Gießener IeiLnng
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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
Behörden Gberhessens
Expedition: Seltersweg 83
(Haus Brüder Schmidt.)
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Gcsanltleitntlg: Albin Klein.
Nr. 65.
Telephon: Nr. 362.
Freitag den 17. März 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
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Einen roten Festtag ohnegleichen in der neueren Geschichte begeht morgen die Sozialdemokratie: vor vierzig Jahren hißte an diesem Tage in Paris die Stom= mune — so nannte sich damals die sozialdemokratische „Negierung" — die rote Fahne, um unter dieser dort eine Schreckensherrschaft auszuüben, die das Wesen und Wirken der Sozialdemokratie in seiner ganzen Entfaltung dargestellt hat. Ueber zwei volle Monate wurde durch die Stommune Frankreichs Hauptstadt der Schauplatz einer Revolution, wie sie so scheußlich, so entsetzlich selbst jene Tage nicht erlebt haben, in denen achtzig Jahre vorher das französische Königtum zertrümmert worden war. Wer heute noch nicht erkennen mag, was unfehlbar bevorsteht, wenn die Sozialdemokratie ihr Ziel erreicht und zur Herrschaft gelangt, dem liefert die Er- innerung an die Pariser Kommune eine Vorstellung, wie sie anschaulicher, lehrreicher nicht geboten werden kann.
Vom 18. März bis Ende Mai 1871 hat die Sozialdemokratie in Paris gezeigt, was kommen muß, wenn ihre Umsturzgedanken Tat werden, wie in lebensvoller Wahrheit und Wirklichkeit aussieht, was sie will. Die Pflicht gegen das Vaterland erfüllten die französischen Sozialisten dadurch, daß sie nach der unvergleichlich schweren Niederlage, die Frankreich im Stampfe gegen Deutschland erlitten hatte, das aus tausend Wunden blutende Land, noch mit den Greueln eines furchtbar blutigen Bürgerkrieges beglückten; daß sie unter den Augen der siegreichen deutschen Heere, die noch vor den Toren von Paris standen und einen großen Teil des Landes besetzt hielten, ein Gemälde schändlichster Mordgier und barbarischer Verheerung entrollten. Statt alle Strafte in friedlicher Arbeit zum Wiederaufbau dessen zu sammeln, was der verlorene Strieg vernichtet hatte, ging nach dem Friedensschlüsse die Sozialdemokratie sofort daran, durch wüste Zerstörung die Schrecken des beendeten Krieges weit zu überbieten. Es ist bezeichnend, daß die ersten Opfer der Pariser Schreckensherrschaft 2 Generale des französischen Heeres wurden, die der Pöbel ermordete. So wurde bezeugt, daß die Saat der sozialdemokratischen Hetze gegen die Armee herrlich aufgegangen war. Auf Befehl der Gewaltherrscher ward dann die Vendomesäule umgestürzt, ein stolzes Denkmal kriegerischer Siege und Größe, das aber der Umsturzbe- schluh in seiner Begründung verächtlich eine „Bekräftigung des Militarismus" nannte. In gerechter Entrüstung teilte dies der Marschall Mac Mahon, der Oberbefehlshaber der neu gebildeten Armee der Ordnung, seinen Soldaten in einem Tagesbefehl also mit : „Die Vendomesäule ist gefallen. Sie, die der Feind geschont, die Kommune von Paris hat sie zerstört. Leute, die sich Franzosen nennen, haben es gewagt, angesichts der Deutschen, deren Blicke auf uns gerichtet sind, diese Bezeugung der Siege unserer Väter über das verbündete Europa zu zerstören. Hofften etwa die ehrlosen Urheber dieses Anschlages auf den nationalen Ruhm, damit die Erinnerung an die kriegerischen Tugenden auszutilgen, deren ruhmreiches Sinnbild dieses Denkmal war?"
