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Verlag der „Gießener Zeitung,, G. m. b. H.
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Nr 140.
Tele p hon: Nr. 362.
Samstag, den 17. Juni 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Die besticht Wahlrechtsreform.
Nachdem das Gesetzeswerk nunmehr vollendet ist, seien kurz die wesentlichen Neuerungen wiedergegeben. Die Zweite R a m m e r, die bisher aus 50 Abgeordneten gebildet war, wird sich für die Folge aus 58 Abgeordneten zusammensetzen, wovon 15 aus die Städte Mainz (3), Darmstadt (3), Worms (2), Gießen (2), Offenbach (2), Friedberg (1), Alsfeld (1) und Bingen (1) entfallen; es tritt somit eine Vermehrung der Mandate für die größeren Städte des Landes ein, während das Reservatrecht der kleinen Städte Friedberg, Alsfeld unb Bingen auf einen eigenen Abgeordneten ausrechterhallen bleibt. In den Städten wird nach Bezirken gewählt zum Unterschied von dem seitherigen Verfahren, wo die ganze Stadt einen einzigen Wahlbezirk bildete. Die l ä n d l i ch e n Wahlkreise erhalten einen Zuwachs von drei Atandaten, die sich gleichmäßig auf die drei Provinzen verteilen. An die Stelle des seitherigen indirekten Wahlrechts tritt das direkte mit allen Lautelen der Sicherheit, wie sie das Reichstagswahlrecht vorsieht. Die Erste Lämmer wird um ein Mitglied der technischen Hochschule, des Handels sowie des Handwerks und der Landwirtschaft vermehrt. Von der Berufung eines Arbeiters in die Erste Lämmer wurde abgesehen, weil eine gesetzliche berufsländische Vereinigung der Arbeiterschaft noch nicht besteht. Nach der Bildung von Arbeitskammern wird diese Lücke auszufüllen sein.
Zur Zweiten Lämmer darf wählen jeder Hesse, der das 25. Lebensjahr vollendet, die Hess. Staatsangehörigkeit seit einem Jahr besitzt und seit drei Jahren in Hessen ansässig ist. Die sogenannten Haussöhne, d. h. die noch in dem Haushalt ihrer Eltern mitarbeitenden 25jährigen Söhne, die noch nicht selbst Steuern zahlen und infolgedessen vom Wahlrecht ausgeschlossen waren, erhalten in dem neuen Gesetz das Wahlrecht — eine Bestimmung, die in erster Linie der ländlichen Bevölkerung zu gute kommt. Jeder Stimmberechtigte, der das 50. Lebensjahr zurückgelegt hat, soll zwei Stimmen erhalten; damit wird, wenn auch in beschränkter Weise, das Mehr st immenwahlrecht eingeführt, das im Interesse des Zustandekommens des Reformwerkes mit in den Lauf genommen werden mußte. In der Oeffent - lichkeit wird diese gewiß nicht ideale Neuerung nicht so schlecht bewertet, als es nach den Preßäußerungen der Linken vermutet werden konnte. Wäre die doppelte Stimmabgabe an Bildung und Besitz geknüpft worden, dann wäre die maßlose Lritik der sozialdemokratischen und freisinnigen Blätter am Platze gewesen; aber in der im neuen Wahlgesetz aufgenommenen Form stellt das Wahlrecht eine Vergünstigung für einen Teil der Wähler dar, die schließlich allen politischen Parteien ohne Unterschied zu gute kommt.
Die neue W a h l k r e i s e i n 1 e i l u n g, die von der linksstehenden Presse im Anfang als ein Machwerk des Zentrums diskretiert werden sollte, bedeutet zweifellos eine weit gerechtere Verteilung der Mandate und eine gerechtere Einteilung der Wahlbezirke, als die seitherige tendenziöse Wahlkreiseinteilung aus den 70er Jahren. Auch unter der neuen Wahlkreiseinteilung werden die Bäume des Zentrums nicht in den Himmel wachsen; keinesfalls wird das Zentrum auch fortan so- viele Mandate erhalten, als ihm nach der Zahl der im Lande abgegebenen Zentrumsstimmen von Rechtswegen zukommt. .Der Besitzstand der Parteien wird sich wesentlich nicht verändern.
Bus Stadt und Cand.
Gießen, den 17. Juni.
