Gießener Sei tun«
I (Neueste Nachrichteu) ^__(Gießener Tageblatt)
Bezugspreis 50 Pfg. monatlich vierteljährlich 1/M Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig- auögabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint Mittags 3 Uhr. — Die „Jllustr. Wcltrnndschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. — Redaktion: Seltersweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen des Großherzoglichen Dür germeisterei'^Wk P o lizei - Amtes sowie vieler anderer ^^d Behörden Gberhessens
Expedition: Selters weg 85.
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 Psg.
die 44 mm breite I n s era 1 en ze i l c. — S1 ellen 7 gcsnche und Familien an zeigen 10 Pfg. Die 90 mm breite Zeile im R e k l a m e t e i l 50 Pfg. — Extrabeilagen werden nach Gewicht und Grütze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deSZahltMgS- zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohneBcrbindlichleit.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 114
Telephon: Nr. 362.
Dienstag, den 16. Mai 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Zur Naturgeschichte des „praktischen"
Sozialismus.
Die roten Obergenossen im Parlament und in der Presse sind sich der Hinfälligkeit ihrer Kritik an den Verhältnissen der bestehenden Staats- und Wirtschaftsordnung sehr wohl bewußt. Daran liegt es auch, daß diese Kritik immer in einem überlauten, marktschreierischen, ja gehässigen Tone vorgetragen wird und überhaupt mit Mitteln arbeitet, die aus die niedrigsten Instinkte der Massen berechnet sind. Ruhige Sachlichkeit kennt die sozialdemokratische Kritik nicht und will sie auch nicht kennen, da sonst ihre ganze Hohlheit und Unaufrichtigkeit auch von politischen unreifen Leuten leicht als solche erkannt werden würde.
Die Erfahrungen der Vergangenheit haben zur Genüge gezeigt, daß es der sozialdemokratischen Kritik im Ernste niemals um die Abstellung wirklicher oder vermeintlicher Uebelstände im geltenden Staats- und Wirtschaftsleben zu tun ist. Wie kann auch eine Kritik, deren innerstes Wesen das Prinzip der absoluten Verneinung bildet, zu positiven Leistungen führen! Man wende nicht ein: die Sozialdemokratie hatte bisher noch gar keine Gelegenheit, zu zeigen, daß sie nicht nur kritisch - negative, sondern auch positiv-schaffende Arbeit zu leisten vermöge. Wer so spricht, vergißt, daß es schon heute nicht an tatsächlichen Beweisen mangelt, aus denen die völlige Unfähigkeit nicht nur des kritischen, sondern auch des praktischen Sozialismus deutlich erhellt.
Aus neuester Zeit liegt wiederum ein solcher Beweis vor und zwar handelt es sich um die Stadt Milwaukee im nordamerikanischen Staate Wiskonsin. Diese 37 5 000 Einwohner zählende Stadt — bekanntlich besteht die größere Hälfte der Einwohner aus Deutschen — befindet sich seit ungefähr Jahresfrist vollständig unter sozialdemokratischer Herrschaft. Es war im April 1910, als Emil Seidel, ein bekannter Führer der amerikanischen Genossen, von der sozialdemokratischen Mehrheit des Gemeinderats zum Bürgermeister von Milwaukee ausgerufen wurde. Natürlich wurde dieses Ereignis im roten Lager als der Beginn einer neuen Aera gefeiert, unter der sich die Stadt Milwaukee in kürzester Zeit in ein Paradies für die ganze Bevölkerung, jedenfalls aber für die lohnarbeitende verwandeln werde. Genosse Seidel selbst verstieg sich in seiner Antrittsrede zu der bombastischen Ankündigung, er werde einmal den Bürgerlichen zeigen, wie man nach marxistischen Grundsätzen kommunale Musterpolitik treiben könne.
