Hand zu haben!
Das Arbeitsverhälthis der Eisenbahner.
Der Reichstag hat bekanntlich eine Resolution angenommen, in der die Eisenbahnverwaltung ersucht wird, Arbeitern, die länger als 10 Jahre in ihrem Dienste stehen, ein gesichertes Arbeitsverhältnis zuzubilligen. Diese Resolution wurde angenommen, nachdem sich herausgestellt hat, daß die weitergehenden Wünsche der Eisenbahnarbeiter und Handwerker auf Verleihung der Beamteneigenschaft unerfüllbar Jinb. Es ist nunmehr zunächst für die preußischen Staatseisenbahnen in Aussicht genommen, ein gesichertes Arbeits- Verhältnis nach 1 0 j ä h r i g e r einwandfreier Dienstzeit durchzuführen. Dies wird in der Form geschehen, daß nach Ablauf eines bestimmten Zeitraumes der Arbeitsr nur entlassen werden darf, wenn die Eisenbahndirektion seine Entlassung bestätigt. Gegenwärtig kann jeder Arbeiter, der von seinem Amt entlassen wird, Beschwerde bei der Direktion gegen die Entlassung einlegen. Diese Beschwerdeinstanz soll beibehalten werden, und es soll die Entlassung nur ausgesprochen werden dürfen, wenn ein Arbeiter die ihm obliegenden Pflichten gröblich vernachlässigt hat, oder wenn er nicht mehr arbeitsfähig ist. In letzterem Falle treten dann die ge- letzlichen und außergesetzlichen Wohlfahrtseinrichtungen ein. Durch die Erhöhung der Leistungen der Penstons- kasse für die Arbeiter der preußischen Staalseisenvahn- verwaltung sind die Arbeiter in ihren Pensionsbezügen denen der Beamten nahezu gleichgestellt.
Reicbstagswablvorbereitungen.
* Verschiedene Berliner Blätter hatten die Nachricht gebracht, daß Freiherr von Heyl zu Herrnsheim sich vom politischen Leben zurückziehen und nicht
| mehr kandidieren wolle. Die „Tägl. Rundschau" erhält nun jetzt vom Freiherrn von Heyl ein Telegramm, daß diese Mitteilung völlig unzutreffend sei. Der als sein Nachfolger genannte Dr. Stephan kandidiere lediglich für den hessischen Landtag.
Aus Stadt und Cand.
Gießen, den 17. Juli.
m * Ordensverleihung. Der König von Preußen hat dem Generalmajor z. D. v. O e r tz e n, bisherigem Kommandeur der 25. Kavalleriebrigade (Er Hessischen), den Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub verliehen.
* F l u g t a g. Dem Sportverein 1900 ist es gelungen, den Eradpiloten Kahnt aus Leipzig für den nächsten Sonntag, 23. Juli, zu gewinnen. Die Flüge finden auf dem Trieb in der Nähe der Kaserne statt/
* Für I a t h o. Unter der evangelischen Geist- lichkeit Hessens beabsichtigt man, Protest gegen die Absetzung Jathos zu erheben. Gegenwärtig zirkuliert eine Kundgebung, die schon zahlreiche Unlerschristen angesehener Geistlichen trägt. In diesem Protest heißt es u. a.: Wir bedauern die gänzliche Verständnislosigkeit, die das Spruchkollegium gegenüber dem Versuch Jathos, Menschen unserer Zeit zu predigen, 'bewiesen hat. Es sind nicht die schwächsten, nicht die Ungläubigen, die neue Worte für das alte Evangelium suchen. Gegen diesen Versuch zu dekretieren, daß innerhalb der evangelischen Kirche nur die herkömmliche Weise gelten dürfe, und daß Gott ihr keine Prediger erwecken darf, die neue Wege suchen, erheben wir den allerschärfsten Protest, denn er ist Gottlosigkeit. Wir sind erschrocken, daß man wagt, einer Gemeinde den Seelsorger zu nehmen, den sie liebt und verehrt. Als Diener unserer evangelischen Kirche wehren wir uns gegen das Beschreiten dieses Weges und hoffen auf den Tag, da Jatho kraft des höheren Rechtes des Glaubens in das Amt der evangelischen Kirche zurückgerufen wird, das ihm nach einem von menschlicher Kurzsichtigkeit und Unglauben diktierten Rechte genommen wurde.