♦ Wie und wann sollen unsere L i n- der Obst essen? Kirschen liegen leicht schwer im Magen, da sie auherordentlich wasserhaltig fmb,~ und von den Säften schwer verdaut werden tonnen. Sol-n die Kirschen dem Kindermagen nicht schaden, so dursen sie nicht allein, sondern mit Brot gegeHcri werteni. Jt das Brot mit Butter gestrichen, so wrrd die Verdaulich- feit noch erhöht. Lurz vor dem Schlafengehen sollen sie niemals Obst genieften. Eueren werden eichter verdaulich, wenn man ie e.nzuckerl und vom luder burdnieben läht. Niemals sollte man Erdbeeren mit^ungekochter Milch oder Sahne g* ba lues zu Verdauungsstörungen sichren kann. Auch hrer erhöh lick die Verdaulichkeit des Obftes, wenn es mit Butterbrot âenosen wird. Alles Obst muh sorgfältig gewaschen ^getrocknet unb gereinigt werden |oU «- keinen Schaden ^verursachen. Am besten verdaut wird das ^bst, das am Tage gegessen wird.
* V o m Hess. S t a a t s s ch u l d b u ch. In den Monaten April und Mai 1911 beträgt lt. „Darmstädt. 3tg.“ der Zugang an Schuldbuchsorderungen auf 83 ' Konten 2 606 500 Mk., wovon 1 550 400 Mk. bar eingezahlt wurden. Die steigende Inanspruchnahme des Staatsschuldbuches ist in besonderem Maße zu beobachten seit dem Inkrafttreten der Aenderungen zum Schuldbuchgesetz, bie hieben der Befreiung von den Eintragungsgebühren wesentliche Erleichterungen bei der Legitimation brachten und ferner Bareinzahlungen zur Begründung einer Schuldbuchsorderung zulassen. In letzteren! Falle können entweder sum Eintrag bestimmte Schuldverschreibungen aller Zinsgattungen provisionsfrei angekauft werden, oder es erfolgt die direkte Eintragung nach dem jeweiligen Lurswert. Die direkte Eintragung ist zurzeit auf die 4prozen1ige bis 1918 unkündbare Anleihe beschränkt. — Annahmestellen sowohl für einzutra- gende Schuldverschreibungen als auch für Geldeinzahlungen sind in Darmstadt: das Großh. Staatsschuld - buchbureau (Luisenstraße 1), die Großh. Staatsschulden- kasse und die Hess. Landeshypothekenbank: außerhalb Darmstadts sämtliche Reichsbankanstatten, die Großh. Bezirkskassen (mit Ausnahme der Vezirkskassen Gießen 1 und Mainz 1 und 2), sowie das Steueramt Gernsheim.
* Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Larl Hemdes aus Ober-Olm, Lr. Mainz, eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ohmes, Lr. Alsfeld.
* Die schriftliche Prüfung für die F i- n a n z a m t s g e h il f e n wird am 4. September 1911, von vormittags 10 Uhr an, und den folgenden Tagen zu Darmstadt in den Prüfungsräumen des nördlichen Jagdhauses, Paradeplatz Nr. 4b, abgehalten werden.
* Theologische Lonferenz. Donnerstag vormittag fand hier die theologische Lonferenz statt, die recht zahlreich besucht war. Privatdozent Lic. Stephan aus Marburg berichtete über „Die heutigen Auffassungen vom Neuprotestantismus". Dann hielt Prof. D. Schian von hier einen Vortrag mit dem Thema: „Der moderne Individualismus und die kirchliche Praxis".
* Die kirchlich-positive Vereinigung hielt Donnerstag nachmittag eine Mitgliederversamm - lung ab, auf der Pfarrer Ausfeld einen Vortrag „Zur Reform des biblischen Geschichtsunterrichts" hielt. Er wandte sich gegen die modernen Reformbestrebungen, die in der Verkürzung des Unterrichtsstoffes, sowie des Me- morierstoffes ein Heil erblicken.
* Sein 45jähriges Arbeitsjubiläum im Dienst der Eisenbahn-Betriebswerkstatt beging der Schmied Georg Z e i d e r.
* Der B^l l o n „M a r b u r g" landete zur großen Ueberraschung der Landbevölkerung bei W e r n s - w i g. Sämtliche Zuschauer halsen bei der Landung des Ballons kräftig mit. Der Schaden auf den Kartoffel - feldern soll von den Insassen des Ballons gut bezahlt worden sein.
* Im Restaurant „L i e b i g s h ö h e" findet morgen aus Anlaß der Eröffnung der Sommer-Saison großes Garten-Lonzert statt.
* Etwas viel. Durch die abermalige Vermehrung der Uniformabzeichen der preußisch-Hessischen Ei- senbahnbeamlen hat jetzt ein Oberbahnmeister, der zugleich den für ihn ganz unpassenden Titel „Rechnungsrat" führt, nicht weniger als 16 Uniformabzeichen^ am Rocke. Nämlich: An jeder Seite des Kragens 3 Sterne gleich 6, auf jeder Seite des Kragens ein Winkelmaß gleich 2, auf jedem Achselstück 2 Sterne, 1 Wappenschild, 1 Rosette gleich 8, zusammen 16 Abzeichen!