Was vor vierzig Jahren die sozialdemokratischen Volksbeglücker in Paris an Roheit, Gewalt und Ty- rannai geleistet haben, steht unübertroffen da. Ihre Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit betätigten sie dadurch, daß' sie sich, soweit es ihnen nur irgend möglich war, um den Beweis bemühten, daß alles, was besteht, umgestürzt werden muß. Ihren Untergang besiegelten sie damit, daß sie zum Abschied noch einmal gründlich ihre Mordgier und Zerstörungsbedürfnisse befriedigten: Die Geiseln, die in ihrer Gewalt waren, wurden in Massen abaeschlachtet, und mit Pulver und Petroleum verwandelten sie einen Teil der Pariser Prachtbauten in einen Schutthaufen. In Blutlachen und unter Trummern versank die Kommune.
Also ist vor vier Jahrzehnten praktisch dargetan worden was die Sozialdemokratie bezweckt, und nie haben ihre Führer in unserem Vaterlande ein Hehl daraus gemacht, daß die Pariser Kommune von 1871 jur ihre Partei das Vorbild bleibt. Bebel hat unter dem str- scheu Eindruck der Taten der Kommune diese von der Tribüne des Reichstags als Wegweiser sur die Zrelè der Partei gepriesen, an deren Spitze er noch heute st^t. Am 25. Mai 1871 sagte er im Reichstage: „Seien ^ic überzeugt, das ganze europäische Proletariat und alles was noch ein Gefühl für Freiheit und Unabhängigkeit “ her ®ru t trägt, sieht aus Paris. Und wenn auch rm Augenblicke Paris unterdrückt ist, dann erinnere ich, Su daran, dah der Kamps in Paris nur ein kleines Vorgefecht ist daß die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht und daß, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtrus des Pariser Proletariats: „Krieg den Palästen Friede den Hütten, Tod der Not und dem Mutzig- gangè'" der Schlachtrus des gesamten europäischen Pr^ letariats sein wird." In demselben Sinne haben sich
die Parteitage und die Führer der „deutschen" Sozialdemokratie geäußert, so oft sie der Pariser Kommune gedacht haben. So versicherte Liebknecht der Vater einmal, die Mörder und Brandstifter der Kommune seien nicht Blutmenschen, nicht Verbrecher, sondern edle Menschen, die für das Beste der Menschheit strebten und wirkten, und ein anderer sozialdemokratischer Führer gab auf die Frage, wie die Diktatur des Proletariats aus- sieht, die Antwort: „Seht euch die Pariser Kommune an, das war die Diktatur des Proletariats." Morgen wird die gesamte sozialdemokratische Presse das Gedächtnis der Schandtaten der Pariser Kommune mit dem Bekenntnis zu ihr feiern, um aufs neue zu bezeugen, daß die Sozialdemokratie, wenn sich ihr eine so günstige Gelegenheit, wie im März 1871 in Paris, bietet, das Schauspiel der damaligen Schreckensherrschaft wiederholen wird.
Ketdistägswi^^
Von einem Leser aus Lollar erhalten wir folgende Zuschrift:
Im Streit um das Mandat des verstorbenen Abgeordneten Köhler kämpft heute der Kandidat der Sozialdemokratie mit der Wirtschaftlichen Vereinigung. — Soll die Uneinigkeit im bürgerlichen Lager dem Sozialdemokraten zugut kommen? Dies kann kein rechtdenkender Bürger wünschen. — Ganz Deutschland blickt heute aus die mit Mecht als valerlandliebend bekannten Oberhessen. Wollen wir den Glauben an unsere Treue zu Kaiser und Reich wankend machen lassen, dadurch, das wir in einseitigem Parteiinleresse das große Ganze über - sehen? Es ist Pflicht jedes national gesinnten Wählers am Wahltage seine Stimme abjugeben und nicht zu Hause zu bleiben. — Stadt und Land haben gemeinsame Interessen, sie sollen auch jetzt zusammenstehen. — Die Kämpfe früherer Jahre sollen nicht wiederkehren. Kam der Gießener Reisende aufs Land, so schalt man ihn freisinnig, den Landbewohner dagegen in der Stadt nationalliberal. Weiter wollen wir heute darauf nicht eingehen. Es wird noch im Gedächtnis sein. Mit Unrecht wird Dr. Werner als Vertreter der bäuerlichen Bevölkerung ausschließlich bezeichnet. Nicht den Bauern allein, wohl aber den gesamten schaffenden Ständen wird seine Tätigkeit zu gute kommen. Der Handwerker, Beamte, Kaufmann oder Arbeiter findet bei ihm, der selbst dem Mittelstand entstammt, volles Verständnis für seine Wünsche. Mit Freuden wird es auf dem Lande begrüßt, daß Bürger der Stadt Gießen aller Parteien zusammentreten, um den Sieg des Sozialdemokraten zu verhindern. Heute muß die Parole sein: Laßt alle Sonder-Interessen bei Seite, wählt alle den Kandidaten des bürgerlichen Mittelstandes Dr. Werner.