* 5 0. Jubiläums-Wander-Versamm- lung d es Oberhess. Bienenzüchtervereins. Die gestern Vormittag vom Ehrenvorsitzenden, Provinzialdirektor Dr. Usinger eröffnete Ausstellung im großen Saale der Liebigshöhe, gibt ein klares Bild über alle Zweige der Imkerei. An den Wänden entlang und durch die Mitte des Saales stehen in schöner Anordnung zwischen Blumen und frischem Grün die Erzeugnisse der Bienenzucht: Honig, Wachs und Waben. Vor der Bühne ist von Gießener Züchtern eine Felsgrotte errichtet, auf der die Hauptseinde der Biene dargestellt sind. Vor dieser breitet sich eine sorgfältig ausgewählte Bienenweide aus, die von zahl - reichen Imkern aus allen Teilen Oberhessens zusammengestellt ist. Verschiedene Zweigvereine haben ihre Erzeugnisse in besonderen Pavillons geschmackvoll zu- sammengestelll. Draußen im Freien befinden sich die Bienenvölker in Körben und Häusern der verschiedensten Systeme. Hier ist auch die Geräleausstellung, in der sämtliche in der Bienenzucht nötigen Geräte und Werkzeuge, Stöcke, Körbe, Schleudermaschinen zu sehen sind. Auch im Freien haben Gießener Imker recht nette Ausstellungsgruppen hergestellt. Da steht eine Königinzuchtstation in Gestalt eines Bienendorfes mit Kirche, Mühle und dergl. Ein großer moderner Damenhut hat einen Schwarm Bienen aufgenommen. Zwei Wegweiser zeigen dem Besucher den Weg nach der Honig - mühle und nach dem Bienendorf. Schön geschmückt ist außer dem Eingang der große Ausstellungssaal, der den edlen Bienenhonig in allen möglichen Farben und von den verschiedensten Blüten barbietet. Ein Besuch der interessanten Ausstellung ist sehr zu empfehlen.
* Gewerbliche Revisionen im 2. Quartal 1911. In den Monaten April, Mai und Juni wurden in Gießen revidiert: 1. Die Geschäftsbücher der Güterhändler; 2. Pfandleiher und Trödler; 3. Obst- u. Vackwarenverkauf auf Privatplätzen an Sonntagen nach Ladenschluß; 4. Die Mineralwasserfabriken inbezug auf Einrichtung und Beschaffenheit der Gerätschaften; 5. Verkauf von bleihaltigen Haarfärbemitteln bei Gewerbetreibenden; 6. Die Steinhauereien und Steinbrüche inbezug auf Einrichtung und den Betrieb; 7. Die Gräbereien u. Steinbrüche (in einem Falle wurde wegen Uebertretung des § 27 der Verordnung Anzeige erhoben); 8. Eum- miwarenfabriken; 9. Die Petroleumtankwagen und ver-
| schiedene Petroleumlager; 10. Bierhändler bezüglich der Führung von Biere unter bem Namen „Malzbier"; 11. Die Unterkunftsräume und Aborte aus Baustellen; 12. Dampfkesselanlage der Molkerei wegen Ausstellung eines neuen Kessels an Stelle des alten; 13. Sitzgelegenheit für Bedienstete in den offenen Verlaussstellen; 14. Die Bandagisten inbezug aus Anfertigung von Präservativs; 15. Die Carbidlager bei den Gewerbetreibenden; 16. Lagerung und Aufbewahrung von giftartigen Farben bei den Gewerbetreibenden; 17. Die Bäckereien und da mit verbundene Konditoreien aus Grund der Bundes - ratsverordnung; 18. Verschiedene Benzin- und Benzol- lager; 19. Die Warenhäuser inbezug aus Feuersicherheit; 20. Verschiedene Dampskesselanlagen; 21. Die Backsteinbrennereien inbezug aus Einrichtung und Beschästigung von jugendlichen Arbeitern und Arbeiterinnen; 22. Die Borstenzurichtereien bezüglich Desinfektion auslänbifdier Borsten und Impfung ausländischer Arbeiter; 23. Die Kleider- und Wäschekonfektionen, sowie Putzrnachereien;
