Gießener JeiLnng
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Herausgeber: Albin Klein & Cito Fischer.
iHaus Brüder Schmidt.)
Kesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 40.
Telephon: Nr. 362.
Donnerstag den 16 Februar 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Iahrg.
Aus Stadt und Land.
Giehe^n, den 16. Februar.
* Die Reichspostverwaltung gewährt von jetzt an von den im Postscheckverkehr auskommenden Geldern Darlehen an Genossenschaftsverbände und sonstige Institutionen zur Förderung von Handel und Industrie gegen Hinterlegung mündelsicherer Wer - papiere.
Amtlich verbotene Vornamen. Das Amtsgericht Gießen hat als Aufsichtsbehörde eine Verfügung an das Standesamt wegen der Eintragung von Vornamen in das Standesamtsregister erlassen wonach abgekürzte Vornamen nicht mehr zulässig sein sollen. Der Verfügung, die erheblich in das Selbstbestimmungsrecht der Eltern eingreift, ist eine Liste bei- gefügt, wonach folgende Namen nicht zulässig sind - Fntz, Willi, Heinz, Lina, Minna, Toni, Erna, Ella, Elli, Tilly, Dina, Frieda, Emmi, Paula, Lene oder Lenchen, Käthe, Grete, Dora, Liselotte, Annaliese, Annamarie 2C. Die Verfügung weist daraus hin, daß' damit die Liste unstatthast gekürzter Namen noch nicht erschöpft ist und der Standesbeamte in Zweiselssällen erst Anfrage beim vorgesetzten Richter halten soll. Eine Beschwerde gegen diese Bestimmung ist bei dem Amtsgerichte anzubringen, also bei derselben Instanz, die die Verfügung erlassen hat. Einer unserer Bühnenkünstler, dem man für sein jüngst geborenes Töchterchen den Eintrag des Namens Liselotte verweigert hat, (man verlangte, er solle das Kind Louise Charlotte nennen), will hiergegen den Beschwerdeweg betreten. Interessant ist, daß der doch auch verkürzte Vornahme Hans nachträglich gestattet worden ist.
Mutt er- und Säuglingsschuh. Am 16. Januar fand in Darmstadt eine Versammlung statt, zu der Vertreter aller größeren Hessischen Zeitungen Einladungen erhalten hatten. Die Versammlung beschloß die Bildung eines Arbeitsausschusses der Presse bei der Grohh. Zentrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge in Darmstadt, der die ganze hessische Presse vertreten soll. Es Jod außerdem auf Anregung der Zentrale ein Vertreter der Presse für den Hauptausschuß der Zentrale vorgeschlagen und Vertreter der Hessischen Zeitungen in die Ausschüsse der lokalen Zweigstellen der Zentrale gewählt werden. In den obenerwähnten Arbeitsausschuß dagegen sollen mit Rücksicht daraus, daß auswärtige Herren bei der Belastung der Presse nur selten zu den Sitzungen des Ausschusses nach Darmstadt reisen können, zunächst nur in Darmstadt wohnende Herren — von den in Darmstadt erscheinenden Zeitungen je ein Vertreter — gewählt werden.
* Gießen. Die von den Stadtverordneten bewilligten zwei neuen Kehrmaschinen sind im Betrieb. Die alte zweispännige Kehrmaschine wird in Reserve gestellt und das Kehrgeschäft mit drei Pferden, sowie den zur Verfügung stehenden drei Einspännermaschinen ausgesührt.
-r- Gießen. Infolge des Ausrufes in der Zeit - schrist für angewandte Chemie sind bisher ungefähr Mk. 28 000 für die Wiederherstellung des Liebig-Laboratoriums gestiftet worden. Außerdem sind dem Arbeits - Ausschuß schon jetzt eine Reihe von sehr wertvollen Liebig-Erinnerungen zugegangen. Das Gebäude wurde unter Bürgschaft des Medizinalrat Dr. E. A. Merck in Darmstadt für die Zwecke eines Liebigmuseums für Mk. 60 000 erworben. Somit erscheint das Zustandekommen des Liebig-Museums in Gießen gesichert. Es wurden zunächst eine Reihe von Arbeiten zur Erhaltung des Gebäudes ausgeführt und die vielfachen Besonderheiten der Räume an der Hand der alten Pläne wieder hergestellt. Dabei fanden sich sehr interessante Teile der alten Einrichtung, z. B. der in der Geschichte der Chemie berühmte Kaliofen im wesentlichen unversehrt. Um das für die Geschichte der Naturwissenschaft und der chemischen Industrie so bedeutungsvolle Werk durchzuführen, sind jedoch noch erhebliche Mittel erforderlich, zu deren Beschaffung die Mitwirkung weiterer Kreise dringend erwünscht ist. Zur Förderung des Planes ist eine Gesellschaft Liebig-Museum in Gießen begründet worden.
