Gießener Zeitung
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Nr 113.
Telephon: Nr. 362.
Montag, Den 15. Mai 1911.
Telephon: Nr. 362. 23. 3®^9*
Uom parteileben.
Mehr als es ehedem der Fall war, tritt seit der letz- ten Finanzreform im Reiche die Erscheinung hervor, daß sich die Parteien als Selbstzweck betrachten. Man hat sich in blutlose Schemen hineingebohrt unb sieht von diesen aus die Zeitnotwendigkeiten in einer vollkommenen Verzerrung. Wie Bismarck voraussah, hat sich das Parteiwesen dahin entwickelt, baß sich immer mehr Wirtschaftsinteressen dahinein verschmolzen haben. Bismarck selbst allerdings hat gemeint, die wirtschaftlichen Körperschaften würden schließlich das politische Parteitum überhaupt ablösen. Das hat sich nicht bestätigt; das Par'ieientum stützt sich vielmehr aus die wirtschaftlichen Bewegungen und erhält sich dadurch an der Macht.
Aber was früher verhältnismäßig reinlicher politischer Geisteskamps — immerhin ein Kamps um Ideale! — war, das wird jetzt nur noch als ein Kampf um Sonderinteressen betrachtet. Wir bestreiten keineswegs, daß die alten Ideale noch vorhanden sind und in ein- . seinen Personen sogar noch kräftigen Ausdruck finden; aber niemand glaubt mehr an das Ideal des andern, sondern nur noch an dessen Vorteilsgedanken. Das ist die Folge der bezeichneten Entwicklung, und diese Folge wird aus unserem parlamentarischen Getriebe nicht mehr auszumerzen sein. Dabei ist richtig, daß sich die Parteien mehr oder minder alle weit in die wirtschaftlichen Vorteilsbestrebungen hinein verloren haben.
Es ist kein erbauliches Bild, das unser deutsches Parteiwesen gegenwärtig bietet. Man hat ja auch schon früher davon geredet, daß die unheilvolle deutsche Kleinstaaterei und Kirchturmpolitik, die in dem Verhältnis der deutschen Bundesstaaten zueinander immer mehr schwin- det, im Parteiwesen ihre neue, nicht weniger gefährliche Auferstehung gefeiert habe. So groß die Gefahr war, die in diesem Parteipartikularismus lag, — ihr wurde doch durch den natürlichen Fluh zwischen den Parteien, durch neue, unter starkem, beherrschenden Hervortreten nationaler Parolen entstehende Parteikonstellationen, durch die Wandlungen der Parteien selbst der schlimmste Stachel genommen. Aber immer deutlicher treten die Umrisse einer neuen Entwickelung hervor, die sich zwar an die Parteien anlehnt, aus den Tiefen des Parteilebens sich emporringt, die aber allmählich den Parteien über den Kopf zu wachsen.beginnt: die politische Gliederung unseres Volkes nach wirtschaftlichen Interessengruppen. Entweder die Parteien beugen sich diesen Interessengruppen oder sie lausen Gefahr, von ihnen gesprengt zu werden. Keine Partei kann mehr an ihnen vorbei; hier liegen in der Gegenwart die stärksten: Stützen des Parteilebens, aber auch zugleich seine gefährlichsten Klippen. Ob wir die Organisation des Bundes der Landwirte, die wuchtige Masse der Gewerkschaften, den Hansabund, den neuen Bauernbund, den Bund der Festbesoldeten, an der Arbeit sehen — es gibt keine Partei mehr, die nicht 31) irgend einer dieser Gruppen nähere Beziehungen suchen müßte, wenn sie nicht politische Selbstentleibung begehen will. Diese wirtschaft!, politischen Kampsorganisationen aber sind heute bereits zum Teil besser einererziert, diszipliniert und finanziert als die politischen Parteien selbst. Nun rüstet sich auch noch der Zentralverband deutscher Industrieller zu energischem Eingreifen in die Wahlbewegung. Wer mit der Kriegskasse dieser mächtigen Gruppe den Mettlaus um lernehmen will, dem wird wahrscheinlich bald der Atem ausqehen. Ueberall Kapitalisation und Amerikanisie- rung unseres politischen Lebens. Da wendet sich sogar die Frankfurter Zeitung" mit Grausen und fragt besorgt': Wohin treibt unsere parteipolitische Entwickelung? Die Geister, die sie ries, wird sie nun nicht los.