♦ Gesellschaftsreisen. Eine neue Art der Führung bei Gesellschaftsreisen bereitet die Deutsche Lanzlei vor. Es werden bei den geplanten Reisen in die preußische Ostmark und zur Ostdeutschen Ausstellung in Posen Männer die Führung übernehmen, die mit Land und Leuten in Geschichte und Gegenwart vollkommen vertraut sind. Wegen der Reisen, die auch in das Gebiet der Ansiedelungskommission führen werden, wende man sich an die Deutsche Lanzlei, Berlin SW. 11. Tie Kosten für die zwölstägige Reise (Berlin über Posen nach Danzig) schwanken zwischen 170 und 190 Mark, je nach Wagenklasse. Zeitpunkt der Reisen: 8. bis 19. Juli, 9. bis 20. August, 30. August bis 10. September.
-l- Llein-Linden, 17. Juni. In diesem Som- I mer finden hier mehrere Feste statt. Nächsten Sonn-
I tag ist Feuerwehrsest, 14 Tage später Gesangwettstreil des Gesangvereins Arion, am 7. August Geflügel- und Laninchen-Ausstellung für den Verband Oberhessen und Ende August wird die Kirmes abgehalten.
* ) JB ad - Nauhei m, 17. Juni. Der Sulla n von Sansibar ist mit Gefolge und Dienerschaft zum Lurgebrauche hier eingetroffen. — In der abge laufenen Woche sind 1950 Kurgäste angekommen und beträgt die G e s a m t s r e q u e n z bis zum 15. Juni 13 185 Personen, wovon an genanntem Tage noch 6775 anwesend waren. Bäder wurden bis zum 15. Juni 137 776 abgegeben.
_ * Friedberg, 17. Juni. Das Großherzogliche Schloß in Friedberg wird für einen eventuellen Besuch der Zarensamilie in diesem Herbst instand gesetzt. Außer dem Hauptgebäude sind jetzt auch der für das Gefolge bestimmte Baue wohnlicher hergestellt, auch ist ein gro ßer neuer Garten unter Einbeziehung des alten Hirsch grabens angelegt worden. Die nicht unerheblichen Ko sten werden von der Privatschatulle des Zaren bestrit ten. Die Leitung des Umbaues liegt in den Händen des hessischen Hosmarschallamtes.
- n- F r i e d b e r g, 17. Juni. In dem soeben erschienenen dritten Bande der von Oberlehrer F. Dreher seit 1909 herausgegebenen „Friedberger Ge- s ch i ch t s b l ä 1 t e r" finden sich wieder beachtenswerte Beiträge zur Geschichte der Umgegend von Friedberg, Bad Homburg, Frankfurt, Hanau, Heldenbergen, Langenbergheim, Echzell, Wohnbach, Hungen, Gießen, Butzbach und Bad Nauheim. Auch dieser dritte Band wird eine Fundgrube für die hessische und insbesondere der Wetterauer Geschichte sein, und zugleich ein beredtes Denkmal für den Geist, der in der ausblühenden ehe maligen freien Reichsstadt Friedberg herrschte.
* Schlitz, 16. Juni. Unser altertümliches, bnr- gengekröntes Städtchen, das sich des öfteren schon des Laiserbesuches erfreuen durste, ist der Festort des 3 8. Gauturnfe st es. Hessens Turner, neben den Stun- )en ernsten Strebens, wahre Festfreude zu bereiten, darin wetteifern der festgebende Verein, die Festausschüsse und die gesamte Bürgerschaft. — Die Zahl der Frei- quartiere ist so groß, daß allen Turnern solche zur Verfügung stehen, und von Massenquartieren Abstand genommen werden kann.
- l- Darmstadt, 17. Juni. Der in weiten Krci= sen bekannte Oberamtsrichter Dr. Seiber t-Höchst i. O. ist plötzlich einem Schlaganfall erlegen. Der Verstorbene hat sich große Verdienste um den Odenwaldklub und besonders um dessen Wegmarkierung erworben. Er weilte bei seinem Sohne in Mühlheim a. d. Ruhr zu Besuch und dort hat ihn der Tod ereilt.
* Darmstadt, 17. Juni. Der hessische Viehhändlerverein tagte am Donnerstage im „Laisersaale". Der Syndikus des deutschen Viehhändlerverbandes, Scholtz-Berlin, hielt einen Vortrag über Viehhandel und Viehseuche.
* D a r m st a d t, 17. Juni. Infolge der Maul- und Llauenseuchegesahr wird der seit 10 Jahren alljährlich Mitte Juli hier abgehaltene Zentralziegenmarkt dieses Jahr ausfallen.
* Weilburg, 17. Juni. Der „Nassauer H o s" ging zum Preise von 105 000 Mark an Brauereibesitzer A. Lurz und Weinhändler R. Moser über.
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