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Verlag derGießener Zeitung" (S. m. b. H.

Enthält alle amtt. Bekanntmachungen der Großherzoglichen des Großherzoglichen Bürgermeisterei- ^ o lizei - Amtes sowie vieler anderer ^^^ Behörden Gberhessens

Expedition: Selterrweg 83.

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Nr 184.

Telephon: Nr. 362.

Dienslag, den 15. August 1911.

Telephon: dir. 362.

23. Jahrg'

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Deutscher Kulturunterricht.

England macht seine Geschäfte mit der ganzen Welt, und es kann das ohne Schwierigkeiten, da die englische Sprache in allen Weltteilen bekannt ist. Es hat das Ziel erreicht durch eine gewisse Passivität.Dadurch, daß wir keine andere Sprache lernen, haben wir alle Völker ge- zwungeu englisch zu sprechen", sagte einmal ein Engländer. Das wäre also eine Prämie auf die Faulheit, vielleicht auch auf die Unfähigkeit, selbst wenn die Unfähigkeit nur eingebildet sein sollte. Andererseits wird die Verbreitung der englischen Sprache erleichtert durch ihre verhältnis­mäßige Leichtigkeit und Einfachheit, die Sprache hat ja eigentlich gar keine Grammatik, dafür allerdings eine um so verzwicktere und höchst sonderbare Orthographie. Indessen ist mangelhafte Orthographie im schlimmsten Falle nicht solch ein Hinderungsgrund. Aber man darf auch nicht vergessen, daß die Engländer überall, wo sie einmal festen Fuß gefaßt haben, durch Gründung von Schulen und durch bestorganisierte Sprachkurse ihr mög­lichstes taten, um den Landesangehörigen das Erlernen ihrer Sprache zu erleichtern. Die Missionare sind in dieser Beziehung ihre besten Pfadfinder, wie ja überhaupt die Mission von den Engländern stark geschäftlich aufgefaßt wird.

Es ist interressant zu sehen: der Engländer in Indien spricht englisch, und die indische Bevölkerung nimmt es auch an, so gut es geht; der Holländer auf Java dagegen lernt malayisch und bildet sich darauf etwas ein, daß er die Eingeborenen von der holländischen Kultur ausschließt. Mann kann gelegentlich ergötzliche Proben von dem Be­griff einerWeltsprache" erleben. Als vor drei Jahren das Wißmann-Denkmal in Lauterberg im harz eingeweiht wurde, kamen auch Vertreter des Kongostaates dahin. Die deutschen Schutztruppen-Offiziere konnten nicht genügend französisch sprechen, die Belgier nicht deutsch: verständigten sich also mit Suaheli!

Die moderne Zeit mit ihrem Weltverkehr durchbricht alte Einrichtungen. Früher sahen wir es gern, wenn Aus­länder auf unsere Universitäten kamen, um zu studieren. Es geschieht heute noch. Aber unsereMaturität" und die diversen Abstufungen des Berechtigungswesens paßten da nicht hinein. In England eignet man sich einen Teil des Wissens, der bei uns als Vorbedingung verlangt wird, erst auf der Hochschule an, andere Staaten sind noch libe­raler oder gar erst in der Entwicklung begriffen, legen auch nicht sowie! Wert auf Examina. Da kam zu uns die Idee derUniversitäts-Ausdehnung" oder derVolks- Universität", die das Zopfige, Zunftgemäße abstreifen sollte. Es ist nicht viel daraus geworden, denn ohne Vor­bildung geht es eben doch nicht.

Dagegen sollen wir jetzt eine ArtUniversität für Ausländer" in Berlin bekommen. DasBöttinger- Studienhaus", das bisher in Göttingen das Ziel verfolgte, die Ausländer mit deutschem Wissen und deutscher Kultur vertraut zu machen, wird zum Oktober nach Berlin ver­legt werden. Geheimrat v. Böllinger, der Stifter der An­stalt, hat selbst die Initiative dazu ergriffen, weil die Er­fahrung lehrte, daß nach Göttingen nicht genug Ausländer kamen.

