Gießener Jettnng
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jeden Werktag früh. — Die „Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: SellerSweg 83. — Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
> Behörden Gberhessens
Expedition: Seltersweg 85
lHauS Brüder Schmidt.)
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Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 41
Telephon: Nr. 362.
Freitag den 17. Februar 1911
Telephon: 9k. 362.
23. Jahrg
Ein W Utreinsarbeit
Die Tätigkeit des Deutschnationalen Handlungsgehil- sen-Verbandes im Jahre 1910 soll durch die nachstehenden Angaben in gedrängter Kürze veranschaulicht werden.
Das Jahr 1910 war für den D. H.-V. ein kritisches Jahr erster Ordnung. Aus dem Stuttgarter Verbands- tag im Jahre 1909 war beschlossen worden, den Ver- bandsbeitrag von 10 Mark aus 18 Mark zu erhöhen. Im abgelaufenen Jahre muhte nun diese Finanzreform im vollen Umfange durchgeführt werden. Die linksliberalen und sozialdemokratischen Gegner des Verbandes hofften eine allgemeine Mitgliederflucht. Noch im Januar dieses Jahres behauptete das „Berliner Tagebl.", dah sich der Mitgliederbestand des D. H.-V. um 25 000 verringert habe. In Wirklichkeit ist die Mitgliederziffer gestiegen von 120 275 auf 121012. Dabei sind am Jahresschluß alle Mitglieder gestrichen worden, die aus dem Jahre 1909 mit ihrem Beitrage im Rückstände waren.
Die Beitragseinnahme des Verbandes und seiner Krankenkasse belief sich auf 2 300 000 Mark.
Bei der Verbandssparkasse wurden 1 400 000 Mark Spargelder eingezahlt. Die Einzahlungen werden mit 4 Prozent verzinst. Zweck der Sparkasse ist, den Sparsinn unter den Verbandsmilgliedern zu fördern.
Die Verbandskrankenkasse verausgabte für die Unterstützung erkrankter und für die Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder 580 000 Mark. In dieser Summe sind auch die Leistungen der neuerdings eingeführten Familienversicherung (28 000 Mark) mitenthalten.
Die Versicherung gegen Stellenlosigkeit, die dem Kaiserlichen Aussichtsamt für Privalversicherung untersteht, hat an stellenlose Mitglieder 114 428 Mark Rente aus- gezahlt.
Außerdem wurden für Notleidende aus der Dar - lehnskasse 18 000 Mark bewilligt.
Durch die Stellenvermittlung wurden 3154 offene Stellen besetzt. Für schlecht berufene Firmen werden keine Stellungen vermittelt, ferner ist die Stellenvermittlung gesperrt für die Firmen, die mit ihren Angestellten Konkurrenzklauseln vereinbaren.
Die Auskunftei unterrichtet Stellensuchende über die Arbeitsverhältnisse, um sie vor Enttäuschungen beim Stellenwechsel zu bewahren. 8162 Auskünfte dieser Art wurden erteilt.
Die Abteilung für Rechtsschutz erteilte 14 926 Rechts- auskünfte, übernahm in 886 Fällen die Vermittlung bei ausgebrochenen Streitigkeiten, wovon 121 Streitfälle zu Prozessen führten. Insgesamt wurden dadurch den Mitgliedern 98 684 Mk. Eehaltssorderungen u. 215 Zeugnisse verschafft.
237 Ortsgruppen haben Unterrichtskurse eingerichtet, die insgesamt 2655 Teilnehmer zu verzeichnen hatten. In Hagen und Wiesbaden haben sich diese Unterrichtskurse zu „staatlich genehmigten Fachschulen des D. H.-V." ausgewachsen, während in Lennep die Unterrichtskurse zu einer obligatorischen kaufmännischen Fortbildungs - schule umgewandelt wurden. Unter den ausländischen Ortsgruppen ragt Ehikago hervor mit einer „Englischen Schule des D. H.-V." mit über 60 Schülern.