Die parlamentarischen Kämpse drohen unter diesen Einwirkungen zu Scheinkämpsen zu werden. Das deutsche Volk ist nahe daran, die Zusammenhänge zu be= Greifen und deshalb den ganzen Parlamentarismus in seiner heutigen Artung oder vielmehr Ausartung dahin zu wünschen, wo der Psesser wächst, Kem Part-lg-rede will mehr ziehen; die Leute glauben incht mehr daran. Sie glauben nur noch positiven Versprechungen zu Em- zelsragen, und darum bemühen sich alle Kre'se, Mandatsbewerber aus bestimmte Forderungen ^‘3^9 rt Unb wer in solche Forderungen nicht mit eingeschlossen wird, tritt zur Seite und läßt den Wahlkamps toben. Er hat einen Ekel daran, der durchaus bcgtt'lüch 'st, und wir werden noch dahin kommen, daß Wah^nthal tung und Parteilosigkeit als Kennzeichen idealen Sinnes
llnd unsere vaterländische Erneuerung wird ^sicherlich nicht aus dem Parteitum erwachsen, sondern bochstens dem Parteitum ausgezwungen werden, Aus |uf) ,e!bei
und ohne Not rührt das nicht an die großen völkischen Fragen. Deuten wir nur an die Frage, ob ferner in deutschen Landen römisches Recht herrschen soll oder germanisches, ob der Boden Schacherware bleiben soll oder nicht und ob der Zinsertrag dem Arbeitsertrag gegenüber dauernd den Vorrang genießen soll.
Das sind nur einige der großen Fragen, die dringlich ihrer Lösung entgegenreisen. Wie sich schließlich der Parlamentarismus dazu stellt, davon wird auf deutschem Boden seine Zukunft abhängen. Und nach ben bisherigen Erfahrungen muß man annehmen, daß er, so lange das irgend möglich ist, versagt, um des schon erwähnten stillschweigenden Ringes willen, der die Partei in den Parteien bildet und im Laufe der Jahre notwendigerweise immer schärfer in Erscheinung treten wird.
Hur Stadt und Land.
Gießen, den 15. Mai 1911.
* Ein wissenschaftlicher Lehrgang in der Bienenzucht für Wanderlehrer, Vereinsvorstände und andere fortgeschrittene Imker findet unter der Leitung Pfarrer Gerstungs aus C^mannjtcb und unter freundlicher Mitarbeit der Herren Professor Dr. Windisch, Dr. Ebertz, Oberlehrer Mangler und Oberlehrer Herter an^der Landwirtschaftlichen Akademie in Hohenheim bei Stuttgart in der Pfingstwoche ds. Is. (6.—10. Juni) statt. Der Lehrgang steht für jeden deutschen und ausländischen Imker offen, welcher die moderne Betriebsweise Pfarrer Gerstuilgs theoretisch und praktisch im Zusammenhang kennen lernen will. Der Kursus ist kostenlos, doch haben die Teilnehmer für Kost und Wohnung selbst außutommen. Meldungen nimmt bis zum 20. Mai Herr Oberlehrer Herter in Hohenheim entgegen.
* Erziehliche Bedeutung ber Turnvereine. Ueber dieses Thema wurde auf der zweiten Hauptversammlung der Hess. Iugendhelservereinigilng in Friedberg auf Grund einer von Pfarrer Marr-Walldorf veranstalteten Umfrage referiert. Es wurden bei aller Anerkennung des idealen Kerns und der Wichtigkeit der Turnsache doch auch, neben begeisterter Zustimmung, Bedenken laut, die sich namentlich gegen die häufige Verquickung der Turnsache und Wirlshausleben richteten. Auch wurde stark betont: der Iugendhelser dürfe bei seiner Stellungnahme nie vergessen, daß die körperliche Ertüchtigung der Jugendlichen eben doch nur eine Seite seiner Aufgabe darstellt. Die geistigen, religiösen und sittlichen Erziehungskräfte müssen auch zu ihrem Recht kommen. Es bleibt von Fall zu Fall zu entscheiden, inwieweit das im Bunde mit dem Turnverein geschehen kann.