Kurse über Literatur, u. a. von zweimonatiger Dauer, Diskussionsabende, Ausflüge zu Kultur- und Kunststätten sind vorgesehen, dazu wird möglichst enger Anschluß an gleichaltrige Deutsche gesucht. Vorlesungen über allerlei Materien sollen gehalten werden. Auch werden Sprach­kurse eingerichtet. Das Institut soll in der neuen König­lichen Bibliothek untergebracht werden, wo ihm u. a. das neue Roosevelt-Zimmer zur Verfügung steht; vor allem wird die Bibliothek mit ihren Bücherschätzen Gelegenheit zum Studium, zum Kennenlernen der deutschen Fachlitera­tur und Anleitung zur Erwerbung einer eigenen deutschen Bücherei geben. Der Uuiversitätsrektor Dr. Rubner steht an der Spitze des Kuratoriums, Direktor ist Professor Paszkowski. Oie Lehrer an den Kursen sollen Univer- 'sitätsprofessoren und Gymnasiallehrer sein; es könnte nicht schaden, wenn man auch andere Kräfte von größerem Weltblick und von Auslanderfahrung heranzöge. Ueber- Haupt soll ja, trotz alledem, die Studienanstalt nicht etwa der Universität angeschlossen und eingegliedert werden. Die jungen Ausländer, die nach Berlin kommen, werden liberal zugelassen werden; um ein gewisses Niveau zu halten, sollen sie etwa die Einjährigenbildung nachweisen, und da man weiß, daß das Umsonstgegebene unterschätzt wird, wird man ihnen für den Kursus einen Beitrag von 100 Mark abnehmen.

Die Erfahrung ist nicht neu, das Ausländer, die uns erst kennen gelernt haben, leicht von allerlei Vorurteilen zurückkommen. Die neue Einrichtung mag dazu mithelfen und viel Segen stiften.

Hut Stadt und Land.

Gießen, den 15. August 1911.

* Gießen, 15. August. Am Sonntag waren hier die Vertreter der Evangelischen Arbeitervereine aus Gießen, Butzbach, Homburg, Friedberg und Wetzlar versammelt, um einen losen Zusammenschluß dieser Vereine, zur gegenseitigen Anregung und gemeinsamer Arbeit herbeizufühcen Zum 1. Vorsitzenden wurde Oberbibliothekar Dr Heuser-Gießen, zum 2. Vorsitzenden Herr Schellenberg - Wetzlar. zum Schriftführer Herr Schnabel- Gießen gewählt. Die Vereine werden sich gegenseitig regelmäßig Mitteilung über ihre Veran­staltungen machen und bei besonderen Anlässen einander besuchen. Alle Jahre sollen zwei Delegierten Versamm- lungen stattfinden, in denen über gemeinsame Ange­legenheiten gesprochen werden soll. Die Vereinigung gewährt den Mitgliedern ihrer Vereine freie 'Rechts- beratung und R-chtsschutz in allen gewerblichen RechtS- streitigkeiten. Durch die Erwerbung der Mitglieder­schaft bei der sozialen Geschäftsstelle für das Evangelische Deutschland erhalten die Mitglieder freie Vertretung vor dem Reichsversickelungsamt. Die nächste Deleaierten- Konferenz soll im Mai nächsten Jahres in Wetzlar abgehalten werden An diese Besprechung der Dele­gierten schloß sich ein großes Garten- und Trachten­fest auf der L ebigshöhe an.

* Am 1. Oktober 1911 beginnt an der Aliceschule ein neuer Kursus zur Ausbildung von Haushaltungs- lehcerinnen. Dec Kursus dauert 1 Jahr. Die Meldun­gen sind spätestens am 15. September 1911 bei dem Vorstand des Aliceschulvereins in Gießen einzureichen.

