Eickener Zeitung
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Nr. 115
Telephon: Nr. :
Mittwoch, dkli 17. Mai 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Eine deutsche Anfrage?
Ein französisches Blatt, die „Liberte", hat sich vor wenigen Tagen aus Petersburg und aus London berichten lassen, die deutsche Regierung habe dort ange- sragt, wie man sich zu dem Vorgehen Frankreichs in Marokko zu stellen beabsichtige. Von beiden Seiten sei, freilich in sehr höflicher Form, die Antwort gekommen, gegen das französische Vorgehen sei durchaus nichts einzuwenden und Großbritannien und Rußland seien durchaus der gleichen Ansicht.
Wir können zurzeit nicht kontrollieren, ob jene Mit- teilung der Wahrheit entspricht. Möglich ist es, für wahrscheinlich möchten wir es aber nicht halten, und zwar aus folgenden Gründen: Eine unmittelbare Entscheidung steht augenblicklich in der marokkanischen Angelegenheit nicht bevor. Deutschland hat sich in der Oef- sentlichkeit halbamtlich — und amtlich wahrscheinlich auf diplomatischem Wege — auf den Standpunkt gestellt, daß das Vorgehen der Franzosen im Verein mit der Versicherung der französischen Regierung an und für sich keine Verletzung der Algecirasakte bedeutet. Für gewisse Eventualitäten ist allerdings eine Aenderung der deutschen Haltung mit der Bemerkung in Aussicht gestellt, daß nach einer Verletzung der Algecirasakte diejenigen Mächte, welche sie unterzeichnet hätten, ihre volle Freiheit des Handels wieder gewonnen haben würden.
In einem solchen Stadium der Dinge und nach solcher Stellungnahme wäre es eigentlich nicht sehr folgerichtig gewesen, sich mit den erwähnten Fragen nach Petersburg und London zu wenden. Aus der anderen Seite ist aber beachtenswert, daß schon seit Wochen gerade in der englischen Presse verschiedentlich sehr deutliche Warnungen an Frankreich gerichtet werden. Ja, in einer bekannten und vielgelesenen Monatsschrift wird gerade herausgesagt, daß das französische Marokkounternehmen lediglich dazu führen könne, die gerade jetzt sich bessernden Beziehungen zwischen England und dem deutschen Reiche wieder zu stören und in Frage zu stellen. Man habe von Deutschland im Orient jetzt gerade so wertvolle Konzessionen erhalten, daß es nur im höchsten Grade peinlich wirken müßte, wenn England jetzt in einer Frage sich auf Frankreichs Seite stelle, wo die französische Politik offenbar im Unrechte sei, und trotz aller schönen Versprechungen nichts anderes beabsichtige, als Marokko vollständig, und zwar ebenso wirtschaftlich wie politisch, in seine Gewalt zu bringen.
So deutlich hat man sich zwar, soweit uns besannt ist, in der sonstigen englischen Presse nicht ausgesprochen, aber wie gesagt sind Andeutungen häufig gemacht worden, und das Unbehagen auf großbritannischer Seite gegenüber dem französischen Vorgehen tritt überall hervor. In Frankreich ist begreiflicherweise das Unbehagen über jenes Unbehagen nicht gering, und daraus allein ließe sich möglicherweise jene eingangs erwähnte Mitteilung des französischen Blattes erklären. Meldungen sind leicht gemacht und an Erfindungsgabe hat es in derartigen Fällen, wenn das eigene Interesse es zu verlangen scheint, sicherlich niemals gefehlt. Eine Bedeutung für die politische Lage haben jene Mitteilungen also sicherlich nicht, würden sie auch dann nicht haben, wenn sie nicht vollständig aus der Luft gegriffen wären, denn dann wäre so gut wie sicher, daß man ihren Sinn in der Oeffentlichkeit sehr stark verdreht hätte.
Hessischer Candtag.