♦ Gießen. Am 6. Februar starb infolge Herzschlages der Kgl. Generalleutnant z. D. Karl K u e h n e.
• Gießen. Im Evang. Arbeiterverein hielt über* staatsanwalt Lang am Sonntag einen V o r 1 r a g über das Thema: „Wie werden Verbrechen bekämpft. Kommenden Samstag findet im Vereinslokal die Jahresver
sammlung statt.
— Wetzlar 16. Febr. Am oonntag, den IJ. Februar, mittags 1 Uhr, findet hier im Hotel „Zur alten Post" eine allgemeine Dlèhhandler- Versammlung statt, in welcher der 1. Vorichende des Bundes der Viehhändler Deutschlands Hermann Daniel aus Dierdorf, Bez, Koblenz, einen Vortrag Hal-
ten wird.
— Wetzlar, 16. Febr. „Die Art erschallt im Wald". Ueberall sind jetzt die Holzfäller eifrig bei der Arbeit. Noch ehe der Saft steigt, muß das viele Nutz- und Brennholz geschlagen sein. Manche Gemeinden haben in diesem Jahre wegen erhöhter Ausgaben in ihren Waldungen größere Bestände verkauft. Die Preise, die bei den Auktionen erzielt wurden, sind durchweg höhere als im Vorjahre. Buchenscheite kosteten pro Raummeter bis ZU 12 Mk., Buchenknüppel 10 Mk., Nutzholz 60 Mark und darüber pro Festmeter.
* Wetzlar. Der Verband deutscher Gebirgs- und Wandervereine wird seine diesjährige Hauptversamm - lung in den Tagen vom 9. bis 11. September in Vad- Wildungen abhalten.
-l- Wetzlar-Niedergirmes, 14. Febr. Am 21. Mai veranstaltet der hiesige Schützenverein sein diesjähriges Schützenfest, welches mit einem Fremden- preisschießen verbunden ist, bei dem wertvolle Preise zur Verteilung kommen.
— Nauborn, 15. Febr. Die Gemeindevertretung hat beschlossen, den hiesigen Kriegsveteranen ohne Unterschied der Vermögensverhältnisse eine Ehrengabe von je 20 Mk. aus der Gemeindekasse zu über - Weisen. Die Verteilung dieser Spende soll am kommenden Sonntag durch die Behörde und die Gemeindevertretung im Schullokale stattfinden. An der Feier werden sich auch der Krieger- und Gesangverein beteiligen.
-i- Lützellinden. Im Lokale des Gastwirtes Jung hielt kürzlich der hiesige Schweineversicherungsverein seine diesjährige Generalversamm - lung ab. Der Verein, der im abgeschlossenen Geschäftsjahr gut abgeschnitten hat, zählt jetzt 86 Mitglieder.
— Niederkleen. Die hiesige Gemeinde hat die wirtschaftliche Zusammenlegung der Grundstücke beantragt. Die Kgl. Generalkommission zu Düsseldorf hat den Antrag für begründet erklärt und wird die Leitung des Verfahrens dem Spezialkommissar, Oekonomierat Schlüte r-Wetzlar, übertragen.