Umfassende Arbeit wurde von der Lehrlingsabteilung geleistet. 12 800 Kausmannslehrlinge, in 444 Gruppen zusammengefaßt, haben sich dem D. H.-V. angeschlossen. 39 Gruppen besitzen eigene Lehrlingsheime, 401 Gruppen unterhalten ein geregeltes kaufmännisches Unterrichtswesen für Lehrlinge, außerdem werden Besichtigungen industrieller Werke, Wanderungen und Kriegsspiele unternommen. Anläßlich eines Elternabends, den die Lehrlingsabteilung in Gütersloh veranstaltete, lies vom Generalfeldmarschall Gras Häseler ein Schreiben ein, worin es u. a. geiht: „Mögen die Bestrebungen des Verbandes Fuß fassen, nicht nur innerhalb des Verbandes, sondern auch vorbildlich wirken in weiteren Kreisen zum Wohle des Vaterlandes,"
1900 wanderlustige Mitglieder haben sich zu einem Bund für Wanderpflege zusammengeschlossen, um unter den deutschen Handlungsgehilfen die Wandersreudig- keit zu wecken und sie für edlen Naturgenuh reif werden zu lassen.
Die Zahl der deutschnationalen Gehilsenbeisitzer in den Kaufmannsgerichten stieg von 992 auf 1035, denen 108 Sozialdemokraten gegenüberstehen.
Die Arbeiten der „Sozialpolitischen Abteilung" waren in der Hauptsache auf die Beeinflussung der Reichsversicherungsordnung, des Arbeitskammergesetzes und der in Aussicht stehenden Privatangestelltenversicherung gerichtet. Verabschiedet wurde vom Reichstag das Konsulatsgebührengefetz. Dabei gelang es, die Gebühren - freibett für die Beglaubigung der Zeugnisse durch unsere Konsuln durchzusetzen. Die Zeugnisse ausländischer
Firmen erhalten in der Regel erst dadurch Wert bah sie vom deutschen Konsul beglaubigt sind, weil sonst immer der Verdacht besteht, daß der Gehilfe, der sich auf das Zeugnis einer ausländischen Firma beruft in irgendeinem minderwertigen Geschäftshaus tätig war ^ede derartige Beglaubigung kostete bislang 10 Mark 3/9 t 1 st Gebührensreiheit dafür einqe-
Or^nh.^ Erfolg Haben die deutschen Gehilfen imAuslaude dem Abgeordneten Behrens zu verdanken.
In der vorstehenden, gedrängten Uebersicht sind viele Zahlen enthalten. Wer aber Erfahrung besitzt in der Vereinstätigkeit, wird ermessen können, wieviel Mühe und Arbeit sich in diesen Zahlen ausdrückt, wieviel tausend fleißige Hände sich regen mußten, um diese Ergebnisse zu erzielen.
Hamburg. Rich. Döring.
Hur Stadt und Hand.
Gießen, den 17. Februar.
* Gießen. Der ordentliche Professor der Mathematik an der Deutschen Technischen Hochschule in Prag Dr. Gerhard Kowalewski, hat den an ihn ergangenen Rus an die hiesige Universität als Nachfolger von Pros. M. Pasch angenommen.
Gießen. Ernannt wurde der Amtsgerichtsdie- ner bei dem Amtsgericht Wald-Michelbach E. Kliffmüller zum Kanzleidiener am Landgericht der Provinz Oberhessen.
* Eutzen. Die kirchlich-positive Vereinigung hielt gestern eine Mitgliederversammlung ab, in der Vsarr- assistent Schorlemmer einen Vortrag über „Die modernen Anschauungen vom Alten Testament" hielt.
. * Gießen. Der Vorstand des Verbandes der De- tailllstenvereine im Großherzogtpm hielt eine Sitzung ab in welcher hauptsächlich die Gemeindesteuer-Reform nochmals eingehend erörtert wurde. Man hofft, daß die Erste Kammer den Wünschen der Detaillisten Verständnis entgegenbringt und die von der Zweiten Kammer angenommene Sondersteuer nicht zu Falle bringe. — Ferner sand eine Besprechung des Vorstandes mit einer Abordnung Rheinhessischer Geschäftsleute statt, die den dort bestehenden Rheinhessischen Detaillisten-Verband auslösen und ihn als Detaillistenverein für Rheinhessen - Land neu gründen wollen. Dieser neue Verein wird dann dem Hessischen Verband mit zirka 3—400 neuen Mitgliedern sofort beitreten.