Die Zweite Ständekammer besahte sich in der gestrigen Sitzung mit der Petition der Diener der hessischen Staatsbehörden um Regelung ihrer Ee- Haltsverhältnisse. Der Berichterstatter, Abg. Mollhan, trat in warurer Weise für die Petenten cm und erkann e die dringende Notwendigkeit einer Rcviswn der Besol- dungsordnung an. Er beantragt die Vorstellung der Regierung als Material zur Besoldungs-Ordnung zu überweisen und sordertè von der Regierung, daß auf dem nächsten Landtage eine neue B°soldungs- ordnunq vorgelegt würde. Das Haus stimmte diesem An,rag zu. Ueber die Vorstellung des Volksbundes zur Bekämpsung des Schmutzes in Wort und Bild betr. liche Auslagen, Schaufenster, Kinematographen rc. re- scrierte Abg. Stapler. Er empfahl die^ Unterstützung der in der Vorstellung ausgesprochenen Wun,che.^-ie Kan - wer beschloh. die Vorstellung vorerst für erledigt zu er- klären. ..
ber Pensionierung des Lehrers Hllleb ran vi in Bad-Nauheim, beantragte der Abg. Leun (Bauernbund) dem Petenten aus dem Dispositionsfonds einen
Zuschuh zur Pension zu gewähren. Ulrich-Offenbach (S.) meinte, die Pensionierung wäre zu Unrecht auf Veranlassung des Kreisschulinspektors zu Friedberg erfolgt und beantragte neue Prüfung der Pensionsgründe. Abg. Schmitt-Mainz (Z.) beantragte die Rückverweisung der Angelegenheit an den Finanzausschuß. Dieser Antrag wurde angenommen. Sodann wurde über eine Ein gäbe aus Bad-Nauheim wegen des Quellen - Monopols durch den geplanten Neubau eines Riesen - Hotels referiert. Verschiedene Redner sprachen sich g e - gen den Hotelneubau und gegen ein Wassermonopol aus. Von Seiten der Regierung wird jedoch behauptet, dah von einem Wassermonopol nicht die Rede sein könne. Die sämtlichen Hotels seien in der Lage, für 12 Mark pro Kubikmeter Soole beziehen zu können.
Die E r st e K a m m e r d e r S t ä n d e wird nächsten Dienstag, vormittags 10 Uhr, zur Abhaltung mc^ rerer Plenarsitzungen zusammentreten. Aus der Tagesordnung steht die Schluhberatung über die Wahlrechtsvorlage und über die vier Vorlagen zur Verwaltungsgesetzrevision, Städteordnung, Landgemeindeordnung, Verwaltungsrechtspslege und die Kreis-und Provinzialordnung, sowie eine Anzahl kleinerer, von der Zweiten Kammer fertiggestellter Vorlagen. In der Zwischenzeit dürfte sich auch der Finanzausschuß der Ersten Rammer nochmals mit den jetzt vorliegenden Beschlüssen des anderen Ausschusses über die 'Gemeinde - Umlagenreform näher beschäftigen. Da auf allen Seiten der dringende Wunsch besteht, diese für alle Kommunen des Landes so wichtige Gesetzesmaterie nun endlich zum Abschluß zu bringen, herrscht in den maßgebenden Kreisen die feste Zuversicht, daß es, wenn auch erst nach mühevoller Arbeit, doch gelingln wird, auf Grund der Beschlüsse des Finanzausschusses Zweiter Kammer, zu einer Verständigung zu gelangen.
Au$ Stadt und Hand.
Gießen, den 17. Mm.