Bus Stadt und Lasä.
Gießen, den 17. März
* * Gießen. Bei der am 10. März vorgenommenen Reichstags-Ersatzwahl sind von 23 516 gültig abgegebenen Stimmen gefallen aus:
1. Krankenkassenkontrolleur Beckmann, Gießen 7976
2. Oberlehrer Dr. Werner, Butzbach 7958
3. Pfarrer Korell, Königstädten 5059
4. Professor Dr. Gisevius, Gießen 2511
5. Andere Personen 12
Die am Dienstag, den 21. März 1911 stattsindende Stichwahl beginnt um 10 Uhr vormittags und wird um 7 Uhr nachmittags geschlossen. Die Wahl findet auf denselben Grundlagen und nach denselben Vorschriften statt, wie die erste Wahl. Insbesondere bleiben die Wahlbezirke, die Wahllokale und die Wahlvorsteher unverändert. Bei der engeren Wahl werden dieselben Wäh- lerkksten angewendet, wie bei der ersten Wahlhandlung. Eine wiederholte Auslegung und Berichtigung findet nicht statt.
* Gießen. Der praktische Vogelschutz macht im Großh. Hessen erfreuliche Fortschritte. So hat die hessische Landwirtschaftskammer in Rimbach i. O. ein großes Vogelschutzgehölz anlegen lassen. Die Stadtverordnetenversammlung zu Bingen hat 600 Mark für den gleichen Zweck in ihrem Haushaltplane vorgesehen.
— Wetzlar. Unser Oberbahnhofsvorsteher wird am 1. April nach Limburg versetzt.
-e- Krofdorf, 17. März. Gestern Abend gegen iz 8 Uhr ertönten Alarmsignale der Feuerwehr. Es brannten die dicht zusammenstehenden Wirtschaftsgebäude von Konrad Reh und Wilhelm Krumbach. Die Leute waren noch unten beim Füttern, während das Feuer oben schon zum Ausbruch gelangt war. Die Vorräte finb verbrannt, jedoch konnte das Vieh gerettet werden. Zur Mithilfe waren erschienen die Feuerwehren von Rod
heim, Gleiberg und Vetzberg. Die Ursache des Feuers ist unbekannt.
* Gladenbach, 15. März. In Loottenhorn fand eine Versammlung statt, welche sich für die Erbau ung einer Verbindungsbahn zwischelt Harten rod nach Niedereisenhausen aussprach. Diese Bahn soll 5 große Ortschaften und 42 Grubenfelder und Stein - brüche berühren.
* Homberg (Oberh.). Das g r o ß h e r z o g - l i ch e Schloß Homberg wurde oom Arzt Dr. Ätz a g= ner gekauft, der dort ein Sanatorium einrichten wird.
* Marburg, 16. Mürz. Der kaufmännische Verein beschloß, Schritte für eine Einmündung der Marburger Kreisbahn in den Hauptbah^chos anzubahnen.
* Hungen, 17. März. Anstelle des verstorbenen Landwirtschaftskammermitgliedes Köhler-Langsdorf wurde Otto Schneider-Utphe als Mitglied der Landwirt - schaftskammer für den 3. Wahlbezirk Lich-Hungen gewählt.
* Villmar, 15. März. Der Zimmerlneifter M. Bär dahier geriet gestern mit der rechten Hand in eine Kreissäge, wodurch ihm die Hand vollständig durchschnitten wurde.