24. Die Fruchteishändler inbezug aus Reinlichkeit der Geräte und des Materials; 25. Weißgerbereien; 26. Häute- und Fellager; 27. Die Barbier und Friseurgeschäfte; 28. Biographen und Kinematographen; 29. Ba beauflagen inbezug auf Beschäftigung von Personal an Sonntagen; 30. 126 Werkstätten des Handwerks mit Motorbetrieb, in denen jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt werden; 31. Die Gast- und Schank- wirtschasten bezüglich Beschäftigung des fremden Per sonals, Einhaltung und Eintrag der Ruhezeiten in das zu führende Buch; 32. Dampfmolkerei inbezug auf Beschäftigung von Arbeiterinnen; 33. 55 Metzgereien; 34. Die hiesigen und auswärtigen Bäcker und Brothändler auf Gewicht des Brotes und auf Namenszeichen; 35. 193 Milchhändler auf spezifisches Gewicht der Milch, Reinlichkeit der Gefäße und Wagen; 36. Außerdem wurden 69 Nahrungs- und Genuhmittelproben erhoben, darunter 46 Milchproben, und dem chemischen Untersuch- ungsamt übergeben. Bei zwei Milchproben wurde Wasserzusatz festgestellt und Anzeige gegen die Beschuldigten wegen Vergehens gegen das Nahrungsmiltelgesetz er hoben. In einem Falle entsprach die Milch nicht den Bestimmungen der Milchverkaufsordnung inbezug auf Fettgehalt.
)-( Schotten, 17. Juli. Ein sonderbarer Raua ist ein hiesiger Obstbaumbesitzer. Derselbe besitzt einen prachtvollen Baum Kirschen, die er nicht pflücken will. Ein anderer Mann bot ihm 15 Mark für die Früchte des Baumes, doch wollte er sie lieber zukommen lassen. Er ist ein sehr frommer Mann und hegt die Ansicht, daß man diese Gottesgabe nicht so vom Baum nehmen dürfe, um sie Menschen zuzuführen. — Bei einem Neubau fiel der Maurerlehrling durch das ungenügend verschalte Gebälk des dritten Stockes in den Keller. Er trug eine Gehirnerschütterung und eine schwere Verletzung an einem Vein davon.
• Darmstadt, 17. Juli. Im Alter von 72 Jahren starb hier die Freifrau Adele von Dalwigk zu Lichtensels, die Gattin des bekannten früheren hessischen Ministerpräsidenten, der in den 60er Jahren die hessische Politik leitete.
♦ Worms, 17. Juli. Ein V e r k a u s s 1 a g der Großherzogin wird im nächsten Jahre hier stattfinden.
♦ Aus dem Kreise Marburg. Die schon seit etwa 8 Wochen anhaltende Dürre wird geradezu zur Kalamität. Die Landwirte sind noch vielfach mit dem Pflänzensetzen im Rückstände und wo gesetzt ist, gewähren die Felder einen traurigen Anblick. HN den Gärten sieht es nicht besser aus, das wenige Cb ft fällt unreif ab und die Beerenfrüchte vertrocknen. Vielfach wird über Mangel an Grünfutter geklagt, die Wiesen sind ja auch total ausgedorrt und sehen fuchsrot aus. Das Korn hat Notreife erlangt und deshalb wird auch schon allenthalben mit dem Schnitt begonnen.
• Marburg, 17. Juli. Zwischen Marburg und dem Dorfe Bürgeln brach ein Wald brand aus. Außer der Feuerwehr wurden zur Bekämpfung des gefährlichen Brandes zwei Jägerbataillone herangezogen, die schli-klich das Feuer unterdrückten Da die Brandstätte mehrere 100 Morgen um,atzt ist der schaden bedeutend. Mehrere Personen Jollen bei dem Brande teils Verletzungen erlitten haben, teils infolge der ^^^° ^^^ der riesigen Rauchentwickelung bewußtlos geworden sein.