* Verufskrankenpflegerrnnen des Alice-Frauen-Vereins. Der Alice-Frauenver- ein für Krankenpflege hat sich seinerzeit als Mutterhaus seuuu Schwesternschaft und Pslegerinnenschule das Alice- Hospital in Darmstadt geschaffen und entsendet von da aus seine Schwestern in das ganze Land; aber oft inufjte er Gesuche um Ueberlassung von Schwestern aus Mangel an Pflegerinnen abschlägig bescheiden. Jede Frau, jedes Mädchen zwischen 20 und 35 Jahren, das unbescholten, geistig und körperlich gesund ist, wird zu einer Probezeit von 3 Monaten angenommen) gegen Stellung einer Kaution von 100 Mk., von der aber im Falle der Vermögenslosigkeit abgesehen werden kann. Erweist sich die Probepslegerin während der Probezeit, in der sie freie Wohnung und Verköstigung im Alice - Hospital hat, als zum Schwesternberuf geeignet, so wird sie Lehrschwester, bekommt als solche schon Gehalt und kann nach einem Jahr von einer vom Staat bestimmten Prüfungs-Kommission eine Prüfung ablegen. Nach Ablegung der Prüfung wird sie auf Antrag der Vorsteherin der Pflegerinnenschule vom Zentral-Komitee als Schwester angestellt. Die näheren Bestimmungen über ihre Rechte und Pflichten, besonders auch über Gehalt und Pensionsberechtigung sind bei der Vorsteherin der Pslegerinnenschule und des Alice-Hospitals in Darm - stabt zu erfahren. Gesuche um Ausnahme in den Schwe- sternverband sind schriftlich an die genannte Vorsteherin zu richten. Dem Gesuche ist beizufügen: a) Geburtsschein, b) selbstverfahte und selbstgeschriebene kurze Schilderung des Lebenslaufes in Form eines Fragebogens nach Formular, c) ein ärztliches Zeugnis über den Besitz einer festen Gesundheit und eines kräftigen Körperbaues in verschlossenem Umschlag, d) bei Minderjährigen die Einwilligungserklärung des gesetzlichen Vertreters (Vater, Mutter, Vormund), e) Zeugnisse und Empfehlungen oder Angaben von Stellen, bei denen Erkundigung eingezogen werden kann. Der Alice-Frauen-Verein fordert alle Frauen und Jungfrauen, die Neigung zu dem Berufe als Krankenpflegerin, diesem edelsten aller Frauenberufe, haben, auf, sich zu melden und sich dadurch einen befriedigenden beglückenden Wirkungskreis zu schaffen im Dienste der leidenden Menschheit!
♦ Der Mittelwest deutsche Stenograph e n b u n d Stolze-Schrey hielt am Samstag und Sonntag in Frankfurt a. M. seine 25. Hauptversammlung ab. Aus dem Jahresbericht ist zu ersehen, daß der Bund rund 130 Vereine mit rund 5000 Mitgliedern zählt, darunter 22 Schülervereine mit zirka 700
Mitgliedern. Im abgelaufenen Jahre wurden rund 4800 Personen unterrichtet, davon 2700 Schüler. Am Sonntag war Festversammlung im Raufm. Vereins bstuk in der Stabtrat Dr. Ziehen der Versammlung die Grüße des Magistrats überbrachte. Er betonte, daß die städtischen Behörden den stenographischen Bestrebungen mit wärmstem Interesse gegenüberstehen und wünschte der ^ache weiteres Gedeihen. Professor Dr. Voigt be gluckwünschte den Bund als Vertreter der Akadeinie für Sozial- und Handelswisscnschastcn. Er hob besonders die Verdienste der Stenographie für das kaufmännische Bildungswesen und die kaufmännische Praxis hervor Vcrbandsvorsitzender Mar Bäckler-Berlin dankte bem Bundesvorstand für seine rege Tätigkeit in ben 25 Jah ren. Das Gebiet des Mittelwestdnlischen Bundes ' sei durch die Konkurrenz mit den anderen Systemen ein chwerer Kampfplatz gewesen, deshalb könne man be sonders stolz auf die Leistungen und (Errungenschaften lern. Darauf sprach Ferdinand Schrey-Berlin über .Die Zukunft der Stenographie“. Der Redner gab ber fioff nung Ausdruck, daß dasjenige System aus dein Welt kampf als Einheitssystem hervorgehen möge, das allen Aiiforderungen an Einfachheit, Deutlichkeit und prakti sche Leistungsfähigkeit gerecht werde. Die Herren Bäck ler-Verlin, Schrey^Berlin und Fabrikant Schäfer Mar bürg wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt. An dem Wettschreiben, das gelegentlich der Tagung abgehaltcn wllrde, beteiligten sich 630 Personen, abgeliesert wur sert wurden 565 Arbeiten, mit Preisen ausgezeichnet 479. Die höchste Leistung (380 Silben in der Minute) er zielten Schinitz-Wiesbadeil unb Mager-Wiesbaden. Herrn Schmitz wurde neben einem Ehrenpreis die vom Ver - band für die höchste Leistung gestiftete Stolze-Denkmünze überreicht.