— Wetzlar, 17. Febr. Rasch tritt der Tod den Menschen an. Die Wahrheit dieses Wortes bestätigte sich gestern anläßlich des Neulschen Dachstuhlbrandes. Der Kaufmann Waldschmidt 2. begab sich in großer Hast nach der Brandstelle. Unterwegs wurde er von Unwohlsein befallen, sodaß er in seine Wohnung ge- schafft werden mußte. Hier machte ein Herzschlag dem Leben des im rüstigsten Alter stehenden Mannes ein jähes Ende.
— Wetzlar, 17. Febr. Gestern vormittag gegen 10 Uhr ertönten Hornrufe der Feuerwehr und die dumpfen Klänge der Elsuhrglocke. Im Neul'schen Hause in der Naubornerstraße war ein Dachstuhlbrand ausgebrochen. Die Feuerwehr, die schnell zur Stelle war, erstickte das Feuer in kurzer Zeit.
- k- Braunfels, 16. Febr. Gestern abend gegen 6 Uhr ging eine überaus traurige Nachricht durch unsere sonst so ruhige Stadt. Der Landwirt Louis Abbe l, ein braver, geachteter und beliebter Mann, war im Walde beim Holzfällen von einem Baumstamm erschlagen worden. Seine Frau erlitt bei der Nachricht schwere Herzkrämpfe. An der Bahre stehen außer dem alten betagten Vater, wie schon gesagt, die arme nun auch noch körperlich schwer mitgenommene Frau und 5 kleine Kinder. — Das Mitgefühl mit dieser schwer betroffenen Familie ist ein allgemeines.
* Frankfurt a. M. Der Verband geprüfter Nahrungsmittelchemiker hält am 19. März hier seinen 4. Verbandstag ab.
* Weilburg. Mittwoch nacht wurde in die Kassenräume der im hiesigen Landratsamte befindlichen Kreissparkasse des Oberlahnkreises e i n g e b r o - ch e n und eine Kassette, die Bargeld und Wertpapiere im Betrage von über 2 0 0 0 Mark enthielt, gestohlen.
♦ Marburg. Der Kaufmännische Verein beschloß, anfangs April einen Schaufenster-Wettbewerb, verbunden mit Verkehrssonntag, zu arrangieren.
* Biedenkopf. Die Eröffnungsfahrt der Bahnstrecke Oberscheld — Biedenkopf fin- ' bet am 29. April mit den hierbei üblichen Festlichkeiten - statt.
— Berghausen. Für 25jährige ununterbrochene Tätigkeit auf Kruppschen Gruben erhielten der Maschi» nist Fr. Ludwig und der Bergmann K. Becker als Zeichen der Anerkennung je eine goldene Busennadel und 100 Mark in bar.
. 'Heppenheim. Der Gemeinderat bewilligte den Veteranen ein Ehrengeschenk von 20 Mk.