* Die anstößige Blumentags-Post- karte. Am hessischen Blumenlag sind von der Großherzogin von Reffen .gestiftete offizielle Postkarten allenthalben vertrieben worden. Aus einer der Karten lächelt dem Käufer ein reizendes geflügeltes Engelchen an, das einen Korb Blumen trägt und dabei — man höre und erschaudere — völlig nackt ist. Das erregte das sog. Sittlichkeitsgefühl eines frumben Mannes in einem ober- hessischen Dörflein so sehr, daß er, um die verderblichen Folgen einer solchen Darbietung von seinen Mitbürgern abzuwenden, die unkeuschen Postkarten der Ausgabestelle, dem Kreisami, schleunigst zurücksandte.
* * Bezirkstag. Der Bezirksverein beider Hessen und Nassau des deutschen Fleischerverbandes hielt gestern im festlich geschmückten Saale in Steins Garten seinen 25. Bezirkstag ab. Zur Feier des Tages hatte die Stadt reichen Flaggenschmuck angelegt. Nachmittags 3 Uhr wurde in Anwesenheit von Vertretern der Stadtverwaltung und vielen anderen geladenen Gästen die imposante Ver - sammlung durch den Vorsitzenden Carl Lautz- Darmstadt eröffnet. Der Obermeister der hiesigen Innung, L. Sack, sowie der Vorstand des Bezirksvereins sprachen Worte der Begrüßung. Darauf ergriffen die Ehrengäste das Wort, um der Tagung guten Erfolg zu wünschen. Auf der Tagesordnung standen nicht weniger als 8 Referate, • die teilweise einen politischen Anstrich hatten. Die beiden Vorträge „Fürsorge für die gewerbliche Jugend" und „Der Arbettgeberschutzverband für das Fler- schergewerbe" wandten sich scharf gegen den zersetzenden Einfluß der Sozialdemokratie. Auch die übrigen Punkte der Tagesordnung boten viel Interessantes, ^o wurde eine Resolution einstimmig angenommen, daß die Kosten der Vieh- und Fleischbeschau vom Reiche oder von den Bundesstaaten übernommen werden möchten. Ntan wehrte sich ferner gegen die Auffassung, daß die Metzger' an der Fleischteuerung mit schuldig seien. Es läge auch
im Interesse des Fleischergewerbes, wenn bald normale Preise eintreten würden. Der jetzige Zustand führe zwei sellos bei den weniger bemittelten Konsumenten zur Un terernährung. Nachdem man über den Ausbau des Ge nossenschaftswesens und über die Pflichten gegen die so ziale Gesetzgebung, insbesondere gegen die Fleischerei Berufsgenossenschaft gesprochen hattet verbreitete man sich über den Handel nach Schlacht- unb Lebend gewicht. Folgende Resolution wurde einstimmig an genommen:
„Gegenüber den Bestrebungen der Landwirtschaft, den Handel nach Lebendgewicht immer mehr einzu bürgern, ihn obligatorisch zu machen und ber Ge neigthett der gesetzgebenden Körperschaften, diesen zu entsprechen, darf das Metzgergewerbe mit Recht auf die Notwendigkeit verweisen, daß es durch Erlaß ent sprechender Wiegeordnungen vor Uebervorteilung so geschützt wird, wie es das Interesse einer reellen Ge schästsgebahrung erheischt. Als Grundlage für die zu erlassenden Verordnungen muß die Beschaffung ein wandfreier und genau kontrollierter Wagen und na mentlich die Einführung von N ü d) t c r u n g s [t ä l- l e n gefordert werden, in denen die Tiere die festgesetzte Hungerzeil verbringen müssen."