M a r b u r g, 16. Mai. Für die Errichtung eines Kreiskriegerdenkmals in Marburg haben die Kriegerver eine bereits 8412 Mark gesammelt. Im ganzen stehen 12 000 Mk. zur Verfügung. Der Kreiskriegerverband hat sich mit der Stadtverwaltung ins (Einvernehmen ge- setzt und sich dahin geeinigt, daß das Denkmal Mitte Sommer 1912 fertiggestellt und eingeweiht werden soll.
V o m V o g e l s b e r g. In vollem Umfange ist jetzt der Frühling im Gebirge eingezogen. Die Wälder, bis auf die des „Oberwaldes", die aber bald fol- gen werden, sind in neues Grün gehüllt. Die Bäume haben größtenteils schon abgeblüht. Die Wiesen lassen im Grasansatze noch zu wünschen übrig. Viele Korn- und Weizenäcker mußten umgepflügt und neu bestellt werden. — Schlechte Aussichten eröffnen sich für die am 1. d. Mts. aufgegangene Rehjagd. Viele Tiere sind an einer Seuche und den Folgen des schneereichen Winters, an Nahrungsmangel, eingegangen.
* Wa 11 weiler (Nheinpfalz), 16. Mai. Zur Erhaltung der „Kundschaft" Ein „wunderschöner" Brauch ist im hiesigen Orte eben wieder geübt worden. Es war Impftermin. Nachdem alle Säug - Buge geimpft waren, zogen der althergebrachten Sitte gemäß sämtliche beteiligten Frauen ins nächste Wirtshaus, wo die Hebamme ein Faß Bier aufstellen ließ.
* Herne, 16. Mai. Ein aus Posen stammender Arbeiter erhielt von seiner Familie die. Nachricht, daß seine in der Heimat zurückgebliebene Frau im Sterben liege und ihn noch einmal zu sehen wünsche. Der 42- jährige rüstige Mann regte sich darüber so aus, daß er von einem Herzschlage getroffen wurde. Das Telegramm mit der traurigen Nachricht trug der Tote bei sich.
Eingesandt
Die Theologieprofefforen in Gießen haben eine Eingabe an den Großherzog gemacht, die sich mit ihrer Lehrtätigkeit besaht. Aus dem Inhalt interessiert mich heute nur die Stelle, wo sie sagen, daß sie ab und zu auch aus der Kanzel predigten, daß sie durch Eid und Pflicht im Dienste Gottes, des Vaterlandes und der Kirche ständen. Diese Worte zwingen mich zu folgender Frage: „Bei der letzten Reichstagswahl stand ein Sozialdemokrat, ein ausgesprochener Kirchen-, Religionsund Vaterlandsfeind mit einem deutsch-national gesinntem Manne, der wiederholt öffentlich erklärt hat, dah es das Brot allein in dieser Welt nicht tue, dah ein Gott lebe und ohne Religion ein Volk dem Untergang entgegenginge." Darf bei einer solchen Wahl ein Theolo- gieprosessor einen Sozialdemokraten wählen? Und wenn er es tut, wie stimmt das mit den obigen Worten der
Eingabe überein ?
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