* Niedershausen b. Weilburg. Eine H u n- dertmillionen-Erbschaft. Seit einigen Aa- gen befindet sich die Bevölkerung in Niedershausen bei Weilburg in einer gewaltigen freudigen Erregung wegen einer Erbschaft von über 100 Millionen Gulden holländischer Währung, von denen man fest und sicher behauptet, daß sie unserem Ort, in welchem fast sämtliche Einwohner näher oder weiter miteinander ver - wandt sind, zusallen müssen. Es handelt sich um die Hinterlassenschaft des im vergangenen Jahrhundert verstorbenen Admirals der holländischen Flotte, Würz, der ein Deutscher war. Dessen Riesenvermögen ist vom holländischen Staate in Verwaltung genommen, weil sich bei seinem Ableben legitimierte Erben nicht meldeten. Nun hat eine Familie Georg in Niedershausen seit Urgroßväterzeiten in einer Ecke auf dem Boden eine alte verschlossene Truhe stehen, von der man annahm, daß sie leer sei. Der jetzige Eigentümer wurde von Neugier geplagt, er ließ einen Schlosser kommen, der das alte Kunstschloß der altertümlichen Kiste öffnete, worin man einen Stammbaum des Admirals Würz vorfand, der 1828 auf Grund der Kirchenbücher vom Pfarrer ausgestellt ist und der klipp und klar den Nachweis bringt, daß der berühmte holländische Seemann in Niedershausen geboren ist, und daß dessen nächste Verwandte 1828 dort noch gelebt haben, deren Nachkommen sich jetzt als Erben betrachten. Der Stammbaum ist betreffs seiner Richtigkeit 1828 vom damaligen holländischen Konsul in Frankfurt a. M. amtlich beglaubigt. Aus Grund des wohlerhaltenen Dokumentes sollen nun die Erbansprüche durch einen Rechtsanwalt geltend gemacht werden.
* Steineroth, 11. Febr. Der Männergesangverein „Einigkeit" veranstaltet zu Pfingsten hier einen Gesangwettstreit. Der Delegiertentag fand am letzten Sonntag statt. Den Ehrenvorsitz bei den Verhandlungen führte Bürgermeister Doetsch-Gebhardshain, während der Dirigent des Vereins, Lehrer Erben-Dauersberg, den geschäftlichen Teil leitete. An dem Wettsingen werden im ganzen 16 Vereine teil- nehmen. In der ersten Klasse singen drei Vereine: Lie- dertafel-D e r m b a ch (33 Sänger), Konkordia-M o r s- b a ch (35), Zufriedenheit-K ausen (31). Die 'zweite Klasse weist fünf Vereine auf: Cäcilia-K lasel d-G e i s- w e i d (24), Konkordia-D erschen (19), M.-G.-V. Grünebach (21), Germania-B rei 1 scheid 1 (25) und M.-G.-V. Salchendorf (B.) (23). In der dritten Klasse treten auf: Gesellenchor-B etzdorf (45), Konkordia-B rachbach (39), Zufriedenhett-K ö 111 n= gerhöhe (22) und Liederkranz-N iederdreis - b a ch (13). Für die vierte Klasse sind zu nennen die Vereine: Elbina-E Iben (16), Liederkranz-W a l l m en- ro 1 h (27), Eintracht-N auro 1 h (22) und M.-G.-V. Hommelsberg (20). Es ist eine große Anzahl
von Preisen gestiftet, darunter solche von L a n d r a t von Görschen, Abg. Hecke nr oth, Reichstags • abgeordneten Behrens und dem früheren Bürger - meister Beck. Drei Preisrichter werden tätig sein.
* Ettingshausen. Rund 24 000 Mk. nimmt unsere Gemeinde, die einzige im Kreise Gießen ohne Gemeindesteuer, jährlich für Holz aus den ausgedehnteii Wäldern ein.
* Weilburg. Das Ministerium hat die Personen- und Güterhallestelle Gräveneck genehmigt. Der Bau des Bahnhofes soll im Einklang mit der neuen Brücke erfolgen. Die Gemeinde hat 12 000 Mk. Beitrag zu leisten. Beim Bau der Lahnbahn hätte die Gemeinde den Bahnhof kostenlos haben können, später für 6000 Mark. Beidemale lehnte die ©emeinbeoertretung jedoch ab, nun bezahlt sie 12 000 Mark.
* Frankfurt. Die Schissahrtsabga- b e n k o m m i s s i o n des Reichstages will jetzt die geplante Reise nach Frankfurt und an den Rhein vielleicht zwischen der ersten und zweiten Lesung der Kommission aussühren.