* Der Futtermangel, der durch die ungewöhnlich lang anhaltende Trockenheit für viele Teile des Landes zu befürchten ist, hat die Staatsforstbehörde veranlaßt, vorzusorgen, daß aus den ihr unterstehenden Waldungen bedürfttgeLandwirte nach Möglich­keit unterstützt werden. Die Großh. Oberförstereien sind deshalb angewiesen worden, aus dem Walde Futtermittel abzugeben. Auch soll gestattet werden, Viehherden in offene Waldbestände einzuteilen. Da, wo es notwendig wird, das geerntete Stroh zu verfüttern, soll außerdem Waldstreu aufgearbeitet werden.

* Erleichterung für das Eisenbahnfahrpersonal. Der Minister dec öffentlichen Arbeiten hat an alle Eisen­bahndirektionen einen Erlaß gerichtet, wonach den Fahr- beamten bei dec jetzigen hohen Temparatur der Dienst durch Ablösung erleichtert werden soll. Daraufhin haben die einzelnen Direktionen für ihre Bezirke Ablöseperso­nale eingerichtet, die in einzelnen besonders strammen Touren einspringen und so dem abgespannten Personale zu einer verlängerten Ruhepause verhelfen.

* Der Minister und seine Eisenbahner. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat verfügt, daß sämt­lichen Lokomotw- und Fahrbeamten der Preusisch-Hes- sischen Staatsbahnen, solange die gegenwärtige Hitze an­hält, abgekühlter Kaffee oder Tee in den dazu geeigneten Bahnhofswirtschaften unentgeltlich verabfolgt werde. Die Kosten sind von den Direktionen zu begleichen. Die Dienstvorsteher sind persönlich dafür vorantwortlich, daß diese Maßregel nicht nur sofort eingeführt wird, sondern daß auch alles geschieht was nur geschehen kann, um der Wohlfahrt des Personals förderlich zu sein. Dabei ist kein Unterschied zwischen Lokomotiv- und Fahrpersonalen der eignen oder anderen Direktionen zu machen.

* Halbe Anrechnung des Kinderpri­vilegs bei der D emeind eeinko mmen­st e u e r. Eine Entscheidung von allgemeiner Wichtig­keit in der Anwendung des Kinderprivilegs hat vor kurzem ein Bezirksausschuß in der Rheinprovinz gefällt. Mehrere Beamte hatten beantragt, daß bei der Veran­lagung zur Gemeindeeinkommensteuer das Kinderprivileg zur Anwendung gebracht und die Gemeindeeinkommen- steuer um je eine Stufe ermäßigt werde. Der Bezirks­ausschuß hat nun did Einsprüche kostenfällig zurückge­wiesen und dafür erkannt, daß die bei der Staatsein­kommensteuer zur Anrechnung kommende Kinderzahl bei der Gemeindeeinkommensteuer, bei der der Staatsbeamte nur die Hälfte seines Einkommens versteuere, auch nur zur Hälfte Anwendung finde, sodaß also drei Kinder, die bei der Staatseinkommensteuer eine Ermäßigung um eine Stufe bedingten, bei der Gemeindeeinkommensteuer eine solche Wirkung nicht haben können, denn hierbei käme nur 1% Kind in Anrechnung, was ohne Einfluß auf den Steuersatz sei.

* Großen-Linden, 11. Aug Der hiesige Ge- meindcrat hat den mit der Provinz abgeschlossenen Ver­trag wegen des Bezugs von elektrischer Energie aus der Ueberlandzentrale Wölfersheim angenommen

* Friedberg, 12 Aug. Dem Mühlenbesitzer Peter Dietz jun. hier ist sämtliches Geflügel verendet. Die sofort angestellte Untersuchung ergab, daß die Tiere infolge Trinkens aus der Usa verendeten. DaS Massen- sterben von Geflügel wird auch auS Fauerbach gemeldet, und zwar nur von Gehöften, die an der Usa gelegen sind.

-m- Bommershkim, 14. Aug. Der Eisendreher Heinrich Ruppel half Sonntag vormittag seinem Nachbar beim Abladen von Stroh, wobei ein Gebund ins Rut­schen kam. Ruppel der die Heugabel in dec Hand hatte, kam dabei zu Fall und stürzte so unglücklich, daß ihm die Gabel unterhalb deS Kinns in den Kopf eindrang und oben an der Schädeldecke herauekam. Ruppel, dec im 34. Lebensjahre stand, erlag nach kurzer Zeit seiner schweren Verletzung. Er hinterläßt eine Witwe mit zwei Kindern.

Darmstadt Zur Gründung eines Landes- Verbandes der Freien Vereinigungen und Innungen der Friseure hatten sich vergangenen Sonntag 54 Ver­treter in Großgerau eingefunden. Als Ehrengäste waren anwesend Handelskammersyndikus Engelbach und Bürgermeister Arnold. Rach eingehenden Erörterungen wurde durch die Vertreter, die aus dem Großherzogtum Hesseu und Hessen-Nassau zusammeugekomnnn waren, einstimmig die Gründung des Verbandes beschlossen. Zum Vorsitzenden wurde Obermeister Zimbroich ge- wählt. Der Sitz des Verbandes ist Darmstadt.

Worms, 14. Aug. Der La ndesverband städ­tischer Beamter im Großherzogtum Hessen trat gestern Sonntag hier in Worms unter dem Vorsitz des Bauinspektors Schumann zu seiner ersten ordentlichen Jahres-Versammlung zusammen. Dec Jahresbericht wurde genehmigt, ebenso der Voranschlag. Als Vor­sitzender wurde Schuhmann-Worms auf ein Jahr wieder gewählt. Zum Ort der nächsten Jahresversammlung wurde V i n g en bestimmt. Die weiteren Verhandlungen drehten sich um die Bildung einer Kcankenunterstüt- zungskasse, die Gründung einer Zeitschrift usw. Die Vorschläge wurden gutgeheißen

Li mburg. Erhöhung des Milchpreises. Nach­dem erst vor 3 Wochen hier der Milchpreis von 20 auf 22 Pfg. erhöht wurde, wollen jetzt die Milchltefecanteu wegen des Futtermangels eine weitere Erhöhung um 2 Pfg. eintreten lassen.

* Biedenkopf, 12. Aug. Ein Antrag der Herd- buchgesellschaft des Kreises Biedenkopf für das Vogels­berger Rind und des Kreis-Ziegenzuchtverbandes auf ausnahmsweise Gestattung der Abhaltung der diesjäh­rigen Tierschauen ist mit Rücksicht auf die große Seuchen­gefahr ablehnend beschieden worden.

-r- Marburg, 14. Aug. Am Sonntag wurde auf der Chaussee zwischen hier und Großfelden ein Mann tot aufgefunden. Ein Hitzschlag hatte seinem Leben ein Ende bereitet.

Vom Oberwesterwaldkceis. Das Projekt der Nistertalsperre, das schon ziemlich weit gefördert war und auch seitens der Regierung Unterstützung ge­funden hatte, scheint man fallen lassen zu wollen. Durch die, wie es heißt, gesicherte Anlage einerU e b e r l a n d ° zentrale Mittelrhein" soll auch der Obecweftec- Wald mit elektrischer Energie versehen werden.

Wiesbaden, 14. Aug. Dec PolizeihundTell" ist infolge eines Hitzschlages eingegangen. Dem Besitzer, Kriminalschutzmann Decker wurden noch anläßlich der Wanderausstellung dec Deutschen Landwirtschaftsgesell- schaff im Juni d. Js. in Kassel von dec Französischen Regierung 10000 Mk. fücTell" geboten.

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