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I (Neueste Nachrichteu) ^__(Gießener Tageblatt)

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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen des Großherzoglichen Dür germeisterei'^Wk P o lizei - Amtes sowie vieler anderer ^^d Behörden Gberhessens

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Nr. 114

Telephon: Nr. 362.

Dienstag, den 16. Mai 1911.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Zur Naturgeschichte despraktischen"

Sozialismus.

Die roten Obergenossen im Parlament und in der Presse sind sich der Hinfälligkeit ihrer Kritik an den Ver­hältnissen der bestehenden Staats- und Wirtschaftsord­nung sehr wohl bewußt. Daran liegt es auch, daß diese Kritik immer in einem überlauten, marktschreierischen, ja gehässigen Tone vorgetragen wird und überhaupt mit Mitteln arbeitet, die aus die niedrigsten Instinkte der Massen berechnet sind. Ruhige Sachlichkeit kennt die so­zialdemokratische Kritik nicht und will sie auch nicht ken­nen, da sonst ihre ganze Hohlheit und Unaufrichtigkeit auch von politischen unreifen Leuten leicht als solche erkannt werden würde.

Die Erfahrungen der Vergangenheit haben zur Ge­nüge gezeigt, daß es der sozialdemokratischen Kritik im Ernste niemals um die Abstellung wirklicher oder ver­meintlicher Uebelstände im geltenden Staats- und Wirt­schaftsleben zu tun ist. Wie kann auch eine Kritik, deren innerstes Wesen das Prinzip der absoluten Verneinung bildet, zu positiven Leistungen führen! Man wende nicht ein: die Sozialdemokratie hatte bisher noch gar keine Gelegenheit, zu zeigen, daß sie nicht nur kritisch - negative, sondern auch positiv-schaffende Arbeit zu leisten vermöge. Wer so spricht, vergißt, daß es schon heute nicht an tatsächlichen Beweisen mangelt, aus denen die völlige Unfähigkeit nicht nur des kritischen, sondern auch des praktischen Sozialismus deutlich erhellt.

Aus neuester Zeit liegt wiederum ein solcher Be­weis vor und zwar handelt es sich um die Stadt Mil­waukee im nordamerikanischen Staate Wiskonsin. Diese 37 5 000 Einwohner zählende Stadt bekanntlich be­steht die größere Hälfte der Einwohner aus Deutschen befindet sich seit ungefähr Jahresfrist vollständig un­ter sozialdemokratischer Herrschaft. Es war im April 1910, als Emil Seidel, ein bekannter Führer der ameri­kanischen Genossen, von der sozialdemokratischen Mehr­heit des Gemeinderats zum Bürgermeister von Milwau­kee ausgerufen wurde. Natürlich wurde dieses Ereignis im roten Lager als der Beginn einer neuen Aera ge­feiert, unter der sich die Stadt Milwaukee in kürzester Zeit in ein Paradies für die ganze Bevölkerung, jeden­falls aber für die lohnarbeitende verwandeln werde. Genosse Seidel selbst verstieg sich in seiner Antrittsrede zu der bombastischen Ankündigung, er werde einmal den Bürgerlichen zeigen, wie man nach marxistischen Grund­sätzen kommunale Musterpolitik treiben könne.

Gesagt, getan! Auf Biegen oder Brechen wurde alles, wofür der Stadtsäckel nur eben ausreichte, ver- stadtlicht und nach marristischen Rezepten umgewandelt. Um die Arbeiterlöhne möglichst hoch und die Arbeitszeit möglichst kurz zu halten, wurden ferner verschiedene, selbstverständlich ebenfalls sozialistisch organisierte Jn- dustriebezirke neu geschaffen, einerlei ob ein Bedürfnis dafür vorlag oder nicht. Anfänglich ging dann auch alles ganz nach Wunsch, wenigstens soweit das Inte­resse der Lohnarbeiter dabei in Betracht kam. Mit dem Augenblick jedoch, als die städtischen Finanzen erschöpft waren und die bis zum äußersten angezogene Steuer - schraube eine weitere Anspannung nicht mehr zuließ, zeigte sich plötzlich die Kehrseite der Medaille. Der so­zialistische Betrieb erwies sich überall als unwirtschaft­lich und überaus kostspielig, sodaß die rote Stadtver­waltung wohl oder übel zu Lohnherabsetzungen und zur Verlängerung der Arbeitszeit schreiten mußte. In zahl­reichen Fällen mußten die Arbeiter sogar noch länger arbeiten, als sie es unter derkapitalistischen" Produk - tionsweise jemals gewohnt gewesen waren. Damit nicht genug, erwies sich bald auch die Vornahme von Arbei- lerenttassungen als notwendig. Ein Bericht des Lon­donerStandard" beziffert die Zahl der infolge der so­zialdemokratischen Stadtverwaltung von Milwaukee brot­los gewordenen Arbeiter auf rund 20 000 und fügt hin­zu, daß in keiner amerikanischen Stadt nur annähernd soviel Not und Elend herrsche wie in Milwaukee. Daß daran nur die sozialistische Mißwirtschaft schuld sei, er­gebe sich zur Genüge aus der Tatsache, daß in den üb­rigen Teilen des Staates Wiskonsin Arbeitslosigkeit so gut wie unbekannt sei. Weiter schildert derStandard die Zustände, wie sie das sozialistische Stadlregiment ge­schaffen habe, recht ergötzlich wie folgt:

Mit der Straßenreinigung hapert es an allen Ecken und Enden, die Entfernung von Müll und Unrat ge­schieht nur unvollkommen, und auf manchen Nebenstra­ßen stockt die Reinigung bereits seit vier Monaten. Die Arbeiter beginnen Milwaukee zu verlassen und sich dort­

hin zu wenden, wo es zwar weniger Sozialismus, aber dafür desto mehr Beschäftigung gibt."

Am interessantesten ist jedoch' die Mitteilung, daß der Genosse Bürgermeister in seiner Not und Bedrängnis sich unlängst an verschiedene industrielle und gewerbliche Organisationen der Stadt gewandt habe, damit diese Rat schaffen sollten, wie der so arg verfahrene Karren der roten Stadtverwaltung wieder flott gemacht werden könnte. Das war also das Ende vom Liede der so pomphaft angekündigtenkommunalen Musterpolitik nach marxistischen Grundsätzen". Der grausame Humor da­von ist, daß die Zeche dieserMusterpolitik" hauptsäch­lich diejenigen zu zahlen hatten, zu deren Gunsten sie eingeleitet worden war, nämlich die Arbeiter.

Ein originelles Mittel

die Parteikasse zu füllen, hat der geschästsführende Aus­schuß der nationalliberalen Partei kürzlich angewandt. Er hat das folgende Schreiben versandt:

Sehr geehrter Herr und Parteifreund! Anläßlich der bevorstehenden Reichstagswahlen werden besondere Ansprüche an die Parteikasse gestellt. Der geschästssüh- rende Ausschuß richtet ays diesem Grunde die ergebene Bitte an Sie, die von der nationalliberalen Partei amt­lich herausgegebenenNationalliberalen Blätter" durch Ausgabe von Inseraten zu unterstützen. Infolge der ausgedehnten Verbreitung unserer Wochenschrift unter den Anhängern der nationalliberalen Partei dürste es sich empfehlen, dieselben ständig in Ihrem Inserations- etat aufzunehmen, da ein nennenswerter Erfolg der An­zeigen zu erwarten ist. Der Ertrag aus den Inseralen- einnahmen wird lediglich zu Parteizwecken verwendet. Der geschästsführende Ausschuß. Bassermann, M. d. R., 1. Bors., Dr. Friedberg, M. d. R., 2. Bors."

Mit dieserergebenen Bitte" begnügt sich aber der ingeniöse Parteiausschuß noch nicht. Dem Bries ist näm­lich noch eine zweite Aufforderung beigegeben, auf der das nationalliberale Zentralbureau seine uneigennützigen alsVermittler gleichgesinnter (!) Produzenten u. Kon­sumenten" anbietet, sofern ein Inseratenauftrag von mim destens 20 Mark für den Monat erteilt werde. Die Her­ren Bassermann und Friedberg, die man hier von einer ganz neuen Seite, nämlich als gewiegte Geschäftsleute kennen lernt, werden uns hoffentlich dafür Dank wissen, daß wir ihr neuestes Unternehmen möglichst weiten Krei­sen bekannt machen. Die parteiamtlich-nationalliberale Vermittlerstelle zwischen gleichgesinnten Produzenten und Konsumenten verdient in der Tat weitgehende Beach­tung. Schon deshalb, weil dieses Unternehmen ein un­widerleglicher Beweis dafür ist, daß der Vassermann- sche Nationalliberalismus der alten Tradition getreu an dem bewährtenvermittelnden" Standpunkte fest­hätt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 16. Mai.

Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten August Wilhelnl Keipper aus Wallertheim, Kr. Oppenheim, die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bernsburg, Kr. Alsfeld; dem Schul- amlsaspiranten Karl Portwich aus Altona eine Lehrer­stelle an der Gemeindeschule zu Schotten; dem Lehrer Richard Walter zu Reichlos, Kr. Lauterbach, eine Leh- rerstelie an der Gemeindeschule zu Dauernheim, Kr. Bü­dingen. Bestätigt ^vurde der von dem Fürsten zu Solms- Lich auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hat­tenrod, Kr. Gießen, präsentierte Schulamtsaspirant Karl Meidt aus Lang-Göns, in demselben Kreise, für diese Stelle.

* Dr. Entfleisch hat aus Gesundheitsrücksich­ten sein Landtagsmandat niedergelegt. Eulsleisch steht im Alter von 67 Jahren und gehörte der Zwei­ten Kammer von 1887 bis 1893 und seit den 13. De­zember 1899 an.

-k- Auszeichnung. Bei dem Wettschreiben des Mittelwestdeutschen Stenographenbundes Stolze-Schrey gelegentlich der 25. Hauptversammlung, welche am Samstag und Sonntag in Frankfurt a. M. stattsand, erhielten die Herren Joseph Kübel, Klasse 5 (240 Silben) und Karl Reitz, Klasse 6 (220 Silben) je einen 1. Preis.

* Unser Regiment ist gestern früh nach dem Truppenübungsplatz bei Darmstadt ausgerückt, um hier 14 Tage lang in größeren Verbänden zu ererzieren.

* Freitod. Am Sonntag wurde der Student K. aus Altona in seiner Wohnung in der Kaiserallee

I tot ausgesunden. Er hat durch Einatmen giftiger Säure dämpfe seinem Leben ein Ende gemacht.

* Bad-Nauheim, 15. Mai. Samstag vor­mittag traf die Königin von Bhopal (Zentralindien) hier ein. In ihrer Begleitung befindet sich ein Prinz des Königlichen Hauses, eine englische Doktorin unb zahlreiche Dienerschaft. Die Königin wird hier die Kur gebrauchen und sich nach Beendigung derselben 311 den Krönungsseierlichkeiten nach London begeben. Im Ge folge der Königin befindet sich auch der Justizminister.

* Frankfurt, 15. Mai. Mit der Frage der Frankfurter Universität beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung der Verein akademisch gebildeter Lehrer. Man einigte sich auf folgende Resolution:Der Verein akade misch gebildeter Lehrer kann seiner ganzen Tendenz nach nur begrüßen, wenn weitere und höhere Bildungsmög­lichkeiten geschaffen werden, wie sie die Begründung einer Universität bietet. Er hofft mit Zuversicht, daß die hie sigen Schulen, zumal die höheren Schulen, in Zukunft keine mindere Pflege und Fürsorge erfahren werden, als ihnen nach ihrer ganzen Art zu teil werden muß."

* Darmstadt, 15. Mai. Strafkammer. Der Oberbahnassistent Varchseld in G e r n s h e i m gab, durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle irregeführt, dem Vahnsteigschaffner eine falsche Anweisung. So fam es, daß der Arbeiter Adam Hollstein, der das Ge leise überschritt, von einem Zuge erfaßt und getötet wurde. Das Gericht erkannte gegen den Beamten aus eine Woche Gefängnis.

* Mainz, 15. Mai. Ein w ü 1 en d er Gläu­biger. Ein Metzgergeselle drang in die Wohnung eines Viehtreibers ein und forderte 5 Mark, die er ihm kürzlich geliehen hatte, zurück. Da er sein Geld nicht erhielt, bedrohte er den Schuldner und dessen Frau mit dem Revolver und ld)lug eine Anzahl Fensterscheiben ein. Er wurde in Haft genommen.

* Mainz, 15. Mai. Zwei Schutzleute wollten in der Altstadt vier Burschen (entnehmen, die einen sten Radau machten. Der Polizeihund, der einen der Burschen ansprang, wurde von diesem mit einem Dolch erstochen, sodaß es zweien der Attentäter gelang, zu ent­wischen.

Literarisches.

Studenten-Kochbuch. Eine Anleitung, ohne großen Kosten- und Zeitaufwand aus einfache Art schmackhafte Speisen und Getränke herzustellen, von Fr. Meißner, 3. vermehrte und verbesserte Auslage 1911. Freiburg (Baden), Freiburger Verlagsanstalt (Paul Lo­renz), Eleg. broschiert 60 Pfg.

Wer ist's?" In unserer Zeit, wo wir immer schneller, immer unvermittelter mit Persönlichkeiten aller Berufe und Stände räumlich oder in der Literatur und Presse, im öffentlichen und privaten Leben in Berüh­rung kommen, ist es entschieden oft sehr nützlich und wertvoll, etwas mehr als den bloßen Namen der Per­son zu kennen. Das kann jeder, der vor, bei oder nach der Begegnung mit einer neuen Persönlichkeit imDe­gener" schnell die Frage sich beantworten läßt:Wer ist's?" Dieses Buch erscheint in fünfter neubearbeiteter Ausgabe. Dank einer sehr scharf durchgesührten Abkürz- ungsmelhode, in die sich der intelligente Benutzer aber schnell hineinliest, ist es möglich gewesen, auf den denk­bar kleinsten Raum sonst spaltenlange Artikel zusammen­zuziehen und doch ein klares Bild zu geben über Na­men, Vornamen, Rufnamen, Titel, Geburtstag, Ge­burtsort, Eltern, Abstammung, Bildungsgang, Verhei­ratung, Familie, Lebenslauf, Werke und Schöpfungen. Wir erfahren, auf welchem Gebiete die Person vor allem tätig ist, was sie als Lieblingsbeschäftigung, als Sport, als Erholung im Beruf treibt, was sie sammelt, wel­chem politischen Bekenntnis sie zuneigt, welchen wichti­gen Gesellschaften sie angehört. Und schließlich erfahren wir die Adressen. Ein ziemlich umfangreicher Nekrolog nennt noch diejenigen, die sich in der vorhergehenden Ausgabe befanden, als Tote aber aus der neuen fünften Ausgabe ausgeschieden wurden. Es steckt eine Rie­senarbeit in diesem stattlichen und doch noch handlichen Bande, eine Arbeit, die nun schon viele Jahre währt und nicht ruhen wird, um immer vollkommener zu wer­den. Dieses ernsthafteste Streben des Herausgebers hat auch schon vielfach Anerkennung gefunden, so z. B. in Brüssel aus der Weltausstellung 1910 durch Heranzieh­ung des Werkes für die Musterbibliolheken und Aus­zeichnung mit dem Grand Prir. Sein Werk verdient deshalb überall Einführung.