i?"^?^'' 15‘ F«br. Die Finanzaus- I d) u I I e beider Kammern kamen nach langen Berat - ungen zu folgender Uebereinstimmung: Jnbezng auf den Ha up Ivoranschlag stimmt der Ausschuk der Ersten Kammer den Beschlüssen des Ausschusses der Zweiten Kammer zu. Das S ch u l d « „ t i l g u n g r g «. setz wird in der vom Finanzminister Braun vorqclea- ten Fassung von der Ersten Kammer a b g e l e h n t. In den Ausschüssen einigte man sich auf ein Notgesetz' das nur für 1911 gelten soll und folgende Schulden - 1l gung vorsieht: Von der Eisenbahnschuld werden getilgt rund 600 000 Mk. auf Grund der Bestimmung des Ludwigsbahngesetzes und aus ersparten Zinsen 300 000 Mark. Getilgt werden ferner aus dem Fonds für Bad Nauheim und dem Domänenaquisitionsfonds 510 000 Mark für Rententitel 107 000 Mark. Von den nicht werbenden Schulden werden für 1911 drei Fünftel Prozent getilgt; das sind, da es sich um 75 Millionen bam belt, rund 446 000 Mk. Nach dem Tilgungsgesetz war für nicht werbende Schulden ein Tilgungssatz von ein Prozent für alte Schulden und von drei Prozent für bie neu auszunehmenden vorgesehen. Insgesamt werden im Jahre 1911 1 802 035 Mk. getilgt. Dem Aus- gleichsfonds fließen in dem kommenden Etats - jahr 2 041 000 Mark zu. In der Frage der Bea m- tenbefolbung erklärte die Regierung: Sie halte sich verpflichtet, für die Aufbesserung der Gehälter der Beamten den Landständen eine Vorlage zu unterbreiten, sobald für die dadurch entstehenden Ausgaben neben der Schuldentilgung Mittel vorhanden sind, ohne daß dem Lande eine allzu empfindliche Erhöhung der Steuern zugemutet werden muß.
M a i n z, 15. Febr. Der Großherzog und die Großherzogin von Hessen sowie die Prinzessin von Battenberg wohnten der heutigen Premiere vom „Rosen - kavalier" bei.
Sozialpolit lebes.
Spiel mit dem Feuer.
In einer Volksversammlung in Leipzig hat der Obergenosse Dr. Lentsch in einem überradikalen Vortrag für den politischen Massenstreik Propaganda gemacht. Das Proletariat müsse für alle Fälle, insbesondere für die Ueberwindung der preußischen Reaktion, gerüstet sein. „Unb daß in diesen entscheidenden Kämpfen", so führte er nach dem Bericht der „Leipziger Volkszeitung" (Nr. 22 1911) aus, „das deutsche Proletariat 'denAetzten Hauch seiner Kraft einsetzen, die schärfsten Waffen aus seinem Zeughaus, b. h. den politischen Massenstreik, bereit halten muß, darüber ist sich die gesamte Partei einig. (Lebhafte Zustimmung.)"
Der bewaffneten Macht schleuderte Lentsch die Herausforderung in's Gesicht: „Sie sollten nur schießen! Sie sollen es nur wagen ! Der erste Kanonenschuß, gefeuert von deutschen Soldaten gegen friedliche deutsche Staatsbürger, er würde ein Echo im Lande erwecken, daß die herrschende Klique entsetzt von ihren Sesseln ausspringen würde."
Welche Rolle den sogenannten „freien" Gewerkschaften bei der großen Aktion zugedacht ist, geht aus dem Vortrag auch deutlich hervor. Lentsch erwähnt den Widerstand der meisten Gewerkschaftsführer, die aus Sorge um die beruflichen Organisationen und deren mühsame Arbeit von dem Generalstreikrummel nichts wissen wollen.
„Allein diese Sorge ist völlig unbegründet. Starke Organisationen bilden die unerläßliche Voraussetzung eines politischen Massenstreiks, und weit davon entfernt, daß die Idee des Massenstreiks die Organisationsarbeit gefährdet, ist sie geeignet, diese Arbeit in stärkster Weise zu begünstigen und zu fördern. Je mehr man von der eventuellen Unabwendbarkeit eines Massenstreiks überzeugt ist, desto mehr ist man von der Notwendigkeit politischer und gewerkschaftlicher Organisation überzeugt. Eins stützt und trägt das andere." Ob die „freien" Gewerkschaften sich zu diesen unverantwortlichen Experimenten mißbrauchen lassen wollen, ist deren Sache. Die christlich-nationale Arbeiterbewegung lehnt diese Gedankengänge mit aller Entschiedenheit ab. Und ohne oder gegen die christlichen Arbeiter bleibt die Idee des Generalstreiks eine Utopie, die in Deutschland vielleicht noch blamabler enden würde, wie ähnliche mißglückte Versuche in romanischen Ländern.