* Frankfurt. In der letzten Stadtveroroneten- sitzung wurde dem Antrag zugestimmt, der Deutschen Luftschiffahrts-Aktiengesellschaft einen Platz am Rebstock zu überlassen, auf dem eine Lustschiffhalle errichtet werden soll. Der Pachtpreis, der sich auf die Dauer von 30 Jahren erstreckt, erhöht sich von 10 zu 10 Jahren um 50 Prozent des ersten Pachtpreises pro Jahr. Der Platz soll auch als Flugfeld für Aviatiker Verwendung finden.
• D a r m st a d t. Der Großherzog hat den Referendar Adolph Freiherrn v. Gemmingen-Hornberg zum H o s j u n k e r ernannt.
* Darmstadt. Die Zweite Kammer nimmt am Mittwoch den 22. Februar ihre Sitzungen wieder auf. Auf der Tagesordnung steht als erster Punkt die Wahl eines Mitgliedes in den Finanzausschuß anstelle des zurückgetretenen Dr. Gütsleisch. — In der am Dienstag im Gesetz vorgeschriebenen vertraut. Besprechung der Finanzausschüsse beider Kammern über das Etatsgesetz stand die Frage der Schuldentilgung im Vordergrund der Debatte.
* Wiesbaden. Der Innungsausschuß, dem 17 Innungen angeschlossen sind, errichtet ein Handwerkersekretariat.
* Wiesbaden. Sechzig ausgesuchte Entwürfe, darunter die preisgekrönten, des Bismarck-Nationaldenkmals für die Elisenhöhe bei Bingen, die zurzeit in Düsseldorf ausgestellt sind, werden Anfang Mai nach Wiesbaden überführt und im Paulinenschlößchen ausgestellt. In Wiesbaden fällt die Entscheidung über den Bau - entwurf. Man rechnet damit, daß der Kaiser die Entwürfe besichtigen wird.
* Mainz, 14. Febr. Der Stadtverordnete Ieun Falk, Vorsitzender der deutschen Fleischerei-Beruss-Ge- nossenschast, ist jetzt 25 Jahre Obermeister der Mainzer Metzger-Innung. Der Jubilar hat sich auf gewerblichem Gebiete große Verdienste erworben, wofür ihm der Charakter als Eewerberat verliehen wurde; er ist auch Vorsitzender der hessischen Handwerkskammer.
Eingesandt.
Wir erhielten gestern Mittwoch folgende
Offene Anfrage:
Sehr geehrter Herr Redakteur! Durch die gestrige Veröffentlichung des Gießener Führers der Sozialde - mokraten, des Herrn Krumm im „Gießener Anzeiger", bin ich wieder an meinen Auffassungen über das eigentliche Ziel der Sozialdemokratie irre geworden. Soviel ich weih, verlangt diese die Verstaatlichung aller k a - pilalistischen Produktionsmitteln. Nun bin ich selbst Metzger, Wirt und Bauer, besitze 30 000 Mark Vermögen, die als Kapital in den drei Belciebs- formen nölig sind. Ich habe die letzten 10 Jahre Glück gehabt und jedes Jahr mit diesem Kapital und meiner Arbeit 1000 Mk. gutgemacht. Mein linker Nachbar betreibt nur Landwirtschaft und hat 20 Morgen Land nebst Hosraite, also ungefähr dasselbe Kapital. Sein Unternehmergewinn war in dem gleichen Zeitraum jährlich nur 500 Mk. Mein rechter Nachbar ist ein Arbeilsmann, er verdient seit 10 Jahren durchschnittlich jährlich 1400 Mark und hat davon jedes Jahr für 400 Mark wieder gekauft. Möchten Sie nicht so gut sein, und Herrn Krumm in Ihrem geschätzten Blatt, das ich lese, Gelegenheit geben, sich einmal zu den 3 Fällen, die aus dem Leben gegriffen sind, insofern auszusprechen, ob sie nicht auch zu den kapitalistischen Produktionsmitteln gehören und was bejahendenfalls mit diesen im sozialdemokratischen Staat geschehen müßte und wo eigentlich die kapitalistische Produktionsweise anfängt. Seien Sie und Herr Krumm meines Dankes gewiß!