Die Vorstandswahl ergab die Wiederwahl der ausscheidenden Mitglieder: Falk-Mainz, Schnell-Kassel und Weidmann-Wiesbaden. Gegen 6 Uhr wurde die Ver sammlung geschlossen. Am Abend fand ein Konzert der Infanteriekapelle statt unter freundlicher Ntitwirkung von Frau Flimm-Gießen unb des Münch'schen Soloquar tetts-Wetzlar. — Verschiedene Firmen hatten Maschinen und sonstige Einrichtungen für das Metzgergewerbe im Garten und auf der Veranda ausgestellt. Vertreten waren: Haas & Sohn, Neuhoffnungshütte bei Sinn, Eh ringshauser Maschinenfabrik von Gebr. Moritz-Ehrings- Hausen, Kr. Wetzlar, Lettermann, Ludwigshütte und R. Heike, Berlin-Mühlhausen a. RH.
* Feuer brach gestern morgen gegen 8 Uhr in dem oberhalb des Bootshauses der RÜdergesellschaft gelegenen Eisschuppen des Bierverlegers Schmall aus. Der größtenteils aus Holz bestehende Bau mürbe voll ständig zerstört, während von dem angrenzenden massiven Vorratshaus nur der Dachstuhl vernichtet wurde. Die Entstehungsursache ist unbekannt.
- k- Vom Vogelsberg, 12. Mai. Vorgestern schlug der Blitz bei dem hier vorbeiziehenden Gewitter in das Anwesen des Herrn I. Baumbach 3. zu Crainfeld und äscherte dasselbe vollständig ein. Gestern entstand nun in der an dem Brandplatz anstoßenden Nachbarhofreite abermals Feuer, dem eine Scheuer zum Opfer fiel. — Der Straßenwart Beyer von M e tz l o s erhielt von seinen Bienen am 9. d. Mts. den ersten Schwarm. Dieselbe Erscheinung hatte der Bienenstand eines Bewohners von R a i n r o d zu verzeichnen.
- k- Hirzenhain, 12. Mai. Gestern jtarb in der Gießener Klinik unser Bürgermeister Herr I. G u ß - mann in einem Alter von 74 Jahren. Im Herbste vorigen Jahres war er zum fünften Male zum Ortsoberhaupt einstimmig gewählt worden.
- )(- D a r m st a d 1, 15. Mai. Zur Abänderung des § 48 des hessischen Fischereigesetzes, durch die die Ang- lersreiheit in Hessen ausgehoben wird, hat der hessische Anglerbund an die hessische Staatsregierung eine Petition gerichtet, in der gebeten wird, die Aussührungsbe- ftimmungen des von den Landständen verabschiedeten neuen Fischereigesetzes so zu gestalten, „daß den Sportanglern im Großherzogtum Hessen, gleich wie in anderen Staaten, die Ausübung der Fischerei mit der einfachen Handangel auch an Sonn- und Feiertagen gestattet wird". Begründet wird die Eingabe bamit, daß es die Tätigkeit dieser Beamten, Arbeiter, Geschäftsleute usw. nur zuläßt, an Sonn- und Feiertagen sich dem Angelsport zu widmen. Dieser durchaus berechtigte Wunsch wird hoffentlich bei der Regierung ein freundliches Ohr finden und zur Abänderung der veralteten Bestimmung führen. Denn es besteht wirklich kein vernünftiger Grund, dem Angler am Sonntag seinen Sport zu verbieten, umsomehr, als die meisten Angler Leute sind, die nur an Sonntagen freie Zett haben.
♦ Weilburg, 14. Mai. Ein Ort, in dem der Freund Storch wenig zu Hause zu sein scheint — so schreibt das „Weilb. Tgbl." — existiert im Oberlahnkreis. In diesem Ort werden in drei Jahren keine Kinder in die Schule neuausgenommen und in 6 Jahren haben sich nur 6 neue Erdenbürger eingestellt. Der Ort ist allerdings auch nur klein, doch ist obige Statistik selbst bei einem Orte von rund 40 Haushaltungen mit 200 Einwohnern in Deutschland etwas ungewöhnliches.