* Weilmünster, 15. März. Die sämtlichen in und außer Betrieb befindlichen Dachs chieser-Gru- b e n des „Nassauischen Schiefer-Aktien-Vereins Frank - furt a. M." in Liquidation gingen durch Stauf in den Besitz der Dachschiefer-Gewerkschaft „Langhecke" bei Langhecke.
* Nassau, 15. März. Einen Brotpreisabschlag von 5 Pfg. für den Laib Brot haben die hiesigen Bäcker eintreten lassen.
* Darm stabt. Mit Wirkung vom 1. April dieses Jahres treten, wie wir bereits früher schon milge- teilt haben, im Hess. Gendarmeriekorps verschiedene Aenderungen ein. So werden eine größere Anzahl Gendarmen, die seither beritten waren, Fußgendarmen. Die beiden Distrikte Oberhessen und Rheinhessen gehen ein und haben die einzelnen Stationen fernerhin mit dem Korpskommando in Darmstadt direkt zu verkehren. Die Ausbildung neu zugehender Gendarmen findet nur noch in Darmstadt statt, seither auch in Mainz und Gießen. Von einer* Einzelstationierung wie in Preußen ist vorläufig noch Abstand genommen worden.
* Mainz. Unter großer Beteiligung fand hier der dritte hessische Handwerkertag statt, an dem auch Vertreter des Ministeriums, des Kreisamts, der Zentrale für Gewerbe teilnahmen. Die Stadt Mainz war durch den Oberbürgermeister Göttelmann vertreten, der Worte herzlicher Begrüßung an die Delegierten richtete. Syndikus Engelbach-Darmstadt referierte zunächst über das Verdingungswesen. Er konstatiert, daß die Einwirkung der Handwerkskammer manches an den Verhältnissen gebessert habe, aber doch sind noch manche Klagen zu erheben. Es ist erreicht worden, daß in erster Linie das heimische Handwerk und das heimische Material herangezogen wird, daß in vielen Fällen der Großunternehmer ausgeschaltet und der Handwerksmeister direkt herangezogen wurde. Die Einführung der Preisverzeichnisse hat ebenfalls sehr günstig gewirkt. In der Diskussion verlangte der Bezirksverband Friedberg, daß staatliche und kommunale Arbeiten nur an solche Submittenten vergeben werden, die zur Führung des Meistertitels berechtigt sind. Das zweite Referat, über die Verleihung von Privilegien an Gewerbeschulen wurde ebenfalls vom Syndikus Engelbach erstattet. Dann sprach Obermeister Leitz-Darmstadt über das Meisterprüf- ungswesen. Der Meistertitel soll ein Ehrentitel sein, aber von der Ehre allein kann man nicht leben, deshalb wünschen die Handwerker, daß mit dem Titel gewisse Rechte verbunden seien. Durch den „kleinen Befähigungsnachweis" ist es erreicht, daß nur der Lehrlinge halten darf, der den Meistertitel erworben hat. Zur Meisterprüfung sollen nur solche zugelassen werden, die eine Gesellenprüfung bestanden haben. Die Frage der Fürsorge für die gewerbliche Jugend wurde vom Tünchermeister Klingelschmitt-Mainz behandelt. Er machte besonders aus die Notwendigkeit der Lehrlingsheime aufmerksam, aus eigenen Kräften sollen solche aber nur dann eingerichtet werden, wenn durch die konfessionellen Heime den bestehenden Bedürfnissen nicht abgeholfen werden kann. Von Darmstadt und Gießen aus wird eine Verlängerung der Lehrzeit für Friseure verlangt. Außerdem werden noch besondere gewerbliche Schiedsgerichte und das Inkrafttreten des zwer- ten Teiles des Gesetzes zur Sicherung der Vausorder-
unaen verlangt.
♦ Böckels (Str. Fulda), 15. März. Unser Bur- ' aermeifter Franz Comitti beging heute sein funf- 1 einjähriges Dienstjubiläum. Aus diesem Anlaß : wurde der allgemein' beliebte Beamte zum Ehrenbürger i der Gemeinde ernannt.