Gesagt, getan! Auf Biegen oder Brechen wurde alles, wofür der Stadtsäckel nur eben ausreichte, ver- stadtlicht und nach marristischen Rezepten umgewandelt. Um die Arbeiterlöhne möglichst hoch und die Arbeitszeit möglichst kurz zu halten, wurden ferner verschiedene, selbstverständlich ebenfalls sozialistisch organisierte Jn- dustriebezirke neu geschaffen, einerlei ob ein Bedürfnis dafür vorlag oder nicht. Anfänglich ging dann auch alles ganz nach Wunsch, wenigstens soweit das Interesse der Lohnarbeiter dabei in Betracht kam. Mit dem Augenblick jedoch, als die städtischen Finanzen erschöpft waren und die bis zum äußersten angezogene Steuer - schraube eine weitere Anspannung nicht mehr zuließ, zeigte sich plötzlich die Kehrseite der Medaille. Der sozialistische Betrieb erwies sich überall als unwirtschaftlich und überaus kostspielig, sodaß die rote Stadtverwaltung wohl oder übel zu Lohnherabsetzungen und zur Verlängerung der Arbeitszeit schreiten mußte. In zahlreichen Fällen mußten die Arbeiter sogar noch länger arbeiten, als sie es unter der „kapitalistischen" Produk - tionsweise jemals gewohnt gewesen waren. Damit nicht genug, erwies sich bald auch die Vornahme von Arbei- lerenttassungen als notwendig. Ein Bericht des Londoner „Standard" beziffert die Zahl der infolge der sozialdemokratischen Stadtverwaltung von Milwaukee brotlos gewordenen Arbeiter auf rund 20 000 und fügt hinzu, daß in keiner amerikanischen Stadt nur annähernd soviel Not und Elend herrsche wie in Milwaukee. Daß daran nur die sozialistische Mißwirtschaft schuld sei, ergebe sich zur Genüge aus der Tatsache, daß in den übrigen Teilen des Staates Wiskonsin Arbeitslosigkeit so gut wie unbekannt sei. Weiter schildert der „Standard die Zustände, wie sie das sozialistische Stadlregiment geschaffen habe, recht ergötzlich wie folgt:
Mit der Straßenreinigung hapert es an allen Ecken und Enden, die Entfernung von Müll und Unrat geschieht nur unvollkommen, und auf manchen Nebenstraßen stockt die Reinigung bereits seit vier Monaten. Die Arbeiter beginnen Milwaukee zu verlassen und sich dort
hin zu wenden, wo es zwar weniger Sozialismus, aber dafür desto mehr Beschäftigung gibt."
Am interessantesten ist jedoch' die Mitteilung, daß der Genosse Bürgermeister in seiner Not und Bedrängnis sich unlängst an verschiedene industrielle und gewerbliche Organisationen der Stadt gewandt habe, damit diese Rat schaffen sollten, wie der so arg verfahrene Karren der roten Stadtverwaltung wieder flott gemacht werden könnte. Das war also das Ende vom Liede der so pomphaft angekündigten „kommunalen Musterpolitik nach marxistischen Grundsätzen". Der grausame Humor davon ist, daß die Zeche dieser „Musterpolitik" hauptsächlich diejenigen zu zahlen hatten, zu deren Gunsten sie eingeleitet worden war, nämlich die Arbeiter.
Ein originelles Mittel
die Parteikasse zu füllen, hat der geschästsführende Ausschuß der nationalliberalen Partei kürzlich angewandt. Er hat das folgende Schreiben versandt:
„Sehr geehrter Herr und Parteifreund! Anläßlich der bevorstehenden Reichstagswahlen werden besondere Ansprüche an die Parteikasse gestellt. Der geschästssüh- rende Ausschuß richtet ays diesem Grunde die ergebene Bitte an Sie, die von der nationalliberalen Partei amtlich herausgegebenen „Nationalliberalen Blätter" durch Ausgabe von Inseraten zu unterstützen. Infolge der ausgedehnten Verbreitung unserer Wochenschrift unter den Anhängern der nationalliberalen Partei dürste es sich empfehlen, dieselben ständig in Ihrem Inserations- etat aufzunehmen, da ein nennenswerter Erfolg der Anzeigen zu erwarten ist. Der Ertrag aus den Inseralen- einnahmen wird lediglich zu Parteizwecken verwendet. Der geschästsführende Ausschuß. Bassermann, M. d. R., 1. Bors., Dr. Friedberg, M. d. R., 2. Bors."
Mit dieser „ergebenen Bitte" begnügt sich aber der ingeniöse Parteiausschuß noch nicht. Dem Bries ist nämlich noch eine zweite Aufforderung beigegeben, auf der das nationalliberale Zentralbureau seine uneigennützigen als „Vermittler gleichgesinnter (!) Produzenten u. Konsumenten" anbietet, sofern ein Inseratenauftrag von mim destens 20 Mark für den Monat erteilt werde. Die Herren Bassermann und Friedberg, die man hier von einer ganz neuen Seite, nämlich als gewiegte Geschäftsleute kennen lernt, werden uns hoffentlich dafür Dank wissen, daß wir ihr neuestes Unternehmen möglichst weiten Kreisen bekannt machen. Die parteiamtlich-nationalliberale Vermittlerstelle zwischen gleichgesinnten Produzenten und Konsumenten verdient in der Tat weitgehende Beachtung. Schon deshalb, weil dieses Unternehmen ein unwiderleglicher Beweis dafür ist, daß der Vassermann- sche Nationalliberalismus der alten Tradition getreu an dem — bewährten „vermittelnden" Standpunkte festhätt.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 16. Mai.
Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten August Wilhelnl Keipper aus Wallertheim, Kr. Oppenheim, die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bernsburg, Kr. Alsfeld; dem Schul- amlsaspiranten Karl Portwich aus Altona eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Schotten; dem Lehrer Richard Walter zu Reichlos, Kr. Lauterbach, eine Leh- rerstelie an der Gemeindeschule zu Dauernheim, Kr. Büdingen. Bestätigt ^vurde der von dem Fürsten zu Solms- Lich auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hattenrod, Kr. Gießen, präsentierte Schulamtsaspirant Karl Meidt aus Lang-Göns, in demselben Kreise, für diese Stelle.
* Dr. Entfleisch hat aus Gesundheitsrücksichten sein Landtagsmandat niedergelegt. Eulsleisch steht im Alter von 67 Jahren und gehörte der Zweiten Kammer von 1887 bis 1893 und seit den 13. Dezember 1899 an.
-k- Auszeichnung. Bei dem Wettschreiben des Mittelwestdeutschen Stenographenbundes Stolze-Schrey gelegentlich der 25. Hauptversammlung, welche am Samstag und Sonntag in Frankfurt a. M. stattsand, erhielten die Herren Joseph Kübel, Klasse 5 (240 Silben) und Karl Reitz, Klasse 6 (220 Silben) je einen 1. Preis.
* Unser Regiment ist gestern früh nach dem Truppenübungsplatz bei Darmstadt ausgerückt, um hier 14 Tage lang in größeren Verbänden zu ererzieren.
* Freitod. Am Sonntag wurde der Student K. aus Altona in seiner Wohnung in der Kaiserallee
I tot ausgesunden. Er hat durch Einatmen giftiger Säure dämpfe seinem Leben ein Ende gemacht.
* Bad-Nauheim, 15. Mai. Samstag vormittag traf die Königin von Bhopal (Zentralindien) hier ein. In ihrer Begleitung befindet sich ein Prinz des Königlichen Hauses, eine englische Doktorin unb zahlreiche Dienerschaft. Die Königin wird hier die Kur gebrauchen und sich nach Beendigung derselben 311 den Krönungsseierlichkeiten nach London begeben. Im Ge folge der Königin befindet sich auch der Justizminister.
* Frankfurt, 15. Mai. Mit der Frage der Frankfurter Universität beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung der Verein akademisch gebildeter Lehrer. Man einigte sich auf folgende Resolution: „Der Verein akade misch gebildeter Lehrer kann seiner ganzen Tendenz nach nur begrüßen, wenn weitere und höhere Bildungsmöglichkeiten geschaffen werden, wie sie die Begründung einer Universität bietet. Er hofft mit Zuversicht, daß die hie sigen Schulen, zumal die höheren Schulen, in Zukunft keine mindere Pflege und Fürsorge erfahren werden, als ihnen nach ihrer ganzen Art zu teil werden muß."
* Darmstadt, 15. Mai. Strafkammer. Der Oberbahnassistent Varchseld in G e r n s h e i m gab, durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle irregeführt, dem Vahnsteigschaffner eine falsche Anweisung. So fam es, daß der Arbeiter Adam Hollstein, der das Ge leise überschritt, von einem Zuge erfaßt und getötet wurde. Das Gericht erkannte gegen den Beamten aus eine Woche Gefängnis.
* Mainz, 15. Mai. Ein w ü 1 en d er Gläubiger. Ein Metzgergeselle drang in die Wohnung eines Viehtreibers ein und forderte 5 Mark, die er ihm kürzlich geliehen hatte, zurück. Da er sein Geld nicht erhielt, bedrohte er den Schuldner und dessen Frau mit dem Revolver und ld)lug eine Anzahl Fensterscheiben ein. Er wurde in Haft genommen.
* Mainz, 15. Mai. Zwei Schutzleute wollten in der Altstadt vier Burschen (entnehmen, die einen wü sten Radau machten. Der Polizeihund, der einen der Burschen ansprang, wurde von diesem mit einem Dolch erstochen, sodaß es zweien der Attentäter gelang, zu entwischen.
Literarisches.
— Studenten-Kochbuch. Eine Anleitung, ohne großen Kosten- und Zeitaufwand aus einfache Art schmackhafte Speisen und Getränke herzustellen, von Fr. Meißner, 3. vermehrte und verbesserte Auslage 1911. Freiburg (Baden), Freiburger Verlagsanstalt (Paul Lorenz), Eleg. broschiert 60 Pfg.
„Wer ist's?" In unserer Zeit, wo wir immer schneller, immer unvermittelter mit Persönlichkeiten aller Berufe und Stände räumlich oder in der Literatur und Presse, im öffentlichen und privaten Leben in Berührung kommen, ist es entschieden oft sehr nützlich und wertvoll, etwas mehr als den bloßen Namen der Person zu kennen. Das kann jeder, der vor, bei oder nach der Begegnung mit einer neuen Persönlichkeit im „Degener" schnell die Frage sich beantworten läßt: „Wer ist's?" Dieses Buch erscheint in fünfter neubearbeiteter Ausgabe. Dank einer sehr scharf durchgesührten Abkürz- ungsmelhode, in die sich der intelligente Benutzer aber schnell hineinliest, ist es möglich gewesen, auf den denkbar kleinsten Raum sonst spaltenlange Artikel zusammenzuziehen und doch ein klares Bild zu geben über Namen, Vornamen, Rufnamen, Titel, Geburtstag, Geburtsort, Eltern, Abstammung, Bildungsgang, Verheiratung, Familie, Lebenslauf, Werke und Schöpfungen. Wir erfahren, auf welchem Gebiete die Person vor allem tätig ist, was sie als Lieblingsbeschäftigung, als Sport, als Erholung im Beruf treibt, was sie sammelt, welchem politischen Bekenntnis sie zuneigt, welchen wichtigen Gesellschaften sie angehört. Und schließlich erfahren wir die Adressen. Ein ziemlich umfangreicher Nekrolog nennt noch diejenigen, die sich in der vorhergehenden Ausgabe befanden, als Tote aber aus der neuen fünften Ausgabe ausgeschieden wurden. Es steckt eine Riesenarbeit in diesem stattlichen und doch noch handlichen Bande, eine Arbeit, die nun schon viele Jahre währt und nicht ruhen wird, um immer vollkommener zu werden. Dieses ernsthafteste Streben des Herausgebers hat auch schon vielfach Anerkennung gefunden, so z. B. in Brüssel aus der Weltausstellung 1910 durch Heranziehung des Werkes für die Musterbibliolheken und Auszeichnung mit dem Grand Prir. Sein Werk verdient deshalb